Kapitel 7 – Jono

Ich fuhr zur Arbeit jeden Tag zwei Stunden mit der Bahn; so hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Zum Beispiel über Tinas Einwände. Ich mochte doch Anthony nicht, weil er über vierzig, sondern weil er Anthony war! Weil er einen Zauber über die Welt und ihre Dinge legte. Weil ich mit ihm hemmungslos albern sein konnte und Verrücktheiten ausspinnen, wie mit niemand anderem. Einmal gestand ich ihm, dass ich als Kind immer Angst hatte, die Beine aus dem Bett zu hängen und immer blitzschnell aufstand, weil ich davon überzeugt war, dass in dem dunklen Raum unter dem Bett ein bösartiger grüner Kuckuck hauste, der mich bei erster Gelegenheit in die Waden zwicken würde. Nachdem Anthony mit Lachen fertig war, begann er nach und nach eine ganze Gesellschaft zu erfinden, die unter unseren Betten lebte. Da war die violette Spiegelbild-Häßlichmacher-Krabbe und der gepunktete Heimlich-den-Wecker-ausschalter-Specht, ganz abgesehen von dem neonroten Konto-Haben-Schlucker-Fisch. Dass er für so etwas theoretisch zu alt war, kam ihm nicht in den Sinn. Vielleicht muss man erst über vierzig sein um so jung sein zu können. Er las auch einmal einen Artikel darüber, dass man zweiunddreißig Muskeln braucht, um ein grimmiges Gesicht zu machen. Um zu lachen benutzt man nur siebzehn. Von da an nannte er einen Lachanfall „Faulheitsanfall.“ Und davon hatten wir viele. Ich mochte auch sein süffisantes Grinsen, was er „Snirgen“ nannte; das sei eine gesteigerte Form von Grinsen, sagte er. Das Wort „Snirgen“ drücke gleichzeitig mehr Satire und mehr Zärtlichkeit gegenüber liebenswerter Unsinnigkeiten aus. Anthony mochte auch Unfug, unterteilte den aber sorgfältig in „Grobfug“, „Großfug, „Kleinfug“ und „Feinfug“ (den mochten wir am liebsten).
War es ein Wunder, dass ich mit so einem Mann befreundet war und ihn hätte lieben können, wenn er es zugelassen hätte? Und dennoch war alles bittersüß mit ihm. Im Hintergrund lauerte auch Dunkles, nicht nur seine Krankheit. Anthony war aus vielen Gründen nur auf Zeit und nur eingeschränkt lebenstauglich.

Und Jono? Was zog mich so zu ihm hin?
Um Jono zu beschreiben, erzähle ich am besten, was ich über ihn erfuhr, als ich ihn das erste Mal besuchte. Da erst konnte ich mir ein Bild von seinem Leben machen.
Es dauerte lange, ehe er die Tür öffnete. So einfache Dinge sind mühsam, wenn man im Rollstuhl sitzt, der Flur eng ist und man die Arme nicht heben kann. Aber von solchen Kleinigkeiten ließ sich Jono nie beirren.
Im Zimmer blieb mein Blick an einem glänzenden Pokal hängen, der neben dem Telefon stand.
„Der ist daran schuld, dass ich die Annonce aufgegeben habe!“ bemerkte Jono.
„Erzähl!“
Doch er zeigte mir erst das Haus, und langsam erfuhr ich wie er sich alles erkämpfen musste.
Er war verheiratet gewesen, doch seine Frau hatte ihn vor über drei Jahren verlassen während er zu einer Kur war, eine Weile nachdem er in den Rollstuhl gekommen war. Das hatte er erst mal verdauen müssen und bewies sich nun mit Nachdruck, dass er auch allein zurechtkam.
Beim Kaffee erzählte er mir, was ihn dann doch bewogen hatte, an jenem Tag die Zeitung anzurufen, und wie sein Alltag aussah.
Die Sache mit dem Pokal war in der Kurklinik geschehen, in der Jono jährlich neue Kraft sammelte. Dort gab es freundliche Menschen, die für ihn seine Arme und Beine bewegten und versuchten, seine Halsmuskeln zu stärken, damit er den Kopf besser aufrecht halten konnte. Sie untersuchten sein Blut und redeten von Kalium- und Eisenwerten, als könne man daran messen, wie viel man zum Leben taugt.

