Kapitel 16 – Flaschenpost

Ich vermute, der Standesbeamte hat mir lange nicht geglaubt, dass mein Verlobter wirklich existierte. Da meine Arbeitszeiten flexibler waren als Jonos, vor allem aber weil unser zuständiges Standesamt ein betagtes Gebäude voller Winkel und Stufen und somit rollstuhlunzugänglich war, machte ich die zahllosen Behördengänge allein: Termin festlegen, Aufgebot bestellen, all die unzähligen Papiere besorgen und Gebühren zahlen die zum Heiraten offenbar unverzichtbar waren. Verschwundene Papierstapel begannen uns schon in unsere Träume zu verfolgen.

Der Standesbeamte zeigte mir den kleinen runden Saal, in dem die Ehen geschlossen wurden, ein freundlicher Raum mit einem Erkerfenster. Durch bunte Bleiglasscheiben fiel die Sonne auf lindgrüne Polsterstühle und glänzendes Parkett.
„Das ist sehr schön“, sagte ich zu ihm, „aber gibt es nicht trotzdem irgendwo einen Raum, in den man mit dem Rollstuhl kommt?“
Er lief mit mir alle Gänge ab, aber es gab keinen, der nicht von mindestens drei Stufen unterbrochen wurde. Wir würden also auf den Elektrorollstuhl verzichten und den Schiebestuhl nehmen müssen, der Jono seine Selbstständigkeit nahm und in dem er sich wie ein Postpaket fühlte, in dem ihn aber zwei Männer über die Stufen heben konnten. Ich ging in Gedanken die Gästeliste durch, ob wir noch jemanden seiner Muskelkraft wegen einladen mussten.
„Wenn Sie eine Ehe führen wollen, werden Sie noch ganz andere Hindernisse zu überwinden haben“, meinte der Standesbeamte lässig. Er hieß Maywald. Weil seine Ruhe mich nervös machte, stellte sich meine verflixte Phantasie vor, wie kleine grüne Frühlingsblätter hinter seinen Ohren zu sprießen begannen. Er missdeutete mein Schmunzeln. „Sehen Sie, geht doch!“

Wir hatten uns auf den neunten Mai festgelegt; seit wir uns an einem neunten kennen gelernt hatten war das unser Glückstag.
Ob Anthony kommen würde, ließ er offen, aber ich ging nicht davon aus. Er ging seit November schon nicht mehr ans Telefon. Etwa zweimal im Monat rief er von sich aus an, doch seine Stimme war leise, als spräche er aus weiter Ferne. Im Hintergrund lief immer noch „I believe in Angels.“ Die alte Nähe zwischen uns war in den wenigen Momenten sofort wieder da, aber zerbrechlich, kostbar, vergänglich und schmerzlich außer Reichweite wie eine Seifenblase im Wind. Seine Zeichnungen in seltenen Briefen zeigten Sanduhren oder einsame Landschaften, die langsam von Sand verschüttet wurden.
Aber er wünschte Jono und mir alles Glück, und ich spürte, wie sehr er das meinte. Von allen Glückwünschen war mir dieser am Wichtigsten.

An kirchliches Heiraten hatten wir gar nicht gedacht, Jono war geschieden und ich nicht einmal konfirmiert. Aber da hatten wir die Rechnung ohne Jonos Onkel Felix gemacht, der Pfarrer war – derjenige, der damals Jono zu der Anzeige ermutigt und, wie er sagte, oben ein gutes Wort für uns eingelegt hatte. „Jono hat noch nie katholisch geheiratet, also ist er auch nicht geschieden. Und eine Konfirmation ist nicht nötig, Taufe reicht. Ich traue euch!“ Die Kirche hatte wenigstens keine Stufen, und so war das beschlossene Sache. Das fanden wir auch wesentlich schöner als nur Standesamt.

