Kapitel 26 – Weiße Spuren, bunte Sterne

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Kapitel 24 – Grüne Seelen

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Kapitel 18 – Von Amsel bis Zickenschulze

Ich stand mit der Dämmerung auf und mit den ersten Amselrufen, die in den Himmel stiegen wie die Hoffnung selbst. Mein Tee kribbelte im Magen als wäre er Sekt gewesen. Der Tag war dunstig und kühl, versprach aber mit einem verhaltenen Leuchten durch den Nebel, noch schön zu werden. Ich brauchte einen Moment allein mit dem Morgen, um in die Stille zu lauschen und zu begreifen, dass dieser Tag wirklich geworden war: der Tag, der von nun an in unsere Trauringe und unsere Geschichte eingraviert sein würde. Überall hingen weiße Girlanden, die ein befreundetes Pärchen gestern bei einem Blitzbesuch hinterlassen hatte. Es war die richtige Entscheidung gewesen, hier in unserem Paradieschen zu feiern. Das Echo dieser Stunden, die Schritte und das Lachen würden für immer in den Ecken zu Hause sein und durch die Jahre hallen, wann immer wir uns an eine schöne Erinnerung anlehnen mussten.
Im Schlafzimmer türmten sich die Sachen, die ich für die Hochzeitsreise zurechtgelegt hatte. In drei Tagen flogen wir nach Teneriffa. Das würde Jono gut tun. Er war nach dem langen Winter und dem Unfall immer noch ein wenig erschöpft und hatte eine Zeitlang Husten gehabt. Doch der Arzt hatte ihn sorgfältig abgehört. „Alles in Ordnung“, hatte er gesagt, „ein paar Wochen kanarisches Klima und Sie sind so gut wie neu.“

Ich weckte Jono und wir zogen ihm seinen Hochzeitsanzug an. So einfach war das nicht; wenn jemand beim Anziehen nicht aufstehen kann, muss jeder Handgriff sitzen. Ein neuer Stoff, ein anderer Schnitt, und schon wird es schwierig. Aber schließlich sah er umwerfend darin aus.
Kaum hatte ich mein Kleid an, stürmten auch schon Lilo und Fred herein, um den Brautstrauß und Kranz zu bringen und an uns herumzuzupfen. „Hier ist noch was Geliehenes und was Blaues“, sagte Lilo und wedelte mit einem Strumpfband und einem bestickten Taschentuch, während sich Fred bemühte, die Blume an Jonos Revers zu befestigen. „Wo sind die Ringe?“
„Hier!“ Es war ein wenig wie im Film, aber ich unterdrückte meine aufsteigende nervöse Heiterkeit. Eine beleidigte Lilo konnte ich jetzt nicht gebrauchen. Fred zwinkerte mir zu, offenbar ging es ihm genauso.

Wir waren tatsächlich pünktlich beim Standesamt. Die Männer schafften es, Jono über die Stufen zu tragen ohne dass etwas vom Rollstuhl abbrach oder er herausrutschte. Wir sagten nichts Falsches, wir ließen die Ringe nicht fallen und ich schaffte es sogar, mit meinem neuen Namen zu unterschreiben und nicht über den Standesbeamten zu lachen. Die Sonne schob vor Verwunderung die Wolken beiseite und schickte einen Strahl durch die bunten Fenster und selbst meine unsentimentale Familie war annähernd gerührt. Dann stieg Jono in den Elektrorollstuhl um, den er selbst steuern konnte, so dass er sich nicht mehr fühlen musste wie ein Paket.
Schließlich standen wir vor der Kirche. Die kirchliche Trauung bedeutete uns viel mehr als die standesamtliche. Wenn Onkel Felix uns seinen Segen gab konnte nichts schief gehen.

