Kapitel 13 – Feuerträume

Zurück in der Stadt war die Luft voll heißem Staub. Viel schöner als die Tage waren die Abende im Garten, wenn die kühle Dämmerung zwischen die hohen Ritterspornstauden schlich, die so blau blühten als wären sie eine von uns gepflanzte Fortsetzung des Himmels. Immer mehr Blumen färbten unseren Garten, denn bei fast jedem Spaziergang oder Einkauf hielt Jono bei der Blumenfrau. Wir suchten etwas aus, das sie eigenhändig in einer Tüte an seinen Rollstuhl hängte. Große Töpfe nahm er auf den Schoß. Die Blumenfrau schenkte ihm jedes Mal noch eine frische Schnittrose. Er war ihr Lieblingskunde. Jono hatte eine besondere Gabe, Freundschaften zu schließen. Aber er kümmerte sich auch um seine Freunde, hörte ihnen zu, vergaß nie einen Geburtstag und lud sie regelmäßig ein.
Diese Freunde wollten sich revanchieren und verabredeten sich, für uns einen Grillkamin im Garten zu bauen. Als sie kamen, war es einer der ganz wenigen Regentage in diesem Sommer. Jono ärgerte sich, weil er nicht mit hinaus konnte. Mit Regen mussten wir vorsichtig sein. Man konnte Jono nicht einfach umziehen, wenn er nass wurde. Außerdem war die Elektronik des Rollstuhls bei Nässe empfindlich und versagte gelegentlich völlig. Ein Regencape aber lehnte er ab: „Dann sehe ich so behindert aus!“ sagte er empört. Doch sobald der Regen etwas nachließ, war er mit dabei und sah, wie der zukünftige Mittelpunkt des Gartens wuchs. „Das ist schief“, sagte er, „da noch ein wenig drehen!“ Sein Augenmaß stimmte immer, wenn man später nachmaß.

Es folgten lange Lichterabende, an denen wir mit den Freunden bis Mitternacht am Feuer saßen. Das Essen war nebensächlich: schön war es, wenn wir hinterher die alten Zweige und den Stamm des Weihnachtsbaums oder andere hölzerne Gartenabfälle auf die glimmenden Kohlen warfen. Wie heraufbeschworen sprangen märchenhaft die Flammen auf und mit ihnen Erinnerungen und Geschichten, wie sie an Lagerfeuern erzählt werden seit es Menschen gibt. Vom Wind verstreute Funken fielen zu unseren Füßen ins taufeuchte Gras wo sie leuchteten wie die von mir so geliebten Glühwürmchen, die es hierzulande nicht gibt. Vertraute Stimmen mischten sich mit dem Knistern des Reisigs. Ich hielt Jonos Hand und lauschte. Da er das Holz nicht selbst auf das Feuer legen konnte, gab er Anweisungen, welche Äste wir nehmen sollten. Während die Gäste zum Leichtsinn neigten, hatte er einen Blick dafür, was gut brannte und nicht qualmte oder so hohe Flammen auslöste, dass das Dach in Gefahr geraten konnte. Diese schöne Vorsicht machte er gleich danach selbst zunichte indem er darauf bestand, dass jemand Knallfrösche in das Feuer warf.

Wir ließen Schwimmkerzen im Teich treiben, steckten Wunderkerzen in die Hecke, zündeten in den entlegenen Winkeln flackernde Gartenfackeln an und manchmal spielte jemand Gitarre. Dann war es als trieben die melancholischen Töne unsichtbar neben die Lampions in die Zweige der Bäume. Es roch nach Asche und nach reifen Erdbeeren. Wunderkostbar und zerbrechlich wie durchsichtige blaue Glaskugeln erschienen mir diese Stunden. Ich sog sie tief ein und merkte mir ihren Geschmack, ihren Duft, ihren Glanz und ihren Klang.
„Hol noch ein Feuerwerk!“ sagte Jono jedes Mal, wenn die Gäste sich zu verabschieden begannen. Er hob von Silvester stets eine Menge kleine Bodenfontänen für solche Gelegenheiten auf. Die helle Erinnerung an die Wärme des Feuers und der Gesellschaft, an Lachen und an den Sternenregen, der aus dem feuchten Gras aufsprang und übermütig geradewegs in den Himmel wies nahmen alle mit nach Hause.

Anthony machte sein vages Versprechen, uns einmal zu besuchen, nie wahr. Es ging ihm nicht gut, die Hitze drückte auf sein Herz. In unseren kurzen Gesprächen hörte ich am Telefon, wie mühsam sein Atem ging. Seine selten gewordene Schrift lag müde auf den Seiten.
Den wahren Grund aber, dass er nicht kam, verriet mir Geli, eine gemeinsame Bekannte. „Er freut sich zwar für euch beide,“ sagte sie, „er nennt Jono seinen Beinahe-Zwillingsbruder und ist froh, dass du ihn gefunden hast. Aber er traut sich nicht zu, euch beide zusammen glücklich zu sehen.“ Darauf wäre ich so nie gekommen, aber es passte zu Anthony. Ich konnte es nicht ändern. Er hatte die Wahl gehabt.
Er rief nun wieder manchmal an und spielte mir ein Lied vor, immer dasselbe: „I believe in Angels“, von Cristy Lane. „Das passt überhaupt nicht zu ihm!“ dachte ich beim ersten Mal. Ich fand die Melodie kitschig. „On the Wings of a Nightingale“ hatte mir wesentlich besser gefallen. Erst, als ich abends mit den anderen am Feuer saß und in die Flammen träumte während oben am Himmel langsam der Schwan in der tiefer werdenden erhabenen Schwärze zu leuchten begann, kam mir der Text bewusst in den Sinn und ein kaltes Entsetzen durchfuhr mich.
Übersetzt lautet er sinngemäß so:

„Ich habe einen Traum
der mir hilft
mit allem fertig zu werden:
Wenn man das Wunder
eines Märchens sieht
kann man die Zukunft aushalten
selbst wenn man versagt.
Ich glaube an Engel,
an ewas Gutes in allem was ich sehe.
Ich habe eine Phantasie
die mir in der Wirklichkeit hilft
mich eine weitere Meile
durch die Dunkelheit zu kämpfen.
Ich glaube an Engel.
Wenn meine Zeit gekommen ist
überquere ich über die Straße.“

