Kapitel 22 – Entscheidende Begegnungen

Zu diesem Kapitel gibt es nur noch die Kommentare zu lesen, Begründung siehe hier.
Online sind noch die Kapitel 1 – 20.
Zu Kapitel 1 geht es hier.

Veröffentlicht in Uncategorized. Schlagwörter: , , , , . 12 Comments »

Kapitel 21 – Wortschätze

Zu diesem Kapitel gibt es nur noch die Kommentare zu lesen, Begründung siehe hier.
Online sind noch die Kapitel 1 – 20.
Zu Kapitel 1 geht es hier.

Kapitel 20 – Haltestellen

Ab hier muss man leider auf das Buch warten, das im September erscheint… Danke fürs Lesen!

Veröffentlicht in Uncategorized. Schlagwörter: , , . 11 Comments »

Kapitel 19 – Eine ganz andere Hochzeitsreise

Jono schlief an Wochenenden oft bis mittags; wir standen ja sonst so früh auf, und ein ganzer Tag im Rollstuhl war immer anstrengend.
Am Tag nach der Hochzeit ließ ich ihn also schlafen, wir hatten ja nun beide Urlaub bis nach der Hochzeitsreise. Ich war früh wach und räumte leise ein wenig auf, es gab noch viele Stühle zusammenzuklappen, Knallerbsen zusammenzufegen, Geschirr wegzuräumen, Glückwunschkarten zu stapeln. Zwischendurch sah ich nach Jono, er hatte zwar den Kopf zum Fenster gedreht, schlief aber noch immer fest. Im Gegensatz zu gestern war es ein grauer, regenfeuchter Tag, der kaum hell werden wollte. Was hatten wir für ein Glück gehabt! Ich träumte vor mich hin, wischte die Ränder vom Tisch und stellte erschrocken fest, dass es schon halb zwölf war. Jetzt wurde es aber Zeit, Jono sanft zu wecken!

Ich ließ das Tageslicht herein und küsste ihn, aber er wachte nicht auf. Diese Schlafmütze; es war nicht das erste Mal, dass ich ihn wachrütteln musste. Diesmal dauerte es, bis er die Augen aufschlug. „Wir müssen sechsunddreißig Jahre zurückgehen und die Brücke Nummer neunundvierzig reparieren!“ sagte er laut und deutlich. Sein Blick ging durch mich hindurch, er sah mich gar nicht. Plötzlich spürte ich eine kalte Angst im Magen.
„Jono, wach auf! Du träumst!“ Ich schüttelte ihn heftiger, fast zu heftig. Doch er hatte die Augen beinahe wieder zu und nahm mich nicht wahr. Mit zitternder Hand fasste ich an seine Stirn, sie war nicht heiß, eher kalt. Zu kalt. Sein Puls war flach, seine Lippen bläulich.

Ich deckte ihn zu und stürzte ans Telefon, wählte den Notruf.
„Mein Mann… er ist nicht ansprechbar!“
„Hat er gestern getrunken?“
„Ein Glas Sekt, mehr nicht. Bitte kommen Sie sofort, da stimmt was nicht!“
„Hat er Fieber?“
„Nein! Aber er ist nicht ansprechbar!“ Dunkel hatte ich aus irgendeinem Fernsehmagazin in Erinnerung, dass diese beiden Wörter wichtig waren, wenn man den Notruf benutzte und schnelle Hilfe brauchte.
„Gut… es kommt jemand.“

Ich hielt Jonos Hand, aber er war nicht anwesend. Der Himmel allein wusste, auf welcher Brücke er unterwegs war.
Sieben Minuten später heulte die Sirene auf der Straße. Sie näherte sich wie eine Welle, die mich erdrücken würde. Eine Ärztin und zwei Männer stürmten herein, schoben mich zur Seite und beugten sich geschäftig über Jono.
„Ich kenne Sie doch“, sagte die Ärztin und warf mir einen Blick zu. Jetzt fiel es mir auch ein. Sie hatte Jono nach dem Unfall in der Klinik behandelt. Ein Glück, so musste ich ihr nicht seine ganze Krankengeschichte erklären. Überraschenderweise hatte sie das meiste noch im Kopf. Sie stülpte Jono etwas über das Gesicht. „Sauerstoff“, erklärte sie. Wenige Augenblicke später öffnete Jono die Augen, etwas Farbe kehrte in sein Gesicht zurück. „Das ist ja ein toller Apparat!“ sagte er klar. Die Ärztin wollte ihn etwas fragen, doch da sackte er schon wieder weg.
„Wir nehmen ihn mit, sofort!“ befahl sie ihren Helfern, mit einem anderen Ton in der Stimme, den ich nicht hören wollte.
Unser Flur war zu eng für die Trage; am Ende trugen sie ihn schlaff im Laken wie in einer Hängematte.
„Kann ich mitfahren?“
„Nein, tut uns leid. Nehmen Sie sich ein Taxi!“ Weg waren sie. Die Sirene verstummte langsam in einer unermesslichen Ferne.

Hastig schloss ich die Fenster, verriegelte die Türen, griff die erstbeste Jacke und rief ein Taxi. Der Fahrer sah das Schild an unserer Tür, „Just married!“ und gratulierte mir fröhlich zur Hochzeit. Er wunderte sich sicher über meine Wortkargheit; ich brachte es gerade mal fertig, ihm die Notaufnahme der Klinik als Ziel zu nennen. Dort klammerte ich mich an den Tresen und fragte das freundliche Fräulein nach meinem Mann.
Sie blätterte gelassen in ihren Papieren, dann telefonierte sie ausgiebig ehe sie die kleine Glasscheibe wieder hochschob. „Der Zustand Ihres Mannes hat sich unterwegs verschlechtert“, sagte sie höflich um ihren Kaugummi herum. „Er liegt auf der Intensivstation. Die Treppe hoch, rechter Flur. Alles ausgeschildert.“
„Verschlechtert – verschlechtert..!“ Das Wort hallte in meinem Kopf, die ganze Treppe hinauf.
Das Schild war nicht zu übersehen, groß und schwarz sprangen mich die Buchstaben an. Man musste klingeln, dann öffnete sich eine bettenbreite Flügeltür in einen kleinen, leeren Raum. „Bitte warten!“ stand auf einem weiteren Schild.
Vier Stühle standen um einen Tisch, aber ich lehnte mich an die Wand, irgendwie war mir die bloße Tätigkeit des Hinsetzens unmöglich. Schritte näherten sich, eine andere, identische Tür auf der gegenüberliegenden Seite flog auf.