Auf dem Vorplatz mussten wir ein wenig warten, während das Kirchenportal eine Gruppe feierlich gekleideter Kommunionskinder entließ. Unsere Freunde und Verwandten sammelten sich nach und nach um uns. Hatten wir wirklich so viele? Die Kirchenglocke dröhnte großartig. Ich fröstelte ein wenig im Frühlingswind und weil mich der Augenblick erschütterte. Diese Glocken läuteten für uns! Mitten in all dem Frühlingsgrün und den vielen Menschen läuteten sie für uns. Ich stellte fest, dass es stimmt, was man sagt: an diesem Tag, als Braut, fühlte ich mich tatsächlich schön, vielleicht wegen dem Blumenkranz, wahrscheinlich aber, weil Jono wirklich sein Leben mit mir teilen wollte. Ich hatte Schönheit nie für wichtig gehalten. Schließlich stand ich am Tag bestimmt nicht mehr als drei Minuten vor dem Spiegel, ich hätte also nichts davon gehabt. Schönheit brauchte ich nur um mich herum, zumindest ein Stück Grün und Himmel. Aber in diesem Moment beschwingte dieses Gefühl seltsam. Jono strahlte auch, vielleicht nahm es sonst niemand wahr, aber ich sah es in seinen Augen.

Die Kirche war voll. Neben Jono ging ich vorsichtig durch das Orgelbrausen zum Altar. Das Summen des Rollstuhlmotors passte in die Musik. Vorne stand ein Stuhl, damit ich neben Jono auf Augenhöhe sitzen konnte. Ich spürte aller Augen in meinem Rücken und war froh, dass unsere liebsten Freunde als Trauzeugen hinter uns standen wie ein Schutzschild.
Dann fing Onkel Felix an zu sprechen und ich hörte nur noch seine Stimme, sah nur die hellen Kerzen – und Jono.
Onkel Felix hatte Jonos Annonce in der Zeitung nie gelesen, aber in seiner Predigt sprach auch er von Mut und davon, dass wir ein Vorbild seien, da wir uns von Jonos Behinderung nicht beirren ließen. So hatte ich das noch nicht gesehen und war verlegen, aber hinter uns schlich ein zustimmendes Flüstern durch die Reihen, und Onkel Felix sprach noch weitere schöne Sätze von Liebe und von den guten und den schlechten Zeiten und von Zusammengehörigkeit. Warm umfingen uns seine Worte, und dann legte er unsere Hände ineinander und seine Priesterstola darüber. Unser „Ich will!“ hallte überraschend laut in der stillen Kirche.
Zur allgemeinen Erheiterung küsste mich der Pfarrer, der ja nun auch mein Onkel war, noch bevor er es Jono erlaubte. Die aufbrandende Orgelmusik spülte uns inmitten eine ergriffenen Freundesmenge aus der Kirche zurück in den hellgrünen Maitag, der nun so warm geworden war, dass ich für die Fotos mein Bolerojäckchen ausziehen und mit meinem schulterfreien Kleid angeben konnte.

Auf der Fahrt von der Kirche nach Hause schien der Frühling noch verzauberter als zuvor. Löwenzahnblüten lagen golden auf dem Land und die Obstbäume schäumten weiß. Ihr Duft wehte zusammen mit der Autokolonne unserer Gäste wie eine Schleppe hinter uns her.
„Hopp!“ sagte Jono, als er aus dem Bus gerollt war, „auf meinen Schoß, jetzt trage ich dich über die Schwelle!“
„Meinst du, das geht?“ Wir mussten ja die kleine Schräge zur Haustür hoch, und ich dachte an Teneriffa und den Kartoffelchipssturz.
„Und wie das geht!“
Ich kletterte also möglichst elegant auf seinen Schoß und er gab Gas. Die Gäste versammelten sich in einer erwartungsvollen Traube hinter uns. Wir fuhren durch das Gartentor und zuckten zusammen. Ich hatte entschieden abgelehnt, dass jemand Blumen streut, da ich es nicht mag, auf Blumen zu treten. Irgendein Witzbold hatte sich das Streuen aber nicht nehmen lassen und die Blumen kurzerhand durch Knallerbsen ersetzt. Unter Jonos Reifen und unserem doppelten Gewicht gingen die ganz wunderbar hoch, so das wir knatternd und unter dem Jubel der Anwesenden die Rampe eroberten und Jono mich triumphierend durch die schmale Haustür kutschierte.

