Kapitel 15 – Verzaubernde Orte

Der Morgen selbst war noch nicht wach als wir uns in den altersgebeugten VW-Bus zwängten. Vier Rollstuhlfahrer und vier Begleitpersonen. In Deutschland gibt es Vorschriften, wie Rollstühle in Fahrzeugen befestigt werden müssen, mit Gurten an im Boden versenkten Haken. Hier hatte man von Befestigung nichts gehört, es gab weder Gurte noch Haken. Aber es hatte immerhin den Anschein, als ob im Bus kein Platz zum Verrutschen oder Umkippen war.
Der Himmel war dunstig grau, es mochte sonnig werden oder regnerisch, noch hatte sich der Tag nicht entschieden. Der Busfahrer sprach eine melodische Mischung aus Deutsch und Spanisch und manövrierte uns mit einer hastigen Eleganz um die Haarnadelkurven, an die wir uns gewöhnen mussten. Jonos Stuhl stand schräg hinter mir; ich versuchte, mich an seiner Armlehne festzuklammern um ihm ein wenig Stabilität zu geben. Beim ersten Halt atmeten wir erleichtert auf. Aber schon hier hatte sich die Fahrt gelohnt. Wir entwirrten die Rollstühle, stiegen aus und standen vor einem beeindruckenden Naturdenkmal: der Margerita del Piedra.
Es handelt sich um eine natürliche Steinformation aus Basaltsäulen, sieben Meter hoch und fünf Meter breit, die einer riesigen Margeritenblüte ähnlich sieht.
Wir fühlten uns winzig neben der gewaltigen Schönheit, die in einer Wildnis aus Kakteen und Drachenbäumen lag und eine stille Zwiesprache mit dem Himmel zu führen schien. Die Verwitterung sorgte dafür, dass gelegentlich ein Stück Stein zu Boden stürzte. Anthony hätte gesagt: „Wahrscheinlich spielt hier die Erde mit dem Mond das alte Spiel: ‚Er liebt mich – er liebt mich nicht!’, und alle hundert Jahre zupft sie ein Blütenblatt und lässt es fallen. Das erinnert uns Menschen dann daran, wie kurz unser Leben ist.“
„Faszinierend!“ sagte Jono beeindruckt. „Wahnsinn!“ Er konnte sich kaum losreißen. Es war ein Ort, der neue Gedanken ausbrütete und uns verzauberte. Die Sonne stahl sich durch die Wolken und ließ das grüne Orotava-Tal dampfen.
Doch der Fahrer scheuchte uns zurück in den Bus. Wir hatten ein Programm zu absolvieren. Einmal musste er plötzlich bremsen und es zeigte sich, dass man in dem Bus mit dem Rollstuhl doch umkippen konnte. Es erwischte nicht Jono sondern den Mann hinter ihm. Zum Glück kam er mit einer Beule am Hinterkopf davon, obwohl er keine Kartoffelchips an der Rückenlehne hängen hatte. Den Fahrer schien es nicht zu wundern; er stellte den Rolli wieder aufrecht und fuhr weiter. „Alles ok?“ fragte ich Jono. „Doch“, lachte er, „Rumpelt ganz schön, aber es ist die Sache wert!“ Das übermütige Leuchten in seinen Augen überzeugte mich mehr als seine Worte.

Mit stotterndem Motor kämpfte sich das Fahrzeug langsam höher, schraubte sich auf der schmalen Straße aus dem Tal den Hang des Teide hoch: des Vulkans, der sich seit über zweihundert Jahren nicht gerührt und auf dessen Hänge sich dennoch inzwischen nicht viel Grün gewagt hatte. Wir fuhren durch ein historisches hochgelegenes Dorf, doch gerade dort gerieten wir in die niedrigen Wolken, die oft um den Berg hingen. Es wurde kalt, der Nebel dicht. Was wir von den Gebäuden erkennen konnten wirkte verwunschen. Das Rütteln des Autos und das dämmrige Grau ließen mich eindösen, ich nahm nur die Balkons mit den kunstvollen schmiedeeisernen Gittern wahr, die mir ungemein gefielen. Ich habe eine Schwäche für Balkons. Wie mochte es sein, auf einem solchen zu sitzen? Alte Balkonszenen aus meinem Leben trieben in meiner Erinnerung hoch. Die drei Beine meines Großvaters: zwei mit peinlich genauen Bügelfalten und sein polierter Stock mit dem schweren Gummipfropfen unten, der seinem würdevollen Schritt ein geheimnisvolles Echo verlieh. Ich reichte ihm nur bis ans Knie und folgte ihm auf den Balkon, wo ich Himbeersaft und handgemachte Spätzle bekam und durch das Gitter auf den geheimnisvollen Garten mit den Johannisbeerbüschen hinabgucken durfte.
Später war es mein Vater in einer anderen Stadt, der mich aus einem Traum weckte und an einem lauen lindenduftgetränkten Sommerabend auf den Balkon holte, um mich durch das Fernrohr sehen zu lassen. Er erklärte mir die Mondmeere und zeigte mir die Ringe des Saturn; die Frage, warum der Saturn diese wohl trug, beschäftigte mich lange. – Ein Balkon, irgendwo in den Bergen, von dem ich Papierflugzeuge dem Wind in die unsichtbaren Arme warf, Flugzeuge, die alle einen Namen hatten und meine Phantasien in alle Himmelsrichtungen trugen. Dann der Südbalkon meiner Studentenwohnung, auf dem ich in einem kleinen Blumenkasten einen großen Kürbis zog, obwohl ich ihn dort ungefähr fünf mal am Tag gießen musste. Es war ein Sieg eines Traums über die Vernunft, ein Versuch der Machbarkeit. Später Anthonys Worte in einem Brief: „Es ist Abend, würzig und herbstfarben und brüchig, ich sitze auf dem Balkon, im Radio spielen sie ‚Silver Wings’ und ich zähle die Wildgänse, die über mir nach Süden ziehen. Wie gerne würde ich wie Nils Holgersson mit ihnen fliegen, ich habe ein Bild davon angefangen…“ und schließlich, wie am Ende einer Leiter, Jono und ich auf dem Dach des Mar y Sol im Sonnenuntergang zu Füßen eines Vulkans, und Rauchringe umkreisten uns und wie die Ringe des Saturn, wie Papierflugzeuge, wie Wildgänse….

Der Bus hielt mit einem Ruck, ich wurde hellwach. „Aussteigen, Beine strecken!“ rief der Fahrer gutgelaunt. Es klang ein wenig fehl am Platze, immerhin waren die Hälfte der Passagiere Rollstuhlfahrer. Wir nahmen die Pause dennoch dankbar an. Erst draußen bemerkte ich, dass das Grau verschwunden war und uns ein fast silbernes Licht umgab. Wir waren über den Wolken! Neben uns stand eine kleine Felsenkapelle mit einer einzigen Glocke in einem winzigen offenen Turm. Ihre Tür führte auf einen Vorsprung, wo wir uns an einen windschiefen Zaun stellten, und genau zu unseren Füßen begann der glänzende Wolkenteppich als könne man ihn aus der Kapelle direkt betreten. Über uns war der Himmel durchsichtig blau, hoch und überraschend nahe zugleich
„Dass ich so was noch mal erleben darf – mit dem Rollstuhl!“ sagte Jono andächtig. Er hatte nasse Augen. Meine eigenen hatte ich auch im Verdacht.
Die anderen standen schweigend, in kleinen Abständen, jeder in seine Gedanken gehüllt, jeder ergriffen von etwas, das für Worte zu groß war.
Ich fühlte mich leicht, als hätte ich mit dem Durchbruch durch die Wolken meine Zweifel zurückgelassen: die Bedenken, ob ich richtig war für Jono, ob ich seine Krankheit mittragen konnte. Am nötigen Mut hatte ich nie gezweifelt, aber an meiner Stärke. Mir war als hätte uns an genau dieser Stelle etwas seinen Segen gegeben: nicht Gott, sondern die Erde und der Himmel selbst.

Schließlich brachte uns der Bus das letzte Stück Richtung Gipfel des Teide, wo wir auf einem Parkplatz ausgeladen wurden und eine Stunde für uns bekamen, eine Stunde, den Vulkan zu entdecken. Auf den allerobersten Gipfel führte eine kleine Seilbahn, doch die war wegen des aufkommenden Windes geschlossen. Jonos Elektrorollstuhl hätte ohnehin nicht hineingepasst. Wir waren vollauf zufrieden mit den paar Metern weniger. Dunkel erstreckten sich die Lavahänge unter uns, weiter unten das grüne Tal, und in der Ferne schimmerte das Meer. Der Horizont schloss einen leuchtenden Ring um die Weite.
Man konnte noch erkennen, welchen Weg die Lavaströme beim letzten Ausbruch genommen hatten, konnte ahnen, welche Urgewalten hier unterwegs gewesen waren, den Boden geformt hatten, auf dem wir standen. Der Weg war holperig, schief und voller Kieselsteine, aber der Rolli arbeitete sich vorwärts. Wir betasteten kantige Felsenfiguren und warme raue Lavasteine, bewunderten rötliche Färbungen und zähe, blühende Gewächse die sich im Wind an den trockenen Boden klammerten. In mir stieg das bodenlose, zitternde Staunen auf, das mich manchmal überkommt: dass wir auf lebendiger, blühender Erde voller Lebewesen stehen, dass weit unter unseren Füßen flüssiger Felsen in ewiger Glut brodelt und über uns ein Himmel aus einer dünnen Atmosphäre den zerbrechlichen Planeten umhüllt, der in einem Tanz um eine von vielen Sonnen durch ein endloses All treibt. Und wir dürfen Zeuge sein.
„Ich kann es nicht fassen“, sagte Jono, „wir sind auf einem Vulkan – mit dem Rollstuhl!“ Ich nahm seine Hand und lehnte mich an ihn. Ein Echo der hier so gegenwärtigen Kraft der Erde mochte der Grund sein, dass wir beide das deutliche Gefühl teilten: wenn wir es hierher geschafft hatten, war uns alles möglich.

Abends saßen wir, noch immer verzaubert und sprachlos, mit Hanna und Fritz bei einem Kokoscocktail spät in der Nacht bei Fackellicht zusammen am Pool und schmeckten den unvergesslichen Eindrücken nach. An der Bar spielte eine Kapelle.
Fritz war auch Rollstuhlfahrer, er litt an derselben Muskelkrankheit wie Jono, nur hatte sie bei ihm später eingesetzt. Sie waren siebzig und strahlten eine perlende, herzliche Lebensfreude aus. „Komm, lass uns tanzen!“ sagte Hanna und nahm Fritz bei der Hand. Bereitwillig und galant folgte er ihr. Ganz allein drehten sie sich auf den Fliesen, die hell im Mondlicht schimmerten, ihre Schatten wirbelten mit. Fritz hielt Anni bei der Hand und steuerte mit der anderen seinen Rollstuhl. Es war eine Eleganz und eine Zusammengehörigkeit in ihrem Tanz, die uns tief berührte und die nur aus jahrzehntelanger Vertrautheit entstanden sein konnte. Wir trauten uns nicht, uns zu ihnen zu gesellen: das hatten wir noch nicht gemeistert, diese Würde, dieses Selbstbewusstsein, diese Einigkeit. Dazu gehörte Zeit, gehörte gemeinsames Leben. Es war Magie darin, doch wir waren noch bloße Zauberlehrlinge.
Jono und ich sahen uns an. Hanna und Fritz waren ab jetzt unser Vorbild, ohne dass wir es aussprechen mussten.
„Wie lange seid Ihr eigentlich verheiratet?“ fragte Jono sie, als sie, etwas außer Atem, unter Beifall an den Tisch zurückkehrten.
„Im Mai fünfzig Jahre!“ sagte Fritz und küsste Hanna voller Stolz, „Und keinen Tag bereut!“
„Lass uns auch im Mai heiraten!“ sagte ich zu Jono, ohne lange nachzudenken. „Ich habe nie daran geglaubt, das ich mal heiraten werde, aber wenn, dann sollte es immer im Mai sein.“
Und so war es beschlossen. Als wir in der ersten Novemberwoche abreisten, buchten wir unser Zimmer für Mitte Mai. Für die Hochzeitsreise.

Auf dem Rückflug fehlten zuerst die Träger, die Jono in das Flugzeug bringen sollten. Als wir in Berlin ausstiegen, hörten wir, wir ein anderer Passagier zu seinem Kollegen sagte: „Wir hatten eine halbe Stunde Verspätung bloß wegen so einem doofen Behinderten.“
Aber so etwas konnte uns nicht mehr schrecken. Wir waren auf einem Vulkan gewesen und dem Himmel auf Augenhöhe begegnet.

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Kapitel 14 – Schräge Abenteuer

Der Herbst kam früh und mit dem kühleren Wetter ging es Anthony ein wenig besser. In seinem Garten fing er ein Spinnennetz auf einem Blatt Papier ein, ergänzte es wie früher mit ein paar Strichen und schickte es mir mit der Aufschrift: „Viktorianische Fee mit roter Haarschleife vor einem Spiegel posierend.“

Doch Feen haben kein Spiegelbild, und so fand weder sie noch ich eine Antwort im Spiegel. Ich fühlte mich ihr ähnlich: Mir war in diesen Tagen, als hinge meine Vergangenheit in zarten, silberglänzenden Fäden von meinen Schultern, als folgte sie mir als lange Schleppe wie das Gewand der Fee. Nun hatte ich soviel über Mut und Liebe nachgedacht und merkte jetzt erst, wie unsagbar viel Mut man für den letzten Abschied braucht.
Eine Fee von der Sorte, bei der man drei oder wenigstens einen Wunsch frei hat, war es nicht.