Am liebsten sauste er mit seinem Elektrorollstuhl durch den Kurpark. Da gab es einen Rosengarten, in dem Duft fast greifbar über den Wegen lag und in dem sich gelegentlich Pärchen küssten. Meist aber waren die Menschen, die hier saßen und fröstelnd Sonnenstrahlen einfingen, doppelt so alt wie Jono. In der Mitte war ein gewaltiger Springbrunnen, der bei Nacht strahlend beleuchtet war. Eines Abends musste man Jono suchen, denn er hatte dort die Zeit vergessen. Ihm war, als sähe er in den schimmernden Fontänen Träume, die zu verfolgen sich lohnen würde. Alls er schließlich zurückfahren wollte, war die Batterie seines Rollstuhls leer. Als eine Schwester ihn fand, hatte er sehr kalte Hände und Füße, und sie brachte ihm später Wärmflaschen ins Zimmer.
Einmal gab es ein Konzert im Kurpark. „Kommst du mit? Ich lade euch ein“, fragte Jono Anja, die Krankengymnastin, die so hell und gerne lachte. Es war ein lustiger Abend. Anja und ihr Freund hielten sich bei der Hand, und Jono machte Witze. Er gönnte sich mit ihnen ein Bier. Zum Trinken brauchte er einen Strohhalm, weil er das Glas nicht heben konnte. An einem Freitagnachmittag mit sanftem Wetter wurde ein Wettbewerb für Rollstuhlfahrer veranstaltet. Es gab eine Menge Rollstuhlfahrer im Kurort. Jono war der erste von vielen, der sich für den Wettbewerb anmeldete. Ein erstaunlich großes Publikum versammelte sich an der Rennstrecke, auf der Slalom gefahren werden sollte und abenteuerliche Hindernisse überwunden werden mussten. Es gab mehrere Durchgänge. Jono wurde immer aufgeregter. Er schlug sich gut. Der dritte Platz war ihm schon sicher, doch er war keiner, der sich mit einem dritten Platz zufrieden gab. Es gab einen Pokal zu gewinnen, und den wollte er. Wann würde er jemals wieder eine solche Chance bekommen? Gegen ihn fuhren noch ein langer junger Mann mit einem roten Hahnenkamm und eine strubbelige blonde Frau, die auch nicht viel älter aussah. Der junge Mann verpasste im Slalom eine Stange und schied aus. Jono und die Frau fuhren beide eine perfekte Runde, und der Schiedsrichter, der eine enorme Stoppuhr hielt, als könne er damit das Geschick der Welt bestimmen, stellte auf die Sekunde genau die gleiche Zeit fest. Er verkündete ein Stechen.
Nun kam es darauf an. Jono musterte noch einmal den Parcours. Es gab nur eine einzige Stelle, an der er noch eine Sekunde einsparen konnte. Das eine Hindernis bestand aus einer Wippe. Man musste langsam hinauffahren, bis die Wippe kippte und einen auf der anderen Seite herunterließ. Das erforderte einiges Geschick. Sehr leicht konnte man dabei aus dem Stuhl fallen, oder mit dem Stuhl stürzen, oder gar den Stuhl beschädigen, auf den Jono doch angewiesen war, als sei er ein Körperteil von ihm.
Die Frau fuhr als erste. Ihr Stuhl war kleiner und wendiger als Jonos. Sie nahm die Kurven sehr eng und verbesserte sich um anderthalb Sekunden. Das würde schwer werden. Jono legte den Hebel ganz nach vorn und sauste mit angehaltenem Atem um die Slalomstangen, über die Bretterbrücke, durch die Rinne. Es holperte mächtig und er flog im Sitz auf und ab, rutschte gefährlich weit nach vorn. Nur der Gurt hielt ihn noch einigermaßen. Er konnte solche Stöße nicht mit Muskelkraft ausgleichen wie gesunde Menschen, konnte sich nicht zurechtrücken, wenn er in Schieflage geriet.
Dann kam nur noch die Wippe. Er fuhr wild entschlossen darauf zu und drückte statt abzubremsen den Hebel so weit nach vorn wie möglich. Es klapperte gewaltig, als der schwere Stuhl über das Aluminium schoss. Mit einem gewaltigen Ruck kippte die Wippe nach vorn. Der Stuhl ächzte, Jono rutschte noch ein Stück vom Sitz, sein Kopf, den er auch sonst schon kaum oben halten konnte, flog erst nach hinten, dann nach vorn. Das Publikum schrie auf. Die Vorderkante der Wippe knallte auf den Boden und schoss Jono und seinen Stuhl über die Ziellinie.
Der Mann mit der Stoppuhr holte tief Luft und rief: „Sieg! Sieg für Jonathan Reimer! Er war eine ganz Sekunde schneller! Wir gratulieren!“ Die Lokalpresse war da, befragte und fotografierte. Der Bürgermeister selbst überreichte Jono den Pokal. Jono konnte den Arm nicht heben, um ihn entgegenzunehmen, aber der Bürgermeister war geduldig, steckte ihm die glänzende Trophäe mit dem Marmorsockel in die Hand und schloss seine Finger darum. Andere Patienten aus der Klinik gratulierten ihm, auch Anja mit ihrem Rainer.
Jono war voll Freude und Stolz, doch eines war blitzartig klar in ihm wie ein Sonnenaufgang: der Bürgermeister war ein Fremder. Die anderen Patienten, Anja, alles Fremde. Niemand von den Menschen, die sich höflich mit ihm freuten, gehörte zu ihm, Jono. Keiner küsste ihn und war stolz auf ihn, niemand war ein Teil seines Glücks. Beim nächsten Mal, wenn er hierher reiste auf der Suche nach seiner Kraft, wollte er nicht mehr allein durch den Rosengarten fahren und nicht einsam nachts an dem märchenhaft beleuchteten Springbrunnen stehen.
Das war der Tag gewesen, an dem er beschloss, dass sich etwas ändern musste.

