Kapitel 15 – Verzaubernde Orte

Der Morgen selbst war noch nicht wach als wir uns in den altersgebeugten VW-Bus zwängten. Vier Rollstuhlfahrer und vier Begleitpersonen. In Deutschland gibt es Vorschriften, wie Rollstühle in Fahrzeugen befestigt werden müssen, mit Gurten an im Boden versenkten Haken. Hier hatte man von Befestigung nichts gehört, es gab weder Gurte noch Haken. Aber es hatte immerhin den Anschein, als ob im Bus kein Platz zum Verrutschen oder Umkippen war.
Der Himmel war dunstig grau, es mochte sonnig werden oder regnerisch, noch hatte sich der Tag nicht entschieden. Der Busfahrer sprach eine melodische Mischung aus Deutsch und Spanisch und manövrierte uns mit einer hastigen Eleganz um die Haarnadelkurven, an die wir uns gewöhnen mussten. Jonos Stuhl stand schräg hinter mir; ich versuchte, mich an seiner Armlehne festzuklammern um ihm ein wenig Stabilität zu geben. Beim ersten Halt atmeten wir erleichtert auf. Aber schon hier hatte sich die Fahrt gelohnt. Wir entwirrten die Rollstühle, stiegen aus und standen vor einem beeindruckenden Naturdenkmal: der Margerita del Piedra.
Es handelt sich um eine natürliche Steinformation aus Basaltsäulen, sieben Meter hoch und fünf Meter breit, die einer riesigen Margeritenblüte ähnlich sieht.
Wir fühlten uns winzig neben der gewaltigen Schönheit, die in einer Wildnis aus Kakteen und Drachenbäumen lag und eine stille Zwiesprache mit dem Himmel zu führen schien. Die Verwitterung sorgte dafür, dass gelegentlich ein Stück Stein zu Boden stürzte. Anthony hätte gesagt: „Wahrscheinlich spielt hier die Erde mit dem Mond das alte Spiel: ‚Er liebt mich – er liebt mich nicht!’, und alle hundert Jahre zupft sie ein Blütenblatt und lässt es fallen. Das erinnert uns Menschen dann daran, wie kurz unser Leben ist.“
„Faszinierend!“ sagte Jono beeindruckt. „Wahnsinn!“ Er konnte sich kaum losreißen. Es war ein Ort, der neue Gedanken ausbrütete und uns verzauberte. Die Sonne stahl sich durch die Wolken und ließ das grüne Orotava-Tal dampfen.
Doch der Fahrer scheuchte uns zurück in den Bus. Wir hatten ein Programm zu absolvieren. Einmal musste er plötzlich bremsen und es zeigte sich, dass man in dem Bus mit dem Rollstuhl doch umkippen konnte. Es erwischte nicht Jono sondern den Mann hinter ihm. Zum Glück kam er mit einer Beule am Hinterkopf davon, obwohl er keine Kartoffelchips an der Rückenlehne hängen hatte. Den Fahrer schien es nicht zu wundern; er stellte den Rolli wieder aufrecht und fuhr weiter. „Alles ok?“ fragte ich Jono. „Doch“, lachte er, „Rumpelt ganz schön, aber es ist die Sache wert!“ Das übermütige Leuchten in seinen Augen überzeugte mich mehr als seine Worte.