Der Kalender verschluckte die Zeit zum Nachdenken. Es wurde Oktober, kalt und nass, und ich packte Koffer und Rollstühle, Ersatzteile und Medikamente für die Teneriffa-Reise. Am letzten Tag kam noch ein Briefchen von Anthony. Der Herbst war immer seine Zeit gewesen. Der Farbenrausch ließ den Künstler in ihm sprudeln. Er hatte einen einzelnen Schmetterlingsflügel auf seinem Fenstersims gefunden und eine frivole Zeichnung daraus gemacht. „Gute Reise!“ schrieb er. „Jono ist das Beste für dich! Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich werde dir das immer wieder sagen, weil es ja auch mir hilft.“
Zum ersten und einzigen Mal unterschrieb er mit „Love, Anthony“.
Dass Jono das Beste und der Einzige für mich war, wusste ich längst. Und doch fühlte ich mich, als hätte ich etwas Entscheidendes verloren: einen Flügel, wie der Schmetterling.

Jono war inzwischen genauso nervös wie ich. Am Abflugmorgen standen wir fröstelnd am Schalter und betrachteten zweifelnd den allzu schmalen Rollstuhl, in den Jono umsteigen musste. Es war ein Spezial-Rollstuhl der Fluggesellschaft, der so eng war, weil er zwischen die Sitzreihen passen musste, um Jono auf den Flugzeugsitz zu transportieren. Die Stewards halfen mir, Jono irgendwie hineinzuzwängen, es ging wirklich nur, wenn er ausatmete. Wir durften als erste ins Flugzeug, damit die Stewards noch Platz hatten, Jono bis zu unserer Sitzreihe zu schieben und ihn dann in den Sitz zu heben. Jono war kein Leichtgewicht. Wie er es schaffte, die Stewards zu überreden, ihn auch noch bis auf den Fensterplatz zu hieven, blieb mir ein Rätsel. Aber wenn er etwas wollte, war sein Charme unschlagbar. Ich war heilfroh, denn er hätte sich ja aus einem anderen Sitz nicht herüberbeugen können, hätte nie etwas gesehen von den märchenhaften leuchtendweißen Wolkenlandschaften unter uns.
Mit Jono zu fliegen war so seltsam wie ich es mir vorgestellt hatte. Alles wog sonst immer direkt oder indirekt so viel – Jono, wenn man ihm morgens aus dem Bett half, der Rollstuhl, eine unüberwindbare Stufe, der verständnislose Blick eines Passanten.
Und nun schwebten wir über dem Meer, so leicht wie alle anderen!
Stunden später zog er mich aufgeregt am Ärmel. „Guck mal, Afrika!“ Erst glaubte ich es kaum, doch im selben Moment sagte der Pilot an, „Unten sehen Sie Afrika!“ Was für ein Blick.
Die Landung auf Teneriffa ging glatt. Diesmal mussten wir warten, bis alle anderen ihr Gepäck eingesammelt hatten und ausgestiegen waren. Erst dann konnten die beiden Männer von der Fluggesellschaft Jono wieder aus dem Sitz heben und in den engen Rolli zwängen. „Der will wohl gleich wieder zurückfliegen!“ spöttelte ein Passagier, der von Jonos Behinderung nichts wissen konnte und es seltsam fand, dass wir friedlich in dem leeren Flugzeug sitzen blieben.
Dem Himmel und unserem spanischen Schild sei Dank, wartete schon unser Elektrorollstuhl auf uns – unbeschädigt und nicht auseinandergebaut. Der Bus zum Hotel war auch in Ordnung und sogar das Zimmer war wie bestellt, mit Bad ohne Stufen und dem elektrischen Bett. Bald saßen wir auf dem Balkon und konnten nicht fassen, was wir geschafft hatten. Jono war erschöpft, aber glücklich und mir waren ungefähr drei Felsen vom Herzen gerollt. Mein Alptraum war gewesen: was, wenn der Rolli verlorengegangen oder kaputt gewesen wäre?

Doch der machte in den nächsten vierzehn Tagen treu alles erdenkliche mit. Beim ersten Erkundungsausflug überquerten wir eine stark befahrene Straße, retteten uns erst einmal auf die Mittelinsel, deren Bordsteinkante angenehm abgesenkt war – und stellten fest, dass dieselbe Bordsteinkante auf der anderen Seite ungefähr dreißig Zentimeter betrug. „Das gibt es nur in Spanien“, sagte Jono fröhlich. Wir mussten wieder vorne herunter und außen herum fahren. Aber die Autofahrer hupten nicht, sondern hielten geduldig und winkten freundlich.
Wir kauften in einem charmanten Tante-Emma-Laden ein, damit wir etwas zu Nachen auf dem Zimmer hatten. „Hier, nimm die“, sagte Jono und wies mit dem Kinn auf eine riesige Tüte Kartoffelchips.
„Die schaffen wir ja nicht mal in den ganzen 14 Tagen!“ protestierte ich.
„Wetten dass?“
Auf dem Rückweg war die Strandpromenade von einer Treppe unterbrochen. Aber an einer Seite gab es eine Rampe. Während ich noch eine Palme fotografierte, war Jono unbemerkt schon losgefahren. Als ich mich umdrehte, sah ich gerade noch, wie Jono auf der Rampe mit dem Stuhl hintenüber kippte. Ich rannte los, aber es war zu weit. Als ich bei ihm ankam, lag er schon wie eine Schildkröte auf dem Rücken. Etwas benommen, aber offenbar unverletzt sah er zu mir auf. Aus dem Fotoladen, in dessen Schaufenster Jono beim Fahren gesehen hatte, kamen zwei aufgeregt gestikulierende Männer gestürmt. „Sorry, Sorry!“ riefen sie und richteten den Rolli mitsamt Jono wieder auf, als täten sie das jeden Tag. Sie bauten sogar die Batterie, die herausgeflogen war, mit wenigen Handgriffen wieder ein. Was mir aber am meisten zu denken gab war, dass der eine einen fertige Eisbeutel in der Hand hatte und fürsorglich auf Jonos Hinterkopf drückte, wo sich eine Beule zu entwickeln begann. „Du“, sagte ich zu Jono, als sie ebenso schnell wieder verschwunden waren, „ich glaub, das passiert hier öfter!“
„Ja, fast jeden Tag,“ sagte die Kellnerin des Straßencafés hinter uns. „Aber denken Sie nicht, dass die Rampe geändert oder ein Schild aufgestellt wird. Setzen sie sich erst mal.“
Wir bestellten ein Wasser und ich begutachtete Jonos Beule. „Geht es dir wirklich gut?“ fragte ich ängstlich.
„Ja,“ sagte er, „Ich frage mich allerdings, warum. Schau dir noch mal den Rolli an, ob da alles dran ist.“
Ich untersuchte den Stuhl von hinten und fing an zu lachen.
„Was ist denn?“
Ich nahm den Einkaufsbeutel ab, der immer noch an der Rückenlehne hing, zog die Tüte Kartoffelchips heraus und öffnete sie.
Sie waren vollkommen pulverisiert. Das hatte den Stoß abgefangen und Jonos Hinterkopf gerettet.

Jono schloss auch hier sofort Freundschaften. Bald gab es vier Pärchen, mit denen wir unterwegs waren. Hans und Eli halfen, wenn Jono in den Pool wollte. Das war herrlich für ihn. Keine Klinik, keine Regeln, einfach nur ein simpler Lift am Pool den man jederzeit benutzen konnte. Kein Umziehen; Jono hatte sowieso meist nur Badehose und T-Shirt an, es trocknete ja alles sofort wieder. Er drehte mit Hans Runden im Pool wann immer er wollte und fühlte sich leicht. Wir küssten uns im Stehen und fühlten uns jung und am Ziel unserer Träume. Bis auf die Vulkanbesteigung. Für diese Tour waren wir aber schon angemeldet.

Inzwischen plante die Gruppe einen Ausflug zum Hafen, eventuell eine Bootsfahrt. Mit dem Elektrorolli kam man aber nicht auf das Boot, deswegen nahmen wir den Schieberollstuhl, den Jono gar nicht leiden konnte, weil er da nicht selbst steuern konnte. „Ich fühle mich dann wie ein Paket!“ sagte er. Ausnahmsweise ließ er sich überzeugen. Es war Tims Idee, und darum schob Tim Jono auch den ganzen Weg zum Hafen. Dass Tim nicht ganz nüchtern war, merkten wir erst später.
Zum Hafen herunter gab es am Ende des Weges nur eine sehr lange, schmale und beindruckend steile Holzrampe.
„Glaubt ihr, die hält?“ Zweifelnd betrachtete ich die Konstruktion. „Klar doch!“ verkündete Tim großspurig.
Sie hielt. Nur Tim, der fröhlich drauflosschob, stieß sich den nackten Zeh an einem Splitter und ließ vor Schreck die Griffe des Rollstuhls los. Ich stand noch oben auf der Kaimauer und sah das Ganze wie in einem dieser Alpträume, wenn sich alles wie in Zeitlupe abzuspielen scheint, man aber wie angewurzelt steht und sich nicht bewegen kann. Tim rieb sich den Fuß, während der Rollstuhl mit Jono darin Fahrt aufnahm und Richtung Meer sauste. Jono sang fröhlich vor sich hin, er kam gar nicht darauf, dass ihn niemand mehr hielt.
Irgendein Schutzengel muss dafür gesorgt haben, dass er still saß und sein Gewicht nicht nach einer Seite verlagerte. Wie durch ein Wunder bleiben die Räder gerade und der Stuhl fuhr die Rampe herunter bis zum Ende ohne seitlich abzustürzen.
Unten am Hafen rollte er aus und blieb zwei Meter vor der Betonkante stehen, hinter der – ohne Reling – das tiefe Meer begann.
Mit dem Boot fuhren wir nicht mehr, denn der Kapitän erhielt eine Sturmwarnung. Aber ich hatte auch genug Abenteuer für diesen Tag. Jono fand die Sache eher lustig. Er hatte das ja auch nicht von hinten mit angesehen.
In dieser Nacht träumte ich, wie Jono, an den Rollstuhl geschnallt, in kalten und lautlosen blauen Tiefen versank. Ich versuchte, ihn zu halten, doch es gelang mir nicht, er war mir immer ein Stück voraus. Ganz kurz, ehe er im Dunkel verschwand, waren es Anthonys Augen, die mich ansahen.
Als ich zitternd aufwachte, war Jono schon wach. Er machte die kleine Bewegung mit der Hand, die bedeutete, dass ich seinen Arm um mich legen sollte. Wenn er mich festhielt, kam uns nie ein Alptraum nahe.

An den Abenden fuhren wir auf das Dach. Es war flach und mit Bänken bestückt. Von hier aus konnte man hinter Häusern und Schornsteinen das Meer sehen, und auf der Landseite die seltsam nackte Erde, hier und da mit trockenen Sträuchern und Kakteen bestückt. In der Ferne erhob sich majestätisch der Teide. Die rötlichen Felsen glühten im Sonnenuntergang. Ganz oben krönte ihn Schnee. „Er sieht so friedlich aus“, sagte ich. „Kaum zu glauben, dass er mal Feuer gespuckt hat.“
„Dafür spucke ich jetzt Feuer,“ meinte Jono und fummelte aus seiner Tasche ein Päckchen Cigarillos. „Die hab ich am Flughafen im Duty Free Shop geholt, und jetzt gönnen wir uns eins.“
Wir rauchten beide sonst nicht, aber in dem Sommer, in dem wir uns kennen lernten, hatte Jono auch ein Päckchen Cigarillos in der Tasche und an romantischen Sommerabenden suchten wir uns auf Spaziergängen manchmal eine Bank, bliesen Ringe und fanden, der Rauch schmecke so geheimnisvoll und dunkelwürzig wie das Leben. Unsere beiden Väter waren Zigarrenraucher gewesen. Als ich fünfzehn war, war ich ein einziges Mal allein mit meinem Vater verreist. Da er nicht wusste, was er mit einem Teenager anfangen sollte, nahm er mich abends mit in die Kneipe und brachte mir bei, wie man Rauchringe bläst. Das war das einzige Mal, in dem wir uns wirklich nahe waren.

Sie waren groß, diese Sonnenuntergänge mit Jono auf dem Dach am Fuße des Vulkans, während der Rest der Welt klein und fern schien. Der sanfte Passatwind duftete nach Ingwerblüten. Unser Rauch trieb zum Himmel und wurde eins mit dem Rauchblau des zeitlosen Horizonts. Die Nacht fiel rasch wie mit einem einzigen Atemzug und trug unfaßbar viele Sterne wie ich sie noch nie gesehen hatte. In ihrer Mitte leuchtete die Milchstraße. Etwas an diesen Momenten war ewig.

Kapitel 13 – Feuerträume

Zurück in der Stadt war die Luft voll heißem Staub. Viel schöner als die Tage waren die Abende im Garten, wenn die kühle Dämmerung zwischen die hohen Ritterspornstauden schlich, die so blau blühten als wären sie eine von uns gepflanzte Fortsetzung des Himmels. Immer mehr Blumen färbten unseren Garten, denn bei fast jedem Spaziergang oder Einkauf hielt Jono bei der Blumenfrau. Wir suchten etwas aus, das sie eigenhändig in einer Tüte an seinen Rollstuhl hing. Große Töpfe nahm er auf den Schoß. Die Blumenfrau schenkte ihm jedes Mal noch eine frische Schnittrose. Er war ihr Lieblingskunde. Jono hatte eine besondere Gabe, Freundschaften zu schließen. Aber er kümmerte sich auch um seine Freunde, hörte ihnen zu, vergaß nie einen Geburtstag und lud sie regelmäßig ein.
Diese Freunde wollten sich revanchieren und verabredeten sich, für uns einen Grillkamin im Garten zu bauen. Als sie kamen, war es einer der ganz wenigen Regentage in diesem Sommer. Jono ärgerte sich, weil er nicht mit hinaus konnte. Mit Regen mussten wir vorsichtig sein. Man konnte Jono nicht einfach umziehen, wenn er nass wurde. Außerdem war die Elektronik des Rollstuhls bei Nässe empfindlich und versagte gelegentlich völlig. Ein Regencape aber lehnte er ab: „Dann sehe ich so behindert aus!“ sagte er empört. Doch sobald der Regen etwas nachließ, war er mit dabei und sah, wie der zukünftige Mittelpunkt des Gartens wuchs. „Das ist schief“, sagte er, „da noch ein wenig drehen!“ Sein Augenmaß stimmte immer, wenn man später nachmaß.

