Kapitel 16 – Flaschenpost

Ich vermute, der Standesbeamte hat mir lange nicht geglaubt, dass mein Verlobter wirklich existierte. Da meine Arbeitszeiten flexibler waren als Jonos, vor allem aber weil unser zuständiges Standesamt ein betagtes Gebäude voller Winkel und Stufen und somit rollstuhlunzugänglich war, machte ich die zahllosen Behördengänge allein: Termin festlegen, Aufgebot bestellen, all die unzähligen Papiere besorgen und Gebühren zahlen die zum Heiraten offenbar unverzichtbar waren. Verschwundene Papierstapel begannen uns schon in unsere Träume zu verfolgen.

Der Standesbeamte zeigte mir den kleinen runden Saal, in dem die Ehen geschlossen wurden, ein freundlicher Raum mit einem Erkerfenster. Durch bunte Bleiglasscheiben fiel die Sonne auf lindgrüne Polsterstühle und glänzendes Parkett.
„Das ist sehr schön“, sagte ich zu ihm, „aber gibt es nicht trotzdem irgendwo einen Raum, in den man mit dem Rollstuhl kommt?“
Er lief mit mir alle Gänge ab, aber es gab keinen, der nicht von mindestens drei Stufen unterbrochen wurde. Wir würden also auf den Elektrorollstuhl verzichten und den Schiebestuhl nehmen müssen, der Jono seine Selbstständigkeit nahm und in dem er sich wie ein Postpaket fühlte, in dem ihn aber zwei Männer über die Stufen heben konnten. Ich ging in Gedanken die Gästeliste durch, ob wir noch jemanden seiner Muskelkraft wegen einladen mussten.
„Wenn Sie eine Ehe führen wollen, werden Sie noch ganz andere Hindernisse zu überwinden haben“, meinte der Standesbeamte lässig. Er hieß Maywald. Weil seine Ruhe mich nervös machte, stellte sich meine verflixte Phantasie vor, wie kleine grüne Frühlingsblätter hinter seinen Ohren zu sprießen begannen. Er missdeutete mein Schmunzeln. „Sehen Sie, geht doch!“

Wir hatten uns auf den neunten Mai festgelegt; seit wir uns an einem neunten kennen gelernt hatten war das unser Glückstag.
Ob Anthony kommen würde, ließ er offen, aber ich ging nicht davon aus. Er ging seit November schon nicht mehr ans Telefon. Etwa zweimal im Monat rief er von sich aus an, doch seine Stimme war leise, als spräche er aus weiter Ferne. Im Hintergrund lief immer noch „I believe in Angels.“ Die alte Nähe zwischen uns war in den wenigen Momenten sofort wieder da, aber zerbrechlich, kostbar, vergänglich und schmerzlich außer Reichweite wie eine Seifenblase im Wind. Seine Zeichnungen in seltenen Briefen zeigten Sanduhren oder einsame Landschaften, die langsam von Sand verschüttet wurden.
Aber er wünschte Jono und mir alles Glück, und ich spürte, wie sehr er das meinte. Von allen Glückwünschen war mir dieser am Wichtigsten.

An kirchliches Heiraten hatten wir gar nicht gedacht, Jono war geschieden und ich nicht einmal konfirmiert. Aber da hatten wir die Rechnung ohne Jonos Onkel Felix gemacht, der Pfarrer war – derjenige, der damals Jono zu der Anzeige ermutigt und, wie er sagte, oben ein gutes Wort für uns eingelegt hatte. „Jono hat noch nie katholisch geheiratet, also ist er auch nicht geschieden. Und eine Konfirmation ist nicht nötig, Taufe reicht. Ich traue euch!“ Die Kirche hatte wenigstens keine Stufen, und so war das beschlossene Sache. Das fanden wir auch wesentlich schöner als nur Standesamt.

