Kapitel 18 – Von Amsel bis Zickenschulze

Ich stand mit der Dämmerung auf und mit den ersten Amselrufen, die in den Himmel stiegen wie die Hoffnung selbst. Mein Tee kribbelte im Magen als wäre er Sekt gewesen. Der Tag war dunstig und kühl, versprach aber mit einem verhaltenen Leuchten durch den Nebel, noch schön zu werden. Ich brauchte einen Moment allein mit dem Morgen, um in die Stille zu lauschen und zu begreifen, dass dieser Tag wirklich geworden war: der Tag, der von nun an in unsere Trauringe und unsere Geschichte eingraviert sein würde. Überall hingen weiße Girlanden, die ein befreundetes Pärchen gestern bei einem Blitzbesuch hinterlassen hatte. Es war die richtige Entscheidung gewesen, hier in unserem Paradieschen zu feiern. Das Echo dieser Stunden, die Schritte und das Lachen würden für immer in den Ecken zu Hause sein und durch die Jahre hallen, wann immer wir uns an eine schöne Erinnerung anlehnen mussten.
Im Schlafzimmer türmten sich die Sachen, die ich für die Hochzeitsreise zurechtgelegt hatte. In drei Tagen flogen wir nach Teneriffa. Das würde Jono gut tun. Er war nach dem langen Winter und dem Unfall immer noch ein wenig erschöpft und hatte eine Zeitlang Husten gehabt. Doch der Arzt hatte ihn sorgfältig abgehört. „Alles in Ordnung“, hatte er gesagt, „ein paar Wochen kanarisches Klima und Sie sind so gut wie neu.“

Ich weckte Jono und wir zogen ihm seinen Hochzeitsanzug an. So einfach war das nicht; wenn jemand beim Anziehen nicht aufstehen kann, muss jeder Handgriff sitzen. Ein neuer Stoff, ein anderer Schnitt, und schon wird es schwierig. Aber schließlich sah er umwerfend darin aus.
Kaum hatte ich mein Kleid an, stürmten auch schon Lilo und Fred herein, um den Brautstrauß und Kranz zu bringen und an uns herumzuzupfen. „Hier ist noch was Geliehenes und was Blaues“, sagte Lilo und wedelte mit einem Strumpfband und einem bestickten Taschentuch, während sich Fred bemühte, die Blume an Jonos Revers zu befestigen. „Wo sind die Ringe?“
„Hier!“ Es war ein wenig wie im Film, aber ich unterdrückte meine aufsteigende nervöse Heiterkeit. Eine beleidigte Lilo konnte ich jetzt nicht gebrauchen. Fred zwinkerte mir zu, offenbar ging es ihm genauso.

Wir waren tatsächlich pünktlich beim Standesamt. Die Männer schafften es, Jono über die Stufen zu tragen ohne dass etwas vom Rollstuhl abbrach oder er herausrutschte. Wir sagten nichts Falsches, wir ließen die Ringe nicht fallen und ich schaffte es sogar, mit meinem neuen Namen zu unterschreiben und nicht über den Standesbeamten zu lachen. Die Sonne schob vor Verwunderung die Wolken beiseite und schickte einen Strahl durch die bunten Fenster und selbst meine unsentimentale Familie war annähernd gerührt. Dann stieg Jono in den Elektrorollstuhl um, den er selbst steuern konnte, so dass er sich nicht mehr fühlen musste wie ein Paket.
Schließlich standen wir vor der Kirche. Die kirchliche Trauung bedeutete uns viel mehr als die standesamtliche. Wenn Onkel Felix uns seinen Segen gab konnte nichts schief gehen.

Auf dem Vorplatz mussten wir ein wenig warten, während das Kirchenportal eine Gruppe feierlich gekleideter Kommunionskinder entließ. Unsere Freunde und Verwandten sammelten sich nach und nach um uns. Hatten wir wirklich so viele? Die Kirchenglocke dröhnte großartig. Ich fröstelte ein wenig im Frühlingswind und weil mich der Augenblick erschütterte. Diese Glocken läuteten für uns! Mitten in all dem Frühlingsgrün und den vielen Menschen läuteten sie für uns. Ich stellte fest, dass es stimmt, was man sagt: an diesem Tag, als Braut, fühlte ich mich tatsächlich schön, vielleicht wegen dem Blumenkranz, wahrscheinlich aber, weil Jono wirklich sein Leben mit mir teilen wollte. Ich hatte Schönheit nie für wichtig gehalten. Schließlich stand ich am Tag bestimmt nicht mehr als drei Minuten vor dem Spiegel, ich hätte also nichts davon gehabt. Schönheit brauchte ich nur um mich herum, zumindest ein Stück Grün und Himmel. Aber in diesem Moment beschwingte dieses Gefühl seltsam. Jono strahlte auch, vielleicht nahm es sonst niemand wahr, aber ich sah es in seinen Augen.