Die Gästeliste gingen wir immer wieder durch, es half nichts: obwohl einige wegen anderer Termine absagen mussten, waren es immer noch an die fünfzig liebe Leute und auf dem Konto war nicht mal genug Geld für die gebuchte Hochzeitsreise.
„Wozu haben wir den Mai ausgesucht!“ sagte ich entschieden. „Wir feiern zuhause – im Garten – und im Mai ist gutes Wetter, basta!“
Das Haus war klein; bei Regen würde es Schwierigkeiten geben. Darüber durften wir gar nicht erst nachdenken.
„Dann lassen wir aber das Essen liefern!“ meinte Jono. Wir wälzten also Kataloge von Catering-Firmen und sahen uns an.
„Wozu haben wir Freunde und Verwandte?“ sagte ich.
Wir telefonierten herum, und rasch sah die Gästeliste so aus: Johanna – Kartoffelsalat, Mutter – Reissalat, Carola – Brötchen, Tante Anna – Rollmops….
Auf einmal war alles leicht. „Und die Torte?“ fragte Jono.
Dafür kam nur eine in Frage: meine Schwester. Ich erinnerte mich an die Torten mit Marzipanlandschaften, die sie gelegentlich zu meinem Kindergeburtstagen gezaubert hatte, wenn es sie überkam. Ganze Geschichten spielten sich darauf ab.
„Stühle…?“
„Bringt jeder mit…, und die Nachbarn haben auch.“
„Ich will aber nicht, dass du die ganze Zeit die Gäste bedienen musst! Ich brauche dich!“ sagte Jono.
Aber auch dafür gab es eine Lösung. Unsere Freundin Johanna kannte einen professionellen Butler, den man für Feste mieten konnte. Er empfing und bediente die Gäste, so richtig mit Uniform, ohne dabei förmlich zu wirken, sondern mit Humor. „Der Mann ist perfekt dafür!“ schwärmte Johanna. So buchten wir Reginald. Das war also auch geklärt.

Blieb noch die Sache mit den Trauzeugen. Darüber musste wir nicht lange nachdenken. Jono wählte seinen besten Freund, der ihn seit dem ersten Tag seiner Ausbildung begleitete. Ich bat den Mann, der ebenfalls seit meinem ersten Tag an der Uni mein Anker in der Welt gewesen war, verlässlich wie der Sternenschwan am Himmel, mit einem Lächeln, einem Trost, einem Zauber und einer Antwort oder der richtigen Frage wann immer ich sie brauchte. Aber das ist eine andere Geschichte.

„Du“, sagte Jono eines Abends, „Ich werde das Auto verkaufen. Dann können wir die Hochzeit und die Reise finanzieren, und ich fahre ja doch nie mehr.“
Das Auto stand in der Garage, seit wir uns kannten. Davor war er noch gefahren, obwohl das aufgrund seiner eingeschränkten Reflexe ziemlich leichtsinnig war. „Als ich noch allein war, war mir insgeheim egal, ob mir was passiert,“ gestand er mir. „Jetzt ist das anders.“
„Ich bin froh darüber – aber bist du sicher?“ Ich wusste, dass er, im Gegensatz zu mir, die es hasste, leidenschaftlich gern gefahren war.
„Es hilft ja nichts – es ist das einzig Vernünftige.“

Im März hatte Jono einen Unfall. Der Busfahrer feilte sich während der Fahrt zum Büro die Nägel und musste wegen dieser Ablenkung plötzlich bremsen. Der Gurt öffnete sich, Jono stürzte aus dem Rollstuhl, prallte gegen den Vordersitz und verletzte sich das Bein. Manche sagten: Das ist doch nicht so schlimm, er kann doch sowieso nicht laufen. Doch das war eine Fehlannahme: Er brauchte das Bein, um sich abzustützen, wenn wir ihn vom Bett auf den Rollstuhl oder vom Rollstuhl auf die Couch setzten, und überhaupt um im Sitzen die Balance zu halten. Nun musste er eine Weile viel liegen. Nachts war er unruhig, fast jede Stunde musste ich ihm helfen, sich anders hinzulegen. Noch im Bademantel verkaufte er das Auto, obwohl es ihm fast das Herz zerriss, an einen Arzt, der auf unsere Annonce hin angerufen hatte.
Danach erholte er sich; mit dem Frühling schlich sich mutiges Grün in unsere Welt und alles war im Aufwind. Jono ging wieder arbeiten. Die Hochzeit rückte näher, die Vorfreude stieg, die Aufregung auch. Ich konnte es immer noch nicht fassen, dass Jono wirklich den Rest seines Lebens ausgerechnet mit mir verbringen wollte. Ich war voller Staunen und gleichzeitig ungläubigem und ausgelassenen Glück.

Anfang Mai fegte ich zur Vorbereitung auf die Hochzeitsfeier im Garten unter der Hecke die letzten braunen Blätter zusammen, die der Herbst dort vergessen hatte. Ich dachte an die Bilder, die Anthony mit solchen Blättern lebendig gemacht hatte. Es war auf einmal, als stünde er so dicht neben mir dass ich seinen Tabak riechen konnte. Mich überfiel der plötzliche Drang, ihm einen Brief zu schreiben.
An einem sanft neblig grauen Morgen eine Woche vor der Hochzeit fand ich einen Brief mit fremder und doch seltsam vertrauter Handschrift im Kasten.
Mein eigener Brief an Anthony fiel mir ungeöffnet in die Hand, zusammen mit einem Schreiben seines Vaters.
Man hatte Anthony tot in seiner Wohnung gefunden, in seinem Sessel, die Augen zum Fenster gewandt, vor dem die junge Birke austrieb, deren Grün er geliebt hatte. Wie lange er dort gesessen hatte, konnte man nicht genau feststellen. Mein Brief musste unten in seinem Briefkasten gelegen haben, während er starb.

Wie blind lief ich in den Garten, setzte mich unter die Hecke, schlang die Arme um die Knie und versuchte zu begreifen. Eines unserer mitternächtlichen Telefongespräche kam mir in den Sinn. „Mich können sie weder im Himmel noch in der Hölle gebrauchen“, hatte er gesagt. „Für mich müssen sie eine Art Zwischenbereich erfinden, wo ich Abteilungsleiter für Feinfug werde und alle meine Bilder umgekehrt aufhängen darf weil es kein Oben und kein Unten mehr gibt.“

Später weinte ich eine Weile in Jonos Armen. Dann musste ich zur Arbeit. Während ich meine Jacke anzog, sah mir Anthonys Selbstportrait, das an der Wand neben meinem Bücherregal hing, direkt ins Auge. Ich werde nie weg sein, weißt du doch! sagte sein Blick.

Abends auf dem Heimweg machte ich einen Umweg zu dem See, an dem Anthony viel Zeit verbracht, von dem er mir viel geschrieben und über den wir damals gefahren waren – rückwärts. Im letzten Herbst war er dort oft mit der Fähre von Ufer zu Ufer gefahren und wieder zurück, manchmal mehrfach. „So kann ich mit dem Himmel zusammen sein, ohne laufen zu müssen“, sagte er. Das Laufen strengte ihn damals schon sehr an; sein Atem reichte nicht mehr. Wenn wir telefonierten, schmerzte mich die Luft, die ihm hörbar fehlte.
Wie ein Echo von Anthonys Stimme hallte jetzt eine Zeile aus einem seiner Gedichte durch mein Denken:

„..es sei denn, unter einer Saat von Zweifeln
ein Zipfel der Unendlichkeit.“

So wie Jono mich im Herbst mit dem Drachen in der Hand über die Wiese schickte um den Himmel zu erobern, so hatte Anthony mich jahrelang über Gedankenwiesen gejagt, auf die er Bilder säte und deren freie Grenzenlosigkeit er mir auf diese Weise bewies.
Einen Zipfel der Unendlichkeit hatten wir dabei zusammen zu fassen bekommen. Ich war mir ganz sicher. Und ich würde ihn nie loslassen.

Ich setzte mich auf einen halb in den See gefallenen Baum, hängte meine Füße in das frühlingskalte Wasser und schrieb zu seinem leisen Gluckern ein Gedicht auf einen Zettel während um mich ein warmer Regen fiel und die feuchte Erde nach Leben duftete. Nie hatte ich ein Gedicht für Anthony geschrieben, nur Geschichten und Portraitskizzen. Wann, wenn nicht jetzt? Zu meiner Überraschung wurde es ein Sonett, dabei hatte er nie etwas auf strenge klassische Formen gegeben.


EVOL

Mit dir nur konnte Tage ich bemalen
für uns war große Dichtung jede Stunde
als wir noch von der Zukunft Reichtum stahlen
leicht lasen wir der Sterne helle Kunde

Es lockte Wind die Träume zu Spiralen
du jagtest Zweifel gnadenlos zugrunde
wir suchten Glück in zarten Muschelschalen
mit Neugierfunkeln atemlos im Bunde

Auf meine Fragen kamst du wie gerufen
wir lebten auch in jedem Abgrund hoch
dein Lachen trug mich über alle Stufen

Selbst auf Vergänglichkeit lag Lied und Glanz
als Tod schon stumm in deinem Schatten kroch
sprach noch dein Schritt von einem stillen Tanz

Ich rollte den Zettel zusammen, steckte eine von den Anthonyblumen die das Ufer traumblau färbten hinein und kramte in meiner Tasche nach der Selterflasche. Ich trank den letzten Schluck , fädelte die Papierrolle durch die Öffnung, schraubte den Verschluss fest zu und warf sie so weit ich konnte der silbrigen Dämmerung am Horizont entgegen.

Für einen Moment glaubte ich unser Lied zu hören: „On the wings of a nightingale…“
Aus Anthonys Briefen und Bildern und aus den Erinnerungen an ihn würden mich mein Leben lang Ideen anfliegen. Auf den Flügeln einer Nachtigall.

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Kapitel 13 – Feuerträume

Zurück in der Stadt war die Luft voll heißem Staub. Viel schöner als die Tage waren die Abende im Garten, wenn die kühle Dämmerung zwischen die hohen Ritterspornstauden schlich, die so blau blühten als wären sie eine von uns gepflanzte Fortsetzung des Himmels. Immer mehr Blumen färbten unseren Garten, denn bei fast jedem Spaziergang oder Einkauf hielt Jono bei der Blumenfrau. Wir suchten etwas aus, das sie eigenhändig in einer Tüte an seinen Rollstuhl hängte. Große Töpfe nahm er auf den Schoß. Die Blumenfrau schenkte ihm jedes Mal noch eine frische Schnittrose. Er war ihr Lieblingskunde. Jono hatte eine besondere Gabe, Freundschaften zu schließen. Aber er kümmerte sich auch um seine Freunde, hörte ihnen zu, vergaß nie einen Geburtstag und lud sie regelmäßig ein.
Diese Freunde wollten sich revanchieren und verabredeten sich, für uns einen Grillkamin im Garten zu bauen. Als sie kamen, war es einer der ganz wenigen Regentage in diesem Sommer. Jono ärgerte sich, weil er nicht mit hinaus konnte. Mit Regen mussten wir vorsichtig sein. Man konnte Jono nicht einfach umziehen, wenn er nass wurde. Außerdem war die Elektronik des Rollstuhls bei Nässe empfindlich und versagte gelegentlich völlig. Ein Regencape aber lehnte er ab: „Dann sehe ich so behindert aus!“ sagte er empört. Doch sobald der Regen etwas nachließ, war er mit dabei und sah, wie der zukünftige Mittelpunkt des Gartens wuchs. „Das ist schief“, sagte er, „da noch ein wenig drehen!“ Sein Augenmaß stimmte immer, wenn man später nachmaß.

Es folgten lange Lichterabende, an denen wir mit den Freunden bis Mitternacht am Feuer saßen. Das Essen war nebensächlich: schön war es, wenn wir hinterher die alten Zweige und den Stamm des Weihnachtsbaums oder andere hölzerne Gartenabfälle auf die glimmenden Kohlen warfen. Wie heraufbeschworen sprangen märchenhaft die Flammen auf und mit ihnen Erinnerungen und Geschichten, wie sie an Lagerfeuern erzählt werden seit es Menschen gibt. Vom Wind verstreute Funken fielen zu unseren Füßen ins taufeuchte Gras wo sie leuchteten wie die von mir so geliebten Glühwürmchen, die es hierzulande nicht gibt. Vertraute Stimmen mischten sich mit dem Knistern des Reisigs. Ich hielt Jonos Hand und lauschte. Da er das Holz nicht selbst auf das Feuer legen konnte, gab er Anweisungen, welche Äste wir nehmen sollten. Während die Gäste zum Leichtsinn neigten, hatte er einen Blick dafür, was gut brannte und nicht qualmte oder so hohe Flammen auslöste, dass das Dach in Gefahr geraten konnte. Diese schöne Vorsicht machte er gleich danach selbst zunichte indem er darauf bestand, dass jemand Knallfrösche in das Feuer warf.

Wir ließen Schwimmkerzen im Teich treiben, steckten Wunderkerzen in die Hecke, zündeten in den entlegenen Winkeln flackernde Gartenfackeln an und manchmal spielte jemand Gitarre. Dann war es als trieben die melancholischen Töne unsichtbar neben die Lampions in die Zweige der Bäume. Es roch nach Asche und nach reifen Erdbeeren. Wunderkostbar und zerbrechlich wie durchsichtige blaue Glaskugeln erschienen mir diese Stunden. Ich sog sie tief ein und merkte mir ihren Geschmack, ihren Duft, ihren Glanz und ihren Klang.
„Hol noch ein Feuerwerk!“ sagte Jono jedes Mal, wenn die Gäste sich zu verabschieden begannen. Er hob von Silvester stets eine Menge kleine Bodenfontänen für solche Gelegenheiten auf. Die helle Erinnerung an die Wärme des Feuers und der Gesellschaft, an Lachen und an den Sternenregen, der aus dem feuchten Gras aufsprang und übermütig geradewegs in den Himmel wies nahmen alle mit nach Hause.

Anthony machte sein vages Versprechen, uns einmal zu besuchen, nie wahr. Es ging ihm nicht gut, die Hitze drückte auf sein Herz. In unseren kurzen Gesprächen hörte ich am Telefon, wie mühsam sein Atem ging. Seine selten gewordene Schrift lag müde auf den Seiten.
Den wahren Grund aber, dass er nicht kam, verriet mir Geli, eine gemeinsame Bekannte. „Er freut sich zwar für euch beide,“ sagte sie, „er nennt Jono seinen Beinahe-Zwillingsbruder und ist froh, dass du ihn gefunden hast. Aber er traut sich nicht zu, euch beide zusammen glücklich zu sehen.“ Darauf wäre ich so nie gekommen, aber es passte zu Anthony. Ich konnte es nicht ändern. Er hatte die Wahl gehabt.
Er rief nun wieder manchmal an und spielte mir ein Lied vor, immer dasselbe: „I believe in Angels“, von Cristy Lane. „Das passt überhaupt nicht zu ihm!“ dachte ich beim ersten Mal. Ich fand die Melodie kitschig. „On the Wings of a Nightingale“ hatte mir wesentlich besser gefallen. Erst, als ich abends mit den anderen am Feuer saß und in die Flammen träumte während oben am Himmel langsam der Schwan in der tiefer werdenden erhabenen Schwärze zu leuchten begann, kam mir der Text bewusst in den Sinn und ein kaltes Entsetzen durchfuhr mich.
Übersetzt lautet er sinngemäß so:

„Ich habe einen Traum
der mir hilft
mit allem fertig zu werden:
Wenn man das Wunder
eines Märchens sieht
kann man die Zukunft aushalten
selbst wenn man versagt.
Ich glaube an Engel,
an ewas Gutes in allem was ich sehe.
Ich habe eine Phantasie
die mir in der Wirklichkeit hilft
mich eine weitere Meile
durch die Dunkelheit zu kämpfen.
Ich glaube an Engel.
Wenn meine Zeit gekommen ist
überquere ich über die Straße.“

Ach, Anthony, dachte ich. Nicht jetzt, noch nicht!
Mir fiel ein Brief ein, den er mir einmal aus Finnland geschickt hatte.
„…du musst dir vorstellen, wie schön so ein Kaffee schmeckt, wenn man am Seeufer sitzt und in die helle Nacht starrt und einen Kaffe-Pott in den Händen hält und das Feuer Funken pustet und der Kessel daneben vor sich hinbrubbelt…der Trick dabei ist, immer nur ganz kleine Stöckchen zu nehmen und eine Art Meiler drumherum zu bauen – Kaffee-Kessel obendrauf, geht am besten in einer flachen Mulde. Brandstifter bin ich aber nur geistiger…“
Er hatte auch seine Gedanken am Lagerfeuer gehabt. Dieses Wissen und all die Worte die ich von ihm gesammelt hatte und in denen so viel tief gelebtes Leben wie ein Bodensatz zurückblieb machten den langsamen Abschied um ein Weniges leichter.
Doch wenn auch unsere Liebe nicht hatte sein sollen, was mir inzwischen seltsam richtig vorkam, so gehörte er doch, verdammt noch mal, zu meinem Leben. Und da sollte er bleiben!
Aber mit jedem Mal, dass er mir in den kommenden Monaten dieses Lied vorspielte, schien er sich weiter zu entfernen. Ob er sich oder mich mit den Worten überzeugen wollte, wusste ich nicht.
In der Dunkelheit war mir, als sähe ich am Baum das kleine Gespenst auf der Schaukel, das er damals in das Bild vom Garten gezeichnet hatte.

Jono und ich spannen an diesen Abenden Träume und Pläne. Wir hatten tatsächlich die Reise nach Teneriffa gebucht. Dazu gehörten bei uns besonders viele Vorbereitungen. Er hatte für Flugreisen einen kleineren, eigentlich zu engen Elektrorollstuhl mit einer Trockenbatterie, da andere Batterien nicht im Flieger mitgenommen werden durften. „Letztes Mal haben sie deswegen den Rollstuhl zum Laden in Teile zerlegt und wussten auf Teneriffa nicht, wie man ihn wieder zusammenbaut“, erzählte Jono. Um das zu vermeiden, suchten wir jemanden, der uns ein Schild auf spanisch schreiben konnte: „Rollstuhl bitte nicht auseinander bauen – nicht nötig, Trockenbatterie!“ Zudem mussten wir Sondergepäck anmelden, denn wir brauchten ja auch noch einen Schieberollstuhl, Ersatzteile und diverse andere Hilfsmittel. Gewartet werden mussten die Rollis natürlich vorher auch. Dann musste organisiert werden, dass auf beiden Flughäfen Männer da waren, die Jono in das Flugzeug und wieder hinaustragen würden. Im Hotel musste ein elektrisch verstellbares Pflegebett und ein rollstuhlgerechtes Badezimmer sichergestellt sein. Mir war ein wenig unbehaglich bei dem Gedanken daran, was alles schief gehen konnte. Ich konnte mir das Fliegen mit Jono ohnehin schwer vorstellen. Wir kamen mir so erdgebunden vor, vielleicht weil ich mit ihm keine Türme, keine Berge, nicht einmal die Stufen zu den Cafés und Geschäften erklimmen konnte.
„Schaffen wir das?“ fragte ich Jono.
„Zusammen schaffen wir alles!“ Die Überzeugung in seiner Stimme war ansteckend. „Ich freue mich so darauf, die Wolken von oben zu sehen. Und das Meer! Und alles mit dir!“
Mir ging es genauso. Manchmal aber überflog mich ein Nebel aus Gewissensbissen. Dann spielten Fetzen aus dem Lied wieder und wieder in meinem Kopf als hinge die Nadel auf einem alten Plattenspieler in einem Kratzer fest:

„…selbst wenn man versagt…
mich eine weitere Meile
durch die Dunkelheit zu kämpfen.
Ich glaube an Engel.
Wenn meine Zeit gekommen ist
überquere ich die Straße…“

Anthony war so spürbar nahe an seiner Zeit. Und ich machte mir Gedanken über eine Urlaubsreise?
Doch er hatte seine Entscheidung, nicht um sein Leben zu kämpfen, selbst getroffen. Schon lange. Es hatte nichts mit mir zu tun und ich hatte nie eine Chance gehabt, etwas zu ändern. Wir hatten einander nur ein Stück des Weges begleiten können.
Doch eine bestimmte Fähigkeit und den Drang, das Leben in den Augenblicken wahrzunehmen und zu bewahren, die hatte er mich gelehrt. Das war sein Vermächtnis.
Nun würde er die Straße überqueren und ich ging hier weiter, auf dieser und an Jonos Seite.
Das unsichtbare Gespenst auf der Schaukel in den tiefen Schatten des Apfelbaums aber würde eine ganz eigene Ewigkeit lang anwesend bleiben.

Kapitel 2 – Anthony

Mein Freund Anthony rief in jeder Nacht an. Ich glaube, er kämpfte gegen die Eile der wenigen Zeit, die ihm noch blieb, und gegen die Dunkelheit. Diesmal machte er es ungewöhnlich kurz.
„Hallo Fia, wie wäre es morgen mit einer Dampferfahrt?“ fragte er. „Die weiße Flotte fährt zum ersten Mal in der Saison.“
Für morgen war Regen angesagt, bei gerade mal vier Grad. Aber wenn Anthony einen solchen Vorschlag machte, stellte ich keine Fragen. Dann wusste ich, er brauchte mich – und es lohnte sich immer. Mit Anthony leuchtete jeder Regen bunt. Außerdem hatte wir uns in den sieben Jahren unserer tiefen Freundschaft nur wenige Male gesehen. Wir kannten uns schon drei Jahre, bevor wir uns das erste Mal trafen. Und nun würde es nicht mehr oft geschehen.

Kennen gelernt hatte ich ihn, weil er jemanden suchte der das Manuskript eines Kinderbuchs für ihn tippte. Von irgendwem hatte er erfahren, dass ich solche Nebenjobs machte. Er schickte also seine Geschichten, ich tippte, und da ich von den Texten begeistert war, legte ich dem fertigen Skript einen Brief bei. Er antwortete prompt, und es dauerte nicht lange, bis wir uns täglich schrieben. Es war, als hätten wir uns immer schon gekannt. In uns war ein Gleichklang, ein Staunen über dieselben kleinen Dinge. Wir konnten uns stundenlang über ein trockenes Herbstblatt unterhalten, fanden heraus, zu welchem seltenen Baum es gehörte und spannen Geschichten über seine eigenartige Form. Wir philosophierten über Sternbilder, über die Sagen dazu und gleichzeitig über die neuesten astronomischen Erkenntnisse. Unsere Gedanken griffen ineinander wie Zahnräder; wir trieben uns gegenseitig an und alles war Wasser auf unsere Mühlen. Anthony schickte mir ständig irgendwelche interessanten Zeitungsartikel oder kleine Zeichnungen, die die Ränder seiner Briefe zierten. Er war Kunstlehrer gewesen.

Nach und nach erfuhr ich mehr über ihn: er war dreiundvierzig, aber Frühpensionär, denn er war schwer herzkrank. Dass er nicht mehr Lehrer sein konnte, hatte ihn, glaube ich, schwerer getroffen als die Krankheit.
Nun brachte er eben mir die Dinge bei, die er wusste und die ihn faszinierten, und das war nicht nur Kunst. Physik, Biologie, Mechanik, alles und jedes konnte seine Begeisterung wecken, und die musste er mit jemandem teilen. Wenn ich von der Arbeit kam, freute ich mich schon auf seine Briefe, die meist zehn bis zwanzig Seiten lang waren. Manchmal wenn er keinen Schlaf fand fuhr er nachts durch die Stadt nur um mir einen solchen Brief vor die Tür zu legen, seltsam in Dosen oder als Flaschenpost verpackt oder um einen ungewöhnlichen Stein gewickelt. Es gab nichts Schöneres für mich als phantasievolle und ebenso lange Antworten zu verfassen. Damals lernte ich, Geschichten zu schreiben, ohne es zu merken. Schon immer hatte ich mir gerne welche ausgedacht. Bei Anthony konnte ich ungeniert drauflos fabulieren. Er pflanzte Bilder in meine Sprache. Wir weckten gegenseitig das Beste in uns, und das Übermütige.

Bald reichten die Briefe nicht mehr, und er gewöhnte sich an, mich abends anzurufen, irgendwann spät, und wir redeten bis nach Mitternacht. Eigentlich hätte ich ständig unausgeschlafen sein müssen, aber Anthony schickte soviel Lebendigkeit durch die Telefonleitung, dass er mich damit ansteckte. Es war, als wollte er das bunte, neugierige Leben, das in ihm brodelte, für das aber seine Zeit nicht mehr reichen würde, zu mir herüberretten.
Jemand unterstellte uns einmal eine heiße Affäre, woraufhin wir beide in schallendes Gelächter ausbrachen. Obwohl das so falsch nicht war: es war eine geistige Affäre, eine großartige, ausgelassene und tiefe Gemeinsamkeit im Denken, voll glücklicher Höhenflüge. Mit keinem anderen Menschen habe ich je soviel lachen können. Es war ein Lachen gegen die Angst, ein Lachen trotz allem und um des Lebens willen: ein schwereloses Lachen das die Nacht eroberte und nahe daran war, selbst den Sternenschwan zu erschüttern, der im All schweigend seine Bahn zog.

Eine unterschwellige Zärtlichkeit schlich sich wohl am Ende mit den Jahren in unsere Freundschaft, aber Anthony machte klar, dass er dennoch keine enge Beziehung wollte. Er verhielt sich wie das Licht auf der Oberfläche eines tiefen Sees. Das Funkeln schenkte er mir, aber an dem Dunkel der Abgründe, an seiner Furcht und seiner Melancholie ließ er mich nicht teilhaben, damit ich nicht darin unterging. Aus diesem Grunde erlaubte er nur sehr selten, dass wir uns sahen. Ob er es sich und mir damit leichter machen wollte oder einfach nicht mehr die Kraft zu haben glaubte – ich weiß es nicht. Vielleicht fehlte ihm auch nur der Mut? Auf dieses Wort war ich im Zusammenhang mit ihm noch nie gekommen, aber als ich ihn heute am verabredeten Treffpunkt auf dem Bahnhof stehen sah, dachte ich an die Anzeige von gestern.
War meine seltsame Wut daher gekommen, weil es eigentlich Anthonys mangelnder Mut zu einer Beziehung war, der mich ärgerte?

Anthony war groß; er fiel unter den anderen Fahrgästen sofort auf. Aber wenn wir uns umarmten, war es immer, als wage er nicht, ganz anwesend zu sein. Im Zug ging er an mehreren freien Bänken vorbei bis ihm eine zusagte. „Ich fahre nicht mehr gerne vorwärts“, sagte er erklärend. Nachdenklich blickte er in die Landschaft, die wir hinter uns ließen.
Bei seinen Worten spürte ich eine kalte Angst. Wie war das mit dem Mut? Wenn er schon nicht mehr wagte, vorwärts zu blicken, wie viel Zeit hatte er noch, hatten wir noch? Ich selbst hasste es, rückwärts zu fahren; ich setzte mich ihm gegenüber. In das Schweigen hinein erzählte ich ihm von der Anzeige und meiner Antwort darauf. Von der Stimme, die in meinem Kopf gewesen war, sagte ich nichts, wohl aber, dass ich überhaupt nicht wusste warum ich einem Fremden geschrieben hatte.
Über Anthonys Gesicht flog ein Schatten, kurz nur. Eifersucht? Ich gebe zu, ich hatte insgeheim darauf gehofft. Dann erzählte er mir etwas über die Gebäude, an denen der Zug vorüberflog. Erst kurz bevor wir am Hafen ausstiegen, sagte er plötzlich: „Das hast du gut gemacht, das mit dem Rollstuhlmann!“

Nebeneinander lehnten wir an der Reling, ohne uns zu berühren. Ich konnte Anthonys feuchten Parka riechen und seinen Tabak und seinen ganz eigenen Duft nach Tinte und alten Büchern und Erde. Es nieselte sanft aus einem gleichmäßig grauen Himmel. Die Bäume am Ufer waren von einem zarten optimistischen Hellgrün; das Land wirkte weich wie eine Pastellzeichnung. Der Frühling träumte sich wach; es war, als hielte alles voller Erwartung den Atem an.
An einer winzigen Insel unterbrach der fast leere Dampfer die Fahrt, hier konnte man einkehren. Wir verzichteten auf Kaffee und machten einen Rundgang. Hier und da trafen wir Pärchen, wie man sie im Frühling trifft, händchenhaltend und strahlend, in ihrer ganz eigenen Welt. Ich sah ihnen nach; ich gönnte ihnen ihr Glück, aber in mir kroch eine Traurigkeit hoch wie einer der Regenwürmer die auf dem nassen Pfad einen trockenen Platz suchten. Anthonys Hände steckten tief in seinen Taschen. Er sah nicht den Pärchen nach sondern beobachtete einen Großvater, der ein glückliches zahnloses Lächeln trug und mit seiner Enkelin unerlaubterweise die Schwäne fütterte. „Ich wäre gern einmal ein fröhlicher alter Mann geworden“, sagte Anthony, mehr zu sich selbst als zu mir.
Das junge Gras war schon kräftig und darauf breitete sich eine blauviolette zarte Blume aus, so dicht, dass es fast aussah als hätte das Wasser vom See die Wiese geflutet. Die Namen der meisten Wildblumen kenne ich, diese hier war mir neu. „Weißt du, wie die heißt?“ fragte ich Anthony. Er schüttelte den Kopf. „Dann nenne ich sie Anthonyblume“, sagte ich ein wenig zu fröhlich. Er schnaubte belustigt und wechselte das Thema.
„Ich will etwas, das mich an dich erinnert!“ dachte ich trotzig. Und tatsächlich, diese unbekannte Blume hat sich seitdem sogar in der Stadt ausgebreitet, Jahr für Jahr mehr, auf Grünstreifen, in Gärten, am Wegrand. In jedem April und Mai begegnet mir die Anthonyblume und dann ist jener Tag plötzlich wieder da und Anthony steht vor mir, mit seinen müden und trotzdem leuchtenden Augen und seinem spöttischen halben Lächeln.

Er schenkte mir einmal ein Gedicht, in dem ich diese Zeilen fand:

…ich lausche
dem Wispern welker Blätter
meine Blicke
folgen ihrem wirbelnden Flug,
wenn der Wind sie davon reißt.
Wäre ich solch ein Blatt,
versuchtest du,
mich zu fangen?

Das hatte er geschrieben, lange er wir uns kannten und bevor er wusste, wie krank er war. Als wir uns begegneten, war es längst zu spät. Darum versuchte ich nie, ihn zu fangen, noch hätte er es zugelassen. Aber ein warmer, sanfter, fröhlicher Herbstwind wirbelte uns eine lange Wegstrecke nebeneinander her, und dieser Weg wies mir meine Richtung.

Der Dampfer machte auf der Rückfahrt einen langen Umweg und wir kosteten jede Minute aus, zählten die Graureiher und die Haubentaucher und erfanden Geschichten zu den Häusern am Ufer. Der Regen wurde stärker, kümmerte uns aber nicht. Ich sah, wie die Tropfen sich in Anthonys Haaren und Brauen verfingen. Silbern spiegelte sich die Dämmerung in ihnen.

Auch auf dem Dampfer blickte er nicht vorwärts; wir standen die ganze Zeit am Heck. Als wir schließlich ausstiegen, war es schon dunkel. Die feste Erde fühlte sich fremd an unter meinen Füßen. Als wir uns zum Abschied umarmten, blickte ich zu ihm hoch und da sah ich den kalten Schatten in seinen Augen.
Ich wusste, ich würde ihn nie wieder sehen. Er würde nicht heute gehen, auch nicht morgen, wir würden noch oft telefonieren, noch viele Briefe schreiben – aber gesehen hatte ich ihn heute zum letzten Mal, und wir wussten es beide.
Da dachte ich an Mut, und ich küsste ihn, zum ersten und zum letzten Mal. Ich schmeckte Salz und die Currywurst von vorhin, schmeckte Rauch und Sehnsucht, Gewissheit und Bedauern und den Tod auf seinen Lippen, aber in diesem Moment lebten wir, und alles war richtig.

Abends ging mir der Zauber jenes Frühlingsabends nicht aus dem Sinn und ich versuchte, die Aquarellfarben meiner Erinnerung auf Papier zu bannen. Ich war nicht zufrieden mit dem vagen Ergebnis und schickte es Anthony, der mit wenigen geübten Strichen unsere Landschaft dieses Moments daraus zauberte, so dass man nicht sah, wo ich aufgehört und er angefangen hatte.
Noch war Zeit, uns zusammen an der Welt zu beglücken.

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