Es folgten lange Lichterabende, an denen wir mit den Freunden bis Mitternacht am Feuer saßen. Das Essen war nebensächlich: schön war es, wenn wir hinterher die alten Zweige und den Stamm des Weihnachtsbaums oder andere hölzerne Gartenabfälle auf die glimmenden Kohlen warfen. Wie heraufbeschworen sprangen märchenhaft die Flammen auf und mit ihnen Erinnerungen und Geschichten, wie sie an Lagerfeuern erzählt werden seit es Menschen gibt. Vom Wind verstreute Funken fielen zu unseren Füßen ins taufeuchte Gras wo sie leuchteten wie die von mir so geliebten Glühwürmchen, die es hierzulande nicht gibt. Vertraute Stimmen mischten sich mit dem Knistern des Reisigs. Ich hielt Jonos Hand und lauschte. Da er das Holz nicht selbst auf das Feuer legen konnte, gab er Anweisungen, welche Äste wir nehmen sollten. Während die Gäste zum Leichtsinn neigten, hatte er einen Blick dafür, was gut brannte und nicht qualmte oder so hohe Flammen auslöste, dass das Dach in Gefahr geraten konnte. Diese schöne Vorsicht machte er gleich danach selbst zunichte indem er darauf bestand, dass jemand Knallfrösche in das Feuer warf.

Wir ließen Schwimmkerzen im Teich treiben, steckten Wunderkerzen in die Hecke, zündeten in den entlegenen Winkeln flackernde Gartenfackeln an und manchmal spielte jemand Gitarre. Dann war es als trieben die melancholischen Töne unsichtbar neben die Lampions in die Zweige der Bäume. Es roch nach Asche und nach reifen Erdbeeren. Wunderkostbar und zerbrechlich wie durchsichtige blaue Glaskugeln erschienen mir diese Stunden. Ich sog sie tief ein und merkte mir ihren Geschmack, ihren Duft, ihren Glanz und ihren Klang.
„Hol noch ein Feuerwerk!“ sagte Jono jedes Mal, wenn die Gäste sich zu verabschieden begannen. Er hob von Silvester stets eine Menge kleine Bodenfontänen für solche Gelegenheiten auf. Die helle Erinnerung an die Wärme des Feuers und der Gesellschaft, an Lachen und an den Sternenregen, der aus dem feuchten Gras aufsprang und übermütig geradewegs in den Himmel wies nahmen alle mit nach Hause.

Anthony machte sein vages Versprechen, uns einmal zu besuchen, nie wahr. Es ging ihm nicht gut, die Hitze drückte auf sein Herz. In unseren kurzen Gesprächen hörte ich am Telefon, wie mühsam sein Atem ging. Seine selten gewordene Schrift lag müde auf den Seiten.
Den wahren Grund aber, dass er nicht kam, verriet mir Geli, eine gemeinsame Bekannte. „Er freut sich zwar für euch beide,“ sagte sie, „er nennt Jono seinen Beinahe-Zwillingsbruder und ist froh, dass du ihn gefunden hast. Aber er traut sich nicht zu, euch beide zusammen glücklich zu sehen.“ Darauf wäre ich so nie gekommen, aber es passte zu Anthony. Ich konnte es nicht ändern. Er hatte die Wahl gehabt.
Er rief nun wieder manchmal an und spielte mir ein Lied vor, immer dasselbe: „I believe in Angels“, von Cristy Lane. „Das passt überhaupt nicht zu ihm!“ dachte ich beim ersten Mal. Ich fand die Melodie kitschig. „On the Wings of a Nightingale“ hatte mir wesentlich besser gefallen. Erst, als ich abends mit den anderen am Feuer saß und in die Flammen träumte während oben am Himmel langsam der Schwan in der tiefer werdenden erhabenen Schwärze zu leuchten begann, kam mir der Text bewusst in den Sinn und ein kaltes Entsetzen durchfuhr mich.
Übersetzt lautet er sinngemäß so:

„Ich habe einen Traum
der mir hilft
mit allem fertig zu werden:
Wenn man das Wunder
eines Märchens sieht
kann man die Zukunft aushalten
selbst wenn man versagt.
Ich glaube an Engel,
an ewas Gutes in allem was ich sehe.
Ich habe eine Phantasie
die mir in der Wirklichkeit hilft
mich eine weitere Meile
durch die Dunkelheit zu kämpfen.
Ich glaube an Engel.
Wenn meine Zeit gekommen ist
überquere ich über die Straße.“

Ach, Anthony, dachte ich. Nicht jetzt, noch nicht!
Mir fiel ein Brief ein, den er mir einmal aus Finnland geschickt hatte.
„…du musst dir vorstellen, wie schön so ein Kaffee schmeckt, wenn man am Seeufer sitzt und in die helle Nacht starrt und einen Kaffe-Pott in den Händen hält und das Feuer Funken pustet und der Kessel daneben vor sich hinbrubbelt…der Trick dabei ist, immer nur ganz kleine Stöckchen zu nehmen und eine Art Meiler drumherum zu bauen – Kaffee-Kessel obendrauf, geht am besten in einer flachen Mulde. Brandstifter bin ich aber nur geistiger…“
Er hatte auch seine Gedanken am Lagerfeuer gehabt. Dieses Wissen und all die Worte die ich von ihm gesammelt hatte und in denen so viel tief gelebtes Leben wie ein Bodensatz zurückblieb machten den langsamen Abschied um ein Weniges leichter.
Doch wenn auch unsere Liebe nicht hatte sein sollen, was mir inzwischen seltsam richtig vorkam, so gehörte er doch, verdammt noch mal, zu meinem Leben. Und da sollte er bleiben!
Aber mit jedem Mal, dass er mir in den kommenden Monaten dieses Lied vorspielte, schien er sich weiter zu entfernen. Ob er sich oder mich mit den Worten überzeugen wollte, wusste ich nicht.
In der Dunkelheit war mir, als sähe ich am Baum das kleine Gespenst auf der Schaukel, das er damals in das Bild vom Garten gezeichnet hatte.

Jono und ich spannen an diesen Abenden Träume und Pläne. Wir hatten tatsächlich die Reise nach Teneriffa gebucht. Dazu gehörten bei uns besonders viele Vorbereitungen. Er hatte für Flugreisen einen kleineren, eigentlich zu engen Elektrorollstuhl mit einer Trockenbatterie, da andere Batterien nicht im Flieger mitgenommen werden durften. „Letztes Mal haben sie deswegen den Rollstuhl zum Laden in Teile zerlegt und wussten auf Teneriffa nicht, wie man ihn wieder zusammenbaut“, erzählte Jono. Um das zu vermeiden, suchten wir jemanden, der uns ein Schild auf spanisch schreiben konnte: „Rollstuhl bitte nicht auseinander bauen – nicht nötig, Trockenbatterie!“ Zudem mussten wir Sondergepäck anmelden, denn wir brauchten ja auch noch einen Schieberollstuhl, Ersatzteile und diverse andere Hilfsmittel. Gewartet werden mussten die Rollis natürlich vorher auch. Dann musste organisiert werden, dass auf beiden Flughäfen Männer da waren, die Jono in das Flugzeug und wieder hinaustragen würden. Im Hotel musste ein elektrisch verstellbares Pflegebett und ein rollstuhlgerechtes Badezimmer sichergestellt sein. Mir war ein wenig unbehaglich bei dem Gedanken daran, was alles schief gehen konnte. Ich konnte mir das Fliegen mit Jono ohnehin schwer vorstellen. Wir kamen mir so erdgebunden vor, vielleicht weil ich mit ihm keine Türme, keine Berge, nicht einmal die Stufen zu den Cafés und Geschäften erklimmen konnte.
„Schaffen wir das?“ fragte ich Jono.
„Zusammen schaffen wir alles!“ Die Überzeugung in seiner Stimme war ansteckend. „Ich freue mich so darauf, die Wolken von oben zu sehen. Und das Meer! Und alles mit dir!“
Mir ging es genauso. Manchmal aber überflog mich ein Nebel aus Gewissensbissen. Dann spielten Fetzen aus dem Lied wieder und wieder in meinem Kopf als hinge die Nadel auf einem alten Plattenspieler in einem Kratzer fest:

„…selbst wenn man versagt…
mich eine weitere Meile
durch die Dunkelheit zu kämpfen.
Ich glaube an Engel.
Wenn meine Zeit gekommen ist
überquere ich die Straße…“

Anthony war so spürbar nahe an seiner Zeit. Und ich machte mir Gedanken über eine Urlaubsreise?
Doch er hatte seine Entscheidung, nicht um sein Leben zu kämpfen, selbst getroffen. Schon lange. Es hatte nichts mit mir zu tun und ich hatte nie eine Chance gehabt, etwas zu ändern. Wir hatten einander nur ein Stück des Weges begleiten können.
Doch eine bestimmte Fähigkeit und den Drang, das Leben in den Augenblicken wahrzunehmen und zu bewahren, die hatte er mich gelehrt. Das war sein Vermächtnis.
Nun würde er die Straße überqueren und ich ging hier weiter, auf dieser und an Jonos Seite.
Das unsichtbare Gespenst auf der Schaukel in den tiefen Schatten des Apfelbaums aber würde eine ganz eigene Ewigkeit lang anwesend bleiben.

Kapitel 12 – Aufrecht

Wir hatten eigentlich noch nie so viel Zeit miteinander gehabt wie in jenen zehn Tagen in dem kleinen Kurort, die dadurch etwas ganz Besonderes wurden – unsere erste gemeinsame Reise! Was machte es da, dass Jono ein winzigkleines dunkles Zimmer im Keller der Klinik bewohnte, weil dort die ebenerdige Pflegestation für diejenigen war, die sich nicht allein anziehen konnten und auf einen Rollstuhl angewiesen waren. Es war mir auch egal, dass ich auf einem hängemattenähnlichen Feldbett schlafen musste, das bei jeder Bewegung comedytauglich zusammenklappte wie ein Taschenmesser. Jeder Tag formte sich zu etwas Unvergesslichem.

Zuhause hatten wir beide einen langen Arbeitstag. Wir standen vor sechs auf, denn es dauerte zwei Stunden bis Jono angezogen im Rollstuhl saß, wir gefrühstückt und ein paar Krankengymnastikübungen gemacht hatten, und um acht kam der Behindertenfahrdienst und brachte Jono ins Büro in die Behörde, in der er arbeitete. Nach Hause kam er oft erst um halb sechs abends oder später, denn der Fahrdienst war selten pünktlich und meist stand er mit Jono eine Weile im Stau. Ich kam ungefähr zur gleichen Zeit vom Dienst; hatte drei Vormittagskinder und zwei Nachmittagskinder und erledigte dazwischen Einkäufe und Behördengänge. Es war für uns beide immer spannend, ob beim Nachhausekommen schon Licht brannte, der andere also schon da war. Gelegentlich brachte einer oder beide auch schlechte Laune von der Arbeit mit und ließ gereizte Worte fallen. Jono neigte manchmal aus seiner Müdigkeit und Hilflosigkeit heraus zum Jähzorn. Damit musste ich erst umgehen lernen. Seine Wut richtete sich ja nicht gegen mich sondern gegen seine Umstände, das musste ich mir immer wieder klar machen.
Uns wirklich über diese Dinge zu unterhalten, dazu kamen wir kaum. Doch Jono legte mir jeden Tag in die Brotbüchse, die er mitnahm, einen erschütternd lieben Brief, den er in der Mittagspause schrieb und den ich dann fand, wenn ich die Brotbüchse saubermachte und wieder füllte. Ich versteckte ihm immer eine Antwort darin.
Müde waren wir abends beide und gingen früh ins Bett, was ja wegen des Rollstuhls auch dauerte; am Wochenende wollten Freunde und Verwandte die übliche Zuwendung und die Post musste ebenfalls erledigt werden. Manchmal dachte ich morgens: Das schaffe ich nicht, schaffen wir nicht mehr, diesen Kraftaufwand, diese lebensnotwendige Routine voller ermüdender Details. Doch dann trank ich meinen heißen Tee und sah im Fenster, das ich mein „Himmelstheater“ nannte, zwischen den Hauswänden die Sonne aufgehen und die Wolken rosig anmalen. Ich dachte an Jonos Blick, wenn er aufwachte und freute mich wieder auf den Tag.

Jetzt, weit weg in dem Kurort, war es ganz anders: es gab nur uns beide und eine Landschaft, die entdeckt werden wollte. Alles wurde zum Abenteuer. „Komm mit, ich möchte dir endlich den Rosengarten zeigen, in dem ich letztes Jahr beschlossen habe, dass ich wieder eine Liebe finden möchte!“, sagte Jono und ich folgte ihm auf verschlungenen Pfaden an ganzen Hecken verschwenderisch duftender Blütentrauben in Rot, Gelb, Rosa und Weiß vorbei. Überall gab es Nischen mit Bänken, und auf einmal hatten wir Zeit, miteinander dort zu sitzen, die Hand des anderen zu spüren und in die Welt zu träumen. Für andere war so etwas vielleicht nicht viel, für uns bedeutete es etwas Großes.
Wenn ich früher an Kurparks vorbeigefahren war, hatte ich mir vorgestellt wie es wohl ist, wenn man gegen Ende eines erfüllten Lebens in einem solchen Park auf einer Bank sitzt und in aller Ruhe zurückschauen kann. Nun saß ich jetzt schon hier, in einer geliehenen Ruhe, kam mir vor als hätte ich mich selbst überholt und versuchte, vorauszuschauen. Es war überraschend angenehm. Aber Jono war voll Unternehmungslust. „Das Allerschönste ist der Springbrunnen bei Nacht!“ Also führten unsere Wege auch nach Sonnenuntergang noch einmal in den Park, wo in der tiefen abendlichen Stille gewaltige beleuchtete Fontänen märchenhaft rauschten und alles möglich schien. Mit den strahlenden Wassersäulen stiegen Träume in den dunklen Himmel. „Lass uns im Herbst nach Teneriffa fliegen!“ sagte Jono.
„Wie kommst du auf Teneriffa?“
„Dort gibt es ein Hotel für Rollstuhlfahrer. Ich war schon einmal dort. Und wollten wir nicht einmal auf einen Vulkan?“
Das stimmte. Ein solcher Zettel lag in unserer Wunschkiste.
Aber fliegen mit dem Rollstuhl? Ich mochte gar nicht darüber nachdenken.
Auf dem Weg zurück in die Klinik stürzte sich ein Schwarm Mücken auf uns. „Die denken, ich bin Essen auf Rädern!“ witzelte Jono und gab Gas.