Ach, Anthony, dachte ich. Nicht jetzt, noch nicht!
Mir fiel ein Brief ein, den er mir einmal aus Finnland geschickt hatte.
„…du musst dir vorstellen, wie schön so ein Kaffee schmeckt, wenn man am Seeufer sitzt und in die helle Nacht starrt und einen Kaffe-Pott in den Händen hält und das Feuer Funken pustet und der Kessel daneben vor sich hinbrubbelt…der Trick dabei ist, immer nur ganz kleine Stöckchen zu nehmen und eine Art Meiler drumherum zu bauen – Kaffee-Kessel obendrauf, geht am besten in einer flachen Mulde. Brandstifter bin ich aber nur geistiger…“
Er hatte auch seine Gedanken am Lagerfeuer gehabt. Dieses Wissen und all die Worte die ich von ihm gesammelt hatte und in denen so viel tief gelebtes Leben wie ein Bodensatz zurückblieb machten den langsamen Abschied um ein Weniges leichter.
Doch wenn auch unsere Liebe nicht hatte sein sollen, was mir inzwischen seltsam richtig vorkam, so gehörte er doch, verdammt noch mal, zu meinem Leben. Und da sollte er bleiben!
Aber mit jedem Mal, dass er mir in den kommenden Monaten dieses Lied vorspielte, schien er sich weiter zu entfernen. Ob er sich oder mich mit den Worten überzeugen wollte, wusste ich nicht.
In der Dunkelheit war mir, als sähe ich am Baum das kleine Gespenst auf der Schaukel, das er damals in das Bild vom Garten gezeichnet hatte.

Jono und ich spannen an diesen Abenden Träume und Pläne. Wir hatten tatsächlich die Reise nach Teneriffa gebucht. Dazu gehörten bei uns besonders viele Vorbereitungen. Er hatte für Flugreisen einen kleineren, eigentlich zu engen Elektrorollstuhl mit einer Trockenbatterie, da andere Batterien nicht im Flieger mitgenommen werden durften. „Letztes Mal haben sie deswegen den Rollstuhl zum Laden in Teile zerlegt und wussten auf Teneriffa nicht, wie man ihn wieder zusammenbaut“, erzählte Jono. Um das zu vermeiden, suchten wir jemanden, der uns ein Schild auf spanisch schreiben konnte: „Rollstuhl bitte nicht auseinander bauen – nicht nötig, Trockenbatterie!“ Zudem mussten wir Sondergepäck anmelden, denn wir brauchten ja auch noch einen Schieberollstuhl, Ersatzteile und diverse andere Hilfsmittel. Gewartet werden mussten die Rollis natürlich vorher auch. Dann musste organisiert werden, dass auf beiden Flughäfen Männer da waren, die Jono in das Flugzeug und wieder hinaustragen würden. Im Hotel musste ein elektrisch verstellbares Pflegebett und ein rollstuhlgerechtes Badezimmer sichergestellt sein. Mir war ein wenig unbehaglich bei dem Gedanken daran, was alles schief gehen konnte. Ich konnte mir das Fliegen mit Jono ohnehin schwer vorstellen. Wir kamen mir so erdgebunden vor, vielleicht weil ich mit ihm keine Türme, keine Berge, nicht einmal die Stufen zu den Cafés und Geschäften erklimmen konnte.
„Schaffen wir das?“ fragte ich Jono.
„Zusammen schaffen wir alles!“ Die Überzeugung in seiner Stimme war ansteckend. „Ich freue mich so darauf, die Wolken von oben zu sehen. Und das Meer! Und alles mit dir!“
Mir ging es genauso. Manchmal aber überflog mich ein Nebel aus Gewissensbissen. Dann spielten Fetzen aus dem Lied wieder und wieder in meinem Kopf als hinge die Nadel auf einem alten Plattenspieler in einem Kratzer fest:

„…selbst wenn man versagt…
mich eine weitere Meile
durch die Dunkelheit zu kämpfen.
Ich glaube an Engel.
Wenn meine Zeit gekommen ist
überquere ich die Straße…“

Anthony war so spürbar nahe an seiner Zeit. Und ich machte mir Gedanken über eine Urlaubsreise?
Doch er hatte seine Entscheidung, nicht um sein Leben zu kämpfen, selbst getroffen. Schon lange. Es hatte nichts mit mir zu tun und ich hatte nie eine Chance gehabt, etwas zu ändern. Wir hatten einander nur ein Stück des Weges begleiten können.
Doch eine bestimmte Fähigkeit und den Drang, das Leben in den Augenblicken wahrzunehmen und zu bewahren, die hatte er mich gelehrt. Das war sein Vermächtnis.
Nun würde er die Straße überqueren und ich ging hier weiter, auf dieser und an Jonos Seite.
Das unsichtbare Gespenst auf der Schaukel in den tiefen Schatten des Apfelbaums aber würde eine ganz eigene Ewigkeit lang anwesend bleiben.