Johanna und ihr Mann Olli hatten zu Hause die Stellung gehalten und das Essen entgegengenommen, das alle Schüssel für Schüssel vor der Fahrt in die Kirche abgegeben hatten. Sie bauten den langen Tapetentisch im Wohnzimmer vor dem Panoramafenster auf und richteten ein grandioses und wunderbar romantisch dekoriertes Buffet her. Kein Catering-Service hätte das so hinbekommen.
Reginald, der Butler, entpuppte sich als ein Geschenk. Wie er in seiner tadellosen klassischen Butleruniform mit weißen Handschuhen an der Tür stand und die Gäste begrüßte war allein schon für Lacher gut, denn er passte zu unserem schuhschachtelförmigen Sechziger-Jahre-Bungalow wie Kaviar zu Currywurst. Für noch mehr Heiterkeit sorgte meine Schwiegermutter, die ihn für einen Freund hielt, ihm um den Hals fiel und ihn küsste. Er war zwar verblüfft, umfing sie aber galant. Ansonsten schaffte er es mit unfassbarer Schnelligkeit und Umsicht, dass jeder Gast einen Platz fand, zu trinken bekam und auch sonst rundum versorgt war. Mir blieb nichts zu tun als mich um Jono zu kümmern, mit den Freunden zu plaudern und den Tag tief auszukosten.

Statt Geschenken hatten wir uns Geld für die Hochzeitsreise gewünscht. Von meinem Trauzeugen bekamen wir jedoch noch etwas, das mir viel bedeutete. Er überreichte uns einen wunderschönen, mit einer frischen Efeuranke umwundenen venezianischen Hochzeitsleuchter aus Zinn, den sie zu ihrer eigenen Hochzeit in Venedig gekauft hatten und der nun uns Glück bringen sollte.
Was die Torte anging, so hatte meine Schwester sich selbst übertroffen. Sie bestand aus einer Schneelandschaft in mehreren Etagen und auf ihr applaudierte eine ganze Gesellschaft aus Pinguinen, die seit jenem Tag im Zoo längst zu unserem Wappentier geworden waren, einem lächelnden Pinguinbrautpaar, das ganz oben thronte. Vorsichtig schnitt ich sie an und verteilte großzügig Stücke. Sie schmeckte natürlich ebenso himmlisch, wie sie aussah.
Danach mussten wir unter allgemeiner Anteilnahme einen Eimer Sand sieben, in dem alle möglichen glücksbringenden kleinen Schätze versteckt waren. Als krönenden Abschluss überraschte uns der Butler damit, dass er sich umzog und als echt zillemäßig berlinischer „Zickenschulze“ mehrere Balladen sang und spielte.

Mit der Dunkelheit zauberte Jono Bodenfeuerwerk hervor und wir streuten zu den ohnehin vorhandenen Sternen eine Menge weitere in den Himmel. Der Schwan war Zeuge und wunderte sich von oben, hatte aber keine Einwände.
Als die Tür spätabends hinter den letzten Gästen zufiel, die uns so einstimmig wie glaubhaft versicherten, das sei die schönste und sinnvollste Hochzeit gewesen, die sie je erlebt hätten („und das waren schon viele…!“) küsste mich Jono und sagte: „Du, der Tag hätte nicht schöner sein können, aber jetzt möchte ich nur noch ins Bett!“ Mir ging es genauso. Ich brachte ihn ins Bett, stellte ein paar Reste in den Kühlschrank und trank noch einen Tee an demselben Küchenfenster, an dem ich den Morgen begrüßt hatte. Es fühlte sich an als sei das ein halbes Leben her, so erfüllt war der Tag gewesen. Ich hatte keine bestimmten Erwartungen an ihn gehabt, weil ich mir das alles gar nicht hatte vorstellen können – aber sie waren bei weitem übertroffen worden.
Draußen flötete eine Amsel im Schlaf, ein einziger Laut wie der Nachklang einer Glocke.