Mit stotterndem Motor kämpfte sich das Fahrzeug langsam höher, schraubte sich auf der schmalen Straße aus dem Tal den Hang des Teide hoch: des Vulkans, der sich seit über zweihundert Jahren nicht gerührt und auf dessen Hänge sich dennoch inzwischen nicht viel Grün gewagt hatte. Wir fuhren durch ein historisches hochgelegenes Dorf, doch gerade dort gerieten wir in die niedrigen Wolken, die oft um den Berg hingen. Es wurde kalt, der Nebel dicht. Was wir von den Gebäuden erkennen konnten wirkte verwunschen. Das Rütteln des Autos und das dämmrige Grau ließen mich eindösen, ich nahm nur die Balkons mit den kunstvollen schmiedeeisernen Gittern wahr, die mir ungemein gefielen. Ich habe eine Schwäche für Balkons. Wie mochte es sein, auf einem solchen zu sitzen? Alte Balkonszenen aus meinem Leben trieben in meiner Erinnerung hoch. Die drei Beine meines Großvaters: zwei mit peinlich genauen Bügelfalten und sein polierter Stock mit dem schweren Gummipfropfen unten, der seinem würdevollen Schritt ein geheimnisvolles Echo verlieh. Ich reichte ihm nur bis ans Knie und folgte ihm auf den Balkon, wo ich Himbeersaft und handgemachte Spätzle bekam und durch das Gitter auf den geheimnisvollen Garten mit den Johannisbeerbüschen hinabgucken durfte.
Später war es mein Vater in einer anderen Stadt, der mich aus einem Traum weckte und an einem lauen lindenduftgetränkten Sommerabend auf den Balkon holte, um mich durch das Fernrohr sehen zu lassen. Er erklärte mir die Mondmeere und zeigte mir die Ringe des Saturn; die Frage, warum der Saturn diese wohl trug, beschäftigte mich lange. – Ein Balkon, irgendwo in den Bergen, von dem ich Papierflugzeuge dem Wind in die unsichtbaren Arme warf, Flugzeuge, die alle einen Namen hatten und meine Phantasien in alle Himmelsrichtungen trugen. Dann der Südbalkon meiner Studentenwohnung, auf dem ich in einem kleinen Blumenkasten einen großen Kürbis zog, obwohl ich ihn dort ungefähr fünf mal am Tag gießen musste. Es war ein Sieg eines Traums über die Vernunft, ein Versuch der Machbarkeit. Später Anthonys Worte in einem Brief: „Es ist Abend, würzig und herbstfarben und brüchig, ich sitze auf dem Balkon, im Radio spielen sie ‚Silver Wings’ und ich zähle die Wildgänse, die über mir nach Süden ziehen. Wie gerne würde ich wie Nils Holgersson mit ihnen fliegen, ich habe ein Bild davon angefangen…“ und schließlich, wie am Ende einer Leiter, Jono und ich auf dem Dach des Mar y Sol im Sonnenuntergang zu Füßen eines Vulkans, und Rauchringe umkreisten uns und wie die Ringe des Saturn, wie Papierflugzeuge, wie Wildgänse….

Der Bus hielt mit einem Ruck, ich wurde hellwach. „Aussteigen, Beine strecken!“ rief der Fahrer gutgelaunt. Es klang ein wenig fehl am Platze, immerhin waren die Hälfte der Passagiere Rollstuhlfahrer. Wir nahmen die Pause dennoch dankbar an. Erst draußen bemerkte ich, dass das Grau verschwunden war und uns ein fast silbernes Licht umgab. Wir waren über den Wolken! Neben uns stand eine kleine Felsenkapelle mit einer einzigen Glocke in einem winzigen offenen Turm. Ihre Tür führte auf einen Vorsprung, wo wir uns an einen windschiefen Zaun stellten, und genau zu unseren Füßen begann der glänzende Wolkenteppich als könne man ihn aus der Kapelle direkt betreten. Über uns war der Himmel durchsichtig blau, hoch und überraschend nahe zugleich
„Dass ich so was noch mal erleben darf – mit dem Rollstuhl!“ sagte Jono andächtig. Er hatte nasse Augen. Meine eigenen hatte ich auch im Verdacht.
Die anderen standen schweigend, in kleinen Abständen, jeder in seine Gedanken gehüllt, jeder ergriffen von etwas, das für Worte zu groß war.
Ich fühlte mich leicht, als hätte ich mit dem Durchbruch durch die Wolken meine Zweifel zurückgelassen: die Bedenken, ob ich richtig war für Jono, ob ich seine Krankheit mittragen konnte. Am nötigen Mut hatte ich nie gezweifelt, aber an meiner Stärke. Mir war als hätte uns an genau dieser Stelle etwas seinen Segen gegeben: nicht Gott, sondern die Erde und der Himmel selbst.

Schließlich brachte uns der Bus das letzte Stück Richtung Gipfel des Pico el Teide, wo wir auf einem Parkplatz ausgeladen wurden und eine Stunde für uns bekamen, eine Stunde, den Vulkan zu entdecken. Auf den allerobersten Gipfel führte eine kleine Seilbahn, doch die war wegen des aufkommenden Windes geschlossen. Jonos Elektrorollstuhl hätte ohnehin nicht hineingepasst. Wir waren vollauf zufrieden mit den paar Metern weniger. Dunkel erstreckten sich die Lavahänge unter uns, weiter unten das grüne Tal, und in der Ferne schimmerte das Meer. Der Horizont schloss einen leuchtenden Ring um die Weite.
Man konnte noch erkennen, welchen Weg die Lavaströme beim letzten Ausbruch genommen hatten, konnte ahnen, welche Urgewalten hier unterwegs gewesen waren, den Boden geformt hatten, auf dem wir standen. Der Weg war holperig, schief und voller Kieselsteine, aber der Rolli arbeitete sich vorwärts. Wir betasteten kantige Felsenfiguren und warme raue Lavasteine, bewunderten rötliche Färbungen und zähe, blühende Gewächse die sich im Wind an den trockenen Boden klammerten. In mir stieg das bodenlose, zitternde Staunen auf, das mich manchmal überkommt: dass wir auf lebendiger, blühender Erde voller Lebewesen stehen, dass weit unter unseren Füßen flüssiger Felsen in ewiger Glut brodelt und über uns ein Himmel aus einer dünnen Atmosphäre den zerbrechlichen Planeten umhüllt, der in einem Tanz um eine von vielen Sonnen durch ein endloses All treibt. Und wir dürfen Zeuge sein.
„Ich kann es nicht fassen“, sagte Jono, „wir sind auf einem Vulkan – mit dem Rollstuhl!“ Ich nahm seine Hand und lehnte mich an ihn. Wenn wir noch irgendwelchen Mut gesucht hatten, so haten wir ihn hier gefunden, auf dreitausend Meter Höhe. Ein Echo der hier so gegenwärtigen Kraft der Erde mochte der Grund sein, dass wir beide das deutliche Gefühl teilten: wenn wir es hierher geschafft hatten, war uns alles möglich.

Abends saßen wir, noch immer verzaubert und sprachlos, mit Hanna und Fritz bei einem Kokoscocktail spät in der Nacht bei Fackellicht zusammen am Pool und schmeckten den unvergesslichen Eindrücken nach. An der Bar spielte eine Kapelle.
Fritz war auch Rollstuhlfahrer, er litt an derselben Muskelkrankheit wie Jono, nur hatte sie bei ihm später eingesetzt. Sie waren siebzig und strahlten eine perlende, herzliche Lebensfreude aus. „Komm, lass uns tanzen!“ sagte Hanna und nahm Fritz bei der Hand. Bereitwillig und galant folgte er ihr. Ganz allein drehten sie sich auf den Fliesen, die hell im Mondlicht schimmerten, ihre Schatten wirbelten mit. Fritz hielt Anni bei der Hand und steuerte mit der anderen seinen Rollstuhl. Es war eine Eleganz und eine Zusammengehörigkeit in ihrem Tanz, die uns tief berührte und die nur aus jahrzehntelanger Vertrautheit entstanden sein konnte. Wir trauten uns nicht, uns zu ihnen zu gesellen: das hatten wir noch nicht gemeistert, diese Würde, dieses Selbstbewusstsein, diese Einigkeit. Dazu gehörte Zeit, gehörte gemeinsames Leben. Es war Magie darin, doch wir waren noch bloße Zauberlehrlinge.
Jono und ich sahen uns an. Hanna und Fritz waren ab jetzt unser Vorbild, ohne dass wir es aussprechen mussten.
„Wie lange seid Ihr eigentlich verheiratet?“ fragte Jono sie, als sie, etwas außer Atem, unter Beifall an den Tisch zurückkehrten.
„Im Mai fünfzig Jahre!“ sagte Fritz und küsste Hanna voller Stolz, „Und keinen Tag bereut!“
„Lass uns auch im Mai heiraten!“ sagte ich zu Jono, ohne lange nachzudenken. „Ich habe nie daran geglaubt, das ich mal heiraten werde, aber wenn, dann sollte es immer im Mai sein.“
Und so war es beschlossen. Als wir in der ersten Novemberwoche abreisten, buchten wir unser Zimmer für Mitte Mai. Für die Hochzeitsreise.

Auf dem Rückflug fehlten zuerst die Träger, die Jono in das Flugzeug bringen sollten. Als wir in Berlin ausstiegen, hörten wir, wir ein anderer Passagier zu seinem Kollegen sagte: „Wir hatten eine halbe Stunde Verspätung bloß wegen so einem doofen Behinderten.“
Aber so etwas konnte uns nicht mehr schrecken. Wir waren auf einem Vulkan gewesen und dem Himmel auf Augenhöhe begegnet.

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10 Antworten to “Kapitel 15 – Verzaubernde Orte”

  1. anita Says:

    liebe finn,

    danke für deine worte, die du bei mir hinterlassen hast!!

    eben las ich diesen post, und dachte mir sofort: „das alles möchte ich in einem buch lesen!“ … in einem buch, das sich anfassen lässt, das sich riechen lässt, das sich anlachen lässt, das meine wehmütigen seufzer aufnimmt, das geduldig bereitsteht für mich, zu jeder tages- und nachtzeit …

    ich verlinke deine website, in der hoffnung, dass ich neben allem, das mich derzeit so drückt und atem-raubt, die zeit und die ruhe finde, hierher zurückkomme, zurück-finde, wann auch immer.
    und hier bei dir bin ich das: berührt und atemberaubt von deiner bildgewaltigen sprache.

    anita

  2. april Says:

    ‚Bildgewaltige‘ Sprache, das stimmt einerseits, andererseits empfinde ich sie als zart und poetisch.

  3. Bärbel Says:

    Liebe Finn,

    auch diesen Teil finde ich sehr gelungen – bezaubernd geschrieben.

    Für heute einen lieben Gruß

    Bärbel

  4. Finn Says:

    Vielen lieben Dank für Eure Zeit, fürs Lesen und für die ermutigenden Worte!!!
    Ich habe immer Bedenken, dass es zu langweilig sein könnte.

  5. Brigitte Says:

    Nein, es ist keinesfalls langweilig. Bildgewaltig, wie april geschrieben hat, so würde ich es auch nennen. Für mich eine Nuance zu viel, aber ich bin sicher, du wirst den richtigen Weg im Laufe der Kapitel finden. Aber, lass dich nicht beirren, denn ich reduziere immer gerne. Andere mögen es so.

    Lieben Gruss, Brigitte

    • Finn Says:

      Ich reduziere eigentlich auch gerne. Aber hier habe ich schon reduziert 🙂
      Aber das kann ich ja zum Schluß noch mal gründlicher machen – ich glaube nämlich, dass du recht hast.

  6. syntaxia Says:

    Hier ist gar nichts langweilig, Finn!

    Du transportierst wunderbar die Empfindungen. Ich finde es gut, dass du die beider Personen transparent machst z.B. damit, dass er zweimal staunt: Im Rollstuhl..

    Es mischen sich die Faszination Natur und Liebe – wunderbar!
    Und gut, dass Anthony hier nicht in Vergessenheit gerät.

    ..grüßt dich syntaxia

    • Finn Says:

      Vielen Dank, das beruhigt mich, dass Du es nicht langweilig findest. Was ist mit meiner anderen Befürchtung – ist es zu kitschig?
      Vielen lieben Dank fürs Lesen!

  7. syntaxia Says:

    Der Sprung in die Vergangenheit mit den Balkonen lässt auch noch einmal umdenken, von daher kommt schon keine Langeweile auf, Finn!

    Nein es ist nicht kitschig!! Es ist gespickt mit Poetischem und das macht für mich den Reiz!

    Dies z.B.:
    „Anthony hätte gesagt: „Wahrscheinlich spielt hier die Erde mit dem Mond das alte Spiel: ‚Er liebt mich – er liebt mich nicht!’, und alle hundert Jahre zupft sie ein Blütenblatt und lässt es fallen. Das erinnert uns Menschen dann daran, wie kurz unser Leben ist.“

    Solche Passagen sind es, die für mich diesen Roman wertvoll machen!!
    Dazu deine Einflechtungen der georaphischen Gegebenheiten, der Naturschönheit.
    Da finde ich keinen Kitsch!!

    ..grüßt dich syntaxia


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