Das Größte aber während seiner Kuren war für Jono, dass er ins Schwimmbad konnte. Für eine halbe Stunde befreit sein von der Schwerkraft, die ihn ewig in den Rollstuhl bannte, in dem er stets von Metall umfangen war! Leicht sein, sich bewegen können! „Das ist für mich wie Weihnachten, Geburtstag und Ostern zusammen,“ sagte er und in seinen Augen schimmerte ein Glück, dass auch Anja, die Therapeutin sah. Sie ließ ihn länger im Wasser, als die zwanzig Minuten, die der Klinikplan erlaubte, und sie ließ mich zu ihm ins Becken, was Begleitpersonen eigentlich nicht gestattet war. „Mach mir bloß keinen Mist, sonst sind wir beide dran!“ warnte sie Jono, den sie inzwischen auch ganz gut kannte.
Mühsam war es für Jono und für uns, ihn an der Badehose aus dem Rollstuhl auf den Lift zu ziehen, den Lift hochzukurbeln, über das Becken zu schwenken und wieder herunterzukurbeln. Leicht konnte er die Balance verlieren, oder einfach vom Lift rutschen. Ein wenig Angst war immer dabei. Schwer auch, ihn hinterher wieder aufrecht auf den Sitz zu bekommen, da ihm die nötige Muskelspannung fehlte. Aber die kostbare Zeit im Wasser machte alles wieder wett. Endlich einmal war keine Rollstuhllehne zwischen uns. Natürlich durfte ich ihn nicht loslassen, sonst wäre er untergegangen, aber wir wollten uns ja sowieso festhalten. Wir vollführten verrückte Tänze im Wasser und fühlten uns wie Könige. „Aber das allerschönste kommt jetzt!“ sagte Jono triumphierend beim ersten Mal. „Anja, bitte hilf uns!“ Anja und er hatten etwas ausgeklügelt. Das Wasser machte ihn so leicht, dass er sich mit beiden Händen an der Stange am Beckenrand abstützen konnte. Wenn dann Anja von der einen und ich von der anderen Seite mit unserem eignen jeder gegen eines seiner Knie drückte und einer von uns noch seinen Kopf stützte, dann konnte Jono tatsächlich aufrecht stehen! Es war für uns beide ein unglaubliches Gefühl. Wir standen uns zum ersten Mal gegenüber. Plötzlich überragte er mich um Einiges. „Und jetzt das, worauf ich mich seit Monaten freue!“ sagte Jono triumphierend. „Ich kann dir im Stehen einen Kuss geben!“ Ich musste mich für diesen Kuss auf die Zehenspitzen stellen. Und ich war froh, dass mein Gesicht sowieso nass war und Anja meine Tränen vielleicht nicht sah.

An einem anderen Tag zeigte mir Jono ein Museumsdorf, in dem ich viele der kleinen Häuser leider ohne ihn betreten musste, weil sie Stufen und Stiegen hatten. Einmal verbrachten wir eine ganze Stunde in einer Kirche mit traumschönen bunten Bleiglasfenstern. Alles schien voller Geschichten.
Am letzten Tag brachen wir zu einem langen Ausflug an die Werre auf. Ich hatte nicht gewusst, das es einen Fluss mit Namen Werre gab, ich kannte nur die Werra. Am Ortsausgang trafen wir auf einen Laden, dessen Schaufenster voller Kuriositäten war. Jono konnte nie einem Laden widerstehen, der keine Stufen hatte. „Lass uns hineingehen“, sagte er.
„Wir haben kaum noch Geld und wir wollten doch…“
„Nur gucken!“
Drin war ich froh, dass er nicht zu halten gewesen war. Der Laden war ein Märchen. Wundersam geschnitzte Häuschen aus Korkrinde gab es da, Körbe voller besonders schöner Flusskiesel, traumschöne Kerzenhalter, Glasmurmeln. „Das hier wär perfekt für meine Mutter!“ platzte ich heraus.
Es war ein metallenes Pendel an einem glatt geschliffenen, geschwungenen Arm aus matt schwarzlackiertem Holz, der an einem schweren Teller befestigt war. Wenn man das Pendel sanft anstupste, beschrieb es stille, gelassene Kreise und zeichnete dabei feine Muster in den hellen Quarzsand, der den Teller bedeckte.
„Au ja! Kauf es!“ Jono war immer schnell entschlossen.
„Das ist doch viel zu teuer, und außerdem, wie wollen wir das Riesending heute mitschleppen?“ Das Teil war einen halben Meter hoch.
„Unsinn. Was wir haben, haben wir.“ Einmal entschlossen, war Jono von nichts abzubringen. Ich suchte also in allen Rucksack- und Hosentaschen unser restliches Geld zusammen. „Das reicht nicht,“ stellte ich fest, fast ein wenig erleichtert.
„Lass mich mal machen!“ sagte Jono und steuerte auf den Ladeninhaber zu. Er handelte das Pendel um glatte zwanzig Mark herunter und wickelte den armen Mann dabei dermaßen um den Finger, dass wir uns noch zwei geschliffene Glückssteine umsonst aussuchen durften.

Wir wanderten also den gesamten Tag in dem wunderschönen frühsommerlichen Werretal mit einer riesigen Tüte am Fluss entlang, die hinten am Rollstuhl baumelte und aus der bizarr das Pendel ragte. Die Wiesen schäumten von weißen Blüten der wilden Möhre, die ich besonders mag weil sie in der Dämmerung wie tausend heruntergefallene Sterne aussehen und bei Tag seltene Schmetterlinge anziehen. Der Fluss schäumte weiß über sonnenglänzende Felsen und sogar der Himmel trug Schaumkronen aus Wolkenwellen. Was Wunder, dass auch meine Gefühle überschäumten. An diesem Tag wurde mir klar, dass ich angekommen war, dass ich die Liebe gefunden, von der ich eine gefühlte Ewigkeit geträumt, und dass ein neues Leben begonnen hatte, das sich endlich so anfühlte, als gehöre es wirklich zu mir.
Jono schien genauso glücklich, obwohl der unebene Sandweg mit den tiefen Pfützen und hohen Baumwurzeln für ihn anstrengend war. „Das allerschönste an diesem Urlaub war der Kuss im Stehen,“ sagte er verträumt.
An einem kleinen Cafè, das allein auf weiter Flur am Ufer stand, machten wir Halt und zählten wieder einmal unsere letzten Münzen. „Reicht es noch für Saft und Kuchen?“ fragte Jono.
„Nö.“
„Doch!“ sagte er triumphierend. „In meinem Schlüsselanhänger ist noch der Reserve-Reserve-Zehner!“
Ich hätte es mir denken können.
Der Apfelsaft schmeckte nach Sommer und duftete nach Kindheit, der Fluss erzählte Geheimnisvolles in den tiefer werdenden Schatten und der Wind trieb Pusteblumensamen um uns. Wir konnten uns nicht losreißen.
„Pack doch mal das Pendel aus, wir haben es noch gar nicht richtig ausprobiert,“ bat Jono.
„Was, jetzt? Hier?“
„Klar, warum nicht?“
Ich bastelte also die Teile aus der Tüte, stellte den Ständer auf den kleinen runden Kaffeetisch, hängte das Pendel ein und füllte den glitzernden Quarzsand in die Schale. Die Kellnerin warf uns einen erschrockenen Blick zu und machte einen Bogen um unseren Tisch. Wahrscheinlich befürchtete sie schwarze Magie, oder dass wir ihr ein schweres Schicksal voraussagen könnten.
Jono stützte seine rechte Hand auf seine linke und schaffte es, das Pendel sanft anzustoßen. Zusammen sahen wir zu, wie es lautlos Kreise in den Sand zog, in immer wieder andere Richtungen, und wie es ein wunderschönes Muster wob. Es war, als zeigten uns die feinen Linien all die Wege, die uns zusammen- und hierhergeführt hatten, alle, die uns nun offen standen, alle Möglichkeiten, die auf uns warteten, wenn wir nur wollten.
Unten am Fluss flötete eine Amsel von diesem und von zukünftigen Sommern.

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Kapitel 11 – Ein Lächeln auf Rot

„Da wollen wir rein? Ist das dein Ernst?“
Wir standen vor dem Spielcasino in Jonos Kurort. Ein wunderschönes historisches Gebäude, aber es hätte mir völlig genügt, es von außen zu betrachten. Meine Erziehung rebellierte. „Um Geld spielt man nicht, höchstens um Kekse“, hörte ich die Stimme meines Vaters. Außerdem ließ die Sonne den Rasen leuchten und die Pfützen glitzern. In den Pappeln flüsterte Frühsommerwind. Nichts zog mich in einen düsteren Raum.
„Wann haben wir sonst die Gelegenheit? Wenn du noch nie in einem Spielcasino warst, ist es höchste Zeit.“ Wenn sich Jono etwas in den Kopf gesetzt hatte, war er nicht davon abzubringen. Er verpasste keine Chancen, wenn es darum ging, Erfahrungen zu machen, denn viele blieben ihm verwehrt, seit er im Rollstuhl saß. Davor allerdings hatte er auch nichts ausgelassen.
Außerdem vertraute ausgerechnet er mit Überzeugung auf sein Glück.
Ich dachte an meine Oma, die bis zu ihrem Tod mit neunzig Jahren eine elegante, unternehmungslustige Frau geblieben war. Sie hatte oft vom Spielcasino erzählt, anscheinend war sie ganz gerne mal dort gewesen. Warum also eigentlich nicht. Aber…
„Das können wir uns doch gar nicht leisten.“ Wieso war ich eigentlich immer so vorsichtig?
„Wenn wir hundert Mark verloren haben, gehen wir“, versicherte Jono.
„Na, du bist gut. Außerdem, du trägst ja keinen Schlips!“ Triumphierend wies ich auf das Schild neben der Tür. „Ohne Krawatte kommst du hier gar nicht rein.“
„Die kann man leihen. Aber greif mal in meine Innentasche.“
Ich zog etwas Weiches heraus. Natürlich. Der Mann war immer vorbereitet. „Ich kann aber keinen Krawattenknoten binden!“ war mein letzter schwacher Protest.
„Ist schon gebunden, du brauchst ihn bloß auf- und zuschieben.“
Ein wenig schief saß die Krawatte trotzdem, egal wie sehr ich daran herumfummelte, aber das war Jono herzlich egal. Er sah übrigens gut aus mit dem Ding.

„Nun komm schon.“ Souverän tauschte Jono am Eingang die hundert Mark in die berühmten Plastikchips um. Jetons.
Drinnen war es dämmrig und still, wie ich mir gedacht hatte. Nur über den Spieltischen hing Beleuchtung. Jono steuerte zielstrebig auf einen Roulettetisch zu. „Wie oft warst du schon hier?“ fragte ich argwöhnisch.
„Nur einmal, letztes Jahr. Hier, leg das auf die 9!“ Er schob mir mit dem Finger einen Chip zu. Da er den Arm nicht heben konnte, setzte ich die Jetons auf die grünen Samtfelder. Ich kam mir auf einmal angenehm verrucht vor. Die 9 war unsere Glückszahl. Diesmal allerdings gewann sie nicht.
Mit uns am Tisch saßen Menschen in unserem Alter und aufwärts. Mehrere wirklich alte Damen fielen mir auf, elegant und dunkel gekleidet, mit schwerem Goldschmuck an Fingern und Hals. Die Anwesenden beachteten einander nicht, sie waren alle nur auf den Tisch konzentriert und die Plastikplättchen, die ernst und wortlos hin- und hergeschoben wurden als gäbe es draußen keine Welt. Ich musste den Drang unterdrücken, albern zu kichern. Doch dann stockte mir der Atem angesichts der Beträge, die da seelenruhig gesetzt, verloren und gewonnen wurden, fünfhundert- und tausend-Mark-Chips in ganzen Stapeln. Was mich aber eisig berührte war die Unbewegtheit mit der selbst hohe Gewinne eingestrichen wurden. Keine Freude huschte über eines der Gesichter, die mit ihren ehrwürdigen Lebensspuren so geeignet dafür gewesen wären, Gefühle auszudrücken. Kein Ärger, kein Erschrecken bei hohen Verlusten. Gleichmütig wurden Geldstapel in Lederhandtaschen verstaut oder aus ihnen entnommen, doch ein Lächeln fand niemand in ihren Tiefen und auch kein Gespräch mit dem Tischnachbarn.
„Warum um Himmelswillen sind sie hier, wenn sie sich nicht amüsieren?“ flüsterte ich Jono zu.
„Keine Ahnung“, sagte er, „verstehe ich auch nicht. Setz mal auf das 18er-Carree.“
Doch auch damit gewannen wir nichts. Die hundert Mark hatten wir bald verspielt. Aber ich gab zu, dass es Spaß gemacht hatte.
Mit Anthony hatte ich nur geträumt. Mit Jono aber ging ich neue Wege.
Immerhin wusste ich jetzt, wie für mich die Hölle aussehen würde, wenn ich an sie geglaubt hätte. Die aber war in meiner Erziehung zum Glück nicht vorgekommen. Dennoch: Ab heute stellte ich sie mir voll alter Damen vor, die in einem dunklen Saal den ganzen Tag Roulette spielen mussten ohne einmal zu lächeln. „Komm, lass uns gehen!“
„Nein, mit Verlust gehe ich nicht. Wir setzen jetzt noch meinen Reserve-Hunni auf Rot.“
„Aber das ist doch gerade das Gefährliche, dass man immer denkt, man kann die Verluste wieder reinholen!“
„Wenn das schief geht, gehen wir. Versprochen“.
Also tauschten wir den Reservehunni noch einmal gegen Chips, die ich für Jono alle auf Rot setzte. Ich hätte sie auf Schwarz gesetzt. Schwarz wie Schreibtinte, schwarz wie mein geliebter Nachthimmel, durch den der Schwan flog. Aber Jono setzte auf Rot, für die Liebe, sagte er.
Und Jono gewann. Nun hatten wir den verlorenen Hunderter also wieder. Ich war beruhigt. „Komm!“
Doch Jono schaltete den Rollstuhl noch immer nicht an. „Ohne Gewinn geh ich hier nicht raus!“ sagte er. „Wir setzen noch mal hundert auf Rot!“
Mir schwante Schlimmes.
Doch Jono gewann. „So“, sagte er. „Und jetzt gehen wir!“ Wir ließen die alten Damen ohne Lächeln zurück und ignorierten die vorwurfsvollen Blicke des Croupiers, als er die Sandspuren sah, die Jonos Reifen auf dem roten Teppich hinterließen. Wir waren ihm wegen der geringen Beträge ohnehin ein Dorn im Auge gewesen. Und geredet und gelacht hatte wir auch!
„Und mit dem Gewinn machen wir etwas Besonderes“, sagte Jono zufrieden.

Draußen vor dem Eingang pickte ein Pfau im Sand. Seine Federn blitzten blaue Augen in das schräge Abendsonnenlicht. Als er Jonos Reifen auf dem Weg knirschen hörte, blickte er auf und schlug ein Rad. Wie die bunten Kreise, die er uns zeigte, so hatte ich mit der Erinnerung an diesen Casinobesuch einen schillernden Fleck mehr in meiner Geschichte.

So war das Leben mit Jono. Wir investierten und verloren anfangs meist: Zeit, Kraft und Mühe. Wenn wir aus dem Haus gingen, mussten wir z. B. an diverse Hilfsmittel denken, die wir mitnehmen mussten, auch an den Schlüssel für die Behindertentoiletten. Eventuell mussten wir Tage vorher den Behindertenfahrdienst buchen. Allein schon, Jono die Jacke anzuziehen war schwierig. Dazu stellte er den Rollstuhl auf einen bestimmten Winkel ein, dann musste ich ihn vorsichtig in eine vorgebeugte Stellung ziehen, aber nicht zu weit, sonst hätte er die Balance verloren und wäre vornüber gefallen. Dann den einen Arm in den Ärmel, beim zweiten war das schon schwieriger, den musste ich dafür ziemlich weit nach hinten ziehen, fast bis an Jonos Schmerzgrenze. Dann im Rücken glatt streichen damit nichts drückte wenn er sich zurücklehnte. Zurücklehnen, Rollstuhl einstellen, Jacke zumachen, den Gurt schließen. All dies dauerte länger als bei anderen Leuten und benötigte mehr Konzentration und Vorbereitung. Vieles war ein kleines Risiko. Wir setzten jedes Mal Jetons auf die grünen Felder unserer Welt.
Doch jedes Erlebnis wurde dadurch intensiver, dass es erkämpft werden musste und wir es dadurch um so mehr auskosteten. Wir waren gezwungen, mehr auf Kleinigkeiten zu achten, auf die Beschaffenheit der Wege und die Breite von Türen. Wir sahen mehr als andere, und wir freuten uns mehr als andere.
Und darum kamen wir nie ohne Gewinn nach Hause.

Kapitel 10 – Glückwunsch!

Wenn Jono sich morgens rasierte, stand ich hinter seinem Rollstuhl und hob mit beiden Händen seinen Kopf, da er das nicht konnte. Dabei sahen wir uns im Spiegel als das Doppel, das wir längst geworden waren. Wir tanzten dabei aus Übermut ein wenig zur Musik im Radio, von der Taille aufwärts. Ich beschloss dabei, meine Komplexe endgültig zu begraben. Wenn Jono mit meiner Nase leben konnte, konnte ich das auch. Es machte manches leichter.

Wenn ich in meine Wohnung fuhr, schien sie kalt und tot. Es gab keinen Grund mehr, sie zu halten. Bald darauf räumte ich sie. Es war einfach undenkbar für Jono und mich, wieder getrennt zu wohnen. Warum auch?
Mein Eckschrank passte nicht durch die Tür, wohl aber durch ein Fenster, das dabei zu Bruch ging. Immerhin waren das die einzigen Scherben, die wir verursachten, und nicht einmal ich trat hinein. Als der Möbelwagen endlich ausgeräumt und alles in meinem neuen, bisher leerstehenden Zimmer oder sonst wo in Jonos Haus verstaut war und die Tür hinter den Helfern und dem Lärm zufiel, wies Jono auf das Bücherregal. „Da steckt ein weißer Umschlag, der ist für dich“, sagte er. Jetzt da er es sagte, war der Umschlag wahrlich nicht zu übersehen: Er hatte die Größe DIN A 3. Neugierig zog ich ihn heraus. Darin steckte eine Karte mit einem strahlenden Teddybären und einem Herz darauf.
Der Text innen war groß und deutlich in Jonos klarer Handschrift, dennoch las ich ihn mehrere Male, bevor ich ihn verstand.
„Herzlichen Glückwunsch zur Verlobung!“ stand da, dreimal unterstrichen.
Jono lächelte mich an. „Ich dachte, dann fällt dir der Einzug leichter“, sagte er.
Nach der ersten Sprachlosigkeit stellte ich fest, dass er wie so oft recht hatte. Aber wie typisch Jono! Er fragte gar nicht erst sondern schaffte vollendete Tatsachen. Ich musste so darüber lachen, dass sich mein erster Widerspruchsgeist sofort legte. Wozu hätte er mich auch fragen sollen, wenn er doch wusste, dass ich ja gesagt hätte. Auf die Heiterkeit folgte die Rührung. Wir stießen bei Kerzenlicht auf uns an, aßen eine Dose Kekse leer und machten ein Foto mit Selbstauslöser.
Von da an musste ich immer an diesen Tag denken, wenn ich in irgendeinem klassisch rührseligen Film sah, wie Männer vor Frauen in die Knie gingen und um ihre Hand baten. Hätten sie ihren Angebeteten schlichtweg zu Verlobung gratuliert, hätten sie sich nicht bücken müssen.

Natürlich mussten wir uns aneinander gewöhnen. Ich war bisher Single gewesen und hatte meine Hausschuhe nach Belieben mitten im Durchgang stehen lassen oder das Telefon oben auf das Regal gelegt. Jetzt durfte ich niemals Schuhe oder Einkaufstüten oder Regenschirme im Flur abstellen, weil Jono sonst mit dem Rolli nicht mehr vorbeikam. Die Seife musste mitten im Waschbecken liegen, weil Jono sie sonst nicht erreichen konnte, ich hatte sie also nach jedem Händewaschen genau dort wieder hinzulegen. Umgekehrt musste Jono trotzdem mit meinem nicht ganz zu unterdrückendem Hang zur Unordnung leben: damit, dass ich Spinnweben in Ecken und meine langen Haare auf dem Teppich meistens übersah und auch damit, dass ich kaputte Dinge eher mit Tesafilm oder Draht reparierte als mit Schrauben oder Leim. Ich musste hinnehmen, dass er mich jedes Mal darauf aufmerksam machte, wenn ich meinen Gürtel vergessen hatte, durch die Schlaufe hinten links zu ziehen, und er, dass mir das immer wieder passieren würde und dass ich es nicht als erwähnenswert betrachtete.
Das alles hatte weniger mit Mut als mit Rücksichtnahme, Selbstdisziplin und Toleranz zu tun, und es funktionierte erstaunlich gut. Wir waren ja auch keine Zwanzig mehr. Alles wurde dadurch aufgewogen, dass wir nicht alleine einschlafen und aufwachen mussten. Das kleine weiße Haus unter der alten Zeder wurde ein Zuhause, unser Zuhause. Zu Jonos Geburtstag schenkte ich ihm ein rundes, geprägtes Schild aus Metall mit der Aufschrift „Paradieschen“, dass von da an an der Haustür hing und niemals Rost ansetzte. Seitdem hieß es auch im Freundeskreis nur noch: „Wir sind im Paradieschen eingeladen.“ An diesem Geburtstag Ende März hatte es in der Nacht heftig geschneit. Vor dem Fenster stand ein runder Gartentisch, den nun eine zwanzig Zentimeter dicke, flauschige Schicht zierte. „Steck eine Kerze hinein, dann sieht es aus wie eine Torte!“ sagte Jono. Das tat ich, und tatsächlich, die kleine Flamme flackerte tapfer und ließ die Schneeflockensterne glitzern. Wir waren uns einig: Die schönste Geburtstagstorte, die wir je gesehen hatten. Daneben baute ich nach Jonos Vorschlägen einen dicken, großen Schneemann, der unsere Freude im Gesicht trug.

Bald darauf fuhr Jono zur Kur, wieder dorthin, wo er den Pokal gewonnen hatte, ohne den wir uns vielleicht nie gefunden hätten. Für ihn war das unerlässlich wichtig, um seine restliche Beweglichkeit aufrechtzuerhalten. Ich hatte inzwischen einen neuen Arbeitsvertrag und konnte ihn darum nicht die ganzen sechs Wochen begleiten. Drei musste ich erst einmal allein verbringen, ehe ich Urlaub nehmen und ihn zehn Tage lang besuchen konnte. Bis dahin vermisste ich ihn schmerzlich, aber es gab mir auch Gelegenheit, mich restlos mit dem Haus anzufreunden, die kleinen Geräusche und die Schatten kennen zu lernen, die den Charakter eines Hauses ausmachen, und meine Papiere und Erinnerungsstücke sinnvoll unterzubringen. Ich staunte, wie viel und gleichzeitig wie wenig sich in einem knapp dreißigjährigen Leben an äußeren, greifbaren Gegenständen ansammelt. Es blieb das Gefühl, dass allein die Spuren, die Anthony in mir hinterlassen hatte, mehr Platz einnahmen als die zehn Bände seiner Briefe oder meine gesamte Bibliothek aus meiner Studienzeit.
Und doch war ich noch nie so zufrieden und einig mit mir gewesen. Alles fühlte sich rund und hell an.
Beim Aufräumen fiel mir auch ein Kerzenhalter in die Hand, ein Weihnachtsmann aus Keramik, den Jono mir zu unserem ersten Weihnachten geschenkt hatte. Aus irgendeinem Grund hatte ich vergessen, ihn mit dem Weihnachtsschmuck wegzuräumen. Er zog einen Sack hinter sich her, der fast größer war als er, und auf diesem Sack befand sich eine Landschaft, mit Himmel, Sternen, Raben, Schnee, Tannen, Weite und Wegen: er hatte die ganze Welt als Geschenk zu vergeben.
Das passte. Mir war, als hätte Jono mir die Welt geschenkt.
Aber der Weihnachtsmann hatte langfristig noch einige Überraschungen für uns im Sack.

Kapitel 9 – Den Himmel in der Hand

Jono und ich legten eine Ideenschatzkiste an, eine kleine, mit altmodischen Blumen bemalte Holztruhe, in die wir gefaltete Zettel legten. Darauf schrieben wir, ehe wir sie in der Alltagseile wieder vergessen konnten, alle spontanen Ideen von Dingen, die wir zusammen machen wollten. Ein Picknick, Drachen steigen lassen, die Sternwarte besuchen, das Meer sehen, einen Vulkan besteigen, ach, es gab so vieles. Immer, wenn wir Zeit hatten, fischten wir einen Zettel heraus, aber die Kiste füllte sich schneller als wir sie leeren konnten.

Geburtstage wurde in meiner Familie zwar, wenn nicht vergessen, pflichtschuldigst mit Kuchen und ein paar Geschenken zur Kenntnis genommen, aber niemals für wichtig erachtet. „Geboren zu werden ist kein Verdienst“, sagte meine Mutter. Ich gab ihr recht, und Partys mochte ich sowieso nicht. Doch Jono sah das völlig anders. Für ihn hatten Geburtstage eine gewaltige Bedeutung. Der Weltuntergang selbst hätte ihn nicht davon abgehalten, sie mit Besuch, Essen, Karten, Anrufen, Geschenken und Dekoration zu zelebrieren. „Man muss doch feiern, dass man lebt!“
Ehe ich wusste, wie mir geschah, hatte er zu meinem dreißigsten Geburtstag Freunde eingeladen. Es war ein erst sonniger, dann aufregend gewittriger Augusttag und es wurde gegrillt, gelacht, gesungen und gespielt. Zu meiner Überraschung fühlte ich mich wohl unter diesen fremden Leuten, zu denen ich wie selbstverständlich gehörte.
Von Jono bekam ich unter anderem zwei längliche, liebevoll eingewickelte Päckchen. Wegen des Trubels kam ich nicht gleich dazu, sie auszupacken, bis Jono mich in eine stille Ecke lockte. Neugierig öffnete ich das eine. Darin war eine Zahnbürste.
Das zweite enthielt einen Hausschlüssel.
Ich glaube, das waren die beiden schönsten Geburtstagsgeschenke, die ich jemals bekommen habe.