Kapitel 9 – Den Himmel in der Hand

Jono und ich legten eine Ideenschatzkiste an, eine kleine, mit altmodischen Blumen bemalte Holztruhe, in die wir gefaltete Zettel legten. Darauf schrieben wir, ehe wir sie in der Alltagseile wieder vergessen konnten, alle spontanen Ideen von Dingen, die wir zusammen machen wollten. Ein Picknick, Drachen steigen lassen, die Sternwarte besuchen, das Meer sehen, einen Vulkan besteigen, ach, es gab so vieles. Immer, wenn wir Zeit hatten, fischten wir einen Zettel heraus, aber die Kiste füllte sich schneller als wir sie leeren konnten.

Geburtstage wurde in meiner Familie zwar, wenn nicht vergessen, pflichtschuldigst mit Kuchen und ein paar Geschenken zur Kenntnis genommen, aber niemals für wichtig erachtet. „Geboren zu werden ist kein Verdienst“, sagte meine Mutter. Ich gab ihr recht, und Partys mochte ich sowieso nicht. Doch Jono sah das völlig anders. Für ihn hatten Geburtstage eine gewaltige Bedeutung. Der Weltuntergang selbst hätte ihn nicht davon abgehalten, sie mit Besuch, Essen, Karten, Anrufen, Geschenken und Dekoration zu zelebrieren. „Man muss doch feiern, dass man lebt!“
Ehe ich wusste, wie mir geschah, hatte er zu meinem dreißigsten Geburtstag Freunde eingeladen. Es war ein erst sonniger, dann aufregend gewittriger Augusttag und es wurde gegrillt, gelacht, gesungen und gespielt. Zu meiner Überraschung fühlte ich mich wohl unter diesen fremden Leuten, zu denen ich wie selbstverständlich gehörte.
Von Jono bekam ich unter anderem zwei längliche, liebevoll eingewickelte Päckchen. Wegen des Trubels kam ich nicht gleich dazu, sie auszupacken, bis Jono mich in eine stille Ecke lockte. Neugierig öffnete ich das eine. Darin war eine Zahnbürste.
Das zweite enthielt einen Hausschlüssel.
Ich glaube, das waren die beiden schönsten Geburtstagsgeschenke, die ich jemals bekommen habe.

Die Sommerferien begannen und ich verabschiedete mich von Alina. Mein Vertrag lief aus, ich war mir aber ziemlich sicher, dass sie im nächsten Schuljahr wieder allein dem Unterricht folgen konnte. Ob ich bald einen neuen Auftrag bekommen würde, blieb abzuwarten. Auch die Nachmittagskinder hatten Fortschritte gemacht und durften ihre Ferien genießen.
Jono nahm sich Urlaub und wir verwandelten einige der Wunschzettel aus der Schatzkiste in Erlebnisse, dann in kostbare Erinnerungen. Erst blieb ich eine halbe Woche bei ihm, dann eine ganze. Der Schwester von der Sozialstation sagten wir immer öfter ab. Ich lernte, Jono allein aus dem Bett zu helfen, ihm beim Waschen zu assistieren und ihn anzuziehen, ihn am Hosenbund von dem kleinen Zimmerrolli auf den Elektrorollstuhl zu ziehen und später von da auf das Sofa. Auf einmal konnte ich Dinge, die ich mir nie zugetraut hätte. Wenn ich Zweifel hatte, war es Anthony, der mir in seinen selten gewordenen Anrufen Mut machte und praktische Tipps gab, denn er war einmal Sanitäter gewesen.

