Kapitel 12 – Aufrecht

Wir hatten eigentlich noch nie so viel Zeit miteinander gehabt wie in jenen zehn Tagen in dem kleinen Kurort, die dadurch etwas ganz Besonderes wurden – unsere erste gemeinsame Reise! Was machte es da, dass Jono ein winzigkleines dunkles Zimmer im Keller der Klinik bewohnte, weil dort die ebenerdige Pflegestation für diejenigen war, die sich nicht allein anziehen konnten und auf einen Rollstuhl angewiesen waren. Es war mir auch egal, dass ich auf einem hängemattenähnlichen Feldbett schlafen musste, das bei jeder Bewegung comedytauglich zusammenklappte wie ein Taschenmesser. Jeder Tag formte sich zu etwas Unvergesslichem.

Zuhause hatten wir beide einen langen Arbeitstag. Wir standen vor sechs auf, denn es dauerte zwei Stunden bis Jono angezogen im Rollstuhl saß, wir gefrühstückt und ein paar Krankengymnastikübungen gemacht hatten, und um acht kam der Behindertenfahrdienst und brachte Jono ins Büro in die Behörde, in der er arbeitete. Nach Hause kam er oft erst um halb sechs abends oder später, denn der Fahrdienst war selten pünktlich und meist stand er mit Jono eine Weile im Stau. Ich kam ungefähr zur gleichen Zeit vom Dienst; hatte drei Vormittagskinder und zwei Nachmittagskinder und erledigte dazwischen Einkäufe und Behördengänge. Es war für uns beide immer spannend, ob beim Nachhausekommen schon Licht brannte, der andere also schon da war. Gelegentlich brachte einer oder beide auch schlechte Laune von der Arbeit mit und ließ gereizte Worte fallen. Jono neigte manchmal aus seiner Müdigkeit und Hilflosigkeit heraus zum Jähzorn. Damit musste ich erst umgehen lernen. Seine Wut richtete sich ja nicht gegen mich sondern gegen seine Umstände, das musste ich mir immer wieder klar machen.
Uns wirklich über diese Dinge zu unterhalten, dazu kamen wir kaum. Doch Jono legte mir jeden Tag in die Brotbüchse, die er mitnahm, einen erschütternd lieben Brief, den er in der Mittagspause schrieb und den ich dann fand, wenn ich die Brotbüchse saubermachte und wieder füllte. Ich versteckte ihm immer eine Antwort darin.
Müde waren wir abends beide und gingen früh ins Bett, was ja wegen des Rollstuhls auch dauerte; am Wochenende wollten Freunde und Verwandte die übliche Zuwendung und die Post musste ebenfalls erledigt werden. Manchmal dachte ich morgens: Das schaffe ich nicht, schaffen wir nicht mehr, diesen Kraftaufwand, diese lebensnotwendige Routine voller ermüdender Details. Doch dann trank ich meinen heißen Tee und sah im Fenster, das ich mein „Himmelstheater“ nannte, zwischen den Hauswänden die Sonne aufgehen und die Wolken rosig anmalen. Ich dachte an Jonos Blick, wenn er aufwachte und freute mich wieder auf den Tag.