Kapitel 11 – Ein Lächeln auf Rot

„Da wollen wir rein? Ist das dein Ernst?“
Wir standen vor dem Spielcasino in Jonos Kurort. Ein wunderschönes historisches Gebäude, aber es hätte mir völlig genügt, es von außen zu betrachten. Meine Erziehung rebellierte. „Um Geld spielt man nicht, höchstens um Kekse“, hörte ich die Stimme meines Vaters. Außerdem ließ die Sonne den Rasen leuchten und die Pfützen glitzern. In den Pappeln flüsterte Frühsommerwind. Nichts zog mich in einen düsteren Raum.
„Wann haben wir sonst die Gelegenheit? Wenn du noch nie in einem Spielcasino warst, ist es höchste Zeit.“ Wenn sich Jono etwas in den Kopf gesetzt hatte, war er nicht davon abzubringen. Er verpasste keine Chancen, wenn es darum ging, Erfahrungen zu machen, denn viele blieben ihm verwehrt, seit er im Rollstuhl saß. Davor allerdings hatte er auch nichts ausgelassen.
Außerdem vertraute ausgerechnet er mit Überzeugung auf sein Glück.
Ich dachte an meine Oma, die bis zu ihrem Tod mit neunzig Jahren eine elegante, unternehmungslustige Frau geblieben war. Sie hatte oft vom Spielcasino erzählt, anscheinend war sie ganz gerne mal dort gewesen. Warum also eigentlich nicht. Aber…
„Das können wir uns doch gar nicht leisten.“ Wieso war ich eigentlich immer so vorsichtig?
„Wenn wir hundert Mark verloren haben, gehen wir“, versicherte Jono.
„Na, du bist gut. Außerdem, du trägst ja keinen Schlips!“ Triumphierend wies ich auf das Schild neben der Tür. „Ohne Krawatte kommst du hier gar nicht rein.“
„Die kann man leihen. Aber greif mal in meine Innentasche.“
Ich zog etwas Weiches heraus. Natürlich. Der Mann war immer vorbereitet. „Ich kann aber keinen Krawattenknoten binden!“ war mein letzter schwacher Protest.
„Ist schon gebunden, du brauchst ihn bloß auf- und zuschieben.“
Ein wenig schief saß die Krawatte trotzdem, egal wie sehr ich daran herumfummelte, aber das war Jono herzlich egal. Er sah übrigens gut aus mit dem Ding.

„Nun komm schon.“ Souverän tauschte Jono am Eingang die hundert Mark in die berühmten Plastikchips um. Jetons.
Drinnen war es dämmrig und still, wie ich mir gedacht hatte. Nur über den Spieltischen hing Beleuchtung. Jono steuerte zielstrebig auf einen Roulettetisch zu. „Wie oft warst du schon hier?“ fragte ich argwöhnisch.
„Nur einmal, letztes Jahr. Hier, leg das auf die 9!“ Er schob mir mit dem Finger einen Chip zu. Da er den Arm nicht heben konnte, setzte ich die Jetons auf die grünen Samtfelder. Ich kam mir auf einmal angenehm verrucht vor. Die 9 war unsere Glückszahl. Diesmal allerdings gewann sie nicht.
Mit uns am Tisch saßen Menschen in unserem Alter und aufwärts. Mehrere wirklich alte Damen fielen mir auf, elegant und dunkel gekleidet, mit schwerem Goldschmuck an Fingern und Hals. Die Anwesenden beachteten einander nicht, sie waren alle nur auf den Tisch konzentriert und die Plastikplättchen, die ernst und wortlos hin- und hergeschoben wurden als gäbe es draußen keine Welt. Ich musste den Drang unterdrücken, albern zu kichern. Doch dann stockte mir der Atem angesichts der Beträge, die da seelenruhig gesetzt, verloren und gewonnen wurden, fünfhundert- und tausend-Mark-Chips in ganzen Stapeln. Was mich aber eisig berührte war die Unbewegtheit mit der selbst hohe Gewinne eingestrichen wurden. Keine Freude huschte über eines der Gesichter, die mit ihren ehrwürdigen Lebensspuren so geeignet dafür gewesen wären, Gefühle auszudrücken. Kein Ärger, kein Erschrecken bei hohen Verlusten. Gleichmütig wurden Geldstapel in Lederhandtaschen verstaut oder aus ihnen entnommen, doch ein Lächeln fand niemand in ihren Tiefen und auch kein Gespräch mit dem Tischnachbarn.
„Warum um Himmelswillen sind sie hier, wenn sie sich nicht amüsieren?“ flüsterte ich Jono zu.
„Keine Ahnung“, sagte er, „verstehe ich auch nicht. Setz mal auf das 18er-Carree.“
Doch auch damit gewannen wir nichts. Die hundert Mark hatten wir bald verspielt. Aber ich gab zu, dass es Spaß gemacht hatte.
Mit Anthony hatte ich nur geträumt. Mit Jono aber ging ich neue Wege.
Immerhin wusste ich jetzt, wie für mich die Hölle aussehen würde, wenn ich an sie geglaubt hätte. Die aber war in meiner Erziehung zum Glück nicht vorgekommen. Dennoch: Ab heute stellte ich sie mir voll alter Damen vor, die in einem dunklen Saal den ganzen Tag Roulette spielen mussten ohne einmal zu lächeln. „Komm, lass uns gehen!“
„Nein, mit Verlust gehe ich nicht. Wir setzen jetzt noch meinen Reserve-Hunni auf Rot.“
„Aber das ist doch gerade das Gefährliche, dass man immer denkt, man kann die Verluste wieder reinholen!“
„Wenn das schief geht, gehen wir. Versprochen“.
Also tauschten wir den Reservehunni noch einmal gegen Chips, die ich für Jono alle auf Rot setzte. Ich hätte sie auf Schwarz gesetzt. Schwarz wie Schreibtinte, schwarz wie mein geliebter Nachthimmel, durch den der Schwan flog. Aber Jono setzte auf Rot, für die Liebe, sagte er.
Und Jono gewann. Nun hatten wir den verlorenen Hunderter also wieder. Ich war beruhigt. „Komm!“
Doch Jono schaltete den Rollstuhl noch immer nicht an. „Ohne Gewinn geh ich hier nicht raus!“ sagte er. „Wir setzen noch mal hundert auf Rot!“
Mir schwante Schlimmes.
Doch Jono gewann. „So“, sagte er. „Und jetzt gehen wir!“ Wir ließen die alten Damen ohne Lächeln zurück und ignorierten die vorwurfsvollen Blicke des Croupiers, als er die Sandspuren sah, die Jonos Reifen auf dem roten Teppich hinterließen. Wir waren ihm wegen der geringen Beträge ohnehin ein Dorn im Auge gewesen. Und geredet und gelacht hatte wir auch!
„Und mit dem Gewinn machen wir etwas Besonderes“, sagte Jono zufrieden.

Draußen vor dem Eingang pickte ein Pfau im Sand. Seine Federn blitzten blaue Augen in das schräge Abendsonnenlicht. Als er Jonos Reifen auf dem Weg knirschen hörte, blickte er auf und schlug ein Rad. Wie die bunten Kreise, die er uns zeigte, so hatte ich mit der Erinnerung an diesen Casinobesuch einen schillernden Fleck mehr in meiner Geschichte.

