Kapitel 9 – Den Himmel in der Hand

Jono und ich legten eine Ideenschatzkiste an, eine kleine, mit altmodischen Blumen bemalte Holztruhe, in die wir gefaltete Zettel legten. Darauf schrieben wir, ehe wir sie in der Alltagseile wieder vergessen konnten, alle spontanen Ideen von Dingen, die wir zusammen machen wollten. Ein Picknick, Drachen steigen lassen, die Sternwarte besuchen, das Meer sehen, einen Vulkan besteigen, ach, es gab so vieles. Immer, wenn wir Zeit hatten, fischten wir einen Zettel heraus, aber die Kiste füllte sich schneller als wir sie leeren konnten.

Geburtstage wurde in meiner Familie zwar, wenn nicht vergessen, pflichtschuldigst mit Kuchen und ein paar Geschenken zur Kenntnis genommen, aber niemals für wichtig erachtet. „Geboren zu werden ist kein Verdienst“, sagte meine Mutter. Ich gab ihr recht, und Partys mochte ich sowieso nicht. Doch Jono sah das völlig anders. Für ihn hatten Geburtstage eine gewaltige Bedeutung. Der Weltuntergang selbst hätte ihn nicht davon abgehalten, sie mit Besuch, Essen, Karten, Anrufen, Geschenken und Dekoration zu zelebrieren. „Man muss doch feiern, dass man lebt!“
Ehe ich wusste, wie mir geschah, hatte er zu meinem dreißigsten Geburtstag Freunde eingeladen. Es war ein erst sonniger, dann aufregend gewittriger Augusttag und es wurde gegrillt, gelacht, gesungen und gespielt. Zu meiner Überraschung fühlte ich mich wohl unter diesen fremden Leuten, zu denen ich wie selbstverständlich gehörte.
Von Jono bekam ich unter anderem zwei längliche, liebevoll eingewickelte Päckchen. Wegen des Trubels kam ich nicht gleich dazu, sie auszupacken, bis Jono mich in eine stille Ecke lockte. Neugierig öffnete ich das eine. Darin war eine Zahnbürste.
Das zweite enthielt einen Hausschlüssel.
Ich glaube, das waren die beiden schönsten Geburtstagsgeschenke, die ich jemals bekommen habe.

Die Sommerferien begannen und ich verabschiedete mich von Alina. Mein Vertrag lief aus, ich war mir aber ziemlich sicher, dass sie im nächsten Schuljahr wieder allein dem Unterricht folgen konnte. Ob ich bald einen neuen Auftrag bekommen würde, blieb abzuwarten. Auch die Nachmittagskinder hatten Fortschritte gemacht und durften ihre Ferien genießen.
Jono nahm sich Urlaub und wir verwandelten einige der Wunschzettel aus der Schatzkiste in Erlebnisse, dann in kostbare Erinnerungen. Erst blieb ich eine halbe Woche bei ihm, dann eine ganze. Der Schwester von der Sozialstation sagten wir immer öfter ab. Ich lernte, Jono allein aus dem Bett zu helfen, ihm beim Waschen zu assistieren und ihn anzuziehen, ihn am Hosenbund von dem kleinen Zimmerrolli auf den Elektrorollstuhl zu ziehen und später von da auf das Sofa. Auf einmal konnte ich Dinge, die ich mir nie zugetraut hätte. Wenn ich Zweifel hatte, war es Anthony, der mir in seinen selten gewordenen Anrufen Mut machte und praktische Tipps gab, denn er war einmal Sanitäter gewesen.

Wir gestalteten den kleinen Garten neu. Jono hatte Sträucher und Blumen gepflanzt so gut er konnte und sie treu gegossen, aber es gab Ecken, an die er nicht heran kam. Stück für Stück begannen wir, uns ein Paradies zu bauen, mit einem kleinen Teich, der den Himmel spiegelte, mit Bänken und mehr Rosenbögen. Die Bänke waren klein, denn Jono konnte ja nicht mit mir darauf sitzen. Aber er stellte sich daneben, und das ging auch, obwohl die beiden Armlehnen zwischen uns, die der Bank und die vom Rollstuhl, manchmal ein wenig störten.
Anthony schloss zwar nicht aus, uns mal zu besuchen, konnte sich aber nie dazu entschließen. Unsere alte Vertrautheit kam nicht mehr auf. Die Zeiten änderten sich schneller als ich es begreifen konnte, aber es fühlte sich richtig an.