Die Kirche war voll. Neben Jono ging ich vorsichtig durch das Orgelbrausen zum Altar. Das Summen des Rollstuhlmotors passte in die Musik. Vorne stand ein Stuhl, damit ich neben Jono auf Augenhöhe sitzen konnte. Ich spürte aller Augen in meinem Rücken und war froh, dass unsere liebsten Freunde als Trauzeugen hinter uns standen wie ein Schutzschild.
Dann fing Onkel Felix an zu sprechen und ich hörte nur noch seine Stimme, sah nur die hellen Kerzen – und Jono.
Onkel Felix hatte Jonos Annonce in der Zeitung nie gelesen, aber in seiner Predigt sprach auch er von Mut und davon, dass wir ein Vorbild seien, da wir uns von Jonos Behinderung nicht beirren ließen. So hatte ich das noch nicht gesehen und war verlegen, aber hinter uns schlich ein zustimmendes Flüstern durch die Reihen, und Onkel Felix sprach noch weitere schöne Sätze von Liebe und von den guten und den schlechten Zeiten und von Zusammengehörigkeit. Warm umfingen uns seine Worte, und dann legte er unsere Hände ineinander und seine Priesterstola darüber. Unser „Ich will!“ hallte überraschend laut in der stillen Kirche.
Zur allgemeinen Erheiterung küsste mich der Pfarrer, der ja nun auch mein Onkel war, noch bevor er es Jono erlaubte. Die aufbrandende Orgelmusik spülte uns inmitten eine ergriffenen Freundesmenge aus der Kirche zurück in den hellgrünen Maitag, der nun so warm geworden war, dass ich für die Fotos mein Bolerojäckchen ausziehen und mit meinem schulterfreien Kleid angeben konnte.

Auf der Fahrt von der Kirche nach Hause schien der Frühling noch verzauberter als zuvor. Löwenzahnblüten lagen golden auf dem Land und die Obstbäume schäumten weiß. Ihr Duft wehte zusammen mit der Autokolonne unserer Gäste wie eine Schleppe hinter uns her.
„Hopp!“ sagte Jono, als er aus dem Bus gerollt war, „auf meinen Schoß, jetzt trage ich dich über die Schwelle!“
„Meinst du, das geht?“ Wir mussten ja die kleine Schräge zur Haustür hoch, und ich dachte an Teneriffa und den Kartoffelchipssturz.
„Und wie das geht!“
Ich kletterte also möglichst elegant auf seinen Schoß und er gab Gas. Die Gäste versammelten sich in einer erwartungsvollen Traube hinter uns. Wir fuhren durch das Gartentor und zuckten zusammen. Ich hatte entschieden abgelehnt, dass jemand Blumen streut, da ich es nicht mag, auf Blumen zu treten. Irgendein Witzbold hatte sich das Streuen aber nicht nehmen lassen und die Blumen kurzerhand durch Knallerbsen ersetzt. Unter Jonos Reifen und unserem doppelten Gewicht gingen die ganz wunderbar hoch, so das wir knatternd und unter dem Jubel der Anwesenden die Rampe eroberten und Jono mich triumphierend durch die schmale Haustür kutschierte.

Johanna und ihr Mann Olli hatten zu Hause die Stellung gehalten und das Essen entgegengenommen, das alle Schüssel für Schüssel vor der Fahrt in die Kirche abgegeben hatten. Sie bauten den langen Tapetentisch im Wohnzimmer vor dem Panoramafenster auf und richteten ein grandioses und wunderbar romantisch dekoriertes Buffet her. Kein Catering-Service hätte das so hinbekommen.
Reginald, der Butler, entpuppte sich als ein Geschenk. Wie er in seiner tadellosen klassischen Butleruniform mit weißen Handschuhen an der Tür stand und die Gäste begrüßte war allein schon für Lacher gut, denn er passte zu unserem schuhschachtelförmigen Sechziger-Jahre-Bungalow wie Kaviar zu Currywurst. Für noch mehr Heiterkeit sorgte meine Schwiegermutter, die ihn für einen Freund hielt, ihm um den Hals fiel und ihn küsste. Er war zwar verblüfft, umfing sie aber galant. Ansonsten schaffte er es mit unfassbarer Schnelligkeit und Umsicht, dass jeder Gast einen Platz fand, zu trinken bekam und auch sonst rundum versorgt war. Mir blieb nichts zu tun als mich um Jono zu kümmern, mit den Freunden zu plaudern und den Tag tief auszukosten.

Statt Geschenken hatten wir uns Geld für die Hochzeitsreise gewünscht. Von meinem Trauzeugen bekamen wir jedoch noch etwas, das mir viel bedeutete. Er überreichte uns einen wunderschönen, mit einer frischen Efeuranke umwundenen venezianischen Hochzeitsleuchter aus Zinn, den sie zu ihrer eigenen Hochzeit in Venedig gekauft hatten und der nun uns Glück bringen sollte.
Was die Torte anging, so hatte meine Schwester sich selbst übertroffen. Sie bestand aus einer Schneelandschaft in mehreren Etagen und auf ihr applaudierte eine ganze Gesellschaft aus Pinguinen, die seit jenem Tag im Zoo längst zu unserem Wappentier geworden waren, einem lächelnden Pinguinbrautpaar, das ganz oben thronte. Vorsichtig schnitt ich sie an und verteilte großzügig Stücke. Sie schmeckte natürlich ebenso himmlisch, wie sie aussah.
Danach mussten wir unter allgemeiner Anteilnahme einen Eimer Sand sieben, in dem alle möglichen glücksbringenden kleinen Schätze versteckt waren. Als krönenden Abschluss überraschte uns der Butler damit, dass er sich umzog und als echt zillemäßig berlinischer „Zickenschulze“ mehrere Balladen sang und spielte.