Doch nach seiner Rückkehr fand er sich erst einmal im Alltag wieder, und schon am nächsten Tag ging er zur Arbeit, wie es sich für einen Alltag gehört. Nur, dass Jono eben nicht zur Arbeit ging. Die Morgen begannen für Jono damit, dass er im Dunkeln auf das Knirschen des Schlüssels wartete, mit dem sich die Krankenschwester vom Sozialdienst in sein Haus ließ. Nur die leuchtenden Ziffern des Weckers sagten ihm, wie spät es war. Er konnte die Fensterläden nicht öffnen. Er konnte die Tür nicht öffnen. Er konnte sich nicht aufrichten.
Er konnte nur warten.
Manchmal wachte er in der Nacht auf und fror. Dann war die Decke von seinen Beinen gerutscht, als er den elektrischen Lattenrost verstellte, der es ihm erlaubte, seine Lage ein wenig zu verändern. Es gab keinen Weg, die Decke zurückzuholen. Der Wecker sagte meist, dass Jono noch sehr lange auf Hilfe würde warten müssen. Er hatte dann viel Zeit zum Träumen. Träumen ist schwer, wenn man friert. Aber Jono träumte trotzdem. Er hielt der Nacht Tagträume entgegen wie eine Fahne, erinnerte sich an das Leuchten des Springbrunnens, in dem soviel Versprechen war.
Wenn der Zeiger auf sechs Uhr kroch und eine Schwester kam, war sie manchmal nett und manchmal mürrisch. Manchmal kannte er sie schon, oft war sie ihm fremd. Manche überraschten ihn mit einem Lächeln, das den Morgen hell machte. Andere waren jung und ratlos. Sie trugen eine Frisur wie Pumuckel und fragten mit einem Kaugummi im Mund: „Was steht’n an?“
„Aufstehen, bitte.“ Aufstehen und leben, hätte er gern gesagt.
Im Flur und an anderen Stellen der Wohnung klebten Zettel. Darauf hatte Jono Gebrauchsanweisungen für sich selbst geschrieben, damit er nicht jeden Handgriff immer wieder erklären musste. Meistens musste er es doch. Er erklärte, wie man ihn auf die linke Seite drehen, seine Beine anwinkeln und ihn am rechten Arm vorsichtig hochziehen konnte, so dass er auf der Bettkante zu sitzen kam, ohne die Balance zu verlieren. Wo man seine Hand hinlegen musste, damit es ihm möglich war, sich abzustützen. Wie man ihn behutsam an der Hose in einen Schrägsitz zog und ihm dann den Rollstuhl unter den Oberschenkel schob, während er mit dem Schalter das Bett nach oben fuhr, so dass er dann vollends auf den Stuhl gezogen werden konnte. Mit dem Rest Kraft in seinen Füßen, Unterarmen und Händen half er mit, so gut es ging.
Es war mühsam und ermüdend, doch draußen riefen die Vögel den Tag aus, und den wollte Jono nicht verschwenden. Er wollte zur Arbeit, wie jeder andere auch. Nur vor der Arbeit, da war eben einiges zu tun. Die Arbeit musste er sich erst verdienen, indem er den Tag in Angriff nahm. War er im Büro, hatte er schon gewonnen.