Wir gestalteten den kleinen Garten neu. Jono hatte Sträucher und Blumen gepflanzt so gut er konnte und sie treu gegossen, aber es gab Ecken, an die er nicht heran kam. Stück für Stück begannen wir, uns ein Paradies zu bauen, mit einem kleinen Teich, der den Himmel spiegelte, mit Bänken und mehr Rosenbögen. Die Bänke waren klein, denn Jono konnte ja nicht mit mir darauf sitzen. Aber er stellte sich daneben, und das ging auch, obwohl die beiden Armlehnen zwischen uns, die der Bank und die vom Rollstuhl, manchmal ein wenig störten.
Anthony schloss zwar nicht aus, uns mal zu besuchen, konnte sich aber nie dazu entschließen. Unsere alte Vertrautheit kam nicht mehr auf. Die Zeiten änderten sich schneller als ich es begreifen konnte, aber es fühlte sich richtig an.

Als die Tage kürzer und die Blätter zu einen Farbenrausch wurden, gingen wir oft auf eine nahe Wiese und ließen einen fröhlich gestreiften Drachen steigen, den Jono mir geschenkt hatte. Für Jono war es schwer, mitten auf die Wiese zu fahren, die holperige Stellen, Dellen, Abhänge und kleine Gräben hatte, die man als Fußgänger gar nicht wahrnahm. Doch am Rande ging es nicht, schließlich befanden wir uns in einer Großstadt. Den Himmel mussten wir uns und dem Drachen erst erkämpfen. Der sollte ja weder in Strommasten noch in Satellitenschüsseln landen. Schließlich hatte Jono einen strategisch günstigen Platz mit Weitblick erobert, stellte den Rollstuhl schräg an einen kleinen Hügel so dass er es schaffte, den Kopf zu heben, und jagte mich gegen den Wind durch das hohe Gras und die späten Pusteblumen bis der Drachen ganz oben war. Dann gab ich Jono die Schnur und er ging so geschickt damit um, dass er fast jeden drohenden Absturz durch einen kleinen Zug verhindern konnte.

Für mich waren das vollkommene Momente. Es war alles voller Himmel: er war so weit und nahe zugleich, als hätten wir durch die scheinbar endlose Schnur, an welcher der Drachen so leicht in unseren Händen flatterte, eine direkte Verbindung zu ihm. Die Tage waren hell und lang und gehörten uns, eine warme Brise flüsterte Geheimnisse ins Schilf, die klare Luft schmeckte nach Glück und Jonos einzigartiges Lächeln galt mir. Mir fiel nichts ein, was ich mir noch hätte wünschen können. Dass Jono neben mir hätte über die Wiese rennen, dass wir uns zusammen ins Spätsommergras hätten legen können? Ja, das wäre undenkbar schön gewesen! Aber es war, wie es war. Und: wären diese Momente so groß und kostbar gewesen, hätten wir sie uns nicht erobern müssen durch das mühsame Aufstehen, Anziehen, den schwierigen Weg?
„Es hat auch seine Vorteile“, sagte Jono, der meine Gedanken erriet.
Während wir noch die Schnur aufwickelten – der Drachen wollte so wenig aus dem inzwischen goldroten Abendhimmel herunter wie unsere Stimmung – kam eine schick gekleidete Dame auf einem Fahrrad holperig über die weite Wiese gefahren, auf der sich außer ihr und uns und einem wilden Kaninchen niemand befand. „Müssen Sie hier so im Weg stehen?“ raunzte sie Jono an. Verblüfft sahen wir ihr nach und brachen dann in schallendes Gelächter aus.
Wie sie die Welt wahrnahm, konnten wir uns nicht ansatzweise vorstellen. Aber eines war sicher: Sie hatte zwar ein gesundes und ansehnliches Paar nylonbestrumpfter Beine, aber wir waren zweifellