Kapitel 12 – Aufrecht

Wir hatten eigentlich noch nie so viel Zeit miteinander gehabt wie in jenen zehn Tagen in dem kleinen Kurort, die dadurch etwas ganz Besonderes wurden – unsere erste gemeinsame Reise! Was machte es da, dass Jono ein winzigkleines dunkles Zimmer im Keller der Klinik bewohnte, weil dort die ebenerdige Pflegestation für diejenigen war, die sich nicht allein anziehen konnten und auf einen Rollstuhl angewiesen waren. Es war mir auch egal, dass ich auf einem hängemattenähnlichen Feldbett schlafen musste, das bei jeder Bewegung comedytauglich zusammenklappte wie ein Taschenmesser. Jeder Tag formte sich zu etwas Unvergesslichem.

Zuhause hatten wir beide einen langen Arbeitstag. Wir standen vor sechs auf, denn es dauerte zwei Stunden bis Jono angezogen im Rollstuhl saß, wir gefrühstückt und ein paar Krankengymnastikübungen gemacht hatten, und um acht kam der Behindertenfahrdienst und brachte Jono ins Büro in die Behörde, in der er arbeitete. Nach Hause kam er oft erst um halb sechs abends oder später, denn der Fahrdienst war selten pünktlich und meist stand er mit Jono eine Weile im Stau. Ich kam ungefähr zur gleichen Zeit vom Dienst; hatte drei Vormittagskinder und zwei Nachmittagskinder und erledigte dazwischen Einkäufe und Behördengänge. Es war für uns beide immer spannend, ob beim Nachhausekommen schon Licht brannte, der andere also schon da war. Gelegentlich brachte einer oder beide auch schlechte Laune von der Arbeit mit und ließ gereizte Worte fallen. Jono neigte manchmal aus seiner Müdigkeit und Hilflosigkeit heraus zum Jähzorn. Damit musste ich erst umgehen lernen. Seine Wut richtete sich ja nicht gegen mich sondern gegen seine Umstände, das musste ich mir immer wieder klar machen.
Uns wirklich über diese Dinge zu unterhalten, dazu kamen wir kaum. Doch Jono legte mir jeden Tag in die Brotbüchse, die er mitnahm, einen erschütternd lieben Brief, den er in der Mittagspause schrieb und den ich dann fand, wenn ich die Brotbüchse saubermachte und wieder füllte. Ich versteckte ihm immer eine Antwort darin.
Müde waren wir abends beide und gingen früh ins Bett, was ja wegen des Rollstuhls auch dauerte; am Wochenende wollten Freunde und Verwandte die übliche Zuwendung und die Post musste ebenfalls erledigt werden. Manchmal dachte ich morgens: Das schaffe ich nicht, schaffen wir nicht mehr, diesen Kraftaufwand, diese lebensnotwendige Routine voller ermüdender Details. Doch dann trank ich meinen heißen Tee und sah im Fenster, das ich mein „Himmelstheater“ nannte, zwischen den Hauswänden die Sonne aufgehen und die Wolken rosig anmalen. Ich dachte an Jonos Blick, wenn er aufwachte und freute mich wieder auf den Tag.

Jetzt, weit weg in dem Kurort, war es ganz anders: es gab nur uns beide und eine Landschaft, die entdeckt werden wollte. Alles wurde zum Abenteuer. „Komm mit, ich möchte dir endlich den Rosengarten zeigen, in dem ich letztes Jahr beschlossen habe, dass ich wieder eine Liebe finden möchte!“, sagte Jono und ich folgte ihm auf verschlungenen Pfaden an ganzen Hecken verschwenderisch duftender Blütentrauben in Rot, Gelb, Rosa und Weiß vorbei. Überall gab es Nischen mit Bänken, und auf einmal hatten wir Zeit, miteinander dort zu sitzen, die Hand des anderen zu spüren und in die Welt zu träumen. Für andere war so etwas vielleicht nicht viel, für uns bedeutete es etwas Großes.
Wenn ich früher an Kurparks vorbeigefahren war, hatte ich mir vorgestellt wie es wohl ist, wenn man gegen Ende eines erfüllten Lebens in einem solchen Park auf einer Bank sitzt und in aller Ruhe zurückschauen kann. Nun saß ich jetzt schon hier, in einer geliehenen Ruhe, kam mir vor als hätte ich mich selbst überholt und versuchte, vorauszuschauen. Es war überraschend angenehm. Aber Jono war voll Unternehmungslust. „Das Allerschönste ist der Springbrunnen bei Nacht!“ Also führten unsere Wege auch nach Sonnenuntergang noch einmal in den Park, wo in der tiefen abendlichen Stille gewaltige beleuchtete Fontänen märchenhaft rauschten und alles möglich schien. Mit den strahlenden Wassersäulen stiegen Träume in den dunklen Himmel. „Lass uns im Herbst nach Teneriffa fliegen!“ sagte Jono.
„Wie kommst du auf Teneriffa?“
„Dort gibt es ein Hotel für Rollstuhlfahrer. Ich war schon einmal dort. Und wollten wir nicht einmal auf einen Vulkan?“
Das stimmte. Ein solcher Zettel lag in unserer Wunschkiste.
Aber fliegen mit dem Rollstuhl? Ich mochte gar nicht darüber nachdenken.
Auf dem Weg zurück in die Klinik stürzte sich ein Schwarm Mücken auf uns. „Die denken, ich bin Essen auf Rädern!“ witzelte Jono und gab Gas.