Manchmal verspätete sich die Schwester auch oder kam gar nicht. Dann war er nicht nur gezwungen, den Notruf benutzen, sondern auch einen Urlaubstag zu nehmen.
Wenn er Pech hatte, hatte die Schwester nicht einmal seine Akte gelesen, so dass er ihr auch noch seine Krankheit erklären musste. Dass er eines Tages als junger Mann an einem Sommertag im Strandbad nicht mehr allein hatte aus dem Sand aufstehen können. Dass er sofort geahnt hatte, was der Grund war, da auch sein Vater an der Krankheit litt. Diese Krankheit stahl die Kraft aus seinen Oberarmen und Oberschenkeln und seinen Halsmuskeln. Sie stahl schließlich seine Schritte und sein Lächeln, und er konnte seine Hand auch nicht mehr zur Faust ballen.
Doch er ballte seinen Willen, und er lebte und ging arbeiten, in dasselbe Büro wie früher, wo er jemand blieb, den alle um Rat fragten und um Hilfe baten und zu dem sie gern mit ihren Sorgen kamen oder ein Schwätzchen hielten. Jono war es, der eine Fußballwette ins Leben rief und Woche für Woche in Gang hielt, und bei Jono wurden die Geburtstagsfeiern veranstaltet, denn er hatte die besten Ideen, welche Spiele das Lachen in den Arbeitsalltag riefen.
Im Büro war ihm auch ein warmes Mittagessen sicher, das ihm ein Kollege aus der Kantine mitbrachte, denn für Jono war es schwer genug, aus dem Rollstuhl auf seinen Schreibtischstuhl zu rutschen. Auf dem blieb er dann, bis Feierabend war und er sich zurück in den Rollstuhl mühte. Von da half ihm jemand ins Auto, mit dem er sich durch den Berufsverkehr fädelte. Wenn er zuhause in die Garage fuhr, konnte er nur hoffen, dass die Schwester vom Spätdienst schon da und noch nicht wieder weg war. Oft saß er lange in der Garage und wartete, bis sie auftauchte und ihm ins Haus half. Wenn niemand kam, hupte er, bis die Nachbarn ihn hörten und ihm seinen Rollstuhl brachten.
Die Schwester musste immer rasch wieder weg. Sie stellte ihm noch ein Käsebrot auf den Tisch und verabschiedete sich. Wenn der Käse verschimmelt war oder der Tisch umfiel, weil Jono versehentlich dagegen stieß, hatte er Pech. Den Rest des Abends war er auf sich allein gestellt. Er hatte eine Technik entwickelt, wie er auf das Sofa rutschen konnte und später zurück, sich dann mit winzigen Fußbewegungen ins Bad rollte, wo er hoffen musste, dass weder die Schwester noch die Reinigungskraft die Seife und die Zahnbürste dahin gelegt hatte, wo er sie nicht erreichen konnte. Wenn er richtig Glück und die Schwester die Bettdecke genau nach Anweisung gefaltet hatte, konnte er ins Bett rutschen, seine Beine mit aller verbliebenen Kraft hinterher schwingen und mit einem Ruck die Decke über sich ziehen. Einen zweiten Versuch hatte er nicht, da er sich nicht wieder aufrichten konnte.