So war das Leben mit Jono. Wir investierten und verloren anfangs meist: Zeit, Kraft und Mühe. Wenn wir aus dem Haus gingen, mussten wir z. B. an diverse Hilfsmittel denken, die wir mitnehmen mussten, auch an den Schlüssel für die Behindertentoiletten. Eventuell mussten wir Tage vorher den Behindertenfahrdienst buchen. Allein schon, Jono die Jacke anzuziehen war schwierig. Dazu stellte er den Rollstuhl auf einen bestimmten Winkel ein, dann musste ich ihn vorsichtig in eine vorgebeugte Stellung ziehen, aber nicht zu weit, sonst hätte er die Balance verloren und wäre vornüber gefallen. Dann den einen Arm in den Ärmel, beim zweiten war das schon schwieriger, den musste ich dafür ziemlich weit nach hinten ziehen, fast bis an Jonos Schmerzgrenze. Dann im Rücken glatt streichen damit nichts drückte wenn er sich zurücklehnte. Zurücklehnen, Rollstuhl einstellen, Jacke zumachen, den Gurt schließen. All dies dauerte länger als bei anderen Leuten und benötigte mehr Konzentration und Vorbereitung. Vieles war ein kleines Risiko. Wir setzten jedes Mal Jetons auf die grünen Felder unserer Welt.
Doch jedes Erlebnis wurde dadurch intensiver, dass es erkämpft werden musste und wir es dadurch um so mehr auskosteten. Wir waren gezwungen, mehr auf Kleinigkeiten zu achten, auf die Beschaffenheit der Wege und die Breite von Türen. Wir sahen mehr als andere, und wir freuten uns mehr als andere.
Und darum kamen wir nie ohne Gewinn nach Hause.

Kapitel 8 – Nachtigallen

Der Sommer wurde wie Anthonys Lied.
Anthony hatte die Angewohnheit, mir gelegentlich mitten in der Nacht am Telefon ein Lied vorzuspielen, das ihm gerade gefiel. Er nahm sie aus dem Radio auf. Zu dieser Zeit war es „On the Wings of a Nightingale“ von den Everly Brothers. „Total kitschig“ lachte er, „aber irre schön!“ Ich musste mir das anhören, bis ich es auswendig konnte, und heute noch steht Anthony fast greifbar vor mir wenn ich die Melodie irgendwo höre. Übersetzt geht der Text etwa so:

„Wenn ich liebe fühle ich mich als ob ich durch den Himmel reise
auf den Schwingen einer Nachtigall.
Auf den Schwingen einer Nachtigall fliege ich
über Land und Meer und denke an dich und mich.
Ich könnte mir keinen schöneren Platz vorstellen.
Wenn du willst, fliegen wir in das Land der ewigen Sonne,
Ich fühle, dass mir etwas Neues geschieht
also halte meine Hand, Ich spüre, dass die Reise gerade erst angefangen hat
auf den Schwingen einer Nachtigall…“

Während das für Anthony nur noch ein Traum war, ging es mir tatsächlich so. Mit Jono erlebte ich die hellen Sommertage, als wäre mir alles neu. Nicht nur, weil ich verliebt, sondern weil ich gezwungen war, die Umgebung anders wahrzunehmen, wenn wir unterwegs waren. Für ihn war eine Bordsteinkante ein Hindernis, das uns zu Umwegen zwang, aber auf diesen Umwegen entdeckten wir Blumen und andere Dinge, die Jono nur sah, weil seine Perspektive der Erde so nahe war. Ein verbogener Gullideckel konnte zur Falle werden, weil dann ein Ruck durch den Rollstuhl ging, der weder für den Stuhl noch für Jono gut war. Also waren wir wachsam. So fanden wir gefleckte und gestreiften Schnecken und wundersam bunt gepunktete haarige Raupen, und wenn Jonos Reifen sie gefährdeten, klaubte ich sie von den heißen Pflastersteinen und brachte sie auf dem Grünstreifen in Sicherheit. Behutsam waren unsere Wege und immer ein Triumph, wenn wir sie geschafft hatten. Jono musste ja auch am Tag vorher daran denken, die Batterie aufzuladen. Aber es gab Vorteile. Gepäck oder Einkaufstüten konnten hinten an den Stuhl gehangen werden, Jono war also Kavalier: ich brauchte nie etwas tragen. Auf dem Heimweg kauften wir Spritzkuchen für Jono und Baumkuchen für mich, und dann saßen wir im Garten und dachten uns Geschichten zu den Wolken aus oder erzählten uns voneinander.

An einem der ersten Male, als ich ihn besuchte, sahen wir uns die Fotos von jenem ersten Nachmittag im Zoo an. „Ich fände es schön, wenn du meinen Arm um deine Schultern legen würdest“, sagte er vorsichtig. Ich folgte seiner Aufforderung mit einem Kloß im Hals, verkniff mir ein verblüfftes Lachen und aufsteigende Tränen gleichzeitig. Was musste es ihn kosten, um so etwas bitten zu müssen? Doch dann stellte ich fest, dass es gar keine Rolle spielte, wer von uns seinen Arm um mich legte – Hauptsache, es war Jonos Arm. Es fühlte sich gut und genau richtig an.

Ein andermal bat er mich, seine Hand zu heben, weil es ihn am Ohr juckte. Ich musste an den Märchenfilm „Die unendliche Geschichte“ denken, in dem der Titelheld seinem Glücksdrachen das Ohr kratzen soll, weil der alles kann, nur das nicht.
Irgendwie war Jono für mich auch so etwas wie ein Glücksdrache, der mir Kraft gab.
Rasch gewöhnte ich mich daran, seine Arme für ihn zu bewegen. Bald waren es Reflexe, die ich gar nicht mehr bewusst ausführte. Jono schleppte mich auf den Rummel, was ich noch nie gemocht hatte – aber mit ihm war es wunderbar ausgelassen und verrückt. Am liebsten hatte er den einarmigen Bandit; ich legte seine Hand auf den Hebel und er drückte ihn herunter. „Mit dir vergesse ich ganz, dass ich behindert bin“, sagte er und ich glaube, ich habe nie ein befriedigerendes Kompliment bekommen. Ich meinerseits vergaß mit ihm ebenfalls völlig, dass er behindert war.
Wir aßen Garnelenspieße und gewannen beim Büchsenwerfen einen albernen Radiergummi. Dann zog Jono zwei Hauptgewinne aus dem Loseimer und wir warteten in der Abenddämmerung absurderweise mit einem großen Wäschekorb und einem beleuchteten Ghettoblaster bewaffnet auf den Behindertenfahrdienst. Als der kam, waren zwei Stunden vergangen und wir waren durchgefroren, doch statt sich zu ärgern, hatte Jono die Zeit damit verbracht, einem fliegenden Händler das Bild eines Segelboots für einen Spottpreis abzuschwatzen.

Mit Jono wurde es nicht langweilig. Als nächstes scheuchte er mich über den nahen Minigolfplatz und erklärte mir, welchen Ball ich wie spielen musste. Er betrachtete die Bahnen genau, sah, wo sie nicht eben waren und berechnete, wie die Kugel rollen würde. Er war genial und wir hatten einen Riesenspaß dabei. Rund um den Platz sangen Nachtigallen in verblühten Fliederbüschen. Ich hatte nie zuvor echte Nachtigallen gehört. Nun war ich gleich mehreren so nahe, dass ich sie sogar sehen konnte. Sie zogen einen Kreis aus melancholisch-süßen Tönen um uns, die die Everly Brothers bei weitem übertrafen.
So war das. Anthony spielte mir Lieder von Phantasien über Nachtigallen – und mit Jono begegnete ich den wirklichen.

Nachts träumte ich von Anthony. Wir liefen über eine silberglänzende, schmerzlich schöne Eisfläche, so hell, dass sie mich blendete. Ich wusste, das Wunder des Moments würde ich nie vergessen, es brannte sich in meine Erinnerung als etwas unendlich Kostbares. Ich rutschte mehrfach aus, doch Anthony nahm meine Hand nicht. Die Eisfläche wurde immer dünner, knackte und wies Risse auf und am Horizont war statt dem Himmel Dunkles zu erkennen. Doch dann war es plötzlich nicht mehr Anthony neben mir sondern Jono. Jono gehend, nicht im Rollstuhl. Er hielt meine Hand. Der Boden war nun aus Fels und sonnenwarm unter meinen Füßen. In den Ritzen blühten Schlüsselblumen.
Ich wachte auf und holte mir ein Glas Wasser aus der Küche, der Traum machte mich hellwach und verflog nicht wie Träume sonst. Selten hatte ich mich so allein gefühlt in meiner kleinen Wohnung. Ich sehnte mich nach Jonos Lächeln: dem Lächeln, das nur in seinen Augen wohnte, da die Krankheit auch seine Gesichtsmuskeln befallen hatte. Er konnte die Mundwinkel nicht heben. Man nahm sein Lächeln erst auf den zweiten Blick wahr. Aber wer es sah, bei dem blieb es.

Kapitel 7 – Jono

Ich fuhr zur Arbeit jeden Tag zwei Stunden mit der Bahn; so hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Zum Beispiel über Tinas Einwände. Ich mochte doch Anthony nicht, weil er über vierzig, sondern weil er Anthony war! Weil er einen Zauber über die Welt und ihre Dinge legte. Weil ich mit ihm hemmungslos albern sein konnte und Verrücktheiten ausspinnen, wie mit niemand anderem. Einmal gestand ich ihm, dass ich als Kind immer Angst hatte, die Beine aus dem Bett zu hängen und immer blitzschnell aufstand, weil ich davon überzeugt war, dass in dem dunklen Raum unter dem Bett ein bösartiger grüner Kuckuck hauste, der mich bei erster Gelegenheit in die Waden zwicken würde. Nachdem Anthony mit Lachen fertig war, begann er nach und nach eine ganze Gesellschaft zu erfinden, die unter unseren Betten lebte. Da war die violette Spiegelbild-Häßlichmacher-Krabbe und der gepunktete Heimlich-den-Wecker-ausschalter-Specht, ganz abgesehen von dem neonroten Konto-Haben-Schlucker-Fisch. Dass er für so etwas theoretisch zu alt war, kam ihm nicht in den Sinn. Vielleicht muss man erst über vierzig sein um so jung sein zu können. Er las auch einmal einen Artikel darüber, dass man zweiunddreißig Muskeln braucht, um ein grimmiges Gesicht zu machen. Um zu lachen benutzt man nur siebzehn. Von da an nannte er einen Lachanfall „Faulheitsanfall.“ Und davon hatten wir viele. Ich mochte auch sein süffisantes Grinsen, was er „Snirgen“ nannte; das sei eine gesteigerte Form von Grinsen, sagte er. Das Wort „Snirgen“ drücke gleichzeitig mehr Satire und mehr Zärtlichkeit gegenüber liebenswerter Unsinnigkeiten aus. Anthony mochte auch Unfug, unterteilte den aber sorgfältig in „Grobfug“, „Großfug, „Kleinfug“ und „Feinfug“ (den mochten wir am liebsten).
War es ein Wunder, dass ich mit so einem Mann befreundet war und ihn hätte lieben können, wenn er es zugelassen hätte? Und dennoch war alles bittersüß mit ihm. Im Hintergrund lauerte auch Dunkles, nicht nur seine Krankheit. Anthony war aus vielen Gründen nur auf Zeit und nur eingeschränkt lebenstauglich.

Und Jono? Was zog mich so zu ihm hin?
Um Jono zu beschreiben, erzähle ich am besten, was ich über ihn erfuhr, als ich ihn das erste Mal besuchte. Da erst konnte ich mir ein Bild von seinem Leben machen.
Es dauerte lange, ehe er die Tür öffnete. So einfache Dinge sind mühsam, wenn man im Rollstuhl sitzt, der Flur eng ist und man die Arme nicht heben kann. Aber von solchen Kleinigkeiten ließ sich Jono nie beirren.
Im Zimmer blieb mein Blick an einem glänzenden Pokal hängen, der neben dem Telefon stand.
„Der ist daran schuld, dass ich die Annonce aufgegeben habe!“ bemerkte Jono.
„Erzähl!“
Doch er zeigte mir erst das Haus, und langsam erfuhr ich wie er sich alles erkämpfen musste.
Er war verheiratet gewesen, doch seine Frau hatte ihn vor über drei Jahren verlassen während er zu einer Kur war, eine Weile nachdem er in den Rollstuhl gekommen war. Das hatte er erst mal verdauen müssen und bewies sich nun mit Nachdruck, dass er auch allein zurechtkam.
Beim Kaffee erzählte er mir, was ihn dann doch bewogen hatte, an jenem Tag die Zeitung anzurufen, und wie sein Alltag aussah.
Die Sache mit dem Pokal war in der Kurklinik geschehen, in der Jono jährlich neue Kraft sammelte. Dort gab es freundliche Menschen, die für ihn seine Arme und Beine bewegten und versuchten, seine Halsmuskeln zu stärken, damit er den Kopf besser aufrecht halten konnte. Sie untersuchten sein Blut und redeten von Kalium- und Eisenwerten, als könne man daran messen, wie viel man zum Leben taugt.

Am liebsten sauste er mit seinem Elektrorollstuhl durch den Kurpark. Da gab es einen Rosengarten, in dem Duft fast greifbar über den Wegen lag und in dem sich gelegentlich Pärchen küssten. Meist aber waren die Menschen, die hier saßen und fröstelnd Sonnenstrahlen einfingen, doppelt so alt wie Jono. In der Mitte war ein gewaltiger Springbrunnen, der bei Nacht strahlend beleuchtet war. Eines Abends musste man Jono suchen, denn er hatte dort die Zeit vergessen. Ihm war, als sähe er in den schimmernden Fontänen Träume, die zu verfolgen sich lohnen würde. Alls er schließlich zurückfahren wollte, war die Batterie seines Rollstuhls leer. Als eine Schwester ihn fand, hatte er sehr kalte Hände und Füße, und sie brachte ihm später Wärmflaschen ins Zimmer.
Einmal gab es ein Konzert im Kurpark. „Kommst du mit? Ich lade euch ein“, fragte Jono Anja, die Krankengymnastin, die so hell und gerne lachte. Es war ein lustiger Abend. Anja und ihr Freund hielten sich bei der Hand, und Jono machte Witze. Er gönnte sich mit ihnen ein Bier. Zum Trinken brauchte er einen Strohhalm, weil er das Glas nicht heben konnte. An einem Freitagnachmittag mit sanftem Wetter wurde ein Wettbewerb für Rollstuhlfahrer veranstaltet. Es gab eine Menge Rollstuhlfahrer im Kurort. Jono war der erste von vielen, der sich für den Wettbewerb anmeldete. Ein erstaunlich großes Publikum versammelte sich an der Rennstrecke, auf der Slalom gefahren werden sollte und abenteuerliche Hindernisse überwunden werden mussten. Es gab mehrere Durchgänge. Jono wurde immer aufgeregter. Er schlug sich gut. Der dritte Platz war ihm schon sicher, doch er war keiner, der sich mit einem dritten Platz zufrieden gab. Es gab einen Pokal zu gewinnen, und den wollte er. Wann würde er jemals wieder eine solche Chance bekommen? Gegen ihn fuhren noch ein langer junger Mann mit einem roten Hahnenkamm und eine strubbelige blonde Frau, die auch nicht viel älter aussah. Der junge Mann verpasste im Slalom eine Stange und schied aus. Jono und die Frau fuhren beide eine perfekte Runde, und der Schiedsrichter, der eine enorme Stoppuhr hielt, als könne er damit das Geschick der Welt bestimmen, stellte auf die Sekunde genau die gleiche Zeit fest. Er verkündete ein Stechen.
Nun kam es darauf an. Jono musterte noch einmal den Parcours. Es gab nur eine einzige Stelle, an der er noch eine Sekunde einsparen konnte. Das eine Hindernis bestand aus einer Wippe. Man musste langsam hinauffahren, bis die Wippe kippte und einen auf der anderen Seite herunterließ. Das erforderte einiges Geschick. Sehr leicht konnte man dabei aus dem Stuhl fallen, oder mit dem Stuhl stürzen, oder gar den Stuhl beschädigen, auf den Jono doch angewiesen war, als sei er ein Körperteil von ihm.
Die Frau fuhr als erste. Ihr Stuhl war kleiner und wendiger als Jonos. Sie nahm die Kurven sehr eng und verbesserte sich um anderthalb Sekunden. Das würde schwer werden. Jono legte den Hebel ganz nach vorn und sauste mit angehaltenem Atem um die Slalomstangen, über die Bretterbrücke, durch die Rinne. Es holperte mächtig und er flog im Sitz auf und ab, rutschte gefährlich weit nach vorn. Nur der Gurt hielt ihn noch einigermaßen. Er konnte solche Stöße nicht mit Muskelkraft ausgleichen wie gesunde Menschen, konnte sich nicht zurechtrücken, wenn er in Schieflage geriet.
Dann kam nur noch die Wippe. Er fuhr wild entschlossen darauf zu und drückte statt abzubremsen den Hebel so weit nach vorn wie möglich. Es klapperte gewaltig, als der schwere Stuhl über das Aluminium schoss. Mit einem gewaltigen Ruck kippte die Wippe nach vorn. Der Stuhl ächzte, Jono rutschte noch ein Stück vom Sitz, sein Kopf, den er auch sonst schon kaum oben halten konnte, flog erst nach hinten, dann nach vorn. Das Publikum schrie auf. Die Vorderkante der Wippe knallte auf den Boden und schoss Jono und seinen Stuhl über die Ziellinie.
Der Mann mit der Stoppuhr holte tief Luft und rief: „Sieg! Sieg für Jonathan Reimer! Er war eine ganz Sekunde schneller! Wir gratulieren!“ Die Lokalpresse war da, befragte und fotografierte. Der Bürgermeister selbst überreichte Jono den Pokal. Jono konnte den Arm nicht heben, um ihn entgegenzunehmen, aber der Bürgermeister war geduldig, steckte ihm die glänzende Trophäe mit dem Marmorsockel in die Hand und schloss seine Finger darum. Andere Patienten aus der Klinik gratulierten ihm, auch Anja mit ihrem Rainer.
Jono war voll Freude und Stolz, doch eines war blitzartig klar in ihm wie ein Sonnenaufgang: der Bürgermeister war ein Fremder. Die anderen Patienten, Anja, alles Fremde. Niemand von den Menschen, die sich höflich mit ihm freuten, gehörte zu ihm, Jono. Keiner küsste ihn und war stolz auf ihn, niemand war ein Teil seines Glücks. Beim nächsten Mal, wenn er hierher reiste auf der Suche nach seiner Kraft, wollte er nicht mehr allein durch den Rosengarten fahren und nicht einsam nachts an dem märchenhaft beleuchteten Springbrunnen stehen.
Das war der Tag gewesen, an dem er beschloss, dass sich etwas ändern musste.

