Kapitel 10 – Glückwunsch!

Wenn Jono sich morgens rasierte, stand ich hinter seinem Rollstuhl und hob mit beiden Händen seinen Kopf, da er das nicht konnte. Dabei sahen wir uns im Spiegel als das Doppel, das wir längst geworden waren. Wir tanzten dabei aus Übermut ein wenig zur Musik im Radio, von der Taille aufwärts. Ich beschloss dabei, meine Komplexe endgültig zu begraben. Wenn Jono mit meiner Nase leben konnte, konnte ich das auch. Es machte manches leichter.

Wenn ich in meine Wohnung fuhr, schien sie kalt und tot. Es gab keinen Grund mehr, sie zu halten. Bald darauf räumte ich sie. Es war einfach undenkbar für Jono und mich, wieder getrennt zu wohnen. Warum auch?
Mein Eckschrank passte nicht durch die Tür, wohl aber durch ein Fenster, das dabei zu Bruch ging. Immerhin waren das die einzigen Scherben, die wir verursachten, und nicht einmal ich trat hinein. Als der Möbelwagen endlich ausgeräumt und alles in meinem neuen, bisher leerstehenden Zimmer oder sonst wo in Jonos Haus verstaut war und die Tür hinter den Helfern und dem Lärm zufiel, wies Jono auf das Bücherregal. „Da steckt ein weißer Umschlag, der ist für dich“, sagte er. Jetzt da er es sagte, war der Umschlag wahrlich nicht zu übersehen: Er hatte die Größe DIN A 3. Neugierig zog ich ihn heraus. Darin steckte eine Karte mit einem strahlenden Teddybären und einem Herz darauf.
Der Text innen war groß und deutlich in Jonos klarer Handschrift, dennoch las ich ihn mehrere Male, bevor ich ihn verstand.
„Herzlichen Glückwunsch zur Verlobung!“ stand da, dreimal unterstrichen.
Jono lächelte mich an. „Ich dachte, dann fällt dir der Einzug leichter“, sagte er.
Nach der ersten Sprachlosigkeit stellte ich fest, dass er wie so oft recht hatte. Aber wie typisch Jono! Er fragte gar nicht erst sondern schaffte vollendete Tatsachen. Ich musste so darüber lachen, dass sich mein erster Widerspruchsgeist sofort legte. Wozu hätte er mich auch fragen sollen, wenn er doch wusste, dass ich ja gesagt hätte. Auf die Heiterkeit folgte die Rührung. Wir stießen bei Kerzenlicht auf uns an, aßen eine Dose Kekse leer und machten ein Foto mit Selbstauslöser.
Von da an musste ich immer an diesen Tag denken, wenn ich in irgendeinem klassisch rührseligen Film sah, wie Männer vor Frauen in die Knie gingen und um ihre Hand baten. Hätten sie ihren Angebeteten schlichtweg zu Verlobung gratuliert, hätten sie sich nicht bücken müssen.

Natürlich mussten wir uns aneinander gewöhnen. Ich war bisher Single gewesen und hatte meine Hausschuhe nach Belieben mitten im Durchgang stehen lassen oder das Telefon oben auf das Regal gelegt. Jetzt durfte ich niemals Schuhe oder Einkaufstüten oder Regenschirme im Flur abstellen, weil Jono sonst mit dem Rolli nicht mehr vorbeikam. Die Seife musste mitten im Waschbecken liegen, weil Jono sie sonst nicht erreichen konnte, ich hatte sie also nach jedem Händewaschen genau dort wieder hinzulegen. Umgekehrt musste Jono trotzdem mit meinem nicht ganz zu unterdrückendem Hang zur Unordnung leben: damit, dass ich Spinnweben in Ecken und meine langen Haare auf dem Teppich meistens übersah und auch damit, dass ich kaputte Dinge eher mit Tesafilm oder Draht reparierte als mit Schrauben oder Leim. Ich musste hinnehmen, dass er mich jedes Mal darauf aufmerksam machte, wenn ich meinen Gürtel vergessen hatte, durch die Schlaufe hinten links zu ziehen, und er, dass mir das immer wieder passieren würde und dass ich es nicht als erwähnenswert betrachtete.
Das alles hatte weniger mit Mut als mit Rücksichtnahme, Selbstdisziplin und Toleranz zu tun, und es funktionierte erstaunlich gut. Wir waren ja auch keine Zwanzig mehr. Alles wurde dadurch aufgewogen, dass wir nicht alleine einschlafen und aufwachen mussten. Das kleine weiße Haus unter der alten Zeder wurde ein Zuhause, unser Zuhause. Zu Jonos Geburtstag schenkte ich ihm ein rundes, geprägtes Schild aus Metall mit der Aufschrift „Paradieschen“, dass von da an an der Haustür hing und niemals Rost ansetzte. Seitdem hieß es auch im Freundeskreis nur noch: „Wir sind im Paradieschen eingeladen.“ An diesem Geburtstag Ende März hatte es in der Nacht heftig geschneit. Vor dem Fenster stand ein runder Gartentisch, den nun eine zwanzig Zentimeter dicke, flauschige Schicht zierte. „Steck eine Kerze hinein, dann sieht es aus wie eine Torte!“ sagte Jono. Das tat ich, und tatsächlich, die kleine Flamme flackerte tapfer und ließ die Schneeflockensterne glitzern. Wir waren uns einig: Die schönste Geburtstagstorte, die wir je gesehen hatten. Daneben baute ich nach Jonos Vorschlägen einen dicken, großen Schneemann, der unsere Freude im Gesicht trug.