Das war kein Warteraum, das war eine verdammte Schleuse zwischen Tod und Leben.

„Was wollen Sie?“
„Mein Mann.. Jonathan Reimer, er ist hier eingeliefert worden…“
„Ja“, sagte sie, sah mich zum ersten Mal an und doch seltsam an mir vorbei. „Sie können nicht zu ihm, bitte warten Sie hier, ich kann Ihnen noch nichts sagen.“
„Bitte – wie geht es ihm? Was ist passiert?“
„Wir tun, was wir können“, sagte sie und schon verschwand der Zipfel ihres Kittels in der Tür, die sich schloss, ehe mein Blick hindurch konnte.
Jetzt setzte ich mich doch. Die Wand war olivgrün gestrichen, das Olivgrün, von dem man herausgefunden haben will, dass es beruhigt. Tat es nicht. Jemand hatte drei fröhliche Kinderzeichnungen mit Tesafilm daran geklebt. Auf einer war ein schiefes Haus zu sehen, mit Sonne. Es war schief, aber es stand. Das half mir mehr als das Olivgrün; ich klammerte mich an dem Gedanken fest.

Erstaunlich schnell flog die Tür wieder auf, eine Schwester schoss hindurch. Sie legte mir etwas Kaltes in die Hand. „Auf der Intensivstation ist Schmuck nicht erlaubt“, sagte sie und war wieder weg.
Es war Jonos Trauring. Der, den ich ihm vor fast genau vierundzwanzig Stunden an den Finger gesteckt hatte. Im grellen Neonlicht schimmerte golden das Datum von gestern darin.

Ich verlor jedes Gefühl für Zeit. Ab und zu kamen Besucher durch die eine Tür, zogen einen grünen Kittel aus dem Schrank an und verschwanden durch die andere. Wenn sie wieder herauskamen warfen sie den Kittel in eine Tonne. Manchmal wurde auch ein Bett hindurchgefahren, aber keiner der regungslosen Körper darin war Jono.
Am Ende einer Ewigkeit kam eine Ärztin. „Sie können jetzt zu ihm“, sagte sie. „Er ist vorerst stabil. Aber er liegt im Koma.“
„Was heißt das? Was ist denn nur passiert?“
„Wir wissen es nicht. Vielleicht eine Lungenembolie. Seine Atmung hat versagt. Wir müssen die Nacht abwarten.“ Sie reichte mir einen Kittel. „Wenn Sie ihn gesehen haben, gehen Sie nach Hause. Er braucht Ruhe und sie können nichts für ihn tun. Wir benachrichtigen Sie selbstverständlich sofort, wenn eine Änderung eintritt. Wenn Sie morgen kommen, bringen Sie bitte alle Papiere mit, die Informationen über seine Krankheit enthalten.“
„Er kann nicht sterben!“, erklärte ich ihr, als sei das unanzweifelbar logisch. „Wir haben gestern geheiratet.“
„Vorerst ist er stabil“, wiederholte sie.

Jono lag in einem Raum als letzter in einer Reihe Betten, die durch Vorhänge voneinander getrennt waren. Eine Schwester wies mir den Weg; vorher tuschelte sie mit einer anderen. Wahrscheinlich spekulierten sie, was ich in der Hochzeitsnacht mit Jono angestellt haben mochte.
Ich erkannte ihn kaum wieder; so still, voller Schläuche und unter einer Sauerstoffmaske. Es piepte und brummte um ihn und um alle anderen. Auf dem Monitor konnte ich immerhin sehen, dass sein Herz schlug. Meine Hand spürte er nicht. Lange saß ich bei ihm, dann schickte mich die Schwester weg. „Die Besuchszeit ist vorbei“, sagte sie, „Kommen Sie morgen, aber nicht vor elf Uhr.“
„Aber wenn er aufwacht, und ich bin nicht da!?“
„Er wird nicht aufwachen. – Er hat ja auch Medikamente bekommen“, setzte sie hastig hinzu.

Irgendwie fand ich den Weg nach draußen. Es schien mir unglaublich, dass dort der Frühling noch immer stattfand. Die Sonne hatte sich durch die Wolken gekämpft und stand tief über den Häusern. Sie war mir fremd als hätte ich sie noch nie gesehen. Planlos lief ich in irgendeine Richtung, fand mich an einem Graben wieder und setzte mich in das junge Gras auf der Böschung zwischen den Löwenzahn. Der Blick in das langsam fließende Wasser tat wohl, doch ich hatte das Gefühl, dass es für mich von hier nirgendwo mehr hin ging.
Als es dunkel wurde, stieg ich doch in den Bus, fuhr nach Hause.
Dort war es totenstill. Totenstill. Was für ein Wort! Von der Decke hingen immer noch die Girlanden.
Meine Hände zitterten, ich zwang mich, ein Brot zu essen, etwas zu trinken, ich musste einen klaren Kopf behalten, die Papiere zusammensuchen. Das gab mir etwas zu tun, lenkte ab. Jonos Anzug und mein Kleid lagen noch über dem Sessel; ich strich sie zärtlich glatt und hängte sie sorgfältig in den Schrank. Ich packte die Hochzeitstorte in die Gefriertruhe, Jono sollte doch auch noch ein Stück haben, wenn er nach Hause kam.

Dann war ich mit dem Abend allein. Es war dunkel, selbst Licht änderte daran nichts. Mir fiel der Hochzeitsleuchter ein. Ich zündete alle vier Kerzen an. Für Jono, für die Hoffnung. Onkel Felix, das wusste ich, betete jetzt für uns. Aber ob das reichte? Ich musste etwas tun. Kurzerhand nahm ich mir die Gästeliste vor und rief alle an, die ich erreichen konnte. Ich erzählte ihnen, was passiert war und bat sie, in dieser Nacht ganz fest an Jono zu denken. Diese Gedanken würden wie helle, silberglänzende Fäden Jono durch die Nacht tragen, ihm Kraft geben, ihn festhalten: so stellte ich mir das vor. Ich konnte ja sonst nichts tun.
Schließlich war die Liste zu Ende.

Ich dachte an Anthony. Ich vermisste ihn so; ihn hätte ich fragen können, wie so etwas passieren kann, er war Sanitäter, er hatte in der Notaufnahme gearbeitet, hatte Nachtwachen gemacht, das war noch gar nicht lange her. Er hätte mir Fachwissen um die Ohren gehauen zusammen mit albernen Witzen, über die wir unter Tränen hätten lächeln können und ich hätte mich einen Hauch leichter gefühlt.
Doch auf einmal war mir, als spürte ich seine Nähe in der Leere, die mich erfüllte. „Ich habe doch gesagt, Jono ist der Beste für dich“, sagte er. „Du glaubst doch nicht, ich habe dich dazu ermutigt, nur damit du jetzt allein bleibst? Ich könnte Jono zwar gut gebrauchen hier, weil man mit ihm wunderbar Feinfug anstellen kann. Aber ihr gehört zusammen, und so wird es auch bleiben.“
Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken in dieser Nacht. Dabei wurde mir klar, dass ich mich geirrt hatte. Damals hatte ich Anthony unterstellt, er hätte nicht genug Mut zum Leben und nicht genug für eine Beziehung. Das erste stimmte – aber er hatte den Mut gehabt, keine Beziehung zu mir zu haben, gerade weil er mir das hier und anderes hatte ersparen wollen.
Jono aber – der hatte soviel Mut zum Leben, mehr als alle, die mir jemals begegnet waren. Jono würde es schaffen.
Ich brauchte Luft, ging in den mitternächtlichen Garten. Die Stadt schlief und schwieg. Am Himmel flog ungerührt der Schwan, hell und klar.
„I believe in angels!“, flüsterte ich trotzig in seine Richtung.

Veröffentlicht in Uncategorized. 10 Comments »

Kapitel 18 – Von Amsel bis Zickenschulze

Ich stand mit der Dämmerung auf und mit den ersten Amselrufen, die in den Himmel stiegen wie die Hoffnung selbst. Mein Tee kribbelte im Magen als wäre er Sekt gewesen. Der Tag war dunstig und kühl, versprach aber mit einem verhaltenen Leuchten durch den Nebel, noch schön zu werden. Ich brauchte einen Moment allein mit dem Morgen, um in die Stille zu lauschen und zu begreifen, dass dieser Tag wirklich geworden war: der Tag, der von nun an in unsere Trauringe und unsere Geschichte eingraviert sein würde. Überall hingen weiße Girlanden, die ein befreundetes Pärchen gestern bei einem Blitzbesuch hinterlassen hatte. Es war die richtige Entscheidung gewesen, hier in unserem Paradieschen zu feiern. Das Echo dieser Stunden, die Schritte und das Lachen würden für immer in den Ecken zu Hause sein und durch die Jahre hallen, wann immer wir uns an eine schöne Erinnerung anlehnen mussten.
Im Schlafzimmer türmten sich die Sachen, die ich für die Hochzeitsreise zurechtgelegt hatte. In drei Tagen flogen wir nach Teneriffa. Das würde Jono gut tun. Er war nach dem langen Winter und dem Unfall immer noch ein wenig erschöpft und hatte eine Zeitlang Husten gehabt. Doch der Arzt hatte ihn sorgfältig abgehört. „Alles in Ordnung“, hatte er gesagt, „ein paar Wochen kanarisches Klima und Sie sind so gut wie neu.“

Ich weckte Jono und wir zogen ihm seinen Hochzeitsanzug an. So einfach war das nicht; wenn jemand beim Anziehen nicht aufstehen kann, muss jeder Handgriff sitzen. Ein neuer Stoff, ein anderer Schnitt, und schon wird es schwierig. Aber schließlich sah er umwerfend darin aus.
Kaum hatte ich mein Kleid an, stürmten auch schon Lilo und Fred herein, um den Brautstrauß und Kranz zu bringen und an uns herumzuzupfen. „Hier ist noch was Geliehenes und was Blaues“, sagte Lilo und wedelte mit einem Strumpfband und einem bestickten Taschentuch, während sich Fred bemühte, die Blume an Jonos Revers zu befestigen. „Wo sind die Ringe?“
„Hier!“ Es war ein wenig wie im Film, aber ich unterdrückte meine aufsteigende nervöse Heiterkeit. Eine beleidigte Lilo konnte ich jetzt nicht gebrauchen. Fred zwinkerte mir zu, offenbar ging es ihm genauso.

Wir waren tatsächlich pünktlich beim Standesamt. Die Männer schafften es, Jono über die Stufen zu tragen ohne dass etwas vom Rollstuhl abbrach oder er herausrutschte. Wir sagten nichts Falsches, wir ließen die Ringe nicht fallen und ich schaffte es sogar, mit meinem neuen Namen zu unterschreiben und nicht über den Standesbeamten zu lachen. Die Sonne schob vor Verwunderung die Wolken beiseite und schickte einen Strahl durch die bunten Fenster und selbst meine unsentimentale Familie war annähernd gerührt. Dann stieg Jono in den Elektrorollstuhl um, den er selbst steuern konnte, so dass er sich nicht mehr fühlen musste wie ein Paket.
Schließlich standen wir vor der Kirche. Die kirchliche Trauung bedeutete uns viel mehr als die standesamtliche. Wenn Onkel Felix uns seinen Segen gab konnte nichts schief gehen.

Auf dem Vorplatz mussten wir ein wenig warten, während das Kirchenportal eine Gruppe feierlich gekleideter Kommunionskinder entließ. Unsere Freunde und Verwandten sammelten sich nach und nach um uns. Hatten wir wirklich so viele? Die Kirchenglocke dröhnte großartig. Ich fröstelte ein wenig im Frühlingswind und weil mich der Augenblick erschütterte. Diese Glocken läuteten für uns! Mitten in all dem Frühlingsgrün und den vielen Menschen läuteten sie für uns. Ich stellte fest, dass es stimmt, was man sagt: an diesem Tag, als Braut, fühlte ich mich tatsächlich schön, vielleicht wegen dem Blumenkranz, wahrscheinlich aber, weil Jono wirklich sein Leben mit mir teilen wollte. Ich hatte Schönheit nie für wichtig gehalten. Schließlich stand ich am Tag bestimmt nicht mehr als drei Minuten vor dem Spiegel, ich hätte also nichts davon gehabt. Schönheit brauchte ich nur um mich herum, zumindest ein Stück Grün und Himmel. Aber in diesem Moment beschwingte dieses Gefühl seltsam. Jono strahlte auch, vielleicht nahm es sonst niemand wahr, aber ich sah es in seinen Augen.

Die Kirche war voll. Neben Jono ging ich vorsichtig durch das Orgelbrausen zum Altar. Das Summen des Rollstuhlmotors passte in die Musik. Vorne stand ein Stuhl, damit ich neben Jono auf Augenhöhe sitzen konnte. Ich spürte aller Augen in meinem Rücken und war froh, dass unsere liebsten Freunde als Trauzeugen hinter uns standen wie ein Schutzschild.
Dann fing Onkel Felix an zu sprechen und ich hörte nur noch seine Stimme, sah nur die hellen Kerzen – und Jono.
Onkel Felix hatte Jonos Annonce in der Zeitung nie gelesen, aber in seiner Predigt sprach auch er von Mut und davon, dass wir ein Vorbild seien, da wir uns von Jonos Behinderung nicht beirren ließen. So hatte ich das noch nicht gesehen und war verlegen, aber hinter uns schlich ein zustimmendes Flüstern durch die Reihen, und Onkel Felix sprach noch weitere schöne Sätze von Liebe und von den guten und den schlechten Zeiten und von Zusammengehörigkeit. Warm umfingen uns seine Worte, und dann legte er unsere Hände ineinander und seine Priesterstola darüber. Unser „Ich will!“ hallte überraschend laut in der stillen Kirche.
Zur allgemeinen Erheiterung küsste mich der Pfarrer, der ja nun auch mein Onkel war, noch bevor er es Jono erlaubte. Die aufbrandende Orgelmusik spülte uns inmitten eine ergriffenen Freundesmenge aus der Kirche zurück in den hellgrünen Maitag, der nun so warm geworden war, dass ich für die Fotos mein Bolerojäckchen ausziehen und mit meinem schulterfreien Kleid angeben konnte.

Auf der Fahrt von der Kirche nach Hause schien der Frühling noch verzauberter als zuvor. Löwenzahnblüten lagen golden auf dem Land und die Obstbäume schäumten weiß. Ihr Duft wehte zusammen mit der Autokolonne unserer Gäste wie eine Schleppe hinter uns her.
„Hopp!“ sagte Jono, als er aus dem Bus gerollt war, „auf meinen Schoß, jetzt trage ich dich über die Schwelle!“
„Meinst du, das geht?“ Wir mussten ja die kleine Schräge zur Haustür hoch, und ich dachte an Teneriffa und den Kartoffelchipssturz.
„Und wie das geht!“
Ich kletterte also möglichst elegant auf seinen Schoß und er gab Gas. Die Gäste versammelten sich in einer erwartungsvollen Traube hinter uns. Wir fuhren durch das Gartentor und zuckten zusammen. Ich hatte entschieden abgelehnt, dass jemand Blumen streut, da ich es nicht mag, auf Blumen zu treten. Irgendein Witzbold hatte sich das Streuen aber nicht nehmen lassen und die Blumen kurzerhand durch Knallerbsen ersetzt. Unter Jonos Reifen und unserem doppelten Gewicht gingen die ganz wunderbar hoch, so das wir knatternd und unter dem Jubel der Anwesenden die Rampe eroberten und Jono mich triumphierend durch die schmale Haustür kutschierte.

Johanna und ihr Mann Olli hatten zu Hause die Stellung gehalten und das Essen entgegengenommen, das alle Schüssel für Schüssel vor der Fahrt in die Kirche abgegeben hatten. Sie bauten den langen Tapetentisch im Wohnzimmer vor dem Panoramafenster auf und richteten ein grandioses und wunderbar romantisch dekoriertes Buffet her. Kein Catering-Service hätte das so hinbekommen.
Reginald, der Butler, entpuppte sich als ein Geschenk. Wie er in seiner tadellosen klassischen Butleruniform mit weißen Handschuhen an der Tür stand und die Gäste begrüßte war allein schon für Lacher gut, denn er passte zu unserem schuhschachtelförmigen Sechziger-Jahre-Bungalow wie Kaviar zu Currywurst. Für noch mehr Heiterkeit sorgte meine Schwiegermutter, die ihn für einen Freund hielt, ihm um den Hals fiel und ihn küsste. Er war zwar verblüfft, umfing sie aber galant. Ansonsten schaffte er es mit unfassbarer Schnelligkeit und Umsicht, dass jeder Gast einen Platz fand, zu trinken bekam und auch sonst rundum versorgt war. Mir blieb nichts zu tun als mich um Jono zu kümmern, mit den Freunden zu plaudern und den Tag tief auszukosten.

Statt Geschenken hatten wir uns Geld für die Hochzeitsreise gewünscht. Von meinem Trauzeugen bekamen wir jedoch noch etwas, das mir viel bedeutete. Er überreichte uns einen wunderschönen, mit einer frischen Efeuranke umwundenen venezianischen Hochzeitsleuchter aus Zinn, den sie zu ihrer eigenen Hochzeit in Venedig gekauft hatten und der nun uns Glück bringen sollte.
Was die Torte anging, so hatte meine Schwester sich selbst übertroffen. Sie bestand aus einer Schneelandschaft in mehreren Etagen und auf ihr applaudierte eine ganze Gesellschaft aus Pinguinen, die seit jenem Tag im Zoo längst zu unserem Wappentier geworden waren, einem lächelnden Pinguinbrautpaar, das ganz oben thronte. Vorsichtig schnitt ich sie an und verteilte großzügig Stücke. Sie schmeckte natürlich ebenso himmlisch, wie sie aussah.
Danach mussten wir unter allgemeiner Anteilnahme einen Eimer Sand sieben, in dem alle möglichen glücksbringenden kleinen Schätze versteckt waren. Als krönenden Abschluss überraschte uns der Butler damit, dass er sich umzog und als echt zillemäßig berlinischer „Zickenschulze“ mehrere Balladen sang und spielte.

Mit der Dunkelheit zauberte Jono Bodenfeuerwerk hervor und wir streuten zu den ohnehin vorhandenen Sternen eine Menge weitere in den Himmel. Der Schwan war Zeuge und wunderte sich von oben, hatte aber keine Einwände.
Als die Tür spätabends hinter den letzten Gästen zufiel, die uns so einstimmig wie glaubhaft versicherten, das sei die schönste und sinnvollste Hochzeit gewesen, die sie je erlebt hätten („und das waren schon viele…!“) küsste mich Jono und sagte: „Du, der Tag hätte nicht schöner sein können, aber jetzt möchte ich nur noch ins Bett!“ Mir ging es genauso. Ich brachte ihn ins Bett, stellte ein paar Reste in den Kühlschrank und trank noch einen Tee an demselben Küchenfenster, an dem ich den Morgen begrüßt hatte. Es fühlte sich an als sei das ein halbes Leben her, so erfüllt war der Tag gewesen. Ich hatte keine bestimmten Erwartungen an ihn gehabt, weil ich mir das alles gar nicht hatte vorstellen können – aber sie waren bei weitem übertroffen worden.
Draußen flötete eine Amsel im Schlaf, ein einziger Laut wie der Nachklang einer Glocke.

Kapitel 17 – Stilblüten

„Hast du schon ein Kleid?“ hatte mich Lilo vor ein paar Wochen gefragt. Sie war eine mütterlich veranlagte Bekannte von Jono und mir.
„Ein Kleid? Wozu?“ Ich war gerade mit der Frage beschäftigt, ob die Schnecken oder die Wühlmäuse die Tulpenzwiebeln gefressen hatten.
„Im allgemeinen heiratet man in einem Kleid.“ Ihr strenger Blick wanderte zu dem ausgefransten Loch in meiner Hose. Meine Jeans hatten alle ein Loch am rechten Knie, spätestens nachdem ich sie zwei Wochen getragen hatte. Wenn ich Jono die Hosen und Socken und Schuhe an und aus oder ihn aus dem Rollstuhl ins Bett oder auf das Sofa zog stützte ich mich immer mit dem rechten Knie am Boden oder irgendeiner Kante ab. Ich hatte es aufgegeben, Flicken draufzunähen. Erstens konnte ich nicht nähen und zweitens waren die nach weiteren zwei Wochen ebenso durch. Ich trug mein Loch am Knie eben als Zeichen meiner Liebe zu Jono und amüsierte mich über die neugierigen Blicke der Kleinkinder und die erstaunten ihrer schicken Mütter. Dabei gibt es teure Designer-Jeans, in denen schon beim Kauf ein Loch drin ist. Das kostet dann extra.

„Du kommst morgen mit!“ entschied Lilo. „Da ist doch dieses nette Brautmodengeschäft gegenüber vom Friedhof. Die kennen mich. Da finden wir was Anständiges.“ Lilo hatte vier verheiratete Töchter und neun Enkelinnen im heiratsfähigen Alter. Sie kannte sich aus. Ich fügte mich, obwohl ich nie gedacht hatte, dass ausgerechnet ich diesen Laden einmal betraten würde, in dessen Fenster unglaubwürdig schöne Puppen in dauerhaft strahlendem Weiß hochmütig in die schlammige Straßenflucht blickten. Ich hatte mich immer in die Kategorie graue Maus eingeordnet, was mir nie viel ausgemacht hatte. Aber für Jono wollte ich wirklich schön sein – na ja, so schön wie möglich eben. „Schöne Frauen sind Bonbons für die Augen“, hatte er einmal gesagt. Da konnte ich ihm ja zur Hochzeit mal ein wenig entgegenkommen.

Der Laden war klein und ein wenig muffig. Ich sah mich staunend um, während die Inhaberin mit ausgestreckten Händen auf Lilo zugestürmt kam. Mich übersah sie zunächst, dem Himmel sei Dank. „Ach wie schön, dass Sie uns wieder beehren! Welche Tochter ist es denn diesmal, oder sind Ihre reizenden Enkelinnen etwa schon so weit?“
„Nein“, sagte Lilo, „ich habe eine Freundin mitgebracht.“
„Ach so!“ Die Dame sah mich und mein Loch im Knie abschätzend an. Vielleicht tue ich ihr unrecht, aber ich war mir ziemlich sicher, das ihr Blick ein „das-wird-aber-schwierig-aus-der-was-zu-machen“ bedeutete. Ich teilte ihre Meinung, vor allem angesichts der Kleider, die sie anzuschleppen begann und die jeden freien Winkel besetzten. Überwältigende Kumuluswolken aus Tüll und Gaze bauten sich bedrohlich um mich herum auf als wäre ein schweres Sommergewitter im Anmarsch, garniert mit Hagelkörnern aus Strass.
Die skeptische Dame hielt mir ein unfangreiches Gebilde voll Rüschen und künstlicher Rosenknospen an. „Bezaubernd!“ flötete sie versuchsweise.
„Ich bin keine achtzehn mehr. Und wenn Jono mich darin sieht, läuft er schreiend davon!“ erklärte ich mit Überzeugung.
„Nun, das kann er ja wohl nicht“, meinte Lilo. „Der Verlobte sitzt im Rollstuhl“ sagte sie erklärend zu der Dame, deren Augenbrauen noch eine Etage höher rutschten. Fast hätte sie gefragt, warum ich dann heiraten wollte, ich sah es ihr deutlich an. Aber noch war ich potentielle Kundin. Sie schluckte es herunter.
„Genau“, sagte ich, „Rollstuhl. Deshalb werde ich nicht in einer Schleppe neben ihm laufen, die sich in den Speichen verfängt und nicht in einem langen weiten Rüschenrock, der sich am Hebel festhakt und im entscheidenden Moment die Bremse anzieht. Auch nicht in einem Schleier, der Jono jedes Mal die Sicht nimmt, wenn ich ihm zu nahe komme.“
Wir verließen den Laden ohne Erfolg.