Mit der Dunkelheit zauberte Jono Bodenfeuerwerk hervor und wir streuten zu den ohnehin vorhandenen Sternen eine Menge weitere in den Himmel. Der Schwan war Zeuge und wunderte sich von oben, hatte aber keine Einwände.
Als die Tür spätabends hinter den letzten Gästen zufiel, die uns so einstimmig wie glaubhaft versicherten, das sei die schönste und sinnvollste Hochzeit gewesen, die sie je erlebt hätten („und das waren schon viele…!“) küsste mich Jono und sagte: „Du, der Tag hätte nicht schöner sein können, aber jetzt möchte ich nur noch ins Bett!“ Mir ging es genauso. Ich brachte ihn ins Bett, stellte ein paar Reste in den Kühlschrank und trank noch einen Tee an demselben Küchenfenster, an dem ich den Morgen begrüßt hatte. Es fühlte sich an als sei das ein halbes Leben her, so erfüllt war der Tag gewesen. Ich hatte keine bestimmten Erwartungen an ihn gehabt, weil ich mir das alles gar nicht hatte vorstellen können – aber sie waren bei weitem übertroffen worden.
Draußen flötete eine Amsel im Schlaf, ein einziger Laut wie der Nachklang einer Glocke.

Kapitel 3 – Fragen und Antworten

Mit dem Montag änderte sich das Wetter. Der Frühling brach als grüne Welle über uns herein. Die Kinder explodierten ebenso wie die Bäume und Beete förmlich vor Lebendigkeit . Es wurde eine turbulente Woche. Die Aufbruchsstimmung der Natur fuhr ihnen in die Füße und ins Lachen; sie waren ständig am Kichern und konnten nicht stillsitzen. Alina ging es so viel besser, dass sie ihre Krankheit nun auch gelegentlich vorschob. Sie täuschte Kopfschmerzen vor um hinauszudürfen. Es fiel mir schwer, streng zu bleiben, denn mich lockte die weiche Luft draußen ebenso sehr. Tim und Benny, meine ohnehin hyperaktiven Nachmittagskinder, konnten sich überhaupt nicht mehr konzentrieren. Schließlich gingen wir nach draußen und schrieben die Vokabeln in den Sand und mit Kreide auf den Hof.

Die Mittel für Alinas Förderung wurden gekürzt da es ihr besser ging und ich musste um einen neuen Vertrag kämpfen, wenigstens bis zu den Sommerferien. Ganz allein konnte sie die Schultage und den Stoff noch längst nicht bewältigen.
Zuhause fegte ich den Winterschmutz vom Balkon und bepflanzte die Kästen mit Stiefmütterchen und Kürbissamen. Anthony rief weiterhin jeden Abend an. Der Frühling schien auch ihm gut zu tun, er malte wieder Bilder und schickte mir alberne Zeichnungen und lehrreiche Zeitungsausschnitte.
Einmal schenkte er mir eine bunte, für seine Verhältnisse ungewöhnlich heitere Zeichnung. „Fias Garten“ stand auf einem Wegweiser, der auf einen geschwungenen Torbogen deutete, an dem blaue Trichterblüten rankten. Obendrauf saß ein bunter Phantasievogel und sah mir direkt ins Auge. Links stand ein alter Baum mit gefurchter Rinde und einem dicken Stamm, der sich schützend über einen kleinen Hof mit steinernen Fliesen neigte. Vor dem Tor standen meine weißen Sandalen. Hinter dem Tor erstreckte sich ein grüner Rasen mit Blumenbeeten und einem weiteren Baum. Rechts vom Tor wuchsen Sonnenblumen und ein blühender Strauch.
Ich hatte Anthony einmal erzählt, dass ich mir einen kleinen Garten wünschte. Aber nicht, wie ich ihn mir vorstellte.
Dieser passte genau. Ich rahmte das Bild und hängte es neben meinen Schreibtisch.