Das Größte aber während seiner Kuren war für Jono, dass er ins Schwimmbad konnte. Für eine halbe Stunde befreit sein von der Schwerkraft, die ihn ewig in den Rollstuhl bannte, in dem er stets von Metall umfangen war! Leicht sein, sich bewegen können! „Das ist für mich wie Weihnachten, Geburtstag und Ostern zusammen,“ sagte er und in seinen Augen schimmerte ein Glück, dass auch Anja, die Therapeutin sah. Sie ließ ihn länger im Wasser, als die zwanzig Minuten, die der Klinikplan erlaubte, und sie ließ mich zu ihm ins Becken, was Begleitpersonen eigentlich nicht gestattet war. „Mach mir bloß keinen Mist, sonst sind wir beide dran!“ warnte sie Jono, den sie inzwischen auch ganz gut kannte.
Mühsam war es für Jono und für uns, ihn an der Badehose aus dem Rollstuhl auf den Lift zu ziehen, den Lift hochzukurbeln, über das Becken zu schwenken und wieder herunterzukurbeln. Leicht konnte er die Balance verlieren, oder einfach vom Lift rutschen. Ein wenig Angst war immer dabei. Schwer auch, ihn hinterher wieder aufrecht auf den Sitz zu bekommen, da ihm die nötige Muskelspannung fehlte. Aber die kostbare Zeit im Wasser machte alles wieder wett. Endlich einmal war keine Rollstuhllehne zwischen uns. Natürlich durfte ich ihn nicht loslassen, sonst wäre er untergegangen, aber wir wollten uns ja sowieso festhalten. Wir vollführten verrückte Tänze im Wasser und fühlten uns wie Könige. „Aber das allerschönste kommt jetzt!“ sagte Jono triumphierend beim ersten Mal. „Anja, bitte hilf uns!“ Anja und er hatten etwas ausgeklügelt. Das Wasser machte ihn so leicht, dass er sich mit beiden Händen an der Stange am Beckenrand abstützen konnte. Wenn dann Anja von der einen und ich von der anderen Seite mit unserem eignen jeder gegen eines seiner Knie drückte und einer von uns noch seinen Kopf stützte, dann konnte Jono tatsächlich aufrecht stehen! Es war für uns beide ein unglaubliches Gefühl. Wir standen uns zum ersten Mal gegenüber. Plötzlich überragte er mich um Einiges. „Und jetzt das, worauf ich mich seit Monaten freue!“ sagte Jono triumphierend. „Ich kann dir im Stehen einen Kuss geben!“ Ich musste mich für diesen Kuss auf die Zehenspitzen stellen. Und ich war froh, dass mein Gesicht sowieso nass war und Anja meine Tränen vielleicht nicht sah.

An einem anderen Tag zeigte mir Jono ein Museumsdorf, in dem ich viele der kleinen Häuser leider ohne ihn betreten musste, weil sie Stufen und Stiegen hatten. Einmal verbrachten wir eine ganze Stunde in einer Kirche mit traumschönen bunten Bleiglasfenstern. Alles schien voller Geschichten.
Am letzten Tag brachen wir zu einem langen Ausflug an die Werre auf. Ich hatte nicht gewusst, das es einen Fluss mit Namen Werre gab, ich kannte nur die Werra. Am Ortsausgang trafen wir auf einen Laden, dessen Schaufenster voller Kuriositäten war. Jono konnte nie einem Laden widerstehen, der keine Stufen hatte. „Lass uns hineingehen“, sagte er.
„Wir haben kaum noch Geld und wir wollten doch…“
„Nur gucken!“
Drin war ich froh, dass er nicht zu halten gewesen war. Der Laden war ein Märchen. Wundersam geschnitzte Häuschen aus Korkrinde gab es da, Körbe voller besonders schöner Flusskiesel, traumschöne Kerzenhalter, Glasmurmeln. „Das hier wär perfekt für meine Mutter!“ platzte ich heraus.
Es war ein metallenes Pendel an einem glatt geschliffenen, geschwungenen Arm aus matt schwarzlackiertem Holz, der an einem schweren Teller befestigt war. Wenn man das Pendel sanft anstupste, beschrieb es stille, gelassene Kreise und zeichnete dabei feine Muster in den hellen Quarzsand, der den Teller bedeckte.
„Au ja! Kauf es!“ Jono war immer schnell entschlossen.
„Das ist doch viel zu teuer, und außerdem, wie wollen wir das Riesending heute mitschleppen?“ Das Teil war einen halben Meter hoch.
„Unsinn. Was wir haben, haben wir.“ Einmal entschlossen, war Jono von nichts abzubringen. Ich suchte also in allen Rucksack- und Hosentaschen unser restliches Geld zusammen. „Das reicht nicht,“ stellte ich fest, fast ein wenig erleichtert.
„Lass mich mal machen!“ sagte Jono und steuerte auf den Ladeninhaber zu. Er handelte das Pendel um glatte zwanzig Mark herunter und wickelte den armen Mann dabei dermaßen um den Finger, dass wir uns noch zwei geschliffene Glückssteine umsonst aussuchen durften.

Wir wanderten also den gesamten Tag in dem wunderschönen frühsommerlichen Werretal mit einer riesigen Tüte am Fluss entlang, die hinten am Rollstuhl baumelte und aus der bizarr das Pendel ragte. Die Wiesen schäumten von weißen Blüten der wilden Möhre, die ich besonders mag weil sie in der Dämmerung wie tausend heruntergefallene Sterne aussehen und bei Tag seltene Schmetterlinge anziehen. Der Fluss schäumte weiß über sonnenglänzende Felsen und sogar der Himmel trug Schaumkronen aus Wolkenwellen. Was Wunder, dass auch meine Gefühle überschäumten. An diesem Tag wurde mir klar, dass ich angekommen war, dass ich die Liebe gefunden, von der ich eine gefühlte Ewigkeit geträumt, und dass ein neues Leben begonnen hatte, das sich endlich so anfühlte, als gehöre es wirklich zu mir.
Jono schien genauso glücklich, obwohl der unebene Sandweg mit den tiefen Pfützen und hohen Baumwurzeln für ihn anstrengend war. „Das allerschönste an diesem Urlaub war der Kuss im Stehen,“ sagte er verträumt.
An einem kleinen Cafè, das allein auf weiter Flur am Ufer stand, machten wir Halt und zählten wieder einmal unsere letzten Münzen. „Reicht es noch für Saft und Kuchen?“ fragte Jono.
„Nö.“
„Doch!“ sagte er triumphierend. „In meinem Schlüsselanhänger ist noch der Reserve-Reserve-Zehner!“
Ich hätte es mir denken können.
Der Apfelsaft schmeckte nach Sommer und duftete nach Kindheit, der Fluss erzählte Geheimnisvolles in den tiefer werdenden Schatten und der Wind trieb Pusteblumensamen um uns. Wir konnten uns nicht losreißen.
„Pack doch mal das Pendel aus, wir haben es noch gar nicht richtig ausprobiert,“ bat Jono.
„Was, jetzt? Hier?“
„Klar, warum nicht?“
Ich bastelte also die Teile aus der Tüte, stellte den Ständer auf den kleinen runden Kaffeetisch, hängte das Pendel ein und füllte den glitzernden Quarzsand in die Schale. Die Kellnerin warf uns einen erschrockenen Blick zu und machte einen Bogen um unseren Tisch. Wahrscheinlich befürchtete sie schwarze Magie, oder dass wir ihr ein schweres Schicksal voraussagen könnten.
Jono stützte seine rechte Hand auf seine linke und schaffte es, das Pendel sanft anzustoßen. Zusammen sahen wir zu, wie es lautlos Kreise in den Sand zog, in immer wieder andere Richtungen, und wie es ein wunderschönes Muster wob. Es war, als zeigten uns die feinen Linien all die Wege, die uns zusammen- und hierhergeführt hatten, alle, die uns nun offen standen, alle Möglichkeiten, die auf uns warteten, wenn wir nur wollten.
Unten am Fluss flötete eine Amsel von diesem und von zukünftigen Sommern.

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Kapitel 11 – Ein Lächeln auf Rot

„Da wollen wir rein? Ist das dein Ernst?“
Wir standen vor dem Spielcasino in Jonos Kurort. Ein wunderschönes historisches Gebäude, aber es hätte mir völlig genügt, es von außen zu betrachten. Meine Erziehung rebellierte. „Um Geld spielt man nicht, höchstens um Kekse“, hörte ich die Stimme meines Vaters. Außerdem ließ die Sonne den Rasen leuchten und die Pfützen glitzern. In den Pappeln flüsterte Frühsommerwind. Nichts zog mich in einen düsteren Raum.
„Wann haben wir sonst die Gelegenheit? Wenn du noch nie in einem Spielcasino warst, ist es höchste Zeit.“ Wenn sich Jono etwas in den Kopf gesetzt hatte, war er nicht davon abzubringen. Er verpasste keine Chancen, wenn es darum ging, Erfahrungen zu machen, denn viele blieben ihm verwehrt, seit er im Rollstuhl saß. Davor allerdings hatte er auch nichts ausgelassen.
Außerdem vertraute ausgerechnet er mit Überzeugung auf sein Glück.
Ich dachte an meine Oma, die bis zu ihrem Tod mit neunzig Jahren eine elegante, unternehmungslustige Frau geblieben war. Sie hatte oft vom Spielcasino erzählt, anscheinend war sie ganz gerne mal dort gewesen. Warum also eigentlich nicht. Aber…
„Das können wir uns doch gar nicht leisten.“ Wieso war ich eigentlich immer so vorsichtig?
„Wenn wir hundert Mark verloren haben, gehen wir“, versicherte Jono.
„Na, du bist gut. Außerdem, du trägst ja keinen Schlips!“ Triumphierend wies ich auf das Schild neben der Tür. „Ohne Krawatte kommst du hier gar nicht rein.“
„Die kann man leihen. Aber greif mal in meine Innentasche.“
Ich zog etwas Weiches heraus. Natürlich. Der Mann war immer vorbereitet. „Ich kann aber keinen Krawattenknoten binden!“ war mein letzter schwacher Protest.
„Ist schon gebunden, du brauchst ihn bloß auf- und zuschieben.“
Ein wenig schief saß die Krawatte trotzdem, egal wie sehr ich daran herumfummelte, aber das war Jono herzlich egal. Er sah übrigens gut aus mit dem Ding.

