Kapitel 13 – Feuerträume

Zurück in der Stadt war die Luft voll heißem Staub. Viel schöner als die Tage waren die Abende im Garten, wenn die kühle Dämmerung zwischen die hohen Ritterspornstauden schlich, die so blau blühten als wären sie eine von uns gepflanzte Fortsetzung des Himmels. Immer mehr Blumen färbten unseren Garten, denn bei fast jedem Spaziergang oder Einkauf hielt Jono bei der Blumenfrau. Wir suchten etwas aus, das sie eigenhändig in einer Tüte an seinen Rollstuhl hängte. Große Töpfe nahm er auf den Schoß. Die Blumenfrau schenkte ihm jedes Mal noch eine frische Schnittrose. Er war ihr Lieblingskunde. Jono hatte eine besondere Gabe, Freundschaften zu schließen. Aber er kümmerte sich auch um seine Freunde, hörte ihnen zu, vergaß nie einen Geburtstag und lud sie regelmäßig ein.
Diese Freunde wollten sich revanchieren und verabredeten sich, für uns einen Grillkamin im Garten zu bauen. Als sie kamen, war es einer der ganz wenigen Regentage in diesem Sommer. Jono ärgerte sich, weil er nicht mit hinaus konnte. Mit Regen mussten wir vorsichtig sein. Man konnte Jono nicht einfach umziehen, wenn er nass wurde. Außerdem war die Elektronik des Rollstuhls bei Nässe empfindlich und versagte gelegentlich völlig. Ein Regencape aber lehnte er ab: „Dann sehe ich so behindert aus!“ sagte er empört. Doch sobald der Regen etwas nachließ, war er mit dabei und sah, wie der zukünftige Mittelpunkt des Gartens wuchs. „Das ist schief“, sagte er, „da noch ein wenig drehen!“ Sein Augenmaß stimmte immer, wenn man später nachmaß.

Es folgten lange Lichterabende, an denen wir mit den Freunden bis Mitternacht am Feuer saßen. Das Essen war nebensächlich: schön war es, wenn wir hinterher die alten Zweige und den Stamm des Weihnachtsbaums oder andere hölzerne Gartenabfälle auf die glimmenden Kohlen warfen. Wie heraufbeschworen sprangen märchenhaft die Flammen auf und mit ihnen Erinnerungen und Geschichten, wie sie an Lagerfeuern erzählt werden seit es Menschen gibt. Vom Wind verstreute Funken fielen zu unseren Füßen ins taufeuchte Gras wo sie leuchteten wie die von mir so geliebten Glühwürmchen, die es hierzulande nicht gibt. Vertraute Stimmen mischten sich mit dem Knistern des Reisigs. Ich hielt Jonos Hand und lauschte. Da er das Holz nicht selbst auf das Feuer legen konnte, gab er Anweisungen, welche Äste wir nehmen sollten. Während die Gäste zum Leichtsinn neigten, hatte er einen Blick dafür, was gut brannte und nicht qualmte oder so hohe Flammen auslöste, dass das Dach in Gefahr geraten konnte. Diese schöne Vorsicht machte er gleich danach selbst zunichte indem er darauf bestand, dass jemand Knallfrösche in das Feuer warf.

Wir ließen Schwimmkerzen im Teich treiben, steckten Wunderkerzen in die Hecke, zündeten in den entlegenen Winkeln flackernde Gartenfackeln an und manchmal spielte jemand Gitarre. Dann war es als trieben die melancholischen Töne unsichtbar neben die Lampions in die Zweige der Bäume. Es roch nach Asche und nach reifen Erdbeeren. Wunderkostbar und zerbrechlich wie durchsichtige blaue Glaskugeln erschienen mir diese Stunden. Ich sog sie tief ein und merkte mir ihren Geschmack, ihren Duft, ihren Glanz und ihren Klang.
„Hol noch ein Feuerwerk!“ sagte Jono jedes Mal, wenn die Gäste sich zu verabschieden begannen. Er hob von Silvester stets eine Menge kleine Bodenfontänen für solche Gelegenheiten auf. Die helle Erinnerung an die Wärme des Feuers und der Gesellschaft, an Lachen und an den Sternenregen, der aus dem feuchten Gras aufsprang und übermütig geradewegs in den Himmel wies nahmen alle mit nach Hause.

Anthony machte sein vages Versprechen, uns einmal zu besuchen, nie wahr. Es ging ihm nicht gut, die Hitze drückte auf sein Herz. In unseren kurzen Gesprächen hörte ich am Telefon, wie mühsam sein Atem ging. Seine selten gewordene Schrift lag müde auf den Seiten.
Den wahren Grund aber, dass er nicht kam, verriet mir Geli, eine gemeinsame Bekannte. „Er freut sich zwar für euch beide,“ sagte sie, „er nennt Jono seinen Beinahe-Zwillingsbruder und ist froh, dass du ihn gefunden hast. Aber er traut sich nicht zu, euch beide zusammen glücklich zu sehen.“ Darauf wäre ich so nie gekommen, aber es passte zu Anthony. Ich konnte es nicht ändern. Er hatte die Wahl gehabt.
Er rief nun wieder manchmal an und spielte mir ein Lied vor, immer dasselbe: „I believe in Angels“, von Cristy Lane. „Das passt überhaupt nicht zu ihm!“ dachte ich beim ersten Mal. Ich fand die Melodie kitschig. „On the Wings of a Nightingale“ hatte mir wesentlich besser gefallen. Erst, als ich abends mit den anderen am Feuer saß und in die Flammen träumte während oben am Himmel langsam der Schwan in der tiefer werdenden erhabenen Schwärze zu leuchten begann, kam mir der Text bewusst in den Sinn und ein kaltes Entsetzen durchfuhr mich.
Übersetzt lautet er sinngemäß so:

„Ich habe einen Traum
der mir hilft
mit allem fertig zu werden:
Wenn man das Wunder
eines Märchens sieht
kann man die Zukunft aushalten
selbst wenn man versagt.
Ich glaube an Engel,
an ewas Gutes in allem was ich sehe.
Ich habe eine Phantasie
die mir in der Wirklichkeit hilft
mich eine weitere Meile
durch die Dunkelheit zu kämpfen.
Ich glaube an Engel.
Wenn meine Zeit gekommen ist
überquere ich über die Straße.“

Ach, Anthony, dachte ich. Nicht jetzt, noch nicht!
Mir fiel ein Brief ein, den er mir einmal aus Finnland geschickt hatte.
„…du musst dir vorstellen, wie schön so ein Kaffee schmeckt, wenn man am Seeufer sitzt und in die helle Nacht starrt und einen Kaffe-Pott in den Händen hält und das Feuer Funken pustet und der Kessel daneben vor sich hinbrubbelt…der Trick dabei ist, immer nur ganz kleine Stöckchen zu nehmen und eine Art Meiler drumherum zu bauen – Kaffee-Kessel obendrauf, geht am besten in einer flachen Mulde. Brandstifter bin ich aber nur geistiger…“
Er hatte auch seine Gedanken am Lagerfeuer gehabt. Dieses Wissen und all die Worte die ich von ihm gesammelt hatte und in denen so viel tief gelebtes Leben wie ein Bodensatz zurückblieb machten den langsamen Abschied um ein Weniges leichter.
Doch wenn auch unsere Liebe nicht hatte sein sollen, was mir inzwischen seltsam richtig vorkam, so gehörte er doch, verdammt noch mal, zu meinem Leben. Und da sollte er bleiben!
Aber mit jedem Mal, dass er mir in den kommenden Monaten dieses Lied vorspielte, schien er sich weiter zu entfernen. Ob er sich oder mich mit den Worten überzeugen wollte, wusste ich nicht.
In der Dunkelheit war mir, als sähe ich am Baum das kleine Gespenst auf der Schaukel, das er damals in das Bild vom Garten gezeichnet hatte.

Jono und ich spannen an diesen Abenden Träume und Pläne. Wir hatten tatsächlich die Reise nach Teneriffa gebucht. Dazu gehörten bei uns besonders viele Vorbereitungen. Er hatte für Flugreisen einen kleineren, eigentlich zu engen Elektrorollstuhl mit einer Trockenbatterie, da andere Batterien nicht im Flieger mitgenommen werden durften. „Letztes Mal haben sie deswegen den Rollstuhl zum Laden in Teile zerlegt und wussten auf Teneriffa nicht, wie man ihn wieder zusammenbaut“, erzählte Jono. Um das zu vermeiden, suchten wir jemanden, der uns ein Schild auf spanisch schreiben konnte: „Rollstuhl bitte nicht auseinander bauen – nicht nötig, Trockenbatterie!“ Zudem mussten wir Sondergepäck anmelden, denn wir brauchten ja auch noch einen Schieberollstuhl, Ersatzteile und diverse andere Hilfsmittel. Gewartet werden mussten die Rollis natürlich vorher auch. Dann musste organisiert werden, dass auf beiden Flughäfen Männer da waren, die Jono in das Flugzeug und wieder hinaustragen würden. Im Hotel musste ein elektrisch verstellbares Pflegebett und ein rollstuhlgerechtes Badezimmer sichergestellt sein. Mir war ein wenig unbehaglich bei dem Gedanken daran, was alles schief gehen konnte. Ich konnte mir das Fliegen mit Jono ohnehin schwer vorstellen. Wir kamen mir so erdgebunden vor, vielleicht weil ich mit ihm keine Türme, keine Berge, nicht einmal die Stufen zu den Cafés und Geschäften erklimmen konnte.
„Schaffen wir das?“ fragte ich Jono.
„Zusammen schaffen wir alles!“ Die Überzeugung in seiner Stimme war ansteckend. „Ich freue mich so darauf, die Wolken von oben zu sehen. Und das Meer! Und alles mit dir!“
Mir ging es genauso. Manchmal aber überflog mich ein Nebel aus Gewissensbissen. Dann spielten Fetzen aus dem Lied wieder und wieder in meinem Kopf als hinge die Nadel auf einem alten Plattenspieler in einem Kratzer fest:

„…selbst wenn man versagt…
mich eine weitere Meile
durch die Dunkelheit zu kämpfen.
Ich glaube an Engel.
Wenn meine Zeit gekommen ist
überquere ich die Straße…“

Anthony war so spürbar nahe an seiner Zeit. Und ich machte mir Gedanken über eine Urlaubsreise?
Doch er hatte seine Entscheidung, nicht um sein Leben zu kämpfen, selbst getroffen. Schon lange. Es hatte nichts mit mir zu tun und ich hatte nie eine Chance gehabt, etwas zu ändern. Wir hatten einander nur ein Stück des Weges begleiten können.
Doch eine bestimmte Fähigkeit und den Drang, das Leben in den Augenblicken wahrzunehmen und zu bewahren, die hatte er mich gelehrt. Das war sein Vermächtnis.
Nun würde er die Straße überqueren und ich ging hier weiter, auf dieser und an Jonos Seite.
Das unsichtbare Gespenst auf der Schaukel in den tiefen Schatten des Apfelbaums aber würde eine ganz eigene Ewigkeit lang anwesend bleiben.

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