Kapitel 17 – Stilblüten

„Hast du schon ein Kleid?“ hatte mich Lilo vor ein paar Wochen gefragt. Sie war eine mütterlich veranlagte Bekannte von Jono und mir.
„Ein Kleid? Wozu?“ Ich war gerade mit der Frage beschäftigt, ob die Schnecken oder die Wühlmäuse die Tulpenzwiebeln gefressen hatten.
„Im allgemeinen heiratet man in einem Kleid.“ Ihr strenger Blick wanderte zu dem ausgefransten Loch in meiner Hose. Meine Jeans hatten alle ein Loch am rechten Knie, spätestens nachdem ich sie zwei Wochen getragen hatte. Wenn ich Jono die Hosen und Socken und Schuhe an und aus oder ihn aus dem Rollstuhl ins Bett oder auf das Sofa zog stützte ich mich immer mit dem rechten Knie am Boden oder irgendeiner Kante ab. Ich hatte es aufgegeben, Flicken draufzunähen. Erstens konnte ich nicht nähen und zweitens waren die nach weiteren zwei Wochen ebenso durch. Ich trug mein Loch am Knie eben als Zeichen meiner Liebe zu Jono und amüsierte mich über die neugierigen Blicke der Kleinkinder und die erstaunten ihrer schicken Mütter. Dabei gibt es teure Designer-Jeans, in denen schon beim Kauf ein Loch drin ist. Das kostet dann extra.

„Du kommst morgen mit!“ entschied Lilo. „Da ist doch dieses nette Brautmodengeschäft gegenüber vom Friedhof. Die kennen mich. Da finden wir was Anständiges.“ Lilo hatte vier verheiratete Töchter und neun Enkelinnen im heiratsfähigen Alter. Sie kannte sich aus. Ich fügte mich, obwohl ich nie gedacht hatte, dass ausgerechnet ich diesen Laden einmal betraten würde, in dessen Fenster unglaubwürdig schöne Puppen in dauerhaft strahlendem Weiß hochmütig in die schlammige Straßenflucht blickten. Ich hatte mich immer in die Kategorie graue Maus eingeordnet, was mir nie viel ausgemacht hatte. Aber für Jono wollte ich wirklich schön sein – na ja, so schön wie möglich eben. „Schöne Frauen sind Bonbons für die Augen“, hatte er einmal gesagt. Da konnte ich ihm ja zur Hochzeit mal ein wenig entgegenkommen.

Der Laden war klein und ein wenig muffig. Ich sah mich staunend um, während die Inhaberin mit ausgestreckten Händen auf Lilo zugestürmt kam. Mich übersah sie zunächst, dem Himmel sei Dank. „Ach wie schön, dass Sie uns wieder beehren! Welche Tochter ist es denn diesmal, oder sind Ihre reizenden Enkelinnen etwa schon so weit?“
„Nein“, sagte Lilo, „ich habe eine Freundin mitgebracht.“
„Ach so!“ Die Dame sah mich und mein Loch im Knie abschätzend an. Vielleicht tue ich ihr unrecht, aber ich war mir ziemlich sicher, das ihr Blick ein „das-wird-aber-schwierig-aus-der-was-zu-machen“ bedeutete. Ich teilte ihre Meinung, vor allem angesichts der Kleider, die sie anzuschleppen begann und die jeden freien Winkel besetzten. Überwältigende Kumuluswolken aus Tüll und Gaze bauten sich bedrohlich um mich herum auf als wäre ein schweres Sommergewitter im Anmarsch, garniert mit Hagelkörnern aus Strass.
Die skeptische Dame hielt mir ein unfangreiches Gebilde voll Rüschen und künstlicher Rosenknospen an. „Bezaubernd!“ flötete sie versuchsweise.
„Ich bin keine achtzehn mehr. Und wenn Jono mich darin sieht, läuft er schreiend davon!“ erklärte ich mit Überzeugung.
„Nun, das kann er ja wohl nicht“, meinte Lilo. „Der Verlobte sitzt im Rollstuhl“ sagte sie erklärend zu der Dame, deren Augenbrauen noch eine Etage höher rutschten. Fast hätte sie gefragt, warum ich dann heiraten wollte, ich sah es ihr deutlich an. Aber noch war ich potentielle Kundin. Sie schluckte es herunter.
„Genau“, sagte ich, „Rollstuhl. Deshalb werde ich nicht in einer Schleppe neben ihm laufen, die sich in den Speichen verfängt und nicht in einem langen weiten Rüschenrock, der sich am Hebel festhakt und im entscheidenden Moment die Bremse anzieht. Auch nicht in einem Schleier, der Jono jedes Mal die Sicht nimmt, wenn ich ihm zu nahe komme.“
Wir verließen den Laden ohne Erfolg.

Irgendwie wurde ich Lilo los, machte mir zuhause einen Tee, kramte den dicken Stapel unbenutzter Versandhauskataloge aus der Ecke hervor unter dem ich bunte Herbstblätter gepresst hatte, und blätterte. Und blätterte. Ich brauchte ein kurzes Kleid, das nicht mit Jonos Rädern ins Gehege kommen konnte. Die laute Stimme der skeptischen Dame klang mir noch in den Ohren. „Diese Saison ist Violett angesagt, oder wenigstens Weinrot… Smaragdgrün ist auch ganz neu in der Kollektion…!“ Ich schüttelte den Kopf. Weiß, ja, weiß sollte es schon sein. Ich begann mir gerade auszumalen wie sich Anthony über die ganze Kleiderkomödie amüsiert hätte, da fiel mir ein, was er sagen würde: „Stell dir einfach vor, wie ich dich gezeichnet hätte!“ Keine fünf Minuten später wurde ich fündig. Ein schlichtes knapp knielanges Cocktailkleid aus einem etwas schwereren mattweißen Stoff mit einer dezenten Struktur. Es war schulterfrei und der Rock ein klein wenig ausgestellt mit einer einzigen Falte. Dazu gehörte ein kurzes Bolerojäckchen mit einem pfiffigen Stehkragen. „Das ist es!“ Ich griff nach dem Telefon und bestellte kurzerhand und hochzufrieden, ohne noch irgendjemanden um Rat zu fragen.
Selbst Lilo war überzeugt, als ich ihr das Kleid vorführte. „Hast recht, das passt zu dir. Eine gute Wahl,“ sagte sie widerstrebend. „Nur, hier, in der Taille, das würde noch viel besser sitzen wenn es etwas enger wäre.“
Ich drehte mich prüfend vor dem Spiegel. „Kannst du da nicht einen Abnäher machen?“ fragte ich hoffnungsvoll.
Energisch schüttelte sie den Kopf. „Das muss richtig gemacht werden. Die im Brautmodengeschäft machen auch Änderungen.“
„Du meinst, ich kann da mit diesem Kleid hingehen, das ich nicht bei ihr gekauft habe…?“ Ich versuchte mir das Gesicht der skeptischen Dame vorzustellen. Es war verlockend.
„Du brauchst sowieso noch was für den Kopf“, erklärte Lilo. „Das können wir bei der Gelegenheit gleich mitnehmen.“

Also klemmten wir uns das Kleid unter den Arm und wagten uns in die Höhle des Löwen. Die skeptische Dame begutachtete das Kleid mit spitzen Fingern. „Das ist Ware von der Stange!“ sagte sie als wäre ein Skorpion aus der Tüte gekrochen. „In so etwas kann man nicht heiraten!“
„Können Sie es ändern oder nicht?“ erkundigte sich Lilo betont freundlich. Der Dame fielen Lilos Enkelinnen ein. Sie bügelte ihre Stirn, vergaß aber ihre vornehme Ausdrucksweise. „Na, denn ziehn se’s mal an.“
Ich stand brav still, während sie mit Stecknadeln hantierte. Inzwischen apportierte Lilo diverse Strassspangen und Haarreifen mit Seidenblüten und probierte sie an mir aus. Der angewiderte Gesichtsausdruck der Hausherrin lichtete sich etwas. Warum, verstand ich als ich aus dem Augenwinkel einen Blick auf das Preisschild eines Gazehütchens erhaschte, das Lilo hinreißend fand. Auf meinem Kopf sah es aus wie ein verlorenes Taschentuch.
„So“, sagte die Dame, „Jetzt ziehen Sie es vorsichtig aus. Und was ist nun mit der Kopfbedeckung?“
Ich zog die Stecknadeln aus mir heraus und dabei kam mir der rettende Einfall. „Das wird nicht nötig sein. Ich habe mich für einen Kranz aus frischen Blumen entschieden.“
Das gab ihr den Rest. „Echte Blumen?“ Ihre Stimme überschlug sich.
„Wann können wir das Kleid abholen?“ fragte Lilo hastig.
„Übermorgen!“ Und kommen Sie bitte nie wieder, dachte die arme Frau. Man sah es ihr an. Wir hatten sie geschafft.

Drei Tage vor der Hochzeit bestellten wir im Blumengeschäft den Brautstrauß und ein Anstecksträußchen für Jonos todschicken Anzug. Den hatten wir aus dem Rollimoden-Katalog. Eine normal lange Jacke hätte nie gesessen, aber es gibt extra Hosen- und Jackenschnitte für Rollstuhlfahrer. Der Blumenkranz allerdings stellte die freundliche Floristin vor Probleme. „Das hab ich noch nie gemacht.“ Ratlos zog sie an ihrem Ohrläppchen. „Wir machen nur Kränze für Beerdigungen!“
Ich dachte an Anthony und schluckte. Seine Asche war inzwischen anonymer Teil einer Wiese in Potsdam. Aber wie hätte er jetzt gelacht!
„Aber dann können Sie doch Kränze. Vielleicht können Sie das etwas…abwandeln,“ bat ich.
„Hmm…“ Sie dachte angestrengt nach und ging sich mit ihrem Chef beraten.
Auf den Blumenkranz war ich gekommen weil ich mich daran erinnerte, wie meine stolzen Großtanten mir zur Feier meines vierten Geburtstags einen solchen aufgesetzt hatten. Er juckte und stach – aber ich fühlte mich wunderbar und schön, gekrönt von meinen Freunden, den Blumen, unangreifbare Prinzessin in meinem geliebten geheimnisvollen duftenden Gartenkönigreich. Später in der Schulzeit hatte ich mir dieses Gefühl manches Mal zurückgewünscht und es auf den Blumenkranz geschoben.
Warum also nicht die Gelegenheit nutzen und noch einmal in meinem Leben einen Blumenkranz tragen?
Die Verkäuferin kam zurück. „Doch, das kriegen wir hin,“ sagte sie, „Mit Schleierkraut, das hält lange genug, auch ohne Wasser.“
Ich war zufrieden. Jetzt passte alles.
Denn mit Jono fühlte ich mich wie damals als Blumenprinzessin: sicher, frei und glücklich in einer grünleuchtenden, verheißungsvollen Welt.

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14 Antworten to “Kapitel 17 – Stilblüten”

  1. Eva Says:

    Wunderschön zu lesen, ich bin ganz hingerissen, wie gut Du Worte einsetzt.
    Ein Vergnügen das Lesen.

    Freu mich und bin gespannt auf Weiteres.

  2. Himmelhoch Says:

    Kann mich noch gut erinnern an die guten Kleiderratschläge vor meiner Hochzeit – mir hat auch nichts gefallen. Dann habe ich es bei einer Bekannten nähen lassen und selbst die Perlen aufgenäht. – Lang, lang ist’s her und schön, schön war’s, das 7. Kapitel zu lesen.
    Mal einen ganz anderen Vorschlag. Falls du an eine Veröffentlichung denkst und noch niemand zum Korrekturlesen hast – das könnte ich machen.
    Lieben Gruß Christine

    • Finn Says:

      Das ist ein toller Vorschlag – kannst Du auch Kommafehler? Wegmachen, meine ich? 🙂 Da bin ich nämlich ein hoffnungsloser Fall!
      Liebe Grüße, Finn

      • Himmelhoch Says:

        Na klar, und gerade das ist mir besonders aufgefallen, dass du mit diesen kleinen Dingerchen ein wenig auf Kriegsfuß stehst. Ganz spontan würde ich jedoch sagen, dass eher „Kommata“, eingedeutscht Kommas, fehlen als dass sie zu viel sind.
        Aber wenn es dazu kommen sollte – bitte nicht am Bildschirm, sondern nur auf einem ausgedruckten Exemplar. Bildschirm ist mir zu anstrengend für die Äuglein.
        Und tschüss von Christine

    • Finn Says:

      Natürlich bekämst du einen Ausdruck. Ich komme zu gegebener Zeit sehr gerne auf dein liebes Angebot zurück. Jetzt hat es noch keinen Sinn weil ich ständig in allen Kapitel noch herumändere.
      Meine Lehrerin warf mir früher vor, ich würde die Kommata mit dem Salzstreuer verteilen; seitdem spare ich ein wenig damit 🙂

  3. syntaxia Says:

    Liebe Finn,
    das passt ganz prima mit den vielen Überlegungen für das passende Brautkleid! 🙂
    Das erinnert mich an den Haarschmuck für meine Tochter zur Kommunion, da wollte ich auch einen echten Blumenkranz und forderte die Floristin damit..

    Einen kleinen Fehlerteufel habe ich hier für dich geschnappt:

    ..Tochter ist es denn diesmal, oder sind Ihre bezaubernden Enkelinnen etwa s schon so weit?“

    Und schau mal Kapitel 14 bei den Chips, ich erinnere mich an „zum Nachen“, statt „zum Naschen“.
    Ich wusste nicht, ob es dir Recht ist mit Tippfehlerfinden..

    Ich habe auch gerade Korrekturlesen hinter mir und war überrascht, wie betriebsblind wir doch werden!!

    ..grüßt dich syntaxia

    • Finn Says:

      Vielen lieben Dank, habe ich beides verbessert. Was einem doch immer alles so durchrutscht…! Natürlich ist mir das Fehlerfinden recht, bin sehr dankbar dafür.
      Liebe Grüße, Finn

  4. april Says:

    Mit feinem Humor und sehr viel Wortkraft geschrieben. Mir gefällt es, wie die Ich-Erzählerin zu sich – ihrem Aussehen und ihren Überzeugungen – steht.

    zwei Kleinigkeiten sind mir noch aufgefallen: ‚die angewiderte Dame‘ – ich weiß nicht, ob man dieses Adjektiv so direkt einer Person zuordnen kann (von etwas angewidert sein) ?? Ich bin da nicht sicher. Und die ‚unglaubwürdigen‘ Puppen – das war mir irgendwie aufgefallen …

    • Finn Says:

      Danke für den Hinweis – ich weiß nicht, ob es falsch ist, aber wenn es beim Lesen stört, ändere ich es – mir gefiel es auch noch nicht so.

  5. Brigitte Says:

    Allmählich finde ich es so bildhaft geschrieben, dass ich es mir gut vorstellen kann.

  6. Bärbel Says:

    Oh ja, da kommen Erinnerungen hoch! 🙂

    Das Lesen macht einfach Spaß – ich freue mich auf das nächste Kapitel…

    LG Bärbel

  7. april Says:

    Du musst nix wegen mir ändern ;-))

    • Finn Says:

      Muß ich nicht :-), kann aber und bin dankbar für den Hinweis; wenn Dein Lesefluß von einer Formulierung gestört wird, geht es anderen Lesern vermutlich genauso.


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