„Nun komm schon.“ Souverän tauschte Jono am Eingang die hundert Mark in die berühmten Plastikchips um. Jetons.
Drinnen war es dämmrig und still, wie ich mir gedacht hatte. Nur über den Spieltischen hing Beleuchtung. Jono steuerte zielstrebig auf einen Roulettetisch zu. „Wie oft warst du schon hier?“ fragte ich argwöhnisch.
„Nur einmal, letztes Jahr. Hier, leg das auf die 9!“ Er schob mir mit dem Finger einen Chip zu. Da er den Arm nicht heben konnte, setzte ich die Jetons auf die grünen Samtfelder. Ich kam mir auf einmal angenehm verrucht vor. Die 9 war unsere Glückszahl. Diesmal allerdings gewann sie nicht.
Mit uns am Tisch saßen Menschen in unserem Alter und aufwärts. Mehrere wirklich alte Damen fielen mir auf, elegant und dunkel gekleidet, mit schwerem Goldschmuck an Fingern und Hals. Die Anwesenden beachteten einander nicht, sie waren alle nur auf den Tisch konzentriert und die Plastikplättchen, die ernst und wortlos hin- und hergeschoben wurden als gäbe es draußen keine Welt. Ich musste den Drang unterdrücken, albern zu kichern. Doch dann stockte mir der Atem angesichts der Beträge, die da seelenruhig gesetzt, verloren und gewonnen wurden, fünfhundert- und tausend-Mark-Chips in ganzen Stapeln. Was mich aber eisig berührte war die Unbewegtheit mit der selbst hohe Gewinne eingestrichen wurden. Keine Freude huschte über eines der Gesichter, die mit ihren ehrwürdigen Lebensspuren so geeignet dafür gewesen wären, Gefühle auszudrücken. Kein Ärger, kein Erschrecken bei hohen Verlusten. Gleichmütig wurden Geldstapel in Lederhandtaschen verstaut oder aus ihnen entnommen, doch ein Lächeln fand niemand in ihren Tiefen und auch kein Gespräch mit dem Tischnachbarn.
„Warum um Himmelswillen sind sie hier, wenn sie sich nicht amüsieren?“ flüsterte ich Jono zu.
„Keine Ahnung“, sagte er, „verstehe ich auch nicht. Setz mal auf das 18er-Carree.“
Doch auch damit gewannen wir nichts. Die hundert Mark hatten wir bald verspielt. Aber ich gab zu, dass es Spaß gemacht hatte.
Mit Anthony hatte ich nur geträumt. Mit Jono aber ging ich neue Wege.
Immerhin wusste ich jetzt, wie für mich die Hölle aussehen würde, wenn ich an sie geglaubt hätte. Die aber war in meiner Erziehung zum Glück nicht vorgekommen. Dennoch: Ab heute stellte ich sie mir voll alter Damen vor, die in einem dunklen Saal den ganzen Tag Roulette spielen mussten ohne einmal zu lächeln. „Komm, lass uns gehen!“
„Nein, mit Verlust gehe ich nicht. Wir setzen jetzt noch meinen Reserve-Hunni auf Rot.“
„Aber das ist doch gerade das Gefährliche, dass man immer denkt, man kann die Verluste wieder reinholen!“
„Wenn das schief geht, gehen wir. Versprochen“.
Also tauschten wir den Reservehunni noch einmal gegen Chips, die ich für Jono alle auf Rot setzte. Ich hätte sie auf Schwarz gesetzt. Schwarz wie Schreibtinte, schwarz wie mein geliebter Nachthimmel, durch den der Schwan flog. Aber Jono setzte auf Rot, für die Liebe, sagte er.
Und Jono gewann. Nun hatten wir den verlorenen Hunderter also wieder. Ich war beruhigt. „Komm!“
Doch Jono schaltete den Rollstuhl noch immer nicht an. „Ohne Gewinn geh ich hier nicht raus!“ sagte er. „Wir setzen noch mal hundert auf Rot!“
Mir schwante Schlimmes.
Doch Jono gewann. „So“, sagte er. „Und jetzt gehen wir!“ Wir ließen die alten Damen ohne Lächeln zurück und ignorierten die vorwurfsvollen Blicke des Croupiers, als er die Sandspuren sah, die Jonos Reifen auf dem roten Teppich hinterließen. Wir waren ihm wegen der geringen Beträge ohnehin ein Dorn im Auge gewesen. Und geredet und gelacht hatte wir auch!
„Und mit dem Gewinn machen wir etwas Besonderes“, sagte Jono zufrieden.

Draußen vor dem Eingang pickte ein Pfau im Sand. Seine Federn blitzten blaue Augen in das schräge Abendsonnenlicht. Als er Jonos Reifen auf dem Weg knirschen hörte, blickte er auf und schlug ein Rad. Wie die bunten Kreise, die er uns zeigte, so hatte ich mit der Erinnerung an diesen Casinobesuch einen schillernden Fleck mehr in meiner Geschichte.

So war das Leben mit Jono. Wir investierten und verloren anfangs meist: Zeit, Kraft und Mühe. Wenn wir aus dem Haus gingen, mussten wir z. B. an diverse Hilfsmittel denken, die wir mitnehmen mussten, auch an den Schlüssel für die Behindertentoiletten. Eventuell mussten wir Tage vorher den Behindertenfahrdienst buchen. Allein schon, Jono die Jacke anzuziehen war schwierig. Dazu stellte er den Rollstuhl auf einen bestimmten Winkel ein, dann musste ich ihn vorsichtig in eine vorgebeugte Stellung ziehen, aber nicht zu weit, sonst hätte er die Balance verloren und wäre vornüber gefallen. Dann den einen Arm in den Ärmel, beim zweiten war das schon schwieriger, den musste ich dafür ziemlich weit nach hinten ziehen, fast bis an Jonos Schmerzgrenze. Dann im Rücken glatt streichen damit nichts drückte wenn er sich zurücklehnte. Zurücklehnen, Rollstuhl einstellen, Jacke zumachen, den Gurt schließen. All dies dauerte länger als bei anderen Leuten und benötigte mehr Konzentration und Vorbereitung. Vieles war ein kleines Risiko. Wir setzten jedes Mal Jetons auf die grünen Felder unserer Welt.
Doch jedes Erlebnis wurde dadurch intensiver, dass es erkämpft werden musste und wir es dadurch um so mehr auskosteten. Wir waren gezwungen, mehr auf Kleinigkeiten zu achten, auf die Beschaffenheit der Wege und die Breite von Türen. Wir sahen mehr als andere, und wir freuten uns mehr als andere.
Und darum kamen wir nie ohne Gewinn nach Hause.

Kapitel 10 – Glückwunsch!

Wenn Jono sich morgens rasierte, stand ich hinter seinem Rollstuhl und hob mit beiden Händen seinen Kopf, da er das nicht konnte. Dabei sahen wir uns im Spiegel als das Doppel, das wir längst geworden waren. Wir tanzten dabei aus Übermut ein wenig zur Musik im Radio, von der Taille aufwärts. Ich beschloss dabei, meine Komplexe endgültig zu begraben. Wenn Jono mit meiner Nase leben konnte, konnte ich das auch. Es machte manches leichter.