Am Samstag lag zwischen den Rechnungen, einer Postkarte von Tante Anna und einem dicken Anthony-Brief ein Kuvert mit einer fremden Handschrift. „Jonathan Reimer“ lautete der Absender. Wer das wohl war?
Den Rollstuhlmann hatte ich vollkommen vergessen. Und nun hatte er mir geantwortet! Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Für mich war die Sache eigentlich erledigt. Als ich die Seite auseinander faltete, fiel mir ein Foto in die Hand. Ein Schnappschuss von einem ernst aber sympathisch blickenden Mann in einem Rollstuhl, der im jungen Gras neben einer kleinen Tanne stand. Er hatte den Kopf in die Hand gestützt und sah mit sehr blauen Augen nachdenklich in die Kamera.
Eigentlich mag ich dunkelbraune Augen, aber diese blauen sah ich mir eine Weile an, bevor ich den kurzen Brief las, der in einer ordentlichen, aber durchaus lebendigen Handschrift abgefasst war. Allzu gestochene Handschriften die aussehen wie gedruckt, ein Buchstabe wie der andere, kann ich nicht leiden. Eine Schrift muss fließen, muss leben, muss tanzen. Diese tat es.
Auf die Sache mit dem Mut ging er nicht ein, aber er beantwortete meine Frage was der Grund für den Rollstuhl sei. Eine Muskelkrankheit, von seinem Vater geerbt. Aber auch er hatte Fragen. Wie groß ich sei? Und ob ich Kinder wolle?
In mir stieg Abwehr hoch; das war mir zu direkt. Und wieso Kinder? Hier unterhielten sich zwei Fremde, ich hatte eigentlich auch vor, dass wir uns fremd bleiben würden – und er fragte, ob ich Kinder wollte?
Aber das Gefühl verflog schnell. Ich hatte auf seine Kontaktanzeige geantwortet, warum auch immer. Wenn er da die falschen Schlüsse zog, konnte man es ihm kaum übel nehmen. Und seine Fragen machten Sinn. Ich konnte mir vorstellen, dass man als Rollstuhlfahrer nicht unbedingt mit einer Zweimeterfrau unterwegs sein möchte. Da hätte er ja ein Megaphon gebraucht, um sich zu unterhalten. Und Kinder? Er hatte eine Erbkrankheit, da war es verständlich, dass er eine Frau mit Kinderwunsch nicht brauchen konnte. Eigentlich war es sehr anständig und praktisch von ihm, eine so grundlegende Angelegenheit zuallererst zu klären. Das imponierte mir schon wieder.
Außerdem schrieb ich gerne Briefe. Das lag natürlich an Anthony. Also schrieb ich dem Rollstuhlmann eben noch mal. Dass ich nur einsfünfundsechzig bin. Und dass ich keine Kinder bekommen kann. Seltsam, wie einfach es war, das einem Fremden zu sagen. Mir machte das nichts aus, ich hatte immer schon so viel mit Kindern zu tun gehabt, dass ich nichts vermisste. Aber ich hatte eigentlich noch nie mit jemandem darüber gesprochen. Um ein Foto bat er auch. Da ich gerade neue Passfotos hatte machen lassen müssen, brauchte ich das nur aus der Schublade zu fischen.

An Anthony schrieb ich natürlich auch, wie fast jeden Tag. Bei ihm wurden es wesentlich mehr Seiten. Aber bei aller Fröhlichkeit in unserem Briefwechsel lag doch auch eine Traurigkeit zwischen den Zeilen und eine versteckte Schwere in den Sätzen. Mir fiel auf, dass das Schreiben an den unbekannten Jonathan Reimer eine erholsame Leichtigkeit gehabt hatte.
Die beiden Briefe waren ein schöner Grund, noch einmal in den Frühlingsabend hinauszugehen. Am Himmel flog schweigend und gewaltig der gute alte Schwan. Ich fragte mich, was er wohl zu meinen merkwürdigen Briefbeziehungen sagen würde. Irgendwie beruhigend, dass das alles für ihn völlig unbedeutend war.

Das Foto von Jonathan Reimer blieb auf dem Schreibtisch liegen und rutschte in den Poststapel. Tage später fand es Benny, der auf der Suche nach Ablenkung während der Nachhilfestunden ständig in meinen Sachen herumwühlte. Kritisch betrachtete er es und lief dann zum Kühlschrank, an dessen Tür ein kleines Bild von Anthony geklebt war. „Wieso sitzt derselbe Mann mal im Rollstuhl und mal nicht?“ fragte er.
„Wieso derselbe Mann? Das ist ein anderer,“ sagte ich irritiert.
„Nee. Der sieht doch genauso aus!“
Ich nahm ihm das Foto aus der Hand und hielt es neben das Kühlschrankfoto. Erstaunt kniff ich die Augen zusammen. Tatsächlich, da war eine Ähnlichkeit! Beide Männer hatten denselben Bart, einen fast gleichen Haarschnitt – nun gut, bei Männern gibt es da nicht so viele Varianten, aber – auch die Statur war ähnlich und die Nasen und noch etwas Ungreifbares. Nur die Augen: beide hatten blaue, aber in Jonathan Reimers war der Frühlingshimmel unterwegs während sich in Anthonys schon seit ich ihn kannte rauchgraue Schatten herumtrieben.
Doch die beiden hätten auf jeden Fall Brüder sein können. Zwillinge vielleicht nicht, aber Brüder.
Seltsam. Beinahe unheimlich.

