Kapitel 6 – Altersfragen

Am nächsten Morgen war aus dem Himmel das Licht verschwunden und ich fröstelte in meinem Sommerkleid. Wie immer traf ich Tina auf dem Bahnhof. Das erste Stück unseres Arbeitsweges war dasselbe. Sie beugte sich sofort vor und spähte mir ins Gesicht. „Du bist verliebt!“ diagnostizierte sie vorwurfsvoll. „Dabei habe ich gerade so einen netten Typen kennen gelernt, den ich dir vorstellen wollte. Der passt total zu dir. Sag mal, ist dir eigentlich klar, was du mit einem Rollstuhlfahrer alles nicht machen kannst?“
Was ich nicht mit Jono würde machen können? Nun, tanzen wahrscheinlich. Ich hasste Tanzen. Der Abschlussball meiner Tanzstunde bereitete mir nach fünfzehn Jahren immer noch Alpträume. Ich war meinem Vater dreimal auf den Fuß getreten und mein völlig fremder Tischnachbar interessierte sich für alle außer für mich. Hand in Hand am Strand spazieren gehen? Schwimmen? Ja, sehr schade, aber es gab andere Dinge, zum Beispiel Lose ziehen oder Eisbären mit Seifenblasen necken. In den Bergen wandern? Hatte ich immer gerne gemacht, aber muss ein Weg zu einem Gipfelkreuz auf zweitausend Meter führen um im siebten Himmel zu enden?

Ich war – im Gegensatz zu Tina, für die das immer noch galt – nie die Sorte Mädchen gewesen, die rosa Kleider liebt und davon träumt, von einem Ritter auf einem weißen Pferd entführt zu werden. Aber nun war Jono ganz unvorhergesehen auf einem summenden pflaumenfarbenen Rollstuhl in mein Leben gestürmt. Wieso nicht?
Damals hatten die Ritter nur Pferde. Heute war das eben anders.
Das einzige, was mir etwas Sorgen machte, war: was, wenn das Pferd lahmt, sprich: wenn der Rollstuhl einen Platten hatte, die Elektronik ausfiel oder etwas in der Art? Ich war technisch so gar nicht begabt! Aber Jono hatte bis auf ein paar kleinere Handreichungen überhaupt keinen hilfsbedürftigen Eindruck gemacht. Wahrscheinlich wusste er immer, was zu tun war.

„Wieso stehst du eigentlich immer auf ältere Männer?“ bohrte Tina weiter. „Himmel, es gibt doch genug in deinem Alter. Denk an Nick.“
Nick war mein Nachbar. Tina fand ihn toll. Ich auch. Als Freund. Ich konnte um Mitternacht mit ihm Bananeneis machen oder den Vollmond fotografieren. Mehr nicht.
„Oder Jakob!“
Mit Jakob war ich schon in der Schule befreundet. Wir züchteten eine Weile zusammen Aquarienfische im Keller und verkauften sie gewinnbringend an die Zoohandlung. Tina – überflüssig zu erwähnen – fand ihn süß.
Aber „süß“ war für mich nicht das Maß aller Dinge. „Ich habe mir mit fünf geschworen, mal einen Mann mit weißem Bart zu heiraten“, erinnerte ich mich. Damals war ich ebenso wie alle Mädchen der Nachbarschaft unsterblich in Onkel Horst Amtage verliebt, einen Freund meiner Eltern. Jonos Bart war zwar nicht weiß, doch das konnte ja noch kommen. Aber Tina ließ sich nicht mit albernen Geschichten ablenken.
„Männer mit Bart müssen nicht alt sein.“
„Ältere Männer haben Geschichten in den Augen“, sagte ich.
Das Verrückte war, dass ich mich seit Jahren nicht so jung gefühlt hatte wie an diesem Tag mit Jono. Darüber wollte ich jetzt nicht nachdenken, ich wollte es genießen. Wahrscheinlich würde es ohnehin eine einmalige Erinnerung bleiben. Vielleicht fand er mich ja zu jung?
„Dein Zug kommt!“, sagte ich zu Tina.
„Denk lieber noch mal nach!“ riet sie, während sie ihren Mantel mit dem Leopardenprint zusammenraffte und mit hochhackigen Stiefeln wackelig die Stufen zum Waggon erklomm. Ich konnte den Schuhtick vieler Frauen nie begreifen. Ich besitze genau zwei Paar Schuhe: Sandalen für den Sommer und halbe Stiefel für den Winter. Sie müssen bequem sein und von A nach B durchhalten. Hohe Hacken gehen gar nicht, ich brauche die Bodenhaftung.
Aber vielleicht legte Jono Wert auf schicke Schuhe bei Frauen?
Ich sah Tinas Zug nach. Wenn ich ehrlich war, war ich meist ganz froh gewesen, dass zwischen Anthony und mir eine letzte Distanz geblieben war. Da waren wir also wieder beim Mut. Rollstuhl hin oder her, hatte ich denn überhaupt den Mut zu einer Beziehung?

„Entschuldigung, haben Sie vielleicht ein Taschentuch, bitte?“ sprach mich eine atemlose Mutter mit einem schokoverschmierten Kleinkind an. Ich wühlte in meinem Rucksack und zog etwas Weiches heraus. Es war der Koalabär, den Jono gewonnen hatte. Fragend sah er mich an.
Vermutlich würde ich es bald herausfinden, das mit dem Mut.

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