Wenn ich in meine Wohnung fuhr, schien sie kalt und tot. Es gab keinen Grund mehr, sie zu halten. Bald darauf räumte ich sie. Es war einfach undenkbar für Jono und mich, wieder getrennt zu wohnen. Warum auch?
Mein Eckschrank passte nicht durch die Tür, wohl aber durch ein Fenster, das dabei zu Bruch ging. Immerhin waren das die einzigen Scherben, die wir verursachten, und nicht einmal ich trat hinein. Als der Möbelwagen endlich ausgeräumt und alles in meinem neuen, bisher leerstehenden Zimmer oder sonst wo in Jonos Haus verstaut war und die Tür hinter den Helfern und dem Lärm zufiel, wies Jono auf das Bücherregal. „Da steckt ein weißer Umschlag, der ist für dich“, sagte er. Jetzt da er es sagte, war der Umschlag wahrlich nicht zu übersehen: Er hatte die Größe DIN A 3. Neugierig zog ich ihn heraus. Darin steckte eine Karte mit einem strahlenden Teddybären und einem Herz darauf.
Der Text innen war groß und deutlich in Jonos klarer Handschrift, dennoch las ich ihn mehrere Male, bevor ich ihn verstand.
„Herzlichen Glückwunsch zur Verlobung!“ stand da, dreimal unterstrichen.
Jono lächelte mich an. „Ich dachte, dann fällt dir der Einzug leichter“, sagte er.
Nach der ersten Sprachlosigkeit stellte ich fest, dass er wie so oft recht hatte. Aber wie typisch Jono! Er fragte gar nicht erst sondern schaffte vollendete Tatsachen. Ich musste so darüber lachen, dass sich mein erster Widerspruchsgeist sofort legte. Wozu hätte er mich auch fragen sollen, wenn er doch wusste, dass ich ja gesagt hätte. Auf die Heiterkeit folgte die Rührung. Wir stießen bei Kerzenlicht auf uns an, aßen eine Dose Kekse leer und machten ein Foto mit Selbstauslöser.
Von da an musste ich immer an diesen Tag denken, wenn ich in irgendeinem klassisch rührseligen Film sah, wie Männer vor Frauen in die Knie gingen und um ihre Hand baten. Hätten sie ihren Angebeteten schlichtweg zu Verlobung gratuliert, hätten sie sich nicht bücken müssen.

Natürlich mussten wir uns aneinander gewöhnen. Ich war bisher Single gewesen und hatte meine Hausschuhe nach Belieben mitten im Durchgang stehen lassen oder das Telefon oben auf das Regal gelegt. Jetzt durfte ich niemals Schuhe oder Einkaufstüten oder Regenschirme im Flur abstellen, weil Jono sonst mit dem Rolli nicht mehr vorbeikam. Die Seife musste mitten im Waschbecken liegen, weil Jono sie sonst nicht erreichen konnte, ich hatte sie also nach jedem Händewaschen genau dort wieder hinzulegen. Umgekehrt musste Jono trotzdem mit meinem nicht ganz zu unterdrückendem Hang zur Unordnung leben: damit, dass ich Spinnweben in Ecken und meine langen Haare auf dem Teppich meistens übersah und auch damit, dass ich kaputte Dinge eher mit Tesafilm oder Draht reparierte als mit Schrauben oder Leim. Ich musste hinnehmen, dass er mich jedes Mal darauf aufmerksam machte, wenn ich meinen Gürtel vergessen hatte, durch die Schlaufe hinten links zu ziehen, und er, dass mir das immer wieder passieren würde und dass ich es nicht als erwähnenswert betrachtete.
Das alles hatte weniger mit Mut als mit Rücksichtnahme, Selbstdisziplin und Toleranz zu tun, und es funktionierte erstaunlich gut. Wir waren ja auch keine Zwanzig mehr. Alles wurde dadurch aufgewogen, dass wir nicht alleine einschlafen und aufwachen mussten. Das kleine weiße Haus unter der alten Zeder wurde ein Zuhause, unser Zuhause. Zu Jonos Geburtstag schenkte ich ihm ein rundes, geprägtes Schild aus Metall mit der Aufschrift „Paradieschen“, dass von da an an der Haustür hing und niemals Rost ansetzte. Seitdem hieß es auch im Freundeskreis nur noch: „Wir sind im Paradieschen eingeladen.“ An diesem Geburtstag Ende März hatte es in der Nacht heftig geschneit. Vor dem Fenster stand ein runder Gartentisch, den nun eine zwanzig Zentimeter dicke, flauschige Schicht zierte. „Steck eine Kerze hinein, dann sieht es aus wie eine Torte!“ sagte Jono. Das tat ich, und tatsächlich, die kleine Flamme flackerte tapfer und ließ die Schneeflockensterne glitzern. Wir waren uns einig: Die schönste Geburtstagstorte, die wir je gesehen hatten. Daneben baute ich nach Jonos Vorschlägen einen dicken, großen Schneemann, der unsere Freude im Gesicht trug.

Bald darauf fuhr Jono zur Kur, wieder dorthin, wo er den Pokal gewonnen hatte, ohne den wir uns vielleicht nie gefunden hätten. Für ihn war das unerlässlich wichtig, um seine restliche Beweglichkeit aufrechtzuerhalten. Ich hatte inzwischen einen neuen Arbeitsvertrag und konnte ihn darum nicht die ganzen sechs Wochen begleiten. Drei musste ich erst einmal allein verbringen, ehe ich Urlaub nehmen und ihn zehn Tage lang besuchen konnte. Bis dahin vermisste ich ihn schmerzlich, aber es gab mir auch Gelegenheit, mich restlos mit dem Haus anzufreunden, die kleinen Geräusche und die Schatten kennen zu lernen, die den Charakter eines Hauses ausmachen, und meine Papiere und Erinnerungsstücke sinnvoll unterzubringen. Ich staunte, wie viel und gleichzeitig wie wenig sich in einem knapp dreißigjährigen Leben an äußeren, greifbaren Gegenständen ansammelt. Es blieb das Gefühl, dass allein die Spuren, die Anthony in mir hinterlassen hatte, mehr Platz einnahmen als die zehn Bände seiner Briefe oder meine gesamte Bibliothek aus meiner Studienzeit.
Und doch war ich noch nie so zufrieden und einig mit mir gewesen. Alles fühlte sich rund und hell an.
Beim Aufräumen fiel mir auch ein Kerzenhalter in die Hand, ein Weihnachtsmann aus Keramik, den Jono mir zu unserem ersten Weihnachten geschenkt hatte. Aus irgendeinem Grund hatte ich vergessen, ihn mit dem Weihnachtsschmuck wegzuräumen. Er zog einen Sack hinter sich her, der fast größer war als er, und auf diesem Sack befand sich eine Landschaft, mit Himmel, Sternen, Raben, Schnee, Tannen, Weite und Wegen: er hatte die ganze Welt als Geschenk zu vergeben.
Das passte. Mir war, als hätte Jono mir die Welt geschenkt.
Aber der Weihnachtsmann hatte langfristig noch einige Überraschungen für uns im Sack.

Kapitel 9 – Den Himmel in der Hand

Jono und ich legten eine Ideenschatzkiste an, eine kleine, mit altmodischen Blumen bemalte Holztruhe, in die wir gefaltete Zettel legten. Darauf schrieben wir, ehe wir sie in der Alltagseile wieder vergessen konnten, alle spontanen Ideen von Dingen, die wir zusammen machen wollten. Ein Picknick, Drachen steigen lassen, die Sternwarte besuchen, das Meer sehen, einen Vulkan besteigen, ach, es gab so vieles. Immer, wenn wir Zeit hatten, fischten wir einen Zettel heraus, aber die Kiste füllte sich schneller als wir sie leeren konnten.

Geburtstage wurde in meiner Familie zwar, wenn nicht vergessen, pflichtschuldigst mit Kuchen und ein paar Geschenken zur Kenntnis genommen, aber niemals für wichtig erachtet. „Geboren zu werden ist kein Verdienst“, sagte meine Mutter. Ich gab ihr recht, und Partys mochte ich sowieso nicht. Doch Jono sah das völlig anders. Für ihn hatten Geburtstage eine gewaltige Bedeutung. Der Weltuntergang selbst hätte ihn nicht davon abgehalten, sie mit Besuch, Essen, Karten, Anrufen, Geschenken und Dekoration zu zelebrieren. „Man muss doch feiern, dass man lebt!“
Ehe ich wusste, wie mir geschah, hatte er zu meinem dreißigsten Geburtstag Freunde eingeladen. Es war ein erst sonniger, dann aufregend gewittriger Augusttag und es wurde gegrillt, gelacht, gesungen und gespielt. Zu meiner Überraschung fühlte ich mich wohl unter diesen fremden Leuten, zu denen ich wie selbstverständlich gehörte.
Von Jono bekam ich unter anderem zwei längliche, liebevoll eingewickelte Päckchen. Wegen des Trubels kam ich nicht gleich dazu, sie auszupacken, bis Jono mich in eine stille Ecke lockte. Neugierig öffnete ich das eine. Darin war eine Zahnbürste.
Das zweite enthielt einen Hausschlüssel.
Ich glaube, das waren die beiden schönsten Geburtstagsgeschenke, die ich jemals bekommen habe.

Die Sommerferien begannen und ich verabschiedete mich von Alina. Mein Vertrag lief aus, ich war mir aber ziemlich sicher, dass sie im nächsten Schuljahr wieder allein dem Unterricht folgen konnte. Ob ich bald einen neuen Auftrag bekommen würde, blieb abzuwarten. Auch die Nachmittagskinder hatten Fortschritte gemacht und durften ihre Ferien genießen.
Jono nahm sich Urlaub und wir verwandelten einige der Wunschzettel aus der Schatzkiste in Erlebnisse, dann in kostbare Erinnerungen. Erst blieb ich eine halbe Woche bei ihm, dann eine ganze. Der Schwester von der Sozialstation sagten wir immer öfter ab. Ich lernte, Jono allein aus dem Bett zu helfen, ihm beim Waschen zu assistieren und ihn anzuziehen, ihn am Hosenbund von dem kleinen Zimmerrolli auf den Elektrorollstuhl zu ziehen und später von da auf das Sofa. Auf einmal konnte ich Dinge, die ich mir nie zugetraut hätte. Wenn ich Zweifel hatte, war es Anthony, der mir in seinen selten gewordenen Anrufen Mut machte und praktische Tipps gab, denn er war einmal Sanitäter gewesen.

Wir gestalteten den kleinen Garten neu. Jono hatte Sträucher und Blumen gepflanzt so gut er konnte und sie treu gegossen, aber es gab Ecken, an die er nicht heran kam. Stück für Stück begannen wir, uns ein Paradies zu bauen, mit einem kleinen Teich, der den Himmel spiegelte, mit Bänken und mehr Rosenbögen. Die Bänke waren klein, denn Jono konnte ja nicht mit mir darauf sitzen. Aber er stellte sich daneben, und das ging auch, obwohl die beiden Armlehnen zwischen uns, die der Bank und die vom Rollstuhl, manchmal ein wenig störten.
Anthony schloss zwar nicht aus, uns mal zu besuchen, konnte sich aber nie dazu entschließen. Unsere alte Vertrautheit kam nicht mehr auf. Die Zeiten änderten sich schneller als ich es begreifen konnte, aber es fühlte sich richtig an.

Als die Tage kürzer und die Blätter zu einen Farbenrausch wurden, gingen wir oft auf eine nahe Wiese und ließen einen fröhlich gestreiften Drachen steigen, den Jono mir geschenkt hatte. Für Jono war es schwer, mitten auf die Wiese zu fahren, die holperige Stellen, Dellen, Abhänge und kleine Gräben hatte, die man als Fußgänger gar nicht wahrnahm. Doch am Rande ging es nicht, schließlich befanden wir uns in einer Großstadt. Den Himmel mussten wir uns und dem Drachen erst erkämpfen. Der sollte ja weder in Strommasten noch in Satellitenschüsseln landen. Schließlich hatte Jono einen strategisch günstigen Platz mit Weitblick erobert, stellte den Rollstuhl schräg an einen kleinen Hügel so dass er es schaffte, den Kopf zu heben, und jagte mich gegen den Wind durch das hohe Gras und die späten Pusteblumen bis der Drachen ganz oben war. Dann gab ich Jono die Schnur und er ging so geschickt damit um, dass er fast jeden drohenden Absturz durch einen kleinen Zug verhindern konnte.

Für mich waren das vollkommene Momente. Es war alles voller Himmel: er war so weit und nahe zugleich, als hätten wir durch die scheinbar endlose Schnur, an welcher der Drachen so leicht in unseren Händen flatterte, eine direkte Verbindung zu ihm. Die Tage waren hell und lang und gehörten uns, eine warme Brise flüsterte Geheimnisse ins Schilf, die klare Luft schmeckte nach Glück und Jonos einzigartiges Lächeln galt mir. Mir fiel nichts ein, was ich mir noch hätte wünschen können. Dass Jono neben mir hätte über die Wiese rennen, dass wir uns zusammen ins Spätsommergras hätten legen können? Ja, das wäre undenkbar schön gewesen! Aber es war, wie es war. Und: wären diese Momente so groß und kostbar gewesen, hätten wir sie uns nicht erobern müssen durch das mühsame Aufstehen, Anziehen, den schwierigen Weg?
„Es hat auch seine Vorteile“, sagte Jono, der meine Gedanken erriet.
Während wir noch die Schnur aufwickelten – der Drachen wollte so wenig aus dem inzwischen goldroten Abendhimmel herunter wie unsere Stimmung – kam eine schick gekleidete Dame auf einem Fahrrad holperig über die weite Wiese gefahren, auf der sich außer ihr und uns und einem wilden Kaninchen niemand befand. „Müssen Sie hier so im Weg stehen?“ raunzte sie Jono an. Verblüfft sahen wir ihr nach und brachen dann in schallendes Gelächter aus.
Wie sie die Welt wahrnahm, konnten wir uns nicht ansatzweise vorstellen. Aber eines war sicher: Sie hatte zwar ein gesundes und ansehnliches Paar nylonbestrumpfter Beine, aber wir waren zweifellos glücklicher.

Als die Herbstblätter müde und braun wurden, der kühle Wind dafür stärker, musste ich eine Weile ins Krankenhaus. Jono besuchte mich täglich, obwohl es eine unglaubliche Anstrengung für ihn war. Der Behindertenfahrdienst holte ihn nach einem langen Tag im Büro ab, unterwegs stand er im Stau, und wenn er zuhause vorfuhr, wartete manchmal schon der Bus, der ihn zum Krankenhaus bringen sollte. Dann hatte er keine Zeit, sich auszuruhen, keine, Abendbrot zu essen, und dennoch war er jeden Abend da und machte mir Mut. Als ich entlassen wurde, stand für uns beide fest, dass ich erst einmal bei ihm wohnen würde. Ich nahm ein Taxi. Als ich die Tür öffnete, saß Jono, der Minuten vorher von der Arbeit gekommen war, am Esszimmertisch und hatte gerade mit einem roten Filzstift ein riesiges Herz direkt auf die Holzplatte gemalt und „Herzlich Willkommen!“ hinein geschrieben.
„Bist du verrückt, das geht doch nicht mehr ab!“ lachte ich.
„Na und – soll es ja auch nicht! Außerdem kam ich gerade nicht an das Papier.“ Jono strahlte, und ich hatte mich noch nie irgendwo so willkommen und so zuhause gefühlt.
Das Herz ging tatsächlich nicht ab und entlockte mir und allen Besuchern noch lange ein Lächeln.

Kapitel 8 – Nachtigallen

Der Sommer wurde wie Anthonys Lied.
Anthony hatte die Angewohnheit, mir gelegentlich mitten in der Nacht am Telefon ein Lied vorzuspielen, das ihm gerade gefiel. Er nahm sie aus dem Radio auf. Zu dieser Zeit war es „On the Wings of a Nightingale“ von den Everly Brothers. „Total kitschig“ lachte er, „aber irre schön!“ Ich musste mir das anhören, bis ich es auswendig konnte, und heute noch steht Anthony fast greifbar vor mir wenn ich die Melodie irgendwo höre. Übersetzt geht der Text etwa so:

„Wenn ich liebe fühle ich mich als ob ich durch den Himmel reise
auf den Schwingen einer Nachtigall.
Auf den Schwingen einer Nachtigall fliege ich
über Land und Meer und denke an dich und mich.
Ich könnte mir keinen schöneren Platz vorstellen.
Wenn du willst, fliegen wir in das Land der ewigen Sonne,
Ich fühle, dass mir etwas Neues geschieht
also halte meine Hand, Ich spüre, dass die Reise gerade erst angefangen hat
auf den Schwingen einer Nachtigall…“

Während das für Anthony nur noch ein Traum war, ging es mir tatsächlich so. Mit Jono erlebte ich die hellen Sommertage, als wäre mir alles neu. Nicht nur, weil ich verliebt, sondern weil ich gezwungen war, die Umgebung anders wahrzunehmen, wenn wir unterwegs waren. Für ihn war eine Bordsteinkante ein Hindernis, das uns zu Umwegen zwang, aber auf diesen Umwegen entdeckten wir Blumen und andere Dinge, die Jono nur sah, weil seine Perspektive der Erde so nahe war. Ein verbogener Gullideckel konnte zur Falle werden, weil dann ein Ruck durch den Rollstuhl ging, der weder für den Stuhl noch für Jono gut war. Also waren wir wachsam. So fanden wir gefleckte und gestreiften Schnecken und wundersam bunt gepunktete haarige Raupen, und wenn Jonos Reifen sie gefährdeten, klaubte ich sie von den heißen Pflastersteinen und brachte sie auf dem Grünstreifen in Sicherheit. Behutsam waren unsere Wege und immer ein Triumph, wenn wir sie geschafft hatten. Jono musste ja auch am Tag vorher daran denken, die Batterie aufzuladen. Aber es gab Vorteile. Gepäck oder Einkaufstüten konnten hinten an den Stuhl gehangen werden, Jono war also Kavalier: ich brauchte nie etwas tragen. Auf dem Heimweg kauften wir Spritzkuchen für Jono und Baumkuchen für mich, und dann saßen wir im Garten und dachten uns Geschichten zu den Wolken aus oder erzählten uns voneinander.

An einem der ersten Male, als ich ihn besuchte, sahen wir uns die Fotos von jenem ersten Nachmittag im Zoo an. „Ich fände es schön, wenn du meinen Arm um deine Schultern legen würdest“, sagte er vorsichtig. Ich folgte seiner Aufforderung mit einem Kloß im Hals, verkniff mir ein verblüfftes Lachen und aufsteigende Tränen gleichzeitig. Was musste es ihn kosten, um so etwas bitten zu müssen? Doch dann stellte ich fest, dass es gar keine Rolle spielte, wer von uns seinen Arm um mich legte – Hauptsache, es war Jonos Arm. Es fühlte sich gut und genau richtig an.

Ein andermal bat er mich, seine Hand zu heben, weil es ihn am Ohr juckte. Ich musste an den Märchenfilm „Die unendliche Geschichte“ denken, in dem der Titelheld seinem Glücksdrachen das Ohr kratzen soll, weil der alles kann, nur das nicht.
Irgendwie war Jono für mich auch so etwas wie ein Glücksdrache, der mir Kraft gab.
Rasch gewöhnte ich mich daran, seine Arme für ihn zu bewegen. Bald waren es Reflexe, die ich gar nicht mehr bewusst ausführte. Jono schleppte mich auf den Rummel, was ich noch nie gemocht hatte – aber mit ihm war es wunderbar ausgelassen und verrückt. Am liebsten hatte er den einarmigen Bandit; ich legte seine Hand auf den Hebel und er drückte ihn herunter. „Mit dir vergesse ich ganz, dass ich behindert bin“, sagte er und ich glaube, ich habe nie ein befriedigerendes Kompliment bekommen. Ich meinerseits vergaß mit ihm ebenfalls völlig, dass er behindert war.
Wir aßen Garnelenspieße und gewannen beim Büchsenwerfen einen albernen Radiergummi. Dann zog Jono zwei Hauptgewinne aus dem Loseimer und wir warteten in der Abenddämmerung absurderweise mit einem großen Wäschekorb und einem beleuchteten Ghettoblaster bewaffnet auf den Behindertenfahrdienst. Als der kam, waren zwei Stunden vergangen und wir waren durchgefroren, doch statt sich zu ärgern, hatte Jono die Zeit damit verbracht, einem fliegenden Händler das Bild eines Segelboots für einen Spottpreis abzuschwatzen.

Mit Jono wurde es nicht langweilig. Als nächstes scheuchte er mich über den nahen Minigolfplatz und erklärte mir, welchen Ball ich wie spielen musste. Er betrachtete die Bahnen genau, sah, wo sie nicht eben waren und berechnete, wie die Kugel rollen würde. Er war genial und wir hatten einen Riesenspaß dabei. Rund um den Platz sangen Nachtigallen in verblühten Fliederbüschen. Ich hatte nie zuvor echte Nachtigallen gehört. Nun war ich gleich mehreren so nahe, dass ich sie sogar sehen konnte. Sie zogen einen Kreis aus melancholisch-süßen Tönen um uns, die die Everly Brothers bei weitem übertrafen.
So war das. Anthony spielte mir Lieder von Phantasien über Nachtigallen – und mit Jono begegnete ich den wirklichen.

Nachts träumte ich von Anthony. Wir liefen über eine silberglänzende, schmerzlich schöne Eisfläche, so hell, dass sie mich blendete. Ich wusste, das Wunder des Moments würde ich nie vergessen, es brannte sich in meine Erinnerung als etwas unendlich Kostbares. Ich rutschte mehrfach aus, doch Anthony nahm meine Hand nicht. Die Eisfläche wurde immer dünner, knackte und wies Risse auf und am Horizont war statt dem Himmel Dunkles zu erkennen. Doch dann war es plötzlich nicht mehr Anthony neben mir sondern Jono. Jono gehend, nicht im Rollstuhl. Er hielt meine Hand. Der Boden war nun aus Fels und sonnenwarm unter meinen Füßen. In den Ritzen blühten Schlüsselblumen.
Ich wachte auf und holte mir ein Glas Wasser aus der Küche, der Traum machte mich hellwach und verflog nicht wie Träume sonst. Selten hatte ich mich so allein gefühlt in meiner kleinen Wohnung. Ich sehnte mich nach Jonos Lächeln: dem Lächeln, das nur in seinen Augen wohnte, da die Krankheit auch seine Gesichtsmuskeln befallen hatte. Er konnte die Mundwinkel nicht heben. Man nahm sein Lächeln erst auf den zweiten Blick wahr. Aber wer es sah, bei dem blieb es.