Kapitel 19 – Eine ganz andere Hochzeitsreise

Jono schlief an Wochenenden oft bis mittags; wir standen ja sonst so früh auf, und ein ganzer Tag im Rollstuhl war immer anstrengend.
Am Tag nach der Hochzeit ließ ich ihn also schlafen, wir hatten ja nun beide Urlaub bis nach der Hochzeitsreise. Ich war früh wach und räumte leise ein wenig auf, es gab noch viele Stühle zusammenzuklappen, Knallerbsen zusammenzufegen, Geschirr wegzuräumen, Glückwunschkarten zu stapeln. Zwischendurch sah ich nach Jono, er hatte zwar den Kopf zum Fenster gedreht, schlief aber noch immer fest. Im Gegensatz zu gestern war es ein grauer, regenfeuchter Tag, der kaum hell werden wollte. Was hatten wir für ein Glück gehabt! Ich träumte vor mich hin, wischte die Ränder vom Tisch und stellte erschrocken fest, dass es schon halb zwölf war. Jetzt wurde es aber Zeit, Jono sanft zu wecken!

Ich ließ das Tageslicht herein und küsste ihn, aber er wachte nicht auf. Diese Schlafmütze; es war nicht das erste Mal, dass ich ihn wachrütteln musste. Diesmal dauerte es, bis er die Augen aufschlug. „Wir müssen sechsunddreißig Jahre zurückgehen und die Brücke Nummer neunundvierzig reparieren!“ sagte er laut und deutlich. Sein Blick ging durch mich hindurch, er sah mich gar nicht. Plötzlich spürte ich eine kalte Angst im Magen.
„Jono, wach auf! Du träumst!“ Ich schüttelte ihn heftiger, fast zu heftig. Doch er hatte die Augen beinahe wieder zu und nahm mich nicht wahr. Mit zitternder Hand fasste ich an seine Stirn, sie war nicht heiß, eher kalt. Zu kalt. Sein Puls war flach, seine Lippen bläulich.

Ich deckte ihn zu und stürzte ans Telefon, wählte den Notruf.
„Mein Mann… er ist nicht ansprechbar!“
„Hat er gestern getrunken?“
„Ein Glas Sekt, mehr nicht. Bitte kommen Sie sofort, da stimmt was nicht!“
„Hat er Fieber?“
„Nein! Aber er ist nicht ansprechbar!“ Dunkel hatte ich aus irgendeinem Fernsehmagazin in Erinnerung, dass diese beiden Wörter wichtig waren, wenn man den Notruf benutzte und schnelle Hilfe brauchte.
„Gut… es kommt jemand.“

Ich hielt Jonos Hand, aber er war nicht anwesend. Der Himmel allein wusste, auf welcher Brücke er unterwegs war.
Sieben Minuten später heulte die Sirene auf der Straße. Sie näherte sich wie eine Welle, die mich erdrücken würde. Eine Ärztin und zwei Männer stürmten herein, schoben mich zur Seite und beugten sich geschäftig über Jono.
„Ich kenne Sie doch“, sagte die Ärztin und warf mir einen Blick zu. Jetzt fiel es mir auch ein. Sie hatte Jono nach dem Unfall in der Klinik behandelt. Ein Glück, so musste ich ihr nicht seine ganze Krankengeschichte erklären. Überraschenderweise hatte sie das meiste noch im Kopf. Sie stülpte Jono etwas über das Gesicht. „Sauerstoff“, erklärte sie. Wenige Augenblicke später öffnete Jono die Augen, etwas Farbe kehrte in sein Gesicht zurück. „Das ist ja ein toller Apparat!“ sagte er klar. Die Ärztin wollte ihn etwas fragen, doch da sackte er schon wieder weg.
„Wir nehmen ihn mit, sofort!“ befahl sie ihren Helfern, mit einem anderen Ton in der Stimme, den ich nicht hören wollte.
Unser Flur war zu eng für die Trage; am Ende trugen sie ihn schlaff im Laken wie in einer Hängematte.
„Kann ich mitfahren?“
„Nein, tut uns leid. Nehmen Sie sich ein Taxi!“ Weg waren sie. Die Sirene verstummte langsam in einer unermesslichen Ferne.