Am Tag vor Heiligabend war Jono allein und die Stille lastete auf ihm. Er hatte sich ein großes Geschenk gemacht, eine Stereoanlage mit einer Fernbedienung. Sie war am Vortag mit der Post gekommen. Nun stand der Karton vor ihm, und Jono hatte Sehnsucht nach Musik. Doch die Schwester hatte weder Zeit noch technisches Geschick. Sie war längst gegangen. Die Nachbarn waren alt.
Jono angelte nach dem Telefon und rief am Taxistand an.
„Ich möchte einen Wagen in die Kranichstraße fünf“, sagte er. „Aber ich brauche jemanden, der eine Stereoanlage aufbauen und anschließen kann.“ Nachdem er seinen überraschenden Wunsch erklärt hatte, war der Taxifahrer gern dazu bereit. So bekam Jono seine Musik, von der er sich forttragen ließ, als sei er frei.
Den kleinen Baum im Topf, den seine Mutter schmückte und zu dem sie ein liebevolles Festtagsmenü kochte, pflanzten sie nach den Feiertagen in eine Ecke des Gartens. Die Erde war gerade noch weich genug, denn Frost und Schnee kamen erst zu Silvester. Und Jono, der niemanden gehabt hatte, der seine Hand hielt und sich an ihn kuschelte, als die Kerzen am Weihnachtsbaum brannten, fiel ein, dass er schon beim dem Gewinn des Pokals sich selbst versprochen hatte, etwas zu ändern. Er schwor sich, dass gemeinsam mit dem Baum im neuen Jahr in seinem Leben endlich etwas Neues wachsen würde. Er hatte seine Musik bekommen, wenn auch auf ungewöhnlichem Wege. Er würde auch eine Liebe finden.

Doch es wurde Frühling bevor er den ersten Schritt unternahm. An dem Tag, an dem er die Zeitung anrufen wollte, kamen ständig Kollegen mit Fragen, und es wurden Gespräche daraus, die Minute um Minute verschluckten. Fast hätte er es wieder vergessen. Dann rief ihn sein Onkel an, der sonst nie im Büro anrief. „Wolltest du nicht etwas wegen einer neuen Beziehung unternehmen?“ fragte er. So war es neun vor zwölf, neun Minuten vor Redaktionsschluss, als Jono nach dem Telefon griff und dem Fremden aus dem Stegreif eilig einen kurzen Text diktierte. Der Redakteur wollte die Anzeige eigentlich gar nicht mehr annehmen, aber Jono war auf einmal fest entschlossen, noch heute die Zukunft zu beginnen.
„Die Sache mit dem Mut fiel mir eben als erstes ein; ich habe nicht weiter darüber nachgedacht“, sagte Jono jetzt.
Hätte er die Anzeige an jenem Tag nicht im letzten Moment aufgegeben, so dass sie statt bei den anderen Kontaktanzeigen ganz unten zwischen der Werbung und den Jobangeboten gelandet war, hätte ich sie nie gelesen.
Nachdenklich drehte ich den Pokal in meiner Hand. Hätte Jono damals nicht gewonnen, wer weiß, wann er sich zu dem Versuch einer neuen Beziehung aufgerafft hätte. Aber Jono wäre nicht Jono, wenn er nicht gewonnen hätte, wenn er nicht volles Risiko bei den Hindernissen gegangen wäre.
Das war ein Teil von dem, was mich anzog. Er strahlte ein Leuchten aus und eine Stärke, an die ich mich anlehnen konnte. Das war mir völlig neu. Ich hatte noch nicht einmal gewusst, dass ich den Wunsch verspürte, mich anzulehnen.

Bevor ich ging, wollte Jono mir noch seinen kleinen, geliebten Garten zeigen. Als ich aus der Tür trat, lief mir spinnengleich ein Schauer den Rücken hoch. Ich war mir nicht sicher ob das von einem Gruseln herrührte oder einem erschrockenen Glücksgefühl. Vor mir lag ein kleiner Hof mit quadratischen grauen Steinfliesen, und von links neigte sich schützend eine alte Zeder mit rauer Rinde. Hinter einem Torbogen, an dem blaue Winden rankten, lag ein grüner Rasen, auf dem noch ein Baum stand. Rechts blühten Sonnenblumen und der Sommerflieder, dessen erste Blüte mir Jono in einem Brief geschickt hatte.
Das war der Garten, der auf der Zeichnung von Anthony zu sehen war, die über meinem Schreibtisch hing.
„Ist was?“ fragte Jono.
Ich schluckte. „Nein – ich hatte nur gerade das Gefühl, diesen Garten zu kennen.“
Unwillkürlich sah ich zu der Stelle bei den Sonnenblumen, an die Anthony im Bild meine weißen Sandalen gezeichnet hatte. Natürlich war da nichts.
„Moment“, sagte ich, zog sie aus und stellte sie genau dort hin. Dann folgte ich Jono barfuss auf den Rasen. Es fühlte sich richtig an.
Nur das kleine Gespenst, das Anthony auf einer Schaukel am Baum sitzend gezeichnet hatte, sah ich nicht – und doch war mir, als wäre es anwesend.

Kapitel 6 – Altersfragen

Am nächsten Morgen war aus dem Himmel das Licht verschwunden und ich fröstelte in meinem Sommerkleid. Wie immer traf ich Tina auf dem Bahnhof. Das erste Stück unseres Arbeitsweges war dasselbe. Sie beugte sich sofort vor und spähte mir ins Gesicht. „Du bist verliebt!“ diagnostizierte sie vorwurfsvoll. „Dabei habe ich gerade so einen netten Typen kennen gelernt, den ich dir vorstellen wollte. Der passt total zu dir. Sag mal, ist dir eigentlich klar, was du mit einem Rollstuhlfahrer alles nicht machen kannst?“
Was ich nicht mit Jono würde machen können? Nun, tanzen wahrscheinlich. Ich hasste Tanzen. Der Abschlussball meiner Tanzstunde bereitete mir nach fünfzehn Jahren immer noch Alpträume. Ich war meinem Vater dreimal auf den Fuß getreten und mein völlig fremder Tischnachbar interessierte sich für alle außer für mich. Hand in Hand am Strand spazieren gehen? Schwimmen? Ja, sehr schade, aber es gab andere Dinge, zum Beispiel Lose ziehen oder Eisbären mit Seifenblasen necken. In den Bergen wandern? Hatte ich immer gerne gemacht, aber muss ein Weg zu einem Gipfelkreuz auf zweitausend Meter führen um im siebten Himmel zu enden?

Ich war – im Gegensatz zu Tina, für die das immer noch galt – nie die Sorte Mädchen gewesen, die rosa Kleider liebt und davon träumt, von einem Ritter auf einem weißen Pferd entführt zu werden. Aber nun war Jono ganz unvorhergesehen auf einem summenden pflaumenfarbenen Rollstuhl in mein Leben gestürmt. Wieso nicht?
Damals hatten die Ritter nur Pferde. Heute war das eben anders.
Das einzige, was mir etwas Sorgen machte, war: was, wenn das Pferd lahmt, sprich: wenn der Rollstuhl einen Platten hatte, die Elektronik ausfiel oder etwas in der Art? Ich war technisch so gar nicht begabt! Aber Jono hatte bis auf ein paar kleinere Handreichungen überhaupt keinen hilfsbedürftigen Eindruck gemacht. Wahrscheinlich wusste er immer, was zu tun war.

„Wieso stehst du eigentlich immer auf ältere Männer?“ bohrte Tina weiter. „Himmel, es gibt doch genug in deinem Alter. Denk an Nick.“
Nick war mein Nachbar. Tina fand ihn toll. Ich auch. Als Freund. Ich konnte um Mitternacht mit ihm Bananeneis machen oder den Vollmond fotografieren. Mehr nicht.
„Oder Jakob!“
Mit Jakob war ich schon in der Schule befreundet. Wir züchteten eine Weile zusammen Aquarienfische im Keller und verkauften sie gewinnbringend an die Zoohandlung. Tina – überflüssig zu erwähnen – fand ihn süß.
Aber „süß“ war für mich nicht das Maß aller Dinge. „Ich habe mir mit fünf geschworen, mal einen Mann mit weißem Bart zu heiraten“, erinnerte ich mich. Damals war ich ebenso wie alle Mädchen der Nachbarschaft unsterblich in Onkel Horst Amtage verliebt, einen Freund meiner Eltern. Jonos Bart war zwar nicht weiß, doch das konnte ja noch kommen. Aber Tina ließ sich nicht mit albernen Geschichten ablenken.
„Männer mit Bart müssen nicht alt sein.“
„Ältere Männer haben Geschichten in den Augen“, sagte ich.
Das Verrückte war, dass ich mich seit Jahren nicht so jung gefühlt hatte wie an diesem Tag mit Jono. Darüber wollte ich jetzt nicht nachdenken, ich wollte es genießen. Wahrscheinlich würde es ohnehin eine einmalige Erinnerung bleiben. Vielleicht fand er mich ja zu jung?
„Dein Zug kommt!“, sagte ich zu Tina.
„Denk lieber noch mal nach!“ riet sie, während sie ihren Mantel mit dem Leopardenprint zusammenraffte und mit hochhackigen Stiefeln wackelig die Stufen zum Waggon erklomm. Ich konnte den Schuhtick vieler Frauen nie begreifen. Ich besitze genau zwei Paar Schuhe: Sandalen für den Sommer und halbe Stiefel für den Winter. Sie müssen bequem sein und von A nach B durchhalten. Hohe Hacken gehen gar nicht, ich brauche die Bodenhaftung.
Aber vielleicht legte Jono Wert auf schicke Schuhe bei Frauen?
Ich sah Tinas Zug nach. Wenn ich ehrlich war, war ich meist ganz froh gewesen, dass zwischen Anthony und mir eine letzte Distanz geblieben war. Da waren wir also wieder beim Mut. Rollstuhl hin oder her, hatte ich denn überhaupt den Mut zu einer Beziehung?

„Entschuldigung, haben Sie vielleicht ein Taschentuch, bitte?“ sprach mich eine atemlose Mutter mit einem schokoverschmierten Kleinkind an. Ich wühlte in meinem Rucksack und zog etwas Weiches heraus. Es war der Koalabär, den Jono gewonnen hatte. Fragend sah er mich an.
Vermutlich würde ich es bald herausfinden, das mit dem Mut.

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