Jetzt, weit weg in dem Kurort, war es ganz anders: es gab nur uns beide und eine Landschaft, die entdeckt werden wollte. Alles wurde zum Abenteuer. „Komm mit, ich möchte dir endlich den Rosengarten zeigen, in dem ich letztes Jahr beschlossen habe, dass ich wieder eine Liebe finden möchte!“, sagte Jono und ich folgte ihm auf verschlungenen Pfaden an ganzen Hecken verschwenderisch duftender Blütentrauben in Rot, Gelb, Rosa und Weiß vorbei. Überall gab es Nischen mit Bänken, und auf einmal hatten wir Zeit, miteinander dort zu sitzen, die Hand des anderen zu spüren und in die Welt zu träumen. Für andere war so etwas vielleicht nicht viel, für uns bedeutete es etwas Großes.
Wenn ich früher an Kurparks vorbeigefahren war, hatte ich mir vorgestellt wie es wohl ist, wenn man gegen Ende eines erfüllten Lebens in einem solchen Park auf einer Bank sitzt und in aller Ruhe zurückschauen kann. Nun saß ich jetzt schon hier, in einer geliehenen Ruhe, kam mir vor als hätte ich mich selbst überholt und versuchte, vorauszuschauen. Es war überraschend angenehm. Aber Jono war voll Unternehmungslust. „Das Allerschönste ist der Springbrunnen bei Nacht!“ Also führten unsere Wege auch nach Sonnenuntergang noch einmal in den Park, wo in der tiefen abendlichen Stille gewaltige beleuchtete Fontänen märchenhaft rauschten und alles möglich schien. Mit den strahlenden Wassersäulen stiegen Träume in den dunklen Himmel. „Lass uns im Herbst nach Teneriffa fliegen!“ sagte Jono.
„Wie kommst du auf Teneriffa?“
„Dort gibt es ein Hotel für Rollstuhlfahrer. Ich war schon einmal dort. Und wollten wir nicht einmal auf einen Vulkan?“
Das stimmte. Ein solcher Zettel lag in unserer Wunschkiste.
Aber fliegen mit dem Rollstuhl? Ich mochte gar nicht darüber nachdenken.
Auf dem Weg zurück in die Klinik stürzte sich ein Schwarm Mücken auf uns. „Die denken, ich bin Essen auf Rädern!“ witzelte Jono und gab Gas.

Das Größte aber während seiner Kuren war für Jono, dass er ins Schwimmbad konnte. Für eine halbe Stunde befreit sein von der Schwerkraft, die ihn ewig in den Rollstuhl bannte, in dem er stets von Metall umfangen war! Leicht sein, sich bewegen können! „Das ist für mich wie Weihnachten, Geburtstag und Ostern zusammen,“ sagte er und in seinen Augen schimmerte ein Glück, dass auch Anja, die Therapeutin sah. Sie ließ ihn länger im Wasser, als die zwanzig Minuten, die der Klinikplan erlaubte, und sie ließ mich zu ihm ins Becken, was Begleitpersonen eigentlich nicht gestattet war. „Mach mir bloß keinen Mist, sonst sind wir beide dran!“ warnte sie Jono, den sie inzwischen auch ganz gut kannte.
Mühsam war es für Jono und für uns, ihn an der Badehose aus dem Rollstuhl auf den Lift zu ziehen, den Lift hochzukurbeln, über das Becken zu schwenken und wieder herunterzukurbeln. Leicht konnte er die Balance verlieren, oder einfach vom Lift rutschen. Ein wenig Angst war immer dabei. Schwer auch, ihn hinterher wieder aufrecht auf den Sitz zu bekommen, da ihm die nötige Muskelspannung fehlte. Aber die kostbare Zeit im Wasser machte alles wieder wett. Endlich einmal war keine Rollstuhllehne zwischen uns. Natürlich durfte ich ihn nicht loslassen, sonst wäre er untergegangen, aber wir wollten uns ja sowieso festhalten. Wir vollführten verrückte Tänze im Wasser und fühlten uns wie Könige. „Aber das allerschönste kommt jetzt!“ sagte Jono triumphierend beim ersten Mal. „Anja, bitte hilf uns!“ Anja und er hatten etwas ausgeklügelt. Das Wasser machte ihn so leicht, dass er sich mit beiden Händen an der Stange am Beckenrand abstützen konnte. Wenn dann Anja von der einen und ich von der anderen Seite mit unserem eignen jeder gegen eines seiner Knie drückte und einer von uns noch seinen Kopf stützte, dann konnte Jono tatsächlich aufrecht stehen! Es war für uns beide ein unglaubliches Gefühl. Wir standen uns zum ersten Mal gegenüber. Plötzlich überragte er mich um Einiges. „Und jetzt das, worauf ich mich seit Monaten freue!“ sagte Jono triumphierend. „Ich kann dir im Stehen einen Kuss geben!“ Ich musste mich für diesen Kuss auf die Zehenspitzen stellen. Und ich war froh, dass mein Gesicht sowieso nass war und Anja meine Tränen vielleicht nicht sah.

An einem anderen Tag zeigte mir Jono ein Museumsdorf, in dem ich viele der kleinen Häuser leider ohne ihn betreten musste, weil sie Stufen und Stiegen hatten. Einmal verbrachten wir eine ganze Stunde in einer Kirche mit traumschönen bunten Bleiglasfenstern. Alles schien voller Geschichten.
Am letzten Tag brachen wir zu einem langen Ausflug an die Werre auf. Ich hatte nicht gewusst, das es einen Fluss mit Namen Werre gab, ich kannte nur die Werra. Am Ortsausgang trafen wir auf einen Laden, dessen Schaufenster voller Kuriositäten war. Jono konnte nie einem Laden widerstehen, der keine Stufen hatte. „Lass uns hineingehen“, sagte er.
„Wir haben kaum noch Geld und wir wollten doch…“
„Nur gucken!“
Drin war ich froh, dass er nicht zu halten gewesen war. Der Laden war ein Märchen. Wundersam geschnitzte Häuschen aus Korkrinde gab es da, Körbe voller besonders schöner Flusskiesel, traumschöne Kerzenhalter, Glasmurmeln. „Das hier wär perfekt für meine Mutter!“ platzte ich heraus.
Es war ein metallenes Pendel an einem glatt geschliffenen, geschwungenen Arm aus matt schwarzlackiertem Holz, der an einem schweren Teller befestigt war. Wenn man das Pendel sanft anstupste, beschrieb es stille, gelassene Kreise und zeichnete dabei feine Muster in den hellen Quarzsand, der den Teller bedeckte.
„Au ja! Kauf es!“ Jono war immer schnell entschlossen.
„Das ist doch viel zu teuer, und außerdem, wie wollen wir das Riesending heute mitschleppen?“ Das Teil war einen halben Meter hoch.
„Unsinn. Was wir haben, haben wir.“ Einmal entschlossen, war Jono von nichts abzubringen. Ich suchte also in allen Rucksack- und Hosentaschen unser restliches Geld zusammen. „Das reicht nicht,“ stellte ich fest, fast ein wenig erleichtert.
„Lass mich mal machen!“ sagte Jono und steuerte auf den Ladeninhaber zu. Er handelte das Pendel um glatte zwanzig Mark herunter und wickelte den armen Mann dabei dermaßen um den Finger, dass wir uns noch zwei geschliffene Glückssteine umsonst aussuchen durften.

Wir wanderten also den gesamten Tag in dem wunderschönen frühsommerlichen Werretal mit einer riesigen Tüte am Fluss entlang, die hinten am Rollstuhl baumelte und aus der bizarr das Pendel ragte. Die Wiesen schäumten von weißen Blüten der wilden Möhre, die ich besonders mag weil sie in der Dämmerung wie tausend heruntergefallene Sterne aussehen und bei Tag seltene Schmetterlinge anziehen. Der Fluss schäumte weiß über sonnenglänzende Felsen und sogar der Himmel trug Schaumkronen aus Wolkenwellen. Was Wunder, dass auch meine Gefühle überschäumten. An diesem Tag wurde mir klar, dass ich angekommen war, dass ich die Liebe gefunden, von der ich eine gefühlte Ewigkeit geträumt, und dass ein neues Leben begonnen hatte, das sich endlich so anfühlte, als gehöre es wirklich zu mir.
Jono schien genauso glücklich, obwohl der unebene Sandweg mit den tiefen Pfützen und hohen Baumwurzeln für ihn anstrengend war. „Das allerschönste an diesem Urlaub war der Kuss im Stehen,“ sagte er verträumt.
An einem kleinen Cafè, das allein auf weiter Flur am Ufer stand, machten wir Halt und zählten wieder einmal unsere letzten Münzen. „Reicht es noch für Saft und Kuchen?“ fragte Jono.
„Nö.“
„Doch!“ sagte er triumphierend. „In meinem Schlüsselanhänger ist noch der Reserve-Reserve-Zehner!“
Ich hätte es mir denken können.
Der Apfelsaft schmeckte nach Sommer und duftete nach Kindheit, der Fluss erzählte Geheimnisvolles in den tiefer werdenden Schatten und der Wind trieb Pusteblumensamen um uns. Wir konnten uns nicht losreißen.
„Pack doch mal das Pendel aus, wir haben es noch gar nicht richtig ausprobiert,“ bat Jono.
„Was, jetzt? Hier?“
„Klar, warum nicht?“
Ich bastelte also die Teile aus der Tüte, stellte den Ständer auf den kleinen runden Kaffeetisch, hängte das Pendel ein und füllte den glitzernden Quarzsand in die Schale. Die Kellnerin warf uns einen erschrockenen Blick zu und machte einen Bogen um unseren Tisch. Wahrscheinlich befürchtete sie schwarze Magie, oder dass wir ihr ein schweres Schicksal voraussagen könnten.
Jono stützte seine rechte Hand auf seine linke und schaffte es, das Pendel sanft anzustoßen. Zusammen sahen wir zu, wie es lautlos Kreise in den Sand zog, in immer wieder andere Richtungen, und wie es ein wunderschönes Muster wob. Es war, als zeigten uns die feinen Linien all die Wege, die uns zusammen- und hierhergeführt hatten, alle, die uns nun offen standen, alle Möglichkeiten, die auf uns warteten, wenn wir nur wollten.
Unten am Fluss flötete eine Amsel von diesem und von zukünftigen Sommern.

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8 Antworten to “Kapitel 12 – Aufrecht”

  1. Schneeflocke Says:

    Hallo Finn,

    sehr sehr schön – wie jedesmal. Klingt dieses Mal irgendwie Wehmut durch? Oder ist das meine ureigene Stimmung???

    Übrigens – in Absatz 2, dieser Satz: „Es war für uns beide immer spannend, ob beim Nachhausekommen schon Licht , der andere also schon da war. “ fehlt glaube ich ein Wort 😉

    Liebe Grüße, Birgit

  2. april Says:

    Sehr poetisch mit einigen ganz besonders gelungenen Gedanken, Gefühlen, Ausdrücken. Einen Hauch von Wehmut meine ich auch zu erkennen, wie beim Abschiednehmen …

    • Finn Says:

      Wehmut erkennt Ihr beide? Hmm, war nicht beabsichtigt, wahrscheinlich unbewußt – aber passt schon. Es wird sich aus der weiteren Geschichte erklären.
      Freut mich sehr, dass es Euch gefällt. Es ist doch schwieriger als ich dachte, eine so persönliche Geschichte zu erzählen… auch, weil schwer zu ermessen ist ob sie dem Leser auch verständlich und von Interesse ist.

  3. Eva Says:

    Hallo Finn!

    Ich bin sehr berührt von Deiner Geschichte / Deinem Roman – und schon sehr gespannt, wie es weitergeht!

    Wunder gibt es immer wieder – kommt mir in den Sinn. Wunder – was auch immer das bedeuten mag.
    Wunder – die Liebe ist immer ein Wunder.

    Alles Liebe
    Eva 🙂

  4. quadratmeter Says:

    Ich schliesse mich der Stimmung an, ich lese auch Wehmut.

    Und ich bin verwirrt, vieleicht auch wegen Müdigkeit, aber wer ist in der ersten Zeile des 2. Absatzes „Peter“? Du meinst Jono, oder?

  5. Bärbel Says:

    Liebe Finn,

    deine Fähigkeit, Gefühle in Worte zu fassen finde ich großartig…

    Gruß Bärbel


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