Hastig schloss ich die Fenster, verriegelte die Türen, griff die erstbeste Jacke und rief ein Taxi. Der Fahrer sah das Schild an unserer Tür, „Just married!“ und gratulierte mir fröhlich zur Hochzeit. Er wunderte sich sicher über meine Wortkargheit; ich brachte es gerade mal fertig, ihm die Notaufnahme der Klinik als Ziel zu nennen. Dort klammerte ich mich an den Tresen und fragte das freundliche Fräulein nach meinem Mann.
Sie blätterte gelassen in ihren Papieren, dann telefonierte sie ausgiebig ehe sie die kleine Glasscheibe wieder hochschob. „Der Zustand Ihres Mannes hat sich unterwegs verschlechtert“, sagte sie höflich um ihren Kaugummi herum. „Er liegt auf der Intensivstation. Die Treppe hoch, rechter Flur. Alles ausgeschildert.“
„Verschlechtert – verschlechtert..!“ Das Wort hallte in meinem Kopf, die ganze Treppe hinauf.
Das Schild war nicht zu übersehen, groß und schwarz sprangen mich die Buchstaben an. Man musste klingeln, dann öffnete sich eine bettenbreite Flügeltür in einen kleinen, leeren Raum. „Bitte warten!“ stand auf einem weiteren Schild.
Vier Stühle standen um einen Tisch, aber ich lehnte mich an die Wand, irgendwie war mir die bloße Tätigkeit des Hinsetzens unmöglich. Schritte näherten sich, eine andere, identische Tür auf der gegenüberliegenden Seite flog auf.

Das war kein Warteraum, das war eine verdammte Schleuse zwischen Tod und Leben.

„Was wollen Sie?“
„Mein Mann.. Jonathan Reimer, er ist hier eingeliefert worden…“
„Ja“, sagte sie, sah mich zum ersten Mal an und doch seltsam an mir vorbei. „Sie können nicht zu ihm, bitte warten Sie hier, ich kann Ihnen noch nichts sagen.“
„Bitte – wie geht es ihm? Was ist passiert?“
„Wir tun, was wir können“, sagte sie und schon verschwand der Zipfel ihres Kittels in der Tür, die sich schloss, ehe mein Blick hindurch konnte.
Jetzt setzte ich mich doch. Die Wand war olivgrün gestrichen, das Olivgrün, von dem man herausgefunden haben will, dass es beruhigt. Tat es nicht. Jemand hatte drei fröhliche Kinderzeichnungen mit Tesafilm daran geklebt. Auf einer war ein schiefes Haus zu sehen, mit Sonne. Es war schief, aber es stand. Das half mir mehr als das Olivgrün; ich klammerte mich an dem Gedanken fest.

Erstaunlich schnell flog die Tür wieder auf, eine Schwester schoss hindurch. Sie legte mir etwas Kaltes in die Hand. „Auf der Intensivstation ist Schmuck nicht erlaubt“, sagte sie und war wieder weg.
Es war Jonos Trauring. Der, den ich ihm vor fast genau vierundzwanzig Stunden an den Finger gesteckt hatte. Im grellen Neonlicht schimmerte golden das Datum von gestern darin.

Ich verlor jedes Gefühl für Zeit. Ab und zu kamen Besucher durch die eine Tür, zogen einen grünen Kittel aus dem Schrank an und verschwanden durch die andere. Wenn sie wieder herauskamen warfen sie den Kittel in eine Tonne. Manchmal wurde auch ein Bett hindurchgefahren, aber keiner der regungslosen Körper darin war Jono.
Am Ende einer Ewigkeit kam eine Ärztin. „Sie können jetzt zu ihm“, sagte sie. „Er ist vorerst stabil. Aber er liegt im Koma.“
„Was heißt das? Was ist denn nur passiert?“
„Wir wissen es nicht. Vielleicht eine Lungenembolie. Seine Atmung hat versagt. Wir müssen die Nacht abwarten.“ Sie reichte mir einen Kittel. „Wenn Sie ihn gesehen haben, gehen Sie nach Hause. Er braucht Ruhe und sie können nichts für ihn tun. Wir benachrichtigen Sie selbstverständlich sofort, wenn eine Änderung eintritt. Wenn Sie morgen kommen, bringen Sie bitte alle Papiere mit, die Informationen über seine Krankheit enthalten.“
„Er kann nicht sterben!“, erklärte ich ihr, als sei das unanzweifelbar logisch. „Wir haben gestern geheiratet.“
„Vorerst ist er stabil“, wiederholte sie.

Jono lag in einem Raum als letzter in einer Reihe Betten, die durch Vorhänge voneinander getrennt waren. Eine Schwester wies mir den Weg; vorher tuschelte sie mit einer anderen. Wahrscheinlich spekulierten sie, was ich in der Hochzeitsnacht mit Jono angestellt haben mochte.
Ich erkannte ihn kaum wieder; so still, voller Schläuche und unter einer Sauerstoffmaske. Es piepte und brummte um ihn und um alle anderen. Auf dem Monitor konnte ich immerhin sehen, dass sein Herz schlug. Meine Hand spürte er nicht. Lange saß ich bei ihm, dann schickte mich die Schwester weg. „Die Besuchszeit ist vorbei“, sagte sie, „Kommen Sie morgen, aber nicht vor elf Uhr.“
„Aber wenn er aufwacht, und ich bin nicht da!?“
„Er wird nicht aufwachen. – Er hat ja auch Medikamente bekommen“, setzte sie hastig hinzu.

Irgendwie fand ich den Weg nach draußen. Es schien mir unglaublich, dass dort der Frühling noch immer stattfand. Die Sonne hatte sich durch die Wolken gekämpft und stand tief über den Häusern. Sie war mir fremd als hätte ich sie noch nie gesehen. Planlos lief ich in irgendeine Richtung, fand mich an einem Graben wieder und setzte mich in das junge Gras auf der Böschung zwischen den Löwenzahn. Der Blick in das langsam fließende Wasser tat wohl, doch ich hatte das Gefühl, dass es für mich von hier nirgendwo mehr hin ging.
Als es dunkel wurde, stieg ich doch in den Bus, fuhr nach Hause.
Dort war es totenstill. Totenstill. Was für ein Wort! Von der Decke hingen immer noch die Girlanden.
Meine Hände zitterten, ich zwang mich, ein Brot zu essen, etwas zu trinken, ich musste einen klaren Kopf behalten, die Papiere zusammensuchen. Das gab mir etwas zu tun, lenkte ab. Jonos Anzug und mein Kleid lagen noch über dem Sessel; ich strich sie zärtlich glatt und hängte sie sorgfältig in den Schrank. Ich packte die Hochzeitstorte in die Gefriertruhe, Jono sollte doch auch noch ein Stück haben, wenn er nach Hause kam.

Dann war ich mit dem Abend allein. Es war dunkel, selbst Licht änderte daran nichts. Mir fiel der Hochzeitsleuchter ein. Ich zündete alle vier Kerzen an. Für Jono, für die Hoffnung. Onkel Felix, das wusste ich, betete jetzt für uns. Aber ob das reichte? Ich musste etwas tun. Kurzerhand nahm ich mir die Gästeliste vor und rief alle an, die ich erreichen konnte. Ich erzählte ihnen, was passiert war und bat sie, in dieser Nacht ganz fest an Jono zu denken. Diese Gedanken würden wie helle, silberglänzende Fäden Jono durch die Nacht tragen, ihm Kraft geben, ihn festhalten: so stellte ich mir das vor. Ich konnte ja sonst nichts tun.
Schließlich war die Liste zu Ende.