Die Sommerferien begannen und ich verabschiedete mich von Alina. Mein Vertrag lief aus, ich war mir aber ziemlich sicher, dass sie im nächsten Schuljahr wieder allein dem Unterricht folgen konnte. Ob ich bald einen neuen Auftrag bekommen würde, blieb abzuwarten. Auch die Nachmittagskinder hatten Fortschritte gemacht und durften ihre Ferien genießen.
Jono nahm sich Urlaub und wir verwandelten einige der Wunschzettel aus der Schatzkiste in Erlebnisse, dann in kostbare Erinnerungen. Erst blieb ich eine halbe Woche bei ihm, dann eine ganze. Der Schwester von der Sozialstation sagten wir immer öfter ab. Ich lernte, Jono allein aus dem Bett zu helfen, ihm beim Waschen zu assistieren und ihn anzuziehen, ihn am Hosenbund von dem kleinen Zimmerrolli auf den Elektrorollstuhl zu ziehen und später von da auf das Sofa. Auf einmal konnte ich Dinge, die ich mir nie zugetraut hätte. Wenn ich Zweifel hatte, war es Anthony, der mir in seinen selten gewordenen Anrufen Mut machte und praktische Tipps gab, denn er war einmal Sanitäter gewesen.

Wir gestalteten den kleinen Garten neu. Jono hatte Sträucher und Blumen gepflanzt so gut er konnte und sie treu gegossen, aber es gab Ecken, an die er nicht heran kam. Stück für Stück begannen wir, uns ein Paradies zu bauen, mit einem kleinen Teich, der den Himmel spiegelte, mit Bänken und mehr Rosenbögen. Die Bänke waren klein, denn Jono konnte ja nicht mit mir darauf sitzen. Aber er stellte sich daneben, und das ging auch, obwohl die beiden Armlehnen zwischen uns, die der Bank und die vom Rollstuhl, manchmal ein wenig störten.
Anthony schloss zwar nicht aus, uns mal zu besuchen, konnte sich aber nie dazu entschließen. Unsere alte Vertrautheit kam nicht mehr auf. Die Zeiten änderten sich schneller als ich es begreifen konnte, aber es fühlte sich richtig an.

Als die Tage kürzer und die Blätter zu einen Farbenrausch wurden, gingen wir oft auf eine nahe Wiese und ließen einen fröhlich gestreiften Drachen steigen, den Jono mir geschenkt hatte. Für Jono war es schwer, mitten auf die Wiese zu fahren, die holperige Stellen, Dellen, Abhänge und kleine Gräben hatte, die man als Fußgänger gar nicht wahrnahm. Doch am Rande ging es nicht, schließlich befanden wir uns in einer Großstadt. Den Himmel mussten wir uns und dem Drachen erst erkämpfen. Der sollte ja weder in Strommasten noch in Satellitenschüsseln landen. Schließlich hatte Jono einen strategisch günstigen Platz mit Weitblick erobert, stellte den Rollstuhl schräg an einen kleinen Hügel so dass er es schaffte, den Kopf zu heben, und jagte mich gegen den Wind durch das hohe Gras und die späten Pusteblumen bis der Drachen ganz oben war. Dann gab ich Jono die Schnur und er ging so geschickt damit um, dass er fast jeden drohenden Absturz durch einen kleinen Zug verhindern konnte.

Für mich waren das vollkommene Momente. Es war alles voller Himmel: er war so weit und nahe zugleich, als hätten wir durch die scheinbar endlose Schnur, an welcher der Drachen so leicht in unseren Händen flatterte, eine direkte Verbindung zu ihm. Die Tage waren hell und lang und gehörten uns, eine warme Brise flüsterte Geheimnisse ins Schilf, die klare Luft schmeckte nach Glück und Jonos einzigartiges Lächeln galt mir. Mir fiel nichts ein, was ich mir noch hätte wünschen können. Dass Jono neben mir hätte über die Wiese rennen, dass wir uns zusammen ins Spätsommergras hätten legen können? Ja, das wäre undenkbar schön gewesen! Aber es war, wie es war. Und: wären diese Momente so groß und kostbar gewesen, hätten wir sie uns nicht erobern müssen durch das mühsame Aufstehen, Anziehen, den schwierigen Weg?
„Es hat auch seine Vorteile“, sagte Jono, der meine Gedanken erriet.
Während wir noch die Schnur aufwickelten – der Drachen wollte so wenig aus dem inzwischen goldroten Abendhimmel herunter wie unsere Stimmung – kam eine schick gekleidete Dame auf einem Fahrrad holperig über die weite Wiese gefahren, auf der sich außer ihr und uns und einem wilden Kaninchen niemand befand. „Müssen Sie hier so im Weg stehen?“ raunzte sie Jono an. Verblüfft sahen wir ihr nach und brachen dann in schallendes Gelächter aus.
Wie sie die Welt wahrnahm, konnten wir uns nicht ansatzweise vorstellen. Aber eines war sicher: Sie hatte zwar ein gesundes und ansehnliches Paar nylonbestrumpfter Beine, aber wir waren zweifellos glücklicher.

Als die Herbstblätter müde und braun wurden, der kühle Wind dafür stärker, musste ich eine Weile ins Krankenhaus. Jono besuchte mich täglich, obwohl es eine unglaubliche Anstrengung für ihn war. Der Behindertenfahrdienst holte ihn nach einem langen Tag im Büro ab, unterwegs stand er im Stau, und wenn er zuhause vorfuhr, wartete manchmal schon der Bus, der ihn zum Krankenhaus bringen sollte. Dann hatte er keine Zeit, sich auszuruhen, keine, Abendbrot zu essen, und dennoch war er jeden Abend da und machte mir Mut. Als ich entlassen wurde, stand für uns beide fest, dass ich erst einmal bei ihm wohnen würde. Ich nahm ein Taxi. Als ich die Tür öffnete, saß Jono, der Minuten vorher von der Arbeit gekommen war, am Esszimmertisch und hatte gerade mit einem roten Filzstift ein riesiges Herz direkt auf die Holzplatte gemalt und „Herzlich Willkommen!“ hinein geschrieben.
„Bist du verrückt, das geht doch nicht mehr ab!“ lachte ich.
„Na und – soll es ja auch nicht! Außerdem kam ich gerade nicht an das Papier.“ Jono strahlte, und ich hatte mich noch nie irgendwo so willkommen und so zuhause gefühlt.
Das Herz ging tatsächlich nicht ab und entlockte mir und allen Besuchern noch lange ein Lächeln.

Kapitel 8 – Nachtigallen

Der Sommer wurde wie Anthonys Lied.
Anthony hatte die Angewohnheit, mir gelegentlich mitten in der Nacht am Telefon ein Lied vorzuspielen, das ihm gerade gefiel. Er nahm sie aus dem Radio auf. Zu dieser Zeit war es „On the Wings of a Nightingale“ von den Everly Brothers. „Total kitschig“ lachte er, „aber irre schön!“ Ich musste mir das anhören, bis ich es auswendig konnte, und heute noch steht Anthony fast greifbar vor mir wenn ich die Melodie irgendwo höre. Übersetzt geht der Text etwa so:

„Wenn ich liebe fühle ich mich als ob ich durch den Himmel reise
auf den Schwingen einer Nachtigall.
Auf den Schwingen einer Nachtigall fliege ich
über Land und Meer und denke an dich und mich.
Ich könnte mir keinen schöneren Platz vorstellen.
Wenn du willst, fliegen wir in das Land der ewigen Sonne,
Ich fühle, dass mir etwas Neues geschieht
also halte meine Hand, Ich spüre, dass die Reise gerade erst angefangen hat
auf den Schwingen einer Nachtigall…“

Während das für Anthony nur noch ein Traum war, ging es mir tatsächlich so. Mit Jono erlebte ich die hellen Sommertage, als wäre mir alles neu. Nicht nur, weil ich verliebt, sondern weil ich gezwungen war, die Umgebung anders wahrzunehmen, wenn wir unterwegs waren. Für ihn war eine Bordsteinkante ein Hindernis, das uns zu Umwegen zwang, aber auf diesen Umwegen entdeckten wir Blumen und andere Dinge, die Jono nur sah, weil seine Perspektive der Erde so nahe war. Ein verbogener Gullideckel konnte zur Falle werden, weil dann ein Ruck durch den Rollstuhl ging, der weder für den Stuhl noch für Jono gut war. Also waren wir wachsam. So fanden wir gefleckte und gestreiften Schnecken und wundersam bunt gepunktete haarige Raupen, und wenn Jonos Reifen sie gefährdeten, klaubte ich sie von den heißen Pflastersteinen und brachte sie auf dem Grünstreifen in Sicherheit. Behutsam waren unsere Wege und immer ein Triumph, wenn wir sie geschafft hatten. Jono musste ja auch am Tag vorher daran denken, die Batterie aufzuladen. Aber es gab Vorteile. Gepäck oder Einkaufstüten konnten hinten an den Stuhl gehangen werden, Jono war also Kavalier: ich brauchte nie etwas tragen. Auf dem Heimweg kauften wir Spritzkuchen für Jono und Baumkuchen für mich, und dann saßen wir im Garten und dachten uns Geschichten zu den Wolken aus oder erzählten uns voneinander.

An einem der ersten Male, als ich ihn besuchte, sahen wir uns die Fotos von jenem ersten Nachmittag im Zoo an. „Ich fände es schön, wenn du meinen Arm um deine Schultern legen würdest“, sagte er vorsichtig. Ich folgte seiner Aufforderung mit einem Kloß im Hals, verkniff mir ein verblüfftes Lachen und aufsteigende Tränen gleichzeitig. Was musste es ihn kosten, um so etwas bitten zu müssen? Doch dann stellte ich fest, dass es gar keine Rolle spielte, wer von uns seinen Arm um mich legte – Hauptsache, es war Jonos Arm. Es fühlte sich gut und genau richtig an.

Ein andermal bat er mich, seine Hand zu heben, weil es ihn am Ohr juckte. Ich musste an den Märchenfilm „Die unendliche Geschichte“ denken, in dem der Titelheld seinem Glücksdrachen das Ohr kratzen soll, weil der alles kann, nur das nicht.
Irgendwie war Jono für mich auch so etwas wie ein Glücksdrache, der mir Kraft gab.
Rasch gewöhnte ich mich daran, seine Arme für ihn zu bewegen. Bald waren es Reflexe, die ich gar nicht mehr bewusst ausführte. Jono schleppte mich auf den Rummel, was ich noch nie gemocht hatte – aber mit ihm war es wunderbar ausgelassen und verrückt. Am liebsten hatte er den einarmigen Bandit; ich legte seine Hand auf den Hebel und er drückte ihn herunter. „Mit dir vergesse ich ganz, dass ich behindert bin“, sagte er und ich glaube, ich habe nie ein befriedigerendes Kompliment bekommen. Ich meinerseits vergaß mit ihm ebenfalls völlig, dass er behindert war.
Wir aßen Garnelenspieße und gewannen beim Büchsenwerfen einen albernen Radiergummi. Dann zog Jono zwei Hauptgewinne aus dem Loseimer und wir warteten in der Abenddämmerung absurderweise mit einem großen Wäschekorb und einem beleuchteten Ghettoblaster bewaffnet auf den Behindertenfahrdienst. Als der kam, waren zwei Stunden vergangen und wir waren durchgefroren, doch statt sich zu ärgern, hatte Jono die Zeit damit verbracht, einem fliegenden Händler das Bild eines Segelboots für einen Spottpreis abzuschwatzen.

Mit Jono wurde es nicht langweilig. Als nächstes scheuchte er mich über den nahen Minigolfplatz und erklärte mir, welchen Ball ich wie spielen musste. Er betrachtete die Bahnen genau, sah, wo sie nicht eben waren und berechnete, wie die Kugel rollen würde. Er war genial und wir hatten einen Riesenspaß dabei. Rund um den Platz sangen Nachtigallen in verblühten Fliederbüschen. Ich hatte nie zuvor echte Nachtigallen gehört. Nun war ich gleich mehreren so nahe, dass ich sie sogar sehen konnte. Sie zogen einen Kreis aus melancholisch-süßen Tönen um uns, die die Everly Brothers bei weitem übertrafen.
So war das. Anthony spielte mir Lieder von Phantasien über Nachtigallen – und mit Jono begegnete ich den wirklichen.

Nachts träumte ich von Anthony. Wir liefen über eine silberglänzende, schmerzlich schöne Eisfläche, so hell, dass sie mich blendete. Ich wusste, das Wunder des Moments würde ich nie vergessen, es brannte sich in meine Erinnerung als etwas unendlich Kostbares. Ich rutschte mehrfach aus, doch Anthony nahm meine Hand nicht. Die Eisfläche wurde immer dünner, knackte und wies Risse auf und am Horizont war statt dem Himmel Dunkles zu erkennen. Doch dann war es plötzlich nicht mehr Anthony neben mir sondern Jono. Jono gehend, nicht im Rollstuhl. Er hielt meine Hand. Der Boden war nun aus Fels und sonnenwarm unter meinen Füßen. In den Ritzen blühten Schlüsselblumen.
Ich wachte auf und holte mir ein Glas Wasser aus der Küche, der Traum machte mich hellwach und verflog nicht wie Träume sonst. Selten hatte ich mich so allein gefühlt in meiner kleinen Wohnung. Ich sehnte mich nach Jonos Lächeln: dem Lächeln, das nur in seinen Augen wohnte, da die Krankheit auch seine Gesichtsmuskeln befallen hatte. Er konnte die Mundwinkel nicht heben. Man nahm sein Lächeln erst auf den zweiten Blick wahr. Aber wer es sah, bei dem blieb es.

Kapitel 7 – Jono

Ich fuhr zur Arbeit jeden Tag zwei Stunden mit der Bahn; so hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Zum Beispiel über Tinas Einwände. Ich mochte doch Anthony nicht, weil er über vierzig, sondern weil er Anthony war! Weil er einen Zauber über die Welt und ihre Dinge legte. Weil ich mit ihm hemmungslos albern sein konnte und Verrücktheiten ausspinnen, wie mit niemand anderem. Einmal gestand ich ihm, dass ich als Kind immer Angst hatte, die Beine aus dem Bett zu hängen und immer blitzschnell aufstand, weil ich davon überzeugt war, dass in dem dunklen Raum unter dem Bett ein bösartiger grüner Kuckuck hauste, der mich bei erster Gelegenheit in die Waden zwicken würde. Nachdem Anthony mit Lachen fertig war, begann er nach und nach eine ganze Gesellschaft zu erfinden, die unter unseren Betten lebte. Da war die violette Spiegelbild-Häßlichmacher-Krabbe und der gepunktete Heimlich-den-Wecker-ausschalter-Specht, ganz abgesehen von dem neonroten Konto-Haben-Schlucker-Fisch. Dass er für so etwas theoretisch zu alt war, kam ihm nicht in den Sinn. Vielleicht muss man erst über vierzig sein um so jung sein zu können. Er las auch einmal einen Artikel darüber, dass man zweiunddreißig Muskeln braucht, um ein grimmiges Gesicht zu machen. Um zu lachen benutzt man nur siebzehn. Von da an nannte er einen Lachanfall „Faulheitsanfall.“ Und davon hatten wir viele. Ich mochte auch sein süffisantes Grinsen, was er „Snirgen“ nannte; das sei eine gesteigerte Form von Grinsen, sagte er. Das Wort „Snirgen“ drücke gleichzeitig mehr Satire und mehr Zärtlichkeit gegenüber liebenswerter Unsinnigkeiten aus. Anthony mochte auch Unfug, unterteilte den aber sorgfältig in „Grobfug“, „Großfug, „Kleinfug“ und „Feinfug“ (den mochten wir am liebsten).
War es ein Wunder, dass ich mit so einem Mann befreundet war und ihn hätte lieben können, wenn er es zugelassen hätte? Und dennoch war alles bittersüß mit ihm. Im Hintergrund lauerte auch Dunkles, nicht nur seine Krankheit. Anthony war aus vielen Gründen nur auf Zeit und nur eingeschränkt lebenstauglich.

Und Jono? Was zog mich so zu ihm hin?
Um Jono zu beschreiben, erzähle ich am besten, was ich über ihn erfuhr, als ich ihn das erste Mal besuchte. Da erst konnte ich mir ein Bild von seinem Leben machen.
Es dauerte lange, ehe er die Tür öffnete. So einfache Dinge sind mühsam, wenn man im Rollstuhl sitzt, der Flur eng ist und man die Arme nicht heben kann. Aber von solchen Kleinigkeiten ließ sich Jono nie beirren.
Im Zimmer blieb mein Blick an einem glänzenden Pokal hängen, der neben dem Telefon stand.
„Der ist daran schuld, dass ich die Annonce aufgegeben habe!“ bemerkte Jono.
„Erzähl!“
Doch er zeigte mir erst das Haus, und langsam erfuhr ich wie er sich alles erkämpfen musste.
Er war verheiratet gewesen, doch seine Frau hatte ihn vor über drei Jahren verlassen während er zu einer Kur war, eine Weile nachdem er in den Rollstuhl gekommen war. Das hatte er erst mal verdauen müssen und bewies sich nun mit Nachdruck, dass er auch allein zurechtkam.
Beim Kaffee erzählte er mir, was ihn dann doch bewogen hatte, an jenem Tag die Zeitung anzurufen, und wie sein Alltag aussah.
Die Sache mit dem Pokal war in der Kurklinik geschehen, in der Jono jährlich neue Kraft sammelte. Dort gab es freundliche Menschen, die für ihn seine Arme und Beine bewegten und versuchten, seine Halsmuskeln zu stärken, damit er den Kopf besser aufrecht halten konnte. Sie untersuchten sein Blut und redeten von Kalium- und Eisenwerten, als könne man daran messen, wie viel man zum Leben taugt.

Am liebsten sauste er mit seinem Elektrorollstuhl durch den Kurpark. Da gab es einen Rosengarten, in dem Duft fast greifbar über den Wegen lag und in dem sich gelegentlich Pärchen küssten. Meist aber waren die Menschen, die hier saßen und fröstelnd Sonnenstrahlen einfingen, doppelt so alt wie Jono. In der Mitte war ein gewaltiger Springbrunnen, der bei Nacht strahlend beleuchtet war. Eines Abends musste man Jono suchen, denn er hatte dort die Zeit vergessen. Ihm war, als sähe er in den schimmernden Fontänen Träume, die zu verfolgen sich lohnen würde. Alls er schließlich zurückfahren wollte, war die Batterie seines Rollstuhls leer. Als eine Schwester ihn fand, hatte er sehr kalte Hände und Füße, und sie brachte ihm später Wärmflaschen ins Zimmer.
Einmal gab es ein Konzert im Kurpark. „Kommst du mit? Ich lade euch ein“, fragte Jono Anja, die Krankengymnastin, die so hell und gerne lachte. Es war ein lustiger Abend. Anja und ihr Freund hielten sich bei der Hand, und Jono machte Witze. Er gönnte sich mit ihnen ein Bier. Zum Trinken brauchte er einen Strohhalm, weil er das Glas nicht heben konnte. An einem Freitagnachmittag mit sanftem Wetter wurde ein Wettbewerb für Rollstuhlfahrer veranstaltet. Es gab eine Menge Rollstuhlfahrer im Kurort. Jono war der erste von vielen, der sich für den Wettbewerb anmeldete. Ein erstaunlich großes Publikum versammelte sich an der Rennstrecke, auf der Slalom gefahren werden sollte und abenteuerliche Hindernisse überwunden werden mussten. Es gab mehrere Durchgänge. Jono wurde immer aufgeregter. Er schlug sich gut. Der dritte Platz war ihm schon sicher, doch er war keiner, der sich mit einem dritten Platz zufrieden gab. Es gab einen Pokal zu gewinnen, und den wollte er. Wann würde er jemals wieder eine solche Chance bekommen? Gegen ihn fuhren noch ein langer junger Mann mit einem roten Hahnenkamm und eine strubbelige blonde Frau, die auch nicht viel älter aussah. Der junge Mann verpasste im Slalom eine Stange und schied aus. Jono und die Frau fuhren beide eine perfekte Runde, und der Schiedsrichter, der eine enorme Stoppuhr hielt, als könne er damit das Geschick der Welt bestimmen, stellte auf die Sekunde genau die gleiche Zeit fest. Er verkündete ein Stechen.
Nun kam es darauf an. Jono musterte noch einmal den Parcours. Es gab nur eine einzige Stelle, an der er noch eine Sekunde einsparen konnte. Das eine Hindernis bestand aus einer Wippe. Man musste langsam hinauffahren, bis die Wippe kippte und einen auf der anderen Seite herunterließ. Das erforderte einiges Geschick. Sehr leicht konnte man dabei aus dem Stuhl fallen, oder mit dem Stuhl stürzen, oder gar den Stuhl beschädigen, auf den Jono doch angewiesen war, als sei er ein Körperteil von ihm.
Die Frau fuhr als erste. Ihr Stuhl war kleiner und wendiger als Jonos. Sie nahm die Kurven sehr eng und verbesserte sich um anderthalb Sekunden. Das würde schwer werden. Jono legte den Hebel ganz nach vorn und sauste mit angehaltenem Atem um die Slalomstangen, über die Bretterbrücke, durch die Rinne. Es holperte mächtig und er flog im Sitz auf und ab, rutschte gefährlich weit nach vorn. Nur der Gurt hielt ihn noch einigermaßen. Er konnte solche Stöße nicht mit Muskelkraft ausgleichen wie gesunde Menschen, konnte sich nicht zurechtrücken, wenn er in Schieflage geriet.
Dann kam nur noch die Wippe. Er fuhr wild entschlossen darauf zu und drückte statt abzubremsen den Hebel so weit nach vorn wie möglich. Es klapperte gewaltig, als der schwere Stuhl über das Aluminium schoss. Mit einem gewaltigen Ruck kippte die Wippe nach vorn. Der Stuhl ächzte, Jono rutschte noch ein Stück vom Sitz, sein Kopf, den er auch sonst schon kaum oben halten konnte, flog erst nach hinten, dann nach vorn. Das Publikum schrie auf. Die Vorderkante der Wippe knallte auf den Boden und schoss Jono und seinen Stuhl über die Ziellinie.
Der Mann mit der Stoppuhr holte tief Luft und rief: „Sieg! Sieg für Jonathan Reimer! Er war eine ganz Sekunde schneller! Wir gratulieren!“ Die Lokalpresse war da, befragte und fotografierte. Der Bürgermeister selbst überreichte Jono den Pokal. Jono konnte den Arm nicht heben, um ihn entgegenzunehmen, aber der Bürgermeister war geduldig, steckte ihm die glänzende Trophäe mit dem Marmorsockel in die Hand und schloss seine Finger darum. Andere Patienten aus der Klinik gratulierten ihm, auch Anja mit ihrem Rainer.
Jono war voll Freude und Stolz, doch eines war blitzartig klar in ihm wie ein Sonnenaufgang: der Bürgermeister war ein Fremder. Die anderen Patienten, Anja, alles Fremde. Niemand von den Menschen, die sich höflich mit ihm freuten, gehörte zu ihm, Jono. Keiner küsste ihn und war stolz auf ihn, niemand war ein Teil seines Glücks. Beim nächsten Mal, wenn er hierher reiste auf der Suche nach seiner Kraft, wollte er nicht mehr allein durch den Rosengarten fahren und nicht einsam nachts an dem märchenhaft beleuchteten Springbrunnen stehen.
Das war der Tag gewesen, an dem er beschloss, dass sich etwas ändern musste.

Doch nach seiner Rückkehr fand er sich erst einmal im Alltag wieder, und schon am nächsten Tag ging er zur Arbeit, wie es sich für einen Alltag gehört. Nur, dass Jono eben nicht zur Arbeit ging. Die Morgen begannen für Jono damit, dass er im Dunkeln auf das Knirschen des Schlüssels wartete, mit dem sich die Krankenschwester vom Sozialdienst in sein Haus ließ. Nur die leuchtenden Ziffern des Weckers sagten ihm, wie spät es war. Er konnte die Fensterläden nicht öffnen. Er konnte die Tür nicht öffnen. Er konnte sich nicht aufrichten.
Er konnte nur warten.
Manchmal wachte er in der Nacht auf und fror. Dann war die Decke von seinen Beinen gerutscht, als er den elektrischen Lattenrost verstellte, der es ihm erlaubte, seine Lage ein wenig zu verändern. Es gab keinen Weg, die Decke zurückzuholen. Der Wecker sagte meist, dass Jono noch sehr lange auf Hilfe würde warten müssen. Er hatte dann viel Zeit zum Träumen. Träumen ist schwer, wenn man friert. Aber Jono träumte trotzdem. Er hielt der Nacht Tagträume entgegen wie eine Fahne, erinnerte sich an das Leuchten des Springbrunnens, in dem soviel Versprechen war.
Wenn der Zeiger auf sechs Uhr kroch und eine Schwester kam, war sie manchmal nett und manchmal mürrisch. Manchmal kannte er sie schon, oft war sie ihm fremd. Manche überraschten ihn mit einem Lächeln, das den Morgen hell machte. Andere waren jung und ratlos. Sie trugen eine Frisur wie Pumuckel und fragten mit einem Kaugummi im Mund: „Was steht’n an?“
„Aufstehen, bitte.“ Aufstehen und leben, hätte er gern gesagt.
Im Flur und an anderen Stellen der Wohnung klebten Zettel. Darauf hatte Jono Gebrauchsanweisungen für sich selbst geschrieben, damit er nicht jeden Handgriff immer wieder erklären musste. Meistens musste er es doch. Er erklärte, wie man ihn auf die linke Seite drehen, seine Beine anwinkeln und ihn am rechten Arm vorsichtig hochziehen konnte, so dass er auf der Bettkante zu sitzen kam, ohne die Balance zu verlieren. Wo man seine Hand hinlegen musste, damit es ihm möglich war, sich abzustützen. Wie man ihn behutsam an der Hose in einen Schrägsitz zog und ihm dann den Rollstuhl unter den Oberschenkel schob, während er mit dem Schalter das Bett nach oben fuhr, so dass er dann vollends auf den Stuhl gezogen werden konnte. Mit dem Rest Kraft in seinen Füßen, Unterarmen und Händen half er mit, so gut es ging.
Es war mühsam und ermüdend, doch draußen riefen die Vögel den Tag aus, und den wollte Jono nicht verschwenden. Er wollte zur Arbeit, wie jeder andere auch. Nur vor der Arbeit, da war eben einiges zu tun. Die Arbeit musste er sich erst verdienen, indem er den Tag in Angriff nahm. War er im Büro, hatte er schon gewonnen.