Bald darauf fuhr Jono zur Kur, wieder dorthin, wo er den Pokal gewonnen hatte, ohne den wir uns vielleicht nie gefunden hätten. Für ihn war das unerlässlich wichtig, um seine restliche Beweglichkeit aufrechtzuerhalten. Ich hatte inzwischen einen neuen Arbeitsvertrag und konnte ihn darum nicht die ganzen sechs Wochen begleiten. Drei musste ich erst einmal allein verbringen, ehe ich Urlaub nehmen und ihn zehn Tage lang besuchen konnte. Bis dahin vermisste ich ihn schmerzlich, aber es gab mir auch Gelegenheit, mich restlos mit dem Haus anzufreunden, die kleinen Geräusche und die Schatten kennen zu lernen, die den Charakter eines Hauses ausmachen, und meine Papiere und Erinnerungsstücke sinnvoll unterzubringen. Ich staunte, wie viel und gleichzeitig wie wenig sich in einem knapp dreißigjährigen Leben an äußeren, greifbaren Gegenständen ansammelt. Es blieb das Gefühl, dass allein die Spuren, die Anthony in mir hinterlassen hatte, mehr Platz einnahmen als die zehn Bände seiner Briefe oder meine gesamte Bibliothek aus meiner Studienzeit.
Und doch war ich noch nie so zufrieden und einig mit mir gewesen. Alles fühlte sich rund und hell an.
Beim Aufräumen fiel mir auch ein Kerzenhalter in die Hand, ein Weihnachtsmann aus Keramik, den Jono mir zu unserem ersten Weihnachten geschenkt hatte. Aus irgendeinem Grund hatte ich vergessen, ihn mit dem Weihnachtsschmuck wegzuräumen. Er zog einen Sack hinter sich her, der fast größer war als er, und auf diesem Sack befand sich eine Landschaft, mit Himmel, Sternen, Raben, Schnee, Tannen, Weite und Wegen: er hatte die ganze Welt als Geschenk zu vergeben.
Das passte. Mir war, als hätte Jono mir die Welt geschenkt.
Aber der Weihnachtsmann hatte langfristig noch einige Überraschungen für uns im Sack.

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9 Antworten to “Kapitel 10 – Glückwunsch!”

  1. april Says:

    Tja, so ist das bei Fortsetzungsromanen, besonders bei denen, die so gut geschrieben sind wie deiner. Man möchte wissen, wie es weiter geht und das wird noch schlimmer durch deinen letzten Satz.
    Gleichzeitig hat man Angst, dass irgendetwas Schlimmes passieren könnte, aber man wünscht sich natürlich alles Gute für die beiden.