Doch nach seiner Rückkehr fand er sich erst einmal im Alltag wieder, und schon am nächsten Tag ging er zur Arbeit, wie es sich für einen Alltag gehört. Nur, dass Jono eben nicht zur Arbeit ging. Die Morgen begannen für Jono damit, dass er im Dunkeln auf das Knirschen des Schlüssels wartete, mit dem sich die Krankenschwester vom Sozialdienst in sein Haus ließ. Nur die leuchtenden Ziffern des Weckers sagten ihm, wie spät es war. Er konnte die Fensterläden nicht öffnen. Er konnte die Tür nicht öffnen. Er konnte sich nicht aufrichten.
Er konnte nur warten.
Manchmal wachte er in der Nacht auf und fror. Dann war die Decke von seinen Beinen gerutscht, als er den elektrischen Lattenrost verstellte, der es ihm erlaubte, seine Lage ein wenig zu verändern. Es gab keinen Weg, die Decke zurückzuholen. Der Wecker sagte meist, dass Jono noch sehr lange auf Hilfe würde warten müssen. Er hatte dann viel Zeit zum Träumen. Träumen ist schwer, wenn man friert. Aber Jono träumte trotzdem. Er hielt der Nacht Tagträume entgegen wie eine Fahne, erinnerte sich an das Leuchten des Springbrunnens, in dem soviel Versprechen war.
Wenn der Zeiger auf sechs Uhr kroch und eine Schwester kam, war sie manchmal nett und manchmal mürrisch. Manchmal kannte er sie schon, oft war sie ihm fremd. Manche überraschten ihn mit einem Lächeln, das den Morgen hell machte. Andere waren jung und ratlos. Sie trugen eine Frisur wie Pumuckel und fragten mit einem Kaugummi im Mund: „Was steht’n an?“
„Aufstehen, bitte.“ Aufstehen und leben, hätte er gern gesagt.
Im Flur und an anderen Stellen der Wohnung klebten Zettel. Darauf hatte Jono Gebrauchsanweisungen für sich selbst geschrieben, damit er nicht jeden Handgriff immer wieder erklären musste. Meistens musste er es doch. Er erklärte, wie man ihn auf die linke Seite drehen, seine Beine anwinkeln und ihn am rechten Arm vorsichtig hochziehen konnte, so dass er auf der Bettkante zu sitzen kam, ohne die Balance zu verlieren. Wo man seine Hand hinlegen musste, damit es ihm möglich war, sich abzustützen. Wie man ihn behutsam an der Hose in einen Schrägsitz zog und ihm dann den Rollstuhl unter den Oberschenkel schob, während er mit dem Schalter das Bett nach oben fuhr, so dass er dann vollends auf den Stuhl gezogen werden konnte. Mit dem Rest Kraft in seinen Füßen, Unterarmen und Händen half er mit, so gut es ging.
Es war mühsam und ermüdend, doch draußen riefen die Vögel den Tag aus, und den wollte Jono nicht verschwenden. Er wollte zur Arbeit, wie jeder andere auch. Nur vor der Arbeit, da war eben einiges zu tun. Die Arbeit musste er sich erst verdienen, indem er den Tag in Angriff nahm. War er im Büro, hatte er schon gewonnen.

Manchmal verspätete sich die Schwester auch oder kam gar nicht. Dann war er nicht nur gezwungen, den Notruf benutzen, sondern auch einen Urlaubstag zu nehmen.
Wenn er Pech hatte, hatte die Schwester nicht einmal seine Akte gelesen, so dass er ihr auch noch seine Krankheit erklären musste. Dass er eines Tages als junger Mann an einem Sommertag im Strandbad nicht mehr allein hatte aus dem Sand aufstehen können. Dass er sofort geahnt hatte, was der Grund war, da auch sein Vater an der Krankheit litt. Diese Krankheit stahl die Kraft aus seinen Oberarmen und Oberschenkeln und seinen Halsmuskeln. Sie stahl schließlich seine Schritte und sein Lächeln, und er konnte seine Hand auch nicht mehr zur Faust ballen.
Doch er ballte seinen Willen, und er lebte und ging arbeiten, in dasselbe Büro wie früher, wo er jemand blieb, den alle um Rat fragten und um Hilfe baten und zu dem sie gern mit ihren Sorgen kamen oder ein Schwätzchen hielten. Jono war es, der eine Fußballwette ins Leben rief und Woche für Woche in Gang hielt, und bei Jono wurden die Geburtstagsfeiern veranstaltet, denn er hatte die besten Ideen, welche Spiele das Lachen in den Arbeitsalltag riefen.
Im Büro war ihm auch ein warmes Mittagessen sicher, das ihm ein Kollege aus der Kantine mitbrachte, denn für Jono war es schwer genug, aus dem Rollstuhl auf seinen Schreibtischstuhl zu rutschen. Auf dem blieb er dann, bis Feierabend war und er sich zurück in den Rollstuhl mühte. Von da half ihm jemand ins Auto, mit dem er sich durch den Berufsverkehr fädelte. Wenn er zuhause in die Garage fuhr, konnte er nur hoffen, dass die Schwester vom Spätdienst schon da und noch nicht wieder weg war. Oft saß er lange in der Garage und wartete, bis sie auftauchte und ihm ins Haus half. Wenn niemand kam, hupte er, bis die Nachbarn ihn hörten und ihm seinen Rollstuhl brachten.
Die Schwester musste immer rasch wieder weg. Sie stellte ihm noch ein Käsebrot auf den Tisch und verabschiedete sich. Wenn der Käse verschimmelt war oder der Tisch umfiel, weil Jono versehentlich dagegen stieß, hatte er Pech. Den Rest des Abends war er auf sich allein gestellt. Er hatte eine Technik entwickelt, wie er auf das Sofa rutschen konnte und später zurück, sich dann mit winzigen Fußbewegungen ins Bad rollte, wo er hoffen musste, dass weder die Schwester noch die Reinigungskraft die Seife und die Zahnbürste dahin gelegt hatte, wo er sie nicht erreichen konnte. Wenn er richtig Glück und die Schwester die Bettdecke genau nach Anweisung gefaltet hatte, konnte er ins Bett rutschen, seine Beine mit aller verbliebenen Kraft hinterher schwingen und mit einem Ruck die Decke über sich ziehen. Einen zweiten Versuch hatte er nicht, da er sich nicht wieder aufrichten konnte.

Am Tag vor Heiligabend war Jono allein und die Stille lastete auf ihm. Er hatte sich ein großes Geschenk gemacht, eine Stereoanlage mit einer Fernbedienung. Sie war am Vortag mit der Post gekommen. Nun stand der Karton vor ihm, und Jono hatte Sehnsucht nach Musik. Doch die Schwester hatte weder Zeit noch technisches Geschick. Sie war längst gegangen. Die Nachbarn waren alt.
Jono angelte nach dem Telefon und rief am Taxistand an.
„Ich möchte einen Wagen in die Kranichstraße fünf“, sagte er. „Aber ich brauche jemanden, der eine Stereoanlage aufbauen und anschließen kann.“ Nachdem er seinen überraschenden Wunsch erklärt hatte, war der Taxifahrer gern dazu bereit. So bekam Jono seine Musik, von der er sich forttragen ließ, als sei er frei.
Den kleinen Baum im Topf, den seine Mutter schmückte und zu dem sie ein liebevolles Festtagsmenü kochte, pflanzten sie nach den Feiertagen in eine Ecke des Gartens. Die Erde war gerade noch weich genug, denn Frost und Schnee kamen erst zu Silvester. Und Jono, der niemanden gehabt hatte, der seine Hand hielt und sich an ihn kuschelte, als die Kerzen am Weihnachtsbaum brannten, fiel ein, dass er schon beim dem Gewinn des Pokals sich selbst versprochen hatte, etwas zu ändern. Er schwor sich, dass gemeinsam mit dem Baum im neuen Jahr in seinem Leben endlich etwas Neues wachsen würde. Er hatte seine Musik bekommen, wenn auch auf ungewöhnlichem Wege. Er würde auch eine Liebe finden.

Doch es wurde Frühling bevor er den ersten Schritt unternahm. An dem Tag, an dem er die Zeitung anrufen wollte, kamen ständig Kollegen mit Fragen, und es wurden Gespräche daraus, die Minute um Minute verschluckten. Fast hätte er es wieder vergessen. Dann rief ihn sein Onkel an, der sonst nie im Büro anrief. „Wolltest du nicht etwas wegen einer neuen Beziehung unternehmen?“ fragte er. So war es neun vor zwölf, neun Minuten vor Redaktionsschluss, als Jono nach dem Telefon griff und dem Fremden aus dem Stegreif eilig einen kurzen Text diktierte. Der Redakteur wollte die Anzeige eigentlich gar nicht mehr annehmen, aber Jono war auf einmal fest entschlossen, noch heute die Zukunft zu beginnen.
„Die Sache mit dem Mut fiel mir eben als erstes ein; ich habe nicht weiter darüber nachgedacht“, sagte Jono jetzt.
Hätte er die Anzeige an jenem Tag nicht im letzten Moment aufgegeben, so dass sie statt bei den anderen Kontaktanzeigen ganz unten zwischen der Werbung und den Jobangeboten gelandet war, hätte ich sie nie gelesen.
Nachdenklich drehte ich den Pokal in meiner Hand. Hätte Jono damals nicht gewonnen, wer weiß, wann er sich zu dem Versuch einer neuen Beziehung aufgerafft hätte. Aber Jono wäre nicht Jono, wenn er nicht gewonnen hätte, wenn er nicht volles Risiko bei den Hindernissen gegangen wäre.
Das war ein Teil von dem, was mich anzog. Er strahlte ein Leuchten aus und eine Stärke, an die ich mich anlehnen konnte. Das war mir völlig neu. Ich hatte noch nicht einmal gewusst, dass ich den Wunsch verspürte, mich anzulehnen.

Bevor ich ging, wollte Jono mir noch seinen kleinen, geliebten Garten zeigen. Als ich aus der Tür trat, lief mir spinnengleich ein Schauer den Rücken hoch. Ich war mir nicht sicher ob das von einem Gruseln herrührte oder einem erschrockenen Glücksgefühl. Vor mir lag ein kleiner Hof mit quadratischen grauen Steinfliesen, und von links neigte sich schützend eine alte Zeder mit rauer Rinde. Hinter einem Torbogen, an dem blaue Winden rankten, lag ein grüner Rasen, auf dem noch ein Baum stand. Rechts blühten Sonnenblumen und der Sommerflieder, dessen erste Blüte mir Jono in einem Brief geschickt hatte.
Das war der Garten, der auf der Zeichnung von Anthony zu sehen war, die über meinem Schreibtisch hing.
„Ist was?“ fragte Jono.
Ich schluckte. „Nein – ich hatte nur gerade das Gefühl, diesen Garten zu kennen.“
Unwillkürlich sah ich zu der Stelle bei den Sonnenblumen, an die Anthony im Bild meine weißen Sandalen gezeichnet hatte. Natürlich war da nichts.
„Moment“, sagte ich, zog sie aus und stellte sie genau dort hin. Dann folgte ich Jono barfuss auf den Rasen. Es fühlte sich richtig an.
Nur das kleine Gespenst, das Anthony auf einer Schaukel am Baum sitzend gezeichnet hatte, sah ich nicht – und doch war mir, als wäre es anwesend.