Manchmal verspätete sich die Schwester auch oder kam gar nicht. Dann war er nicht nur gezwungen, den Notruf benutzen, sondern auch einen Urlaubstag zu nehmen.
Wenn er Pech hatte, hatte die Schwester nicht einmal seine Akte gelesen, so dass er ihr auch noch seine Krankheit erklären musste. Dass er eines Tages als junger Mann an einem Sommertag im Strandbad nicht mehr allein hatte aus dem Sand aufstehen können. Dass er sofort geahnt hatte, was der Grund war, da auch sein Vater an der Krankheit litt. Diese Krankheit stahl die Kraft aus seinen Oberarmen und Oberschenkeln und seinen Halsmuskeln. Sie stahl schließlich seine Schritte und sein Lächeln, und er konnte seine Hand auch nicht mehr zur Faust ballen.
Doch er ballte seinen Willen, und er lebte und ging arbeiten, in dasselbe Büro wie früher, wo er jemand blieb, den alle um Rat fragten und um Hilfe baten und zu dem sie gern mit ihren Sorgen kamen oder ein Schwätzchen hielten. Jono war es, der eine Fußballwette ins Leben rief und Woche für Woche in Gang hielt, und bei Jono wurden die Geburtstagsfeiern veranstaltet, denn er hatte die besten Ideen, welche Spiele das Lachen in den Arbeitsalltag riefen.
Im Büro war ihm auch ein warmes Mittagessen sicher, das ihm ein Kollege aus der Kantine mitbrachte, denn für Jono war es schwer genug, aus dem Rollstuhl auf seinen Schreibtischstuhl zu rutschen. Auf dem blieb er dann, bis Feierabend war und er sich zurück in den Rollstuhl mühte. Von da half ihm jemand ins Auto, mit dem er sich durch den Berufsverkehr fädelte. Wenn er zuhause in die Garage fuhr, konnte er nur hoffen, dass die Schwester vom Spätdienst schon da und noch nicht wieder weg war. Oft saß er lange in der Garage und wartete, bis sie auftauchte und ihm ins Haus half. Wenn niemand kam, hupte er, bis die Nachbarn ihn hörten und ihm seinen Rollstuhl brachten.
Die Schwester musste immer rasch wieder weg. Sie stellte ihm noch ein Käsebrot auf den Tisch und verabschiedete sich. Wenn der Käse verschimmelt war oder der Tisch umfiel, weil Jono versehentlich dagegen stieß, hatte er Pech. Den Rest des Abends war er auf sich allein gestellt. Er hatte eine Technik entwickelt, wie er auf das Sofa rutschen konnte und später zurück, sich dann mit winzigen Fußbewegungen ins Bad rollte, wo er hoffen musste, dass weder die Schwester noch die Reinigungskraft die Seife und die Zahnbürste dahin gelegt hatte, wo er sie nicht erreichen konnte. Wenn er richtig Glück und die Schwester die Bettdecke genau nach Anweisung gefaltet hatte, konnte er ins Bett rutschen, seine Beine mit aller verbliebenen Kraft hinterher schwingen und mit einem Ruck die Decke über sich ziehen. Einen zweiten Versuch hatte er nicht, da er sich nicht wieder aufrichten konnte.

Am Tag vor Heiligabend war Jono allein und die Stille lastete auf ihm. Er hatte sich ein großes Geschenk gemacht, eine Stereoanlage mit einer Fernbedienung. Sie war am Vortag mit der Post gekommen. Nun stand der Karton vor ihm, und Jono hatte Sehnsucht nach Musik. Doch die Schwester hatte weder Zeit noch technisches Geschick. Sie war längst gegangen. Die Nachbarn waren alt.
Jono angelte nach dem Telefon und rief am Taxistand an.
„Ich möchte einen Wagen in die Kranichstraße fünf“, sagte er. „Aber ich brauche jemanden, der eine Stereoanlage aufbauen und anschließen kann.“ Nachdem er seinen überraschenden Wunsch erklärt hatte, war der Taxifahrer gern dazu bereit. So bekam Jono seine Musik, von der er sich forttragen ließ, als sei er frei.
Den kleinen Baum im Topf, den seine Mutter schmückte und zu dem sie ein liebevolles Festtagsmenü kochte, pflanzten sie nach den Feiertagen in eine Ecke des Gartens. Die Erde war gerade noch weich genug, denn Frost und Schnee kamen erst zu Silvester. Und Jono, der niemanden gehabt hatte, der seine Hand hielt und sich an ihn kuschelte, als die Kerzen am Weihnachtsbaum brannten, fiel ein, dass er schon beim dem Gewinn des Pokals sich selbst versprochen hatte, etwas zu ändern. Er schwor sich, dass gemeinsam mit dem Baum im neuen Jahr in seinem Leben endlich etwas Neues wachsen würde. Er hatte seine Musik bekommen, wenn auch auf ungewöhnlichem Wege. Er würde auch eine Liebe finden.

Doch es wurde Frühling bevor er den ersten Schritt unternahm. An dem Tag, an dem er die Zeitung anrufen wollte, kamen ständig Kollegen mit Fragen, und es wurden Gespräche daraus, die Minute um Minute verschluckten. Fast hätte er es wieder vergessen. Dann rief ihn sein Onkel an, der sonst nie im Büro anrief. „Wolltest du nicht etwas wegen einer neuen Beziehung unternehmen?“ fragte er. So war es neun vor zwölf, neun Minuten vor Redaktionsschluss, als Jono nach dem Telefon griff und dem Fremden aus dem Stegreif eilig einen kurzen Text diktierte. Der Redakteur wollte die Anzeige eigentlich gar nicht mehr annehmen, aber Jono war auf einmal fest entschlossen, noch heute die Zukunft zu beginnen.
„Die Sache mit dem Mut fiel mir eben als erstes ein; ich habe nicht weiter darüber nachgedacht“, sagte Jono jetzt.
Hätte er die Anzeige an jenem Tag nicht im letzten Moment aufgegeben, so dass sie statt bei den anderen Kontaktanzeigen ganz unten zwischen der Werbung und den Jobangeboten gelandet war, hätte ich sie nie gelesen.
Nachdenklich drehte ich den Pokal in meiner Hand. Hätte Jono damals nicht gewonnen, wer weiß, wann er sich zu dem Versuch einer neuen Beziehung aufgerafft hätte. Aber Jono wäre nicht Jono, wenn er nicht gewonnen hätte, wenn er nicht volles Risiko bei den Hindernissen gegangen wäre.
Das war ein Teil von dem, was mich anzog. Er strahlte ein Leuchten aus und eine Stärke, an die ich mich anlehnen konnte. Das war mir völlig neu. Ich hatte noch nicht einmal gewusst, dass ich den Wunsch verspürte, mich anzulehnen.

Bevor ich ging, wollte Jono mir noch seinen kleinen, geliebten Garten zeigen. Als ich aus der Tür trat, lief mir spinnengleich ein Schauer den Rücken hoch. Ich war mir nicht sicher ob das von einem Gruseln herrührte oder einem erschrockenen Glücksgefühl. Vor mir lag ein kleiner Hof mit quadratischen grauen Steinfliesen, und von links neigte sich schützend eine alte Zeder mit rauer Rinde. Hinter einem Torbogen, an dem blaue Winden rankten, lag ein grüner Rasen, auf dem noch ein Baum stand. Rechts blühten Sonnenblumen und der Sommerflieder, dessen erste Blüte mir Jono in einem Brief geschickt hatte.
Das war der Garten, der auf der Zeichnung von Anthony zu sehen war, die über meinem Schreibtisch hing.
„Ist was?“ fragte Anthony.
Ich schluckte. „Nein – ich hatte nur gerade das Gefühl, diesen Garten zu kennen.“
Unwillkürlich sah ich zu der Stelle bei den Sonnenblumen, an die Anthony im Bild meine weißen Sandalen gezeichnet hatte. Natürlich war da nichts.
„Moment“, sagte ich, zog sie aus und stellte sie genau dort hin. Dann folgte ich Anthony barfuss auf den Rasen. Es fühlte sich richtig an.
Nur das kleine Gespenst, das Anthony auf einer Schaukel am Baum sitzend gezeichnet hatte, sah ich nicht – und doch war mir, als wäre es anwesend.

Kapitel 6 – Altersfragen

Am nächsten Morgen schlug das Wetter um. Aus dem Himmel war das Licht verschwunden und ich fröstelte in meinem Sommerkleid. Wie immer traf ich Tina auf dem Bahnhof. Das erste Stück unseres Arbeitsweges war dasselbe. Sie beugte sich sofort vor und spähte mir ins Gesicht. „Du bist verliebt!“ diagnostizierte sie vorwurfsvoll. „Dabei habe ich gerade so einen netten Typen kennen gelernt, den ich dir vorstellen wollte. Der passt total zu dir. Sag mal, ist dir eigentlich klar, was du mit einem Rollstuhlfahrer alles nicht machen kannst?“
Was ich nicht mit Jono würde machen können? Nun, tanzen wahrscheinlich. Ich hasste Tanzen. Der Abschlussball meiner Tanzstunde bereitete mir nach fünfzehn Jahren immer noch Alpträume. Ich war meinem Vater dreimal auf den Fuß getreten und mein völlig fremder Tischnachbar interessierte sich für alle außer für mich. Hand in Hand am Strand spazieren gehen? Ja, schade, aber es gab andere Dinge, zum Beispiel Lose ziehen oder Eisbären mit Seifenblasen necken. In den Bergen wandern? Hatte ich immer gerne gemacht, aber muss ein Weg zu einem Gipfelkreuz auf zweitausend Meter führen um im siebten Himmel zu enden?
Ich war – im Gegensatz zu Tina, für die das immer noch galt – nie die Sorte Mädchen gewesen, die rosa Kleider liebt und davon träumt, von einem Ritter auf einem weißen Pferd entführt zu werden. Aber nun war Jono ganz unvorhergesehen auf einem summenden pflaumenfarbenen Rollstuhl in mein Leben gestürmt. Wieso nicht?
Damals hatten die Ritter nur Pferde. Heute war das eben anders.

„Wieso stehst du eigentlich immer auf ältere Männer?“ bohrte Tina weiter. „Himmel, es gibt doch genug in deinem Alter. Denk an Nick.“
Nick war mein Nachbar. Tina fand ihn toll. Ich auch. Als Freund. Ich konnte um Mitternacht mit ihm Bananeneis machen oder den Vollmond fotografieren. Mehr nicht.
„Oder Jakob!“
Mit Jakob war ich schon in der Schule befreundet. Wir züchteten eine Weile zusammen Aquarienfische im Keller und verkauften sie gewinnbringend an die Zoohandlung. Tina – überflüssig zu erwähnen – fand ihn süß.
Aber „süß“ war für mich nicht das Maß aller Dinge. „Ich habe mir mit fünf geschworen, mal einen Mann mit weißem Bart zu heiraten“, erinnerte ich mich. Damals war ich ebenso wie alle Mädchen der Nachbarschaft unsterblich in Onkel Horst Amtage verliebt, einen Freund meiner Eltern. Jonos Bart war zwar nicht weiß, doch das konnte ja noch kommen. Aber Tina ließ sich nicht mit albernen Geschichten ablenken.
„Männer mit Bart müssen nicht alt sein. Hast du einen Vaterkomplex?“
Ich dachte nach. Nein. Mein Vater war ein ganz normaler Vater, der sich benahm wie Väter es tun und auch in ausreichendem Maße in meinem Leben anwesend war. Da war aber noch mein Bruder Ralf. Er war ganze zwölf Jahre älter als ich und wenn er seine Kameraden mitbrachte, war es immer lustig. Man konnte sich gut mit ihnen unterhalten. Die Jungs in meiner Klasse kamen mir dagegen albern vor. Außerdem waren sie wesentlich weniger nett zu mir. Sie lachten über meine Nase, die schneller wuchs als ich. Außerdem war ich immer diejenige, die beim Sport als allerletzte in die Mannschaft gewählt wurde. Mit Recht. Das einzige was ich konnte, was Seilklettern. Das tat ich dann auch; dort konnte mich nicht einmal der Lehrer herunterholen.
Vermutlich setzte ich seitdem einfach voraus, dass Gleichaltrige mich nicht attraktiv fanden. Es gab auch jede Menge Interessenskonflikte. Ich spielte lieber mit Erde als mit Mascara und zog den freien Himmel flackernden Lampen vor. Als die anderen anfingen, für Kino und Discos zu schwärmen, konnte ich mich für beides nicht begeistern. Viel schöner waren weite Fahrradtouren mit Ralf und seinen Kumpels.
„Vielleicht bin ich es einfach so gewöhnt.“ Außerdem: ältere Männer haben Geschichten in den Augen, dachte ich. Aber das hätte Tina nie verstanden.
„Wenn sie wenigstens nur alt wären….“
„Fünfundvierzig ist doch nicht alt“, protestierte ich.
„…sondern auch noch krank! Ist wohl eher ein Helfersyndrom! Du, das ist keine Grundlage für eine Beziehung!“
„Als ich Anthony kennen lernte wusste ich nicht, dass er krank ist. Und wann habe ich irgendwas von Beziehung gesagt? Ich hatte mit Jono einfach einen schönen Nachmittag.“
Helfersyndrom! Wer weiß? Natürlich, bei meinem Beruf war das naheliegend. Aber Anthony zum Beispiel hatte so gut wie nie Hilfe gefordert. Und Jono? Abgesehen von der einen oder anderen kleinen Handreichung hatte er überhaupt nicht den Eindruck gemacht, hilfsbedürftig zu sein.

Das Verrückte war, dass ich mich seit Jahren nicht so jung gefühlt hatte wie an diesem Tag mit Jono. Darüber wollte ich jetzt nicht nachdenken, ich wollte es genießen. Wahrscheinlich würde es ohnehin eine einmalige Erinnerung bleiben. Vielleicht fand er mich ja zu jung?
„Dein Zug kommt!“ sagte ich zu Tina.
„Denk lieber noch mal nach!“ riet sie, während sie ihren Mantel mit dem Leopardenprint zusammenraffte und mit hochhackigen Stiefeln wackelig die Stufen zum Waggon erklomm. Ich konnte den Schuhtick vieler Frauen nie begreifen. Ich besitze genau zwei Paar Schuhe: Sandalen für den Sommer und halbe Stiefel für den Winter. Sie müssen bequem sein und von A nach B durchhalten. Hohe Hacken gehen gar nicht, ich brauche die Bodenhaftung.
Ich sah Tinas Zug nach. Wenn ich ehrlich war, war ich meist ganz froh gewesen, dass zwischen Anthony und mir eine letzte Distanz geblieben war. Da waren wir also wieder beim Mut. Rollstuhl hin oder her, hatte ich denn überhaupt den Mut zu einer Beziehung?
„Entschuldigung, haben Sie vielleicht ein Taschentuch, bitte?“ sprach mich eine atemlose Mutter mit einem schokoverschmierten Kleinkind an. Ich wühlte in meinem Rucksack und zog etwas Weiches heraus. Es war der Koalabär, den Jono gewonnen hatte. Fragend sah er mich an.
Vermutlich würde ich es bald herausfinden, das mit dem Mut.

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