Die Gästeliste gingen wir immer wieder durch, es half nichts: obwohl einige wegen anderer Termine absagen mussten, waren es immer noch an die fünfzig liebe Leute und auf dem Konto war nicht mal genug Geld für die gebuchte Hochzeitsreise.
„Wozu haben wir den Mai ausgesucht!“ sagte ich entschieden. „Wir feiern zuhause – im Garten – und im Mai ist gutes Wetter, basta!“
Das Haus war klein; bei Regen würde es Schwierigkeiten geben. Darüber durften wir gar nicht erst nachdenken.
„Dann lassen wir aber das Essen liefern!“ meinte Jono. Wir wälzten also Kataloge von Catering-Firmen und sahen uns an.
„Wozu haben wir Freunde und Verwandte?“ sagte ich.
Wir telefonierten herum, und rasch sah die Gästeliste so aus: Johanna – Kartoffelsalat, Mutter – Reissalat, Carola – Brötchen, Tante Anna – Rollmops….
Auf einmal war alles leicht. „Und die Torte?“ fragte Jono.
Dafür kam nur eine in Frage: meine Schwester. Ich erinnerte mich an die Torten mit Marzipanlandschaften, die sie gelegentlich zu meinem Kindergeburtstagen gezaubert hatte, wenn es sie überkam. Ganze Geschichten spielten sich darauf ab.
„Stühle…?“
„Bringt jeder mit…, und die Nachbarn haben auch.“
„Ich will aber nicht, dass du die ganze Zeit die Gäste bedienen musst! Ich brauche dich!“ sagte Jono.
Aber auch dafür gab es eine Lösung. Unsere Freundin Johanna kannte einen professionellen Butler, den man für Feste mieten konnte. Er empfing und bediente die Gäste, so richtig mit Uniform, ohne dabei förmlich zu wirken, sondern mit Humor. „Der Mann ist perfekt dafür!“ schwärmte Johanna. So buchten wir Reginald. Das war also auch geklärt.

Blieb noch die Sache mit den Trauzeugen. Darüber musste wir nicht lange nachdenken. Jono wählte seinen besten Freund, der ihn seit dem ersten Tag seiner Ausbildung begleitete. Ich bat den Mann, der ebenfalls seit meinem ersten Tag an der Uni mein Anker in der Welt gewesen war, verlässlich wie der Sternenschwan am Himmel, mit einem Lächeln, einem Trost, einem Zauber und einer Antwort oder der richtigen Frage wann immer ich sie brauchte. Aber das ist eine andere Geschichte.

„Du“, sagte Jono eines Abends, „Ich werde das Auto verkaufen. Dann können wir die Hochzeit und die Reise finanzieren, und ich fahre ja doch nie mehr.“
Das Auto stand in der Garage, seit wir uns kannten. Davor war er noch gefahren, obwohl das aufgrund seiner eingeschränkten Reflexe ziemlich leichtsinnig war. „Als ich noch allein war, war mir insgeheim egal, ob mir was passiert,“ gestand er mir. „Jetzt ist das anders.“
„Ich bin froh darüber – aber bist du sicher?“ Ich wusste, dass er, im Gegensatz zu mir, die es hasste, leidenschaftlich gern gefahren war.
„Es hilft ja nichts – es ist das einzig Vernünftige.“

Im März hatte Jono einen Unfall. Der Busfahrer feilte sich während der Fahrt zum Büro die Nägel und musste wegen dieser Ablenkung plötzlich bremsen. Der Gurt öffnete sich, Jono stürzte aus dem Rollstuhl, prallte gegen den Vordersitz und verletzte sich das Bein. Manche sagten: Das ist doch nicht so schlimm, er kann doch sowieso nicht laufen. Doch das war eine Fehlannahme: Er brauchte das Bein, um sich abzustützen, wenn wir ihn vom Bett auf den Rollstuhl oder vom Rollstuhl auf die Couch setzten, und überhaupt um im Sitzen die Balance zu halten. Nun musste er eine Weile viel liegen. Nachts war er unruhig, fast jede Stunde musste ich ihm helfen, sich anders hinzulegen. Noch im Bademantel verkaufte er das Auto, obwohl es ihm fast das Herz zerriss, an einen Arzt, der auf unsere Annonce hin angerufen hatte.
Danach erholte er sich; mit dem Frühling schlich sich mutiges Grün in unsere Welt und alles war im Aufwind. Jono ging wieder arbeiten. Die Hochzeit rückte näher, die Vorfreude stieg, die Aufregung auch. Ich konnte es immer noch nicht fassen, dass Jono wirklich den Rest seines Lebens ausgerechnet mit mir verbringen wollte. Ich war voller Staunen und gleichzeitig ungläubigem und ausgelassenen Glück.

Anfang Mai fegte ich zur Vorbereitung auf die Hochzeitsfeier im Garten unter der Hecke die letzten braunen Blätter zusammen, die der Herbst dort vergessen hatte. Ich dachte an die Bilder, die Anthony mit solchen Blättern lebendig gemacht hatte. Es war auf einmal, als stünde er so dicht neben mir dass ich seinen Tabak riechen konnte. Mich überfiel der plötzliche Drang, ihm einen Brief zu schreiben.
An einem sanft neblig grauen Morgen eine Woche vor der Hochzeit fand ich einen Brief mit fremder und doch seltsam vertrauter Handschrift im Kasten.
Mein eigener Brief an Anthony fiel mir ungeöffnet in die Hand, zusammen mit einem Schreiben seines Vaters.
Man hatte Anthony tot in seiner Wohnung gefunden, in seinem Sessel, die Augen zum Fenster gewandt, vor dem die junge Birke austrieb, deren Grün er geliebt hatte. Wie lange er dort gesessen hatte, konnte man nicht genau feststellen. Mein Brief musste unten in seinem Briefkasten gelegen haben, während er starb.

Wie blind lief ich in den Garten, setzte mich unter die Hecke, schlang die Arme um die Knie und versuchte zu begreifen. Eines unserer mitternächtlichen Telefongespräche kam mir in den Sinn. „Mich können sie weder im Himmel noch in der Hölle gebrauchen“, hatte er gesagt. „Für mich müssen sie eine Art Zwischenbereich erfinden, wo ich Abteilungsleiter für Feinfug werde und alle meine Bilder umgekehrt aufhängen darf weil es kein Oben und kein Unten mehr gibt.“

Später weinte ich eine Weile in Jonos Armen. Dann musste ich zur Arbeit. Während ich meine Jacke anzog, sah mir Anthonys Selbstportrait, das an der Wand neben meinem Bücherregal hing, direkt ins Auge. Ich werde nie weg sein, weißt du doch! sagte sein Blick.

Abends auf dem Heimweg machte ich einen Umweg zu dem See, an dem Anthony viel Zeit verbracht, von dem er mir viel geschrieben und über den wir damals gefahren waren – rückwärts. Im letzten Herbst war er dort oft mit der Fähre von Ufer zu Ufer gefahren und wieder zurück, manchmal mehrfach. „So kann ich mit dem Himmel zusammen sein, ohne laufen zu müssen“, sagte er. Das Laufen strengte ihn damals schon sehr an; sein Atem reichte nicht mehr. Wenn wir telefonierten, schmerzte mich die Luft, die ihm hörbar fehlte.
Wie ein Echo von Anthonys Stimme hallte jetzt eine Zeile aus einem seiner Gedichte durch mein Denken:

„..es sei denn, unter einer Saat von Zweifeln
ein Zipfel der Unendlichkeit.“

So wie Jono mich im Herbst mit dem Drachen in der Hand über die Wiese schickte um den Himmel zu erobern, so hatte Anthony mich jahrelang über Gedankenwiesen gejagt, auf die er Bilder säte und deren freie Grenzenlosigkeit er mir auf diese Weise bewies.
Einen Zipfel der Unendlichkeit hatten wir dabei zusammen zu fassen bekommen. Ich war mir ganz sicher. Und ich würde ihn nie loslassen.

Ich setzte mich auf einen halb in den See gefallenen Baum, hängte meine Füße in das frühlingskalte Wasser und schrieb zu seinem leisen Gluckern ein Gedicht auf einen Zettel während um mich ein warmer Regen fiel und die feuchte Erde nach Leben duftete. Nie hatte ich ein Gedicht für Anthony geschrieben, nur Geschichten und Portraitskizzen. Wann, wenn nicht jetzt? Zu meiner Überraschung wurde es ein Sonett, dabei hatte er nie etwas auf strenge klassische Formen gegeben.


EVOL

Mit dir nur konnte Tage ich bemalen
für uns war große Dichtung jede Stunde
als wir noch von der Zukunft Reichtum stahlen
leicht lasen wir der Sterne helle Kunde

Es lockte Wind die Träume zu Spiralen
du jagtest Zweifel gnadenlos zugrunde
wir suchten Glück in zarten Muschelschalen
mit Neugierfunkeln atemlos im Bunde

Auf meine Fragen kamst du wie gerufen
wir lebten auch in jedem Abgrund hoch
dein Lachen trug mich über alle Stufen

Selbst auf Vergänglichkeit lag Lied und Glanz
als Tod schon stumm in deinem Schatten kroch
sprach noch dein Schritt von einem stillen Tanz

Ich rollte den Zettel zusammen, steckte eine von den Anthonyblumen die das Ufer traumblau färbten hinein und kramte in meiner Tasche nach der Selterflasche. Ich trank den letzten Schluck , fädelte die Papierrolle durch die Öffnung, schraubte den Verschluss fest zu und warf sie so weit ich konnte der silbrigen Dämmerung am Horizont entgegen.

Für einen Moment glaubte ich unser Lied zu hören: „On the wings of a nightingale…“
Aus Anthonys Briefen und Bildern und aus den Erinnerungen an ihn würden mich mein Leben lang Ideen anfliegen. Auf den Flügeln einer Nachtigall.