Als die Tage kürzer und die Blätter zu einen Farbenrausch wurden, gingen wir oft auf eine nahe Wiese und ließen einen fröhlich gestreiften Drachen steigen, den Jono mir geschenkt hatte. Für Jono war es schwer, mitten auf die Wiese zu fahren, die holperige Stellen, Dellen, Abhänge und kleine Gräben hatte, die man als Fußgänger gar nicht wahrnahm. Doch am Rande ging es nicht, schließlich befanden wir uns in einer Großstadt. Den Himmel mussten wir uns und dem Drachen erst erkämpfen. Der sollte ja weder in Strommasten noch in Satellitenschüsseln landen. Schließlich hatte Jono einen strategisch günstigen Platz mit Weitblick erobert, stellte den Rollstuhl schräg an einen kleinen Hügel so dass er es schaffte, den Kopf zu heben, und jagte mich gegen den Wind durch das hohe Gras und die späten Pusteblumen bis der Drachen ganz oben war. Dann gab ich Jono die Schnur und er ging so geschickt damit um, dass er fast jeden drohenden Absturz durch einen kleinen Zug verhindern konnte.

Für mich waren das vollkommene Momente. Es war alles voller Himmel: er war so weit und nahe zugleich, als hätten wir durch die scheinbar endlose Schnur, an welcher der Drachen so leicht in unseren Händen flatterte, eine direkte Verbindung zu ihm. Die Tage waren hell und lang und gehörten uns, eine warme Brise flüsterte Geheimnisse ins Schilf, die klare Luft schmeckte nach Glück und Jonos einzigartiges Lächeln galt mir. Mir fiel nichts ein, was ich mir noch hätte wünschen können. Dass Jono neben mir hätte über die Wiese rennen, dass wir uns zusammen ins Spätsommergras hätten legen können? Ja, das wäre undenkbar schön gewesen! Aber es war, wie es war. Und: wären diese Momente so groß und kostbar gewesen, hätten wir sie uns nicht erobern müssen durch das mühsame Aufstehen, Anziehen, den schwierigen Weg?
„Es hat auch seine Vorteile“, sagte Jono, der meine Gedanken erriet.
Während wir noch die Schnur aufwickelten – der Drachen wollte so wenig aus dem inzwischen goldroten Abendhimmel herunter wie unsere Stimmung – kam eine schick gekleidete Dame auf einem Fahrrad holperig über die weite Wiese gefahren, auf der sich außer ihr und uns und einem wilden Kaninchen niemand befand. „Müssen Sie hier so im Weg stehen?“ raunzte sie Jono an. Verblüfft sahen wir ihr nach und brachen dann in schallendes Gelächter aus.
Wie sie die Welt wahrnahm, konnten wir uns nicht ansatzweise vorstellen. Aber eines war sicher: Sie hatte zwar ein gesundes und ansehnliches Paar nylonbestrumpfter Beine, aber wir waren zweifellos glücklicher.

Als die Herbstblätter müde und braun wurden, der kühle Wind dafür stärker, musste ich eine Weile ins Krankenhaus. Jono besuchte mich täglich, obwohl es eine unglaubliche Anstrengung für ihn war. Der Behindertenfahrdienst holte ihn nach einem langen Tag im Büro ab, unterwegs stand er im Stau, und wenn er zuhause vorfuhr, wartete manchmal schon der Bus, der ihn zum Krankenhaus bringen sollte. Dann hatte er keine Zeit, sich auszuruhen, keine, Abendbrot zu essen, und dennoch war er jeden Abend da und machte mir Mut. Als ich entlassen wurde, stand für uns beide fest, dass ich erst einmal bei ihm wohnen würde. Ich nahm ein Taxi. Als ich die Tür öffnete, saß Jono, der Minuten vorher von der Arbeit gekommen war, am Esszimmertisch und hatte gerade mit einem roten Filzstift ein riesiges Herz direkt auf die Holzplatte gemalt und „Herzlich Willkommen!“ hinein geschrieben.
„Bist du verrückt, das geht doch nicht mehr ab!“ lachte ich.
„Na und – soll es ja auch nicht! Außerdem kam ich gerade nicht an das Papier.“ Jono strahlte, und ich hatte mich noch nie irgendwo so willkommen und so zuhause gefühlt.
Das Herz ging tatsächlich nicht ab und entlockte mir und allen Besuchern noch lange ein Lächeln.

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