Kapitel 2 – Anthony

Mein Freund Anthony rief in jeder Nacht an. Ich glaube, er kämpfte gegen die Eile der wenigen Zeit, die ihm noch blieb, und gegen die Dunkelheit. Diesmal machte er es ungewöhnlich kurz.
„Hallo Fia, wie wäre es morgen mit einer Dampferfahrt?“ fragte er. „Die weiße Flotte fährt zum ersten Mal in der Saison.“
Für morgen war Regen angesagt, bei gerade mal vier Grad. Aber wenn Anthony einen solchen Vorschlag machte, stellte ich keine Fragen. Dann wusste ich, er brauchte mich – und es lohnte sich immer. Mit Anthony leuchtete jeder Regen bunt. Außerdem hatte wir uns in den sieben Jahren unserer tiefen Freundschaft nur wenige Male gesehen. Wir kannten uns schon drei Jahre, bevor wir uns das erste Mal trafen. Und nun würde es nicht mehr oft geschehen.

Kennen gelernt hatte ich ihn, weil er jemanden suchte der das Manuskript eines Kinderbuchs für ihn tippte. Von irgendwem hatte er erfahren, dass ich solche Nebenjobs machte. Er schickte also seine Geschichten, ich tippte, und da ich von den Texten begeistert war, legte ich dem fertigen Skript einen Brief bei. Er antwortete prompt, und es dauerte nicht lange, bis wir uns täglich schrieben. Es war, als hätten wir uns immer schon gekannt. In uns war ein Gleichklang, ein Staunen über dieselben kleinen Dinge. Wir konnten uns stundenlang über ein trockenes Herbstblatt unterhalten, fanden heraus, zu welchem seltenen Baum es gehörte und spannen Geschichten über seine eigenartige Form. Wir philosophierten über Sternbilder, über die Sagen dazu und gleichzeitig über die neuesten astronomischen Erkenntnisse. Unsere Gedanken griffen ineinander wie Zahnräder; wir trieben uns gegenseitig an und alles war Wasser auf unsere Mühlen. Anthony schickte mir ständig irgendwelche interessanten Zeitungsartikel oder kleine Zeichnungen, die die Ränder seiner Briefe zierten. Er war Kunstlehrer gewesen.

Nach und nach erfuhr ich mehr über ihn: er war dreiundvierzig, aber Frühpensionär, denn er war schwer herzkrank. Dass er nicht mehr Lehrer sein konnte, hatte ihn, glaube ich, schwerer getroffen als die Krankheit.
Nun brachte er eben mir die Dinge bei, die er wusste und die ihn faszinierten, und das war nicht nur Kunst. Physik, Biologie, Mechanik, alles und jedes konnte seine Begeisterung wecken, und die musste er mit jemandem teilen. Wenn ich von der Arbeit kam, freute ich mich schon auf seine Briefe, die meist zehn bis zwanzig Seiten lang waren. Manchmal wenn er keinen Schlaf fand fuhr er nachts durch die Stadt nur um mir einen solchen Brief vor die Tür zu legen, seltsam in Dosen oder als Flaschenpost verpackt oder um einen ungewöhnlichen Stein gewickelt. Es gab nichts Schöneres für mich als phantasievolle und ebenso lange Antworten zu verfassen. Damals lernte ich, Geschichten zu schreiben, ohne es zu merken. Schon immer hatte ich mir gerne welche ausgedacht. Bei Anthony konnte ich ungeniert drauflos fabulieren. Er pflanzte Bilder in meine Sprache. Wir weckten gegenseitig das Beste in uns, und das Übermütige.

Bald reichten die Briefe nicht mehr, und er gewöhnte sich an, mich abends anzurufen, irgendwann spät, und wir redeten bis nach Mitternacht. Eigentlich hätte ich ständig unausgeschlafen sein müssen, aber Anthony schickte soviel Lebendigkeit durch die Telefonleitung, dass er mich damit ansteckte. Es war, als wollte er das bunte, neugierige Leben, das in ihm brodelte, für das aber seine Zeit nicht mehr reichen würde, zu mir herüberretten.
Jemand unterstellte uns einmal eine heiße Affäre, woraufhin wir beide in schallendes Gelächter ausbrachen. Obwohl das so falsch nicht war: es war eine geistige Affäre, eine großartige, ausgelassene und tiefe Gemeinsamkeit im Denken, voll glücklicher Höhenflüge. Mit keinem anderen Menschen habe ich je soviel lachen können. Es war ein Lachen gegen die Angst, ein Lachen trotz allem und um des Lebens willen: ein schwereloses Lachen das die Nacht eroberte und nahe daran war, selbst den Sternenschwan zu erschüttern, der im All schweigend seine Bahn zog.

Eine unterschwellige Zärtlichkeit schlich sich wohl am Ende mit den Jahren in unsere Freundschaft, aber Anthony machte klar, dass er dennoch keine enge Beziehung wollte. Er verhielt sich wie das Licht auf der Oberfläche eines tiefen Sees. Das Funkeln schenkte er mir, aber an dem Dunkel der Abgründe, an seiner Furcht und seiner Melancholie ließ er mich nicht teilhaben, damit ich nicht darin unterging. Aus diesem Grunde erlaubte er nur sehr selten, dass wir uns sahen. Ob er es sich und mir damit leichter machen wollte oder einfach nicht mehr die Kraft zu haben glaubte – ich weiß es nicht. Vielleicht fehlte ihm auch nur der Mut? Auf dieses Wort war ich im Zusammenhang mit ihm noch nie gekommen, aber als ich ihn heute am verabredeten Treffpunkt auf dem Bahnhof stehen sah, dachte ich an die Anzeige von gestern.
War meine seltsame Wut daher gekommen, weil es eigentlich Anthonys mangelnder Mut zu einer Beziehung war, der mich ärgerte?