Irgendwie wurde ich Lilo los, machte mir zuhause einen Tee, kramte den dicken Stapel unbenutzter Versandhauskataloge aus der Ecke hervor unter dem ich bunte Herbstblätter gepresst hatte, und blätterte. Und blätterte. Ich brauchte ein kurzes Kleid, das nicht mit Jonos Rädern ins Gehege kommen konnte. Die laute Stimme der skeptischen Dame klang mir noch in den Ohren. „Diese Saison ist Violett angesagt, oder wenigstens Weinrot… Smaragdgrün ist auch ganz neu in der Kollektion…!“ Ich schüttelte den Kopf. Weiß, ja, weiß sollte es schon sein. Ich begann mir gerade auszumalen wie sich Anthony über die ganze Kleiderkomödie amüsiert hätte, da fiel mir ein, was er sagen würde: „Stell dir einfach vor, wie ich dich gezeichnet hätte!“ Keine fünf Minuten später wurde ich fündig. Ein schlichtes knapp knielanges Cocktailkleid aus einem etwas schwereren mattweißen Stoff mit einer dezenten Struktur. Es war schulterfrei und der Rock ein klein wenig ausgestellt mit einer einzigen Falte. Dazu gehörte ein kurzes Bolerojäckchen mit einem pfiffigen Stehkragen. „Das ist es!“ Ich griff nach dem Telefon und bestellte kurzerhand und hochzufrieden, ohne noch irgendjemanden um Rat zu fragen.
Selbst Lilo war überzeugt, als ich ihr das Kleid vorführte. „Hast recht, das passt zu dir. Eine gute Wahl,“ sagte sie widerstrebend. „Nur, hier, in der Taille, das würde noch viel besser sitzen wenn es etwas enger wäre.“
Ich drehte mich prüfend vor dem Spiegel. „Kannst du da nicht einen Abnäher machen?“ fragte ich hoffnungsvoll.
Energisch schüttelte sie den Kopf. „Das muss richtig gemacht werden. Die im Brautmodengeschäft machen auch Änderungen.“
„Du meinst, ich kann da mit diesem Kleid hingehen, das ich nicht bei ihr gekauft habe…?“ Ich versuchte mir das Gesicht der skeptischen Dame vorzustellen. Es war verlockend.
„Du brauchst sowieso noch was für den Kopf“, erklärte Lilo. „Das können wir bei der Gelegenheit gleich mitnehmen.“

Also klemmten wir uns das Kleid unter den Arm und wagten uns in die Höhle des Löwen. Die skeptische Dame begutachtete das Kleid mit spitzen Fingern. „Das ist Ware von der Stange!“ sagte sie als wäre ein Skorpion aus der Tüte gekrochen. „In so etwas kann man nicht heiraten!“
„Können Sie es ändern oder nicht?“ erkundigte sich Lilo betont freundlich. Der Dame fielen Lilos Enkelinnen ein. Sie bügelte ihre Stirn, vergaß aber ihre vornehme Ausdrucksweise. „Na, denn ziehn se’s mal an.“
Ich stand brav still, während sie mit Stecknadeln hantierte. Inzwischen apportierte Lilo diverse Strassspangen und Haarreifen mit Seidenblüten und probierte sie an mir aus. Der angewiderte Gesichtsausdruck der Hausherrin lichtete sich etwas. Warum, verstand ich als ich aus dem Augenwinkel einen Blick auf das Preisschild eines Gazehütchens erhaschte, das Lilo hinreißend fand. Auf meinem Kopf sah es aus wie ein verlorenes Taschentuch.
„So“, sagte die Dame, „Jetzt ziehen Sie es vorsichtig aus. Und was ist nun mit der Kopfbedeckung?“
Ich zog die Stecknadeln aus mir heraus und dabei kam mir der rettende Einfall. „Das wird nicht nötig sein. Ich habe mich für einen Kranz aus frischen Blumen entschieden.“
Das gab ihr den Rest. „Echte Blumen?“ Ihre Stimme überschlug sich.
„Wann können wir das Kleid abholen?“ fragte Lilo hastig.
„Übermorgen!“ Und kommen Sie bitte nie wieder, dachte die arme Frau. Man sah es ihr an. Wir hatten sie geschafft.

Drei Tage vor der Hochzeit bestellten wir im Blumengeschäft den Brautstrauß und ein Anstecksträußchen für Jonos todschicken Anzug. Den hatten wir aus dem Rollimoden-Katalog. Eine normal lange Jacke hätte nie gesessen, aber es gibt extra Hosen- und Jackenschnitte für Rollstuhlfahrer. Der Blumenkranz allerdings stellte die freundliche Floristin vor Probleme. „Das hab ich noch nie gemacht.“ Ratlos zog sie an ihrem Ohrläppchen. „Wir machen nur Kränze für Beerdigungen!“
Ich dachte an Anthony und schluckte. Seine Asche war inzwischen anonymer Teil einer Wiese in Potsdam. Aber wie hätte er jetzt gelacht!
„Aber dann können Sie doch Kränze. Vielleicht können Sie das etwas…abwandeln,“ bat ich.
„Hmm…“ Sie dachte angestrengt nach und ging sich mit ihrem Chef beraten.
Auf den Blumenkranz war ich gekommen weil ich mich daran erinnerte, wie meine stolzen Großtanten mir zur Feier meines vierten Geburtstags einen solchen aufgesetzt hatten. Er juckte und stach – aber ich fühlte mich wunderbar und schön, gekrönt von meinen Freunden, den Blumen, unangreifbare Prinzessin in meinem geliebten geheimnisvollen duftenden Gartenkönigreich. Später in der Schulzeit hatte ich mir dieses Gefühl manches Mal zurückgewünscht und es auf den Blumenkranz geschoben.
Warum also nicht die Gelegenheit nutzen und noch einmal in meinem Leben einen Blumenkranz tragen?
Die Verkäuferin kam zurück. „Doch, das kriegen wir hin,“ sagte sie, „Mit Schleierkraut, das hält lange genug, auch ohne Wasser.“
Ich war zufrieden. Jetzt passte alles.
Denn mit Jono fühlte ich mich wie damals als Blumenprinzessin: sicher, frei und glücklich in einer grünleuchtenden, verheißungsvollen Welt.

Veröffentlicht in Uncategorized. Schlagwörter: , , . 14 Comments »

Kapitel 16 – Flaschenpost

Ich vermute, der Standesbeamte hat mir lange nicht geglaubt, dass mein Verlobter wirklich existierte. Da meine Arbeitszeiten flexibler waren als Jonos, vor allem aber weil unser zuständiges Standesamt ein betagtes Gebäude voller Winkel und Stufen und somit rollstuhlunzugänglich war, machte ich die zahllosen Behördengänge allein: Termin festlegen, Aufgebot bestellen, all die unzähligen Papiere besorgen und Gebühren zahlen die zum Heiraten offenbar unverzichtbar waren. Verschwundene Papierstapel begannen uns schon in unsere Träume zu verfolgen.

Der Standesbeamte zeigte mir den kleinen runden Saal, in dem die Ehen geschlossen wurden, ein freundlicher Raum mit einem Erkerfenster. Durch bunte Bleiglasscheiben fiel die Sonne auf lindgrüne Polsterstühle und glänzendes Parkett.
„Das ist sehr schön“, sagte ich zu ihm, „aber gibt es nicht trotzdem irgendwo einen Raum, in den man mit dem Rollstuhl kommt?“
Er lief mit mir alle Gänge ab, aber es gab keinen, der nicht von mindestens drei Stufen unterbrochen wurde. Wir würden also auf den Elektrorollstuhl verzichten und den Schiebestuhl nehmen müssen, der Jono seine Selbstständigkeit nahm und in dem er sich wie ein Postpaket fühlte, in dem ihn aber zwei Männer über die Stufen heben konnten. Ich ging in Gedanken die Gästeliste durch, ob wir noch jemanden seiner Muskelkraft wegen einladen mussten.
„Wenn Sie eine Ehe führen wollen, werden Sie noch ganz andere Hindernisse zu überwinden haben“, meinte der Standesbeamte lässig. Er hieß Maywald. Weil seine Ruhe mich nervös machte, stellte sich meine verflixte Phantasie vor, wie kleine grüne Frühlingsblätter hinter seinen Ohren zu sprießen begannen. Er missdeutete mein Schmunzeln. „Sehen Sie, geht doch!“

Wir hatten uns auf den neunten Mai festgelegt; seit wir uns an einem neunten kennen gelernt hatten war das unser Glückstag.
Ob Anthony kommen würde, ließ er offen, aber ich ging nicht davon aus. Er ging seit November schon nicht mehr ans Telefon. Etwa zweimal im Monat rief er von sich aus an, doch seine Stimme war leise, als spräche er aus weiter Ferne. Im Hintergrund lief immer noch „I believe in Angels.“ Die alte Nähe zwischen uns war in den wenigen Momenten sofort wieder da, aber zerbrechlich, kostbar, vergänglich und schmerzlich außer Reichweite wie eine Seifenblase im Wind. Seine Zeichnungen in seltenen Briefen zeigten Sanduhren oder einsame Landschaften, die langsam von Sand verschüttet wurden.
Aber er wünschte Jono und mir alles Glück, und ich spürte, wie sehr er das meinte. Von allen Glückwünschen war mir dieser am Wichtigsten.

An kirchliches Heiraten hatten wir gar nicht gedacht, Jono war geschieden und ich nicht einmal konfirmiert. Aber da hatten wir die Rechnung ohne Jonos Onkel Felix gemacht, der Pfarrer war – derjenige, der damals Jono zu der Anzeige ermutigt und, wie er sagte, oben ein gutes Wort für uns eingelegt hatte. „Jono hat noch nie katholisch geheiratet, also ist er auch nicht geschieden. Und eine Konfirmation ist nicht nötig, Taufe reicht. Ich traue euch!“ Die Kirche hatte wenigstens keine Stufen, und so war das beschlossene Sache. Das fanden wir auch wesentlich schöner als nur Standesamt.

Die Gästeliste gingen wir immer wieder durch, es half nichts: obwohl einige wegen anderer Termine absagen mussten, waren es immer noch an die fünfzig liebe Leute und auf dem Konto war nicht mal genug Geld für die gebuchte Hochzeitsreise.
„Wozu haben wir den Mai ausgesucht!“ sagte ich entschieden. „Wir feiern zuhause – im Garten – und im Mai ist gutes Wetter, basta!“
Das Haus war klein; bei Regen würde es Schwierigkeiten geben. Darüber durften wir gar nicht erst nachdenken.
„Dann lassen wir aber das Essen liefern!“ meinte Jono. Wir wälzten also Kataloge von Catering-Firmen und sahen uns an.
„Wozu haben wir Freunde und Verwandte?“ sagte ich.
Wir telefonierten herum, und rasch sah die Gästeliste so aus: Johanna – Kartoffelsalat, Mutter – Reissalat, Carola – Brötchen, Tante Anna – Rollmops….
Auf einmal war alles leicht. „Und die Torte?“ fragte Jono.
Dafür kam nur eine in Frage: meine Schwester. Ich erinnerte mich an die Torten mit Marzipanlandschaften, die sie gelegentlich zu meinem Kindergeburtstagen gezaubert hatte, wenn es sie überkam. Ganze Geschichten spielten sich darauf ab.
„Stühle…?“
„Bringt jeder mit…, und die Nachbarn haben auch.“
„Ich will aber nicht, dass du die ganze Zeit die Gäste bedienen musst! Ich brauche dich!“ sagte Jono.
Aber auch dafür gab es eine Lösung. Unsere Freundin Johanna kannte einen professionellen Butler, den man für Feste mieten konnte. Er empfing und bediente die Gäste, so richtig mit Uniform, ohne dabei förmlich zu wirken, sondern mit Humor. „Der Mann ist perfekt dafür!“ schwärmte Johanna. So buchten wir Reginald. Das war also auch geklärt.

Blieb noch die Sache mit den Trauzeugen. Darüber musste wir nicht lange nachdenken. Jono wählte seinen besten Freund, der ihn seit dem ersten Tag seiner Ausbildung begleitete. Ich bat den Mann, der ebenfalls seit meinem ersten Tag an der Uni mein Anker in der Welt gewesen war, verlässlich wie der Sternenschwan am Himmel, mit einem Lächeln, einem Trost, einem Zauber und einer Antwort oder der richtigen Frage wann immer ich sie brauchte. Aber das ist eine andere Geschichte.

„Du“, sagte Jono eines Abends, „Ich werde das Auto verkaufen. Dann können wir die Hochzeit und die Reise finanzieren, und ich fahre ja doch nie mehr.“
Das Auto stand in der Garage, seit wir uns kannten. Davor war er noch gefahren, obwohl das aufgrund seiner eingeschränkten Reflexe ziemlich leichtsinnig war. „Als ich noch allein war, war mir insgeheim egal, ob mir was passiert,“ gestand er mir. „Jetzt ist das anders.“
„Ich bin froh darüber – aber bist du sicher?“ Ich wusste, dass er, im Gegensatz zu mir, die es hasste, leidenschaftlich gern gefahren war.
„Es hilft ja nichts – es ist das einzig Vernünftige.“

Im März hatte Jono einen Unfall. Der Busfahrer feilte sich während der Fahrt zum Büro die Nägel und musste wegen dieser Ablenkung plötzlich bremsen. Der Gurt öffnete sich, Jono stürzte aus dem Rollstuhl, prallte gegen den Vordersitz und verletzte sich das Bein. Manche sagten: Das ist doch nicht so schlimm, er kann doch sowieso nicht laufen. Doch das war eine Fehlannahme: Er brauchte das Bein, um sich abzustützen, wenn wir ihn vom Bett auf den Rollstuhl oder vom Rollstuhl auf die Couch setzten, und überhaupt um im Sitzen die Balance zu halten. Nun musste er eine Weile viel liegen. Nachts war er unruhig, fast jede Stunde musste ich ihm helfen, sich anders hinzulegen. Noch im Bademantel verkaufte er das Auto, obwohl es ihm fast das Herz zerriss, an einen Arzt, der auf unsere Annonce hin angerufen hatte.
Danach erholte er sich; mit dem Frühling schlich sich mutiges Grün in unsere Welt und alles war im Aufwind. Jono ging wieder arbeiten. Die Hochzeit rückte näher, die Vorfreude stieg, die Aufregung auch. Ich konnte es immer noch nicht fassen, dass Jono wirklich den Rest seines Lebens ausgerechnet mit mir verbringen wollte. Ich war voller Staunen und gleichzeitig ungläubigem und ausgelassenen Glück.

Anfang Mai fegte ich zur Vorbereitung auf die Hochzeitsfeier im Garten unter der Hecke die letzten braunen Blätter zusammen, die der Herbst dort vergessen hatte. Ich dachte an die Bilder, die Anthony mit solchen Blättern lebendig gemacht hatte. Es war auf einmal, als stünde er so dicht neben mir dass ich seinen Tabak riechen konnte. Mich überfiel der plötzliche Drang, ihm einen Brief zu schreiben.
An einem sanft neblig grauen Morgen eine Woche vor der Hochzeit fand ich einen Brief mit fremder und doch seltsam vertrauter Handschrift im Kasten.
Mein eigener Brief an Anthony fiel mir ungeöffnet in die Hand, zusammen mit einem Schreiben seines Vaters.
Man hatte Anthony tot in seiner Wohnung gefunden, in seinem Sessel, die Augen zum Fenster gewandt, vor dem die junge Birke austrieb, deren Grün er geliebt hatte. Wie lange er dort gesessen hatte, konnte man nicht genau feststellen. Mein Brief musste unten in seinem Briefkasten gelegen haben, während er starb.

Wie blind lief ich in den Garten, setzte mich unter die Hecke, schlang die Arme um die Knie und versuchte zu begreifen. Eines unserer mitternächtlichen Telefongespräche kam mir in den Sinn. „Mich können sie weder im Himmel noch in der Hölle gebrauchen“, hatte er gesagt. „Für mich müssen sie eine Art Zwischenbereich erfinden, wo ich Abteilungsleiter für Feinfug werde und alle meine Bilder umgekehrt aufhängen darf weil es kein Oben und kein Unten mehr gibt.“

Später weinte ich eine Weile in Jonos Armen. Dann musste ich zur Arbeit. Während ich meine Jacke anzog, sah mir Anthonys Selbstportrait, das an der Wand neben meinem Bücherregal hing, direkt ins Auge. Ich werde nie weg sein, weißt du doch! sagte sein Blick.

Abends auf dem Heimweg machte ich einen Umweg zu dem See, an dem Anthony viel Zeit verbracht, von dem er mir viel geschrieben und über den wir damals gefahren waren – rückwärts. Im letzten Herbst war er dort oft mit der Fähre von Ufer zu Ufer gefahren und wieder zurück, manchmal mehrfach. „So kann ich mit dem Himmel zusammen sein, ohne laufen zu müssen“, sagte er. Das Laufen strengte ihn damals schon sehr an; sein Atem reichte nicht mehr. Wenn wir telefonierten, schmerzte mich die Luft, die ihm hörbar fehlte.
Wie ein Echo von Anthonys Stimme hallte jetzt eine Zeile aus einem seiner Gedichte durch mein Denken:

„..es sei denn, unter einer Saat von Zweifeln
ein Zipfel der Unendlichkeit.“

So wie Jono mich im Herbst mit dem Drachen in der Hand über die Wiese schickte um den Himmel zu erobern, so hatte Anthony mich jahrelang über Gedankenwiesen gejagt, auf die er Bilder säte und deren freie Grenzenlosigkeit er mir auf diese Weise bewies.
Einen Zipfel der Unendlichkeit hatten wir dabei zusammen zu fassen bekommen. Ich war mir ganz sicher. Und ich würde ihn nie loslassen.

Ich setzte mich auf einen halb in den See gefallenen Baum, hängte meine Füße in das frühlingskalte Wasser und schrieb zu seinem leisen Gluckern ein Gedicht auf einen Zettel während um mich ein warmer Regen fiel und die feuchte Erde nach Leben duftete. Nie hatte ich ein Gedicht für Anthony geschrieben, nur Geschichten und Portraitskizzen. Wann, wenn nicht jetzt? Zu meiner Überraschung wurde es ein Sonett, dabei hatte er nie etwas auf strenge klassische Formen gegeben.


EVOL

Mit dir nur konnte Tage ich bemalen
für uns war große Dichtung jede Stunde
als wir noch von der Zukunft Reichtum stahlen
leicht lasen wir der Sterne helle Kunde

Es lockte Wind die Träume zu Spiralen
du jagtest Zweifel gnadenlos zugrunde
wir suchten Glück in zarten Muschelschalen
mit Neugierfunkeln atemlos im Bunde

Auf meine Fragen kamst du wie gerufen
wir lebten auch in jedem Abgrund hoch
dein Lachen trug mich über alle Stufen

Selbst auf Vergänglichkeit lag Lied und Glanz
als Tod schon stumm in deinem Schatten kroch
sprach noch dein Schritt von einem stillen Tanz

Ich rollte den Zettel zusammen, steckte eine von den Anthonyblumen die das Ufer traumblau färbten hinein und kramte in meiner Tasche nach der Selterflasche. Ich trank den letzten Schluck , fädelte die Papierrolle durch die Öffnung, schraubte den Verschluss fest zu und warf sie so weit ich konnte der silbrigen Dämmerung am Horizont entgegen.

Für einen Moment glaubte ich unser Lied zu hören: „On the wings of a nightingale…“
Aus Anthonys Briefen und Bildern und aus den Erinnerungen an ihn würden mich mein Leben lang Ideen anfliegen. Auf den Flügeln einer Nachtigall.