Ich dachte an Anthony. Ich vermisste ihn so; ihn hätte ich fragen können, wie so etwas passieren kann, er war Sanitäter, er hatte in der Notaufnahme gearbeitet, hatte Nachtwachen gemacht, das war noch gar nicht lange her. Er hätte mir Fachwissen um die Ohren gehauen zusammen mit albernen Witzen, über die wir unter Tränen hätten lächeln können und ich hätte mich einen Hauch leichter gefühlt.
Doch auf einmal war mir, als spürte ich seine Nähe in der Leere, die mich erfüllte. „Ich habe doch gesagt, Jono ist der Beste für dich“, sagte er. „Du glaubst doch nicht, ich habe dich dazu ermutigt, nur damit du jetzt allein bleibst? Ich könnte Jono zwar gut gebrauchen hier, weil man mit ihm wunderbar Feinfug anstellen kann. Aber ihr gehört zusammen, und so wird es auch bleiben.“
Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken in dieser Nacht. Dabei wurde mir klar, dass ich mich geirrt hatte. Damals hatte ich Anthony unterstellt, er hätte nicht genug Mut zum Leben und nicht genug für eine Beziehung. Das erste stimmte – aber er hatte den Mut gehabt, keine Beziehung zu mir zu haben, gerade weil er mir das hier und anderes hatte ersparen wollen.
Jono aber – der hatte soviel Mut zum Leben, mehr als alle, die mir jemals begegnet waren. Jono würde es schaffen.
Ich brauchte Luft, ging in den mitternächtlichen Garten. Die Stadt schlief und schwieg. Am Himmel flog ungerührt der Schwan, hell und klar.
„I believe in angels!“, flüsterte ich trotzig in seine Richtung.

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10 Antworten to “Kapitel 19 – Eine ganz andere Hochzeitsreise”

  1. Himmelhoch Says:

    Uff! Ist das schön, kann ich wohl jetzt nicht sagen bei dem, was der jungen Frau gerade passiert ist. Das wünscht man ja seiner ärgsten Feindin nicht. Aber du wirst das schon wieder geradebiegen, du hast es ja schließlich in der Hand. Also enttäusch‘ uns nicht.
    Lieben Gruß

  2. Eva :) Says:

    Eine unerwartete Wendung, hoffentlich geht alles gut aus …

    Wieder wunderschön geschrieben, so berührend, Du bist ein wahrer „Wortkünstler“!

  3. april Says:

    Ohhhh, das ist sehr ergreifend. Ich könnte jetzt ein paar wunderbare Formulierungen hervorheben, aber ich kann jetzt nicht, weil ich sehr beeindruckt bin. Wie es wohl ausgehen wird???

  4. Schneeflocke Says:

    Ach herrjeh – bitte lass uns nicht zu lange im Ungewissen wie es weitergeht. Ich hoffe auf eine gute Wendung – leider weiß ich nur allzugut, dass es manchmal auch nicht so ausgeht, wie wir uns das wünschen……….. Und das macht mich auch nach 23 Jahre noch traurig………….

    Gruß, Birgit

  5. Bärbel Says:

    Ich bin auch neugierig, wie es weitergeht. Hoffentlich gut…

    Liebe Grüße
    Bärbel

  6. syntaxia Says:

    …puhh, liebe Finn,
    das trifft aber sehr!
    Bin einmal wieder ganz nah dran gewesen beim Lesen!
    ..grüßt dich syntaxia (*tränenwegwisch)

    P.S.: Erste Zeile „mittags“

  7. Finn Says:

    Vielen lieben Dank fürs Lesen und Eure Anteilnahme. Weil das eine wahre Geschichte ist, müssen wir da jetzt durch… 🙂
    Schön, dass Ihr da seid.
    Liebe Grüße, Finn

  8. Jouir la vie Says:

    Es liest sich sehr gut, werde mir die Geschichte bei Gelegenheit in der Gänze einverleiben…
    Servus und so long
    Kvelli

  9. Brigitte Says:

    Sehr spannend! Und besonders gut beschrieben – die Situation nach dem Besuch im Krankenhaus -! Hab ich so auch schon mal erlebt, stimmt!

    Lieben Gruss, Brigitte (ich muss nachlesen, was etwas dauert)


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