Anthony war groß; er fiel unter den anderen Fahrgästen sofort auf. Aber wenn wir uns umarmten, war es immer, als wage er nicht, ganz anwesend zu sein. Im Zug ging er an mehreren freien Bänken vorbei bis ihm eine zusagte. „Ich fahre nicht mehr gerne vorwärts“, sagte er erklärend. Nachdenklich blickte er in die Landschaft, die wir hinter uns ließen.
Bei seinen Worten spürte ich eine kalte Angst. Wie war das mit dem Mut? Wenn er schon nicht mehr wagte, vorwärts zu blicken, wie viel Zeit hatte er noch, hatten wir noch? Ich selbst hasste es, rückwärts zu fahren; ich setzte mich ihm gegenüber. In das Schweigen hinein erzählte ich ihm von der Anzeige und meiner Antwort darauf. Von der Stimme, die in meinem Kopf gewesen war, sagte ich nichts, wohl aber, dass ich überhaupt nicht wusste warum ich einem Fremden geschrieben hatte.
Über Anthonys Gesicht flog ein Schatten, kurz nur. Eifersucht? Ich gebe zu, ich hatte insgeheim darauf gehofft. Dann erzählte er mir etwas über die Gebäude, an denen der Zug vorüberflog. Erst kurz bevor wir am Hafen ausstiegen, sagte er plötzlich: „Das hast du gut gemacht, das mit dem Rollstuhlmann!“

Nebeneinander lehnten wir an der Reling, ohne uns zu berühren. Ich konnte Anthonys feuchten Parka riechen und seinen Tabak und seinen ganz eigenen Duft nach Tinte und alten Büchern und Erde. Es nieselte sanft aus einem gleichmäßig grauen Himmel. Die Bäume am Ufer waren von einem zarten optimistischen Hellgrün; das Land wirkte weich wie eine Pastellzeichnung. Der Frühling träumte sich wach; es war, als hielte alles voller Erwartung den Atem an.
An einer winzigen Insel unterbrach der fast leere Dampfer die Fahrt, hier konnte man einkehren. Wir verzichteten auf Kaffee und machten einen Rundgang. Hier und da trafen wir Pärchen, wie man sie im Frühling trifft, händchenhaltend und strahlend, in ihrer ganz eigenen Welt. Ich sah ihnen nach; ich gönnte ihnen ihr Glück, aber in mir kroch eine Traurigkeit hoch wie einer der Regenwürmer die auf dem nassen Pfad einen trockenen Platz suchten. Anthonys Hände steckten tief in seinen Taschen. Er sah nicht den Pärchen nach sondern beobachtete einen Großvater, der ein glückliches zahnloses Lächeln trug und mit seiner Enkelin unerlaubterweise die Schwäne fütterte. „Ich wäre gern einmal ein fröhlicher alter Mann geworden“, sagte Anthony, mehr zu sich selbst als zu mir.
Das junge Gras war schon kräftig und darauf breitete sich eine blauviolette zarte Blume aus, so dicht, dass es fast aussah als hätte das Wasser vom See die Wiese geflutet. Die Namen der meisten Wildblumen kenne ich, diese hier war mir neu. „Weißt du, wie die heißt?“ fragte ich Anthony. Er schüttelte den Kopf. „Dann nenne ich sie Anthonyblume“, sagte ich ein wenig zu fröhlich. Er schnaubte belustigt und wechselte das Thema.
„Ich will etwas, das mich an dich erinnert!“ dachte ich trotzig. Und tatsächlich, diese unbekannte Blume hat sich seitdem sogar in der Stadt ausgebreitet, Jahr für Jahr mehr, auf Grünstreifen, in Gärten, am Wegrand. In jedem April und Mai begegnet mir die Anthonyblume und dann ist jener Tag plötzlich wieder da und Anthony steht vor mir, mit seinen müden und trotzdem leuchtenden Augen und seinem spöttischen halben Lächeln.

Er schenkte mir einmal ein Gedicht, in dem ich diese Zeilen fand:

…ich lausche
dem Wispern welker Blätter
meine Blicke
folgen ihrem wirbelnden Flug,
wenn der Wind sie davon reißt.
Wäre ich solch ein Blatt,
versuchtest du,
mich zu fangen?

Das hatte er geschrieben, lange er wir uns kannten und bevor er wusste, wie krank er war. Als wir uns begegneten, war es längst zu spät. Darum versuchte ich nie, ihn zu fangen, noch hätte er es zugelassen. Aber ein warmer, sanfter, fröhlicher Herbstwind wirbelte uns eine lange Wegstrecke nebeneinander her, und dieser Weg wies mir meine Richtung.

Der Dampfer machte auf der Rückfahrt einen langen Umweg und wir kosteten jede Minute aus, zählten die Graureiher und die Haubentaucher und erfanden Geschichten zu den Häusern am Ufer. Der Regen wurde stärker, kümmerte uns aber nicht. Ich sah, wie die Tropfen sich in Anthonys Haaren und Brauen verfingen. Silbern spiegelte sich die Dämmerung in ihnen.

Auch auf dem Dampfer blickte er nicht vorwärts; wir standen die ganze Zeit am Heck. Als wir schließlich ausstiegen, war es schon dunkel. Die feste Erde fühlte sich fremd an unter meinen Füßen. Als wir uns zum Abschied umarmten, blickte ich zu ihm hoch und da sah ich den kalten Schatten in seinen Augen.
Ich wusste, ich würde ihn nie wieder sehen. Er würde nicht heute gehen, auch nicht morgen, wir würden noch oft telefonieren, noch viele Briefe schreiben – aber gesehen hatte ich ihn heute zum letzten Mal, und wir wussten es beide.
Da dachte ich an Mut, und ich küsste ihn, zum ersten und zum letzten Mal. Ich schmeckte Salz und die Currywurst von vorhin, schmeckte Rauch und Sehnsucht, Gewissheit und Bedauern und den Tod auf seinen Lippen, aber in diesem Moment lebten wir, und alles war richtig.

Abends ging mir der Zauber jenes Frühlingsabends nicht aus dem Sinn und ich versuchte, die Aquarellfarben meiner Erinnerung auf Papier zu bannen. Ich war nicht zufrieden mit dem vagen Ergebnis und schickte es Anthony, der mit wenigen geübten Strichen unsere Landschaft dieses Moments daraus zauberte, so dass man nicht sah, wo ich aufgehört und er angefangen hatte.
Noch war Zeit, uns zusammen an der Welt zu beglücken.

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Kapitel 1 – Die Anzeige

Eine wintermüde Mücke mit Hunger auf Frühling war der Anfang davon, dass sich mein Leben auf einen neuen Weg machte.
„He! Mach sie wieder dran!“, rief Alina empört.
Wir spielten auf dem Schulhof im Sandkasten und ich hatte die Mücke von ihrem kleinen Arm verjagt. Ein Reflex. Aber mit ihren neun Jahren sah Alina die Mücke nicht als böses Wesen an, das ihr etwas wegnehmen wollte. Über späteres Jucken dachte sie nicht nach: nicht in diesem sonnigen Frühlingsmoment, in dem sich ein Besucher mit glänzenden Flügeln vertrauensvoll auf ihrer Haut niedergelassen hatte. Sie hatte nicht viele Freunde.
Aber die Mücke war, noch kälteträge, in den silberblauen Himmel geflogen.

Im letzten Jahr war Alina schwer krank gewesen, und nun war sie noch angeschlagen und eben ein wenig anders. Ich betreute sie als Schulhelferin und ging mit ihr in den Unterricht um ihr beizustehen wenn es ihr nicht gut ging oder sie etwas nicht verstand. Wenn die anderen Sport trieben, spielten wir unsere eigenen Spiele oder machten Hausaufgaben. Ich war zwanzig Jahre älter und hatte einen Abschluss in Pädagogik, aber manchmal fragte ich mich, wer wem mehr beibrachte. Sie hatte gelegentlich eine ungewöhnliche Art, die Dinge zu betrachten.
Mücken zumindest würde ich in Zukunft anders sehen.

Alina war mein Vormittagskind. Nachmittags gab ich Tim und Benny aus einer anderen Schule Nachhilfe. An diesem Freitag hatte ich noch eine Lehrerkonferenz, und als ich endlich auf dem Heimweg war, dämmerte es schon. Das ist meine liebste Tageszeit: wenn die Luft seltsam still und glasklar wird und die ersten Lampen aufblinzeln. Der April war voller Frühlingsversprechen. Die Amseln ließen Abendtöne aus den Baumsilhouetten rieseln und es duftete nach Veilchen. Mich erfüllte das unbestimmte Gefühl, es könnte ein bedeutsamer Sommer werden. Aber war das nicht immer so im Frühling?
Nein. Irgendetwas lag in der Luft, da war ich mir sicher. Ahnungen trieben sich mit dem aufkommenden weichen Abendnebel herum. Es war wie ein Flüstern in der Welt: der Wind, die Schritte der Vorübergehenden, mein eigener Atem, alles schien mir etwas sagen zu wollen. Aber möglicherweise wünschte ich mir auch nur, dass sich etwas änderte. Dieser Sommer würde meinen dreißigsten Geburtstag enthalten. Ein guter Zeitpunkt für neue Wege; vielleicht sogar ein überfälliger.