  2. Allerleirauh Says:

    Komisch, mir geht es wie April, ich habe immer, das Gefühl. es geht nicht gut aus. Dieses Gefühl mag ich nicht beim Lesen, was natürlich kein Kritikpunkt als solcher ist sondern eine persönliche Vorliebe oder bessser gesagt Abneigung.
    Vielleicht wäre das anders, wenn du in der Gegenwart schreiben würdest- nur so als Gedanke.
    War das wirklich alles so voller Friede, Freude, Eierkuchen? Für mich klingt deine Geschicht etwas sehr weichgezeichnet.
    Manchmal sind es auch kleine Dinge wo ich die Stirn runzle, wie bei Formulierungen wie „kaputte Dinge eher mit Tesafilm oder Draht reparierte als mit Schrauben oder Leim“, weil, ist das wichtig? Kommt es so oft vor, das etwas kaputt geht? Oder könnte man daraus ein Dialog machen, um eure verschiedenen Charaktere plastischer zu zeigen?
    Aber, wie gesagt, das sind nur so meine Gedanken am frühen Morgen.
    Ich bin natürlich neugierig, was da alles noch im Sack steckt,

    Liebe Grüsse, Allerleirauh

    • Finn Says:

      Danke für deine Anregungen, ich werde mir das zu Herzen nehmen. Bei Sachen wie mit dem Tesafilm versuche ich nur, anhand konkreter Kleinigkeiten etwas deutlich zu machen, wichtig ist das natürlich nicht. – Das mit der Gegenwart hatte ich in den ersten Entwürfen mehrfach versucht – aus irgendeinem Grunde hat es nicht funktioniert. Aber in einem hast du ganz sicher recht: Ich muss mehr Dialoge einbauen!

  3. Brigitte Says:

    Ich bin eher der Meinung, dass es gerade die kleinen, gut beschriebenen Dinge sind, die mich so manches Mal bei einem Buch fesseln können. Obwohl ich sonst jemand bin, der immer „gleich“ auf den Punkt kommen möchte.

    Ich finde, beim Schreiben gibt es keine Vorgaben. Man sollte schreiben, wie man empfindet, dann wird es gut. Mach ruhig so weiter, mit der Zeit fließt es ohnehin ganz von selbst.

    Lieben Gruss, Brigitte

    • Finn Says:

      Ja, bei allen vorherigen methodischen Überlegungen und Versuchen bin ich auch zu dem Schluß gekommen, dass ich einfach meinen Empfindungen folgen muss, sonst klingt es immer verkehrt. Feilen kann man später immer noch… und dabei werde mir all Eure Anmerkungen bestimmt riesig helfen. Aber mit den Dialogen hat Allerleirauh recht, in einen lebendigen Text müssen mehr davon rein.

  4. april Says:

    Stimmt, Dialoge fehlen; das könntest du mal ausprobieren. (Gefehlt haben sie mir allerdings nicht). – Aber das mit den Einzelheiten solltest du unbedingt lassen. Man soll ja nicht schreiben, dass sie jetzt fürsorglich (o.ä.) war, sondern es anhand von solchen Dingen zeigen.

  5. Bärbel Says:

    Für mich sind gerade die ausführlichen Beschreibungen sehr wichtig, denn so ist man doch irgendwie mittendrin…
    Ich bin gespannt, wie es weiter geht.

  6. frau kuni Says:

    Tesafilm: der Vergleich zeigt etwas vom Charakter, was ich wesentlich finde. Vielleicht weil ich auch ein Tesafilm-Reparierer war lange Zeit. Insofern ok, da sachdienlich.

    Dialoge: Ohne Dialoge ist es eine Erzählung. Die wird nicht so lang wie ein Buch. Ich lese es sehr gerne ohne Dialoge, da allein schon die Geschichte anders ist als jeder xbeliebige Roman. Dialoge sind zudem furchtbar schwer zu entwerfen und klingen häufig total hölzern (= aus eigener Erfahrung). Also wenn Du nicht veröffentlichen willst, mach doch einfach so weiter?

    dunkle Schatten: genau so ist es, ja. Durch die Vergangenheitsform und Deine Andeutungen ahnt man immer etwas Böses voraus, was man vielleicht dann nicht lesen möchte. Kommt darauf an, ob Du das beabichtigst.

    Grüße, Kuni

    • Finn Says:

      Nein, ich dachte, durch die Andeutungen wird es vielleicht ein wenig spannender, da es an dieser Stelle noch an Spannung fehlt. Aber da das einhellig als unangenehm empfunden wird, habe ich die Andeutungen rausgenommen. Verscheuchen will ich die Leser ja nun nicht.:-)


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