Die alte Frau Zepke aus der Nachbarwohnung hatte wieder einmal ihren Papierkorb vor der Tür vergessen. Oben drin steckte die Tageszeitung. Ich nahm sie mit, wegen dem Anzeigenteil. Ich brauchte dringend mehr Nachhilfeschüler!
Bei einem Tee blätterte ich die Zeitung durch. Nachhilfe wurde nur in Mathematik gesucht. Die hätte ich selbst nötig gehabt. Ich wollte die Seiten schon zusammenfalten, da fiel mir, zwischen eine Werbung für eine Fahrschule und eine für ein Beerdigungsinstitut gequetscht, eine kleine, unscheinbare Kontaktanzeige ins Auge:
„Ich bin Rollstuhlfahrer. Wenn du Mut hast, melde dich!“ Ein fünfundvierzigjähriger Mann, der nicht länger allein sein wollte; es standen noch ein paar andere, nicht weiter außergewöhnliche Worte dabei, aber dieser Satz war es, der mir ungewollt im Gedächtnis blieb. Ich warf die Zeitung weg, kehrte die Krümel vom Tisch, die Apfelsinenschalen vom Küchenbrett und kippte beides obendrauf, saugte Staub, räumte meinen Schreibtisch auf und sah die Post durch. Die ganze Zeit flatterte der Satz in meinem Kopf herum wie ein unruhiger Käfigvogel, was mich irritierte. Schließlich las ich normalerweise keine Kontaktanzeigen. Anthony genügte mir momentan voll und ganz, auch wenn das keine Zukunft hatte. Für uns galt eine ganz besondere Gegenwart, die zählte.
Doch selbst beim Abendbrot war mir, als kaute ich auf diesem Satz herum. Mut! Zum Lieben ist Mut immer eine Voraussetzung. Aber wieso sollte man mehr Mut brauchen, um einen Rollstuhlfahrer zu lieben? Ich war nicht nur irritiert, ich ärgerte mich, ohne zu wissen warum. Selbst nach einer heißen Dusche und den Fernsehnachrichten fand ich keine Ruhe. Mein Ärger hatte sich mittlerweile in meinem Bauch zu einer festen kleinen Wut geballt. Ja, das ging soweit, dass ich mir einbildete, eine deutliche Stimme zu hören: „Schreib ihm das!“ Ich hatte noch nie Stimmen gehört, und Fieber hatte ich auch nicht. Irgendwas musste ich unternehmen. Kopfschüttelnd grub ich die Zeitung aus dem Papierkorb. Sie war matschig und roch nach Apfelsinen und Kaffeesatz. Fast hätte ich die kleine Anzeige nicht wiedergefunden, doch schließlich entzifferte ich die Chiffre, notierte sie auf einen Briefumschlag und setzte mich leise schimpfend wieder an den Schreibtisch. Normalerweise wäre mir nicht im Traum eingefallen, auf eine Kontaktanzeige zu antworten. Ich genierte mich vor mir selbst und war schon fast wieder auf dem Weg zum Papierkorb, als mir Alina und die Mücke einfielen. Vielleicht musste auch ich einfach mal umdenken: nicht mit einem Reflex alles verscheuchen, was mich irritierte, sondern erst näher betrachten, was mich da angeflogen hatte.

Also schrieb ich ein paar deutliche Zeilen auf einen schmucklosen Notizzettel: dass ich es als eine Unterstellung betrachtete, dass man mehr Mut für eine Beziehung mit einem Rollstuhlfahrer bräuchte als für eine mit einem Mann mit zwei gebrauchsfähigen Beinen. Damit es nicht ganz so schroff klang, fügte ich noch ein, zwei Sätze über mich an. Beim Suchen nach einer Briefmarke fiel mir ein Locher in die Hand, den ich zu Weihnachten bekommen hatte. Mit ihm konnte man schmetterlingsförmige Löcher stanzen. Ich hatte ihn noch nie ausprobiert, aber nun stanzte ich, einem Impuls folgend, ein solches Loch in den Briefumschlag. Als ich meinen Zettel hineinsteckte, lugte das Wort „Mut“ hindurch. Ich hoffte, die deutsche Post würde das durchgehen lassen.
Erst legte ich den Brief in den Flur. Morgen auf dem Weg zur Arbeit kam ich sowieso am Briefkasten vorbei. Aber dann überlegte ich es mir anders. Ich brauchte dringend noch einmal frische Luft, und es waren ja nur ein paar hundert Meter. In dem Moment, als ich das Kuvert in den Kasten plumpsen hörte, ging es mir besser. In meinem Bauch stiftete kein Ärger mehr Unruhe sondern Appetit auf ein Brötchen mit Quittengelee. Und in meinem Kopf war die Stimme verstummt. Ich hörte sie übrigens nie wieder.

Auf dem Rückweg entdeckte ich das Sternbild Schwan zum ersten Mal in diesem Jahr, gerade über dem Horizont. Der Schwan ist ein Sommersternbild. Als kleines Mädchen war er das erste, das ich mir merken konnte. Der Schwan wurde zu meinem Glücksbringer, meinem himmlischen Freund; es beruhigte mich, wenn ich ihn mit seinen ausgebreiteten Flügeln da oben schweigend in dem erschreckend weiten, schwarzen Himmel fliegen sah. Zwanzig Jahre später mochte ich ihn immer noch. Schön, dass er wieder da war. Das musste ich unbedingt Anthony erzählen.
Denn ich wusste nicht, wie lange ich Anthony überhaupt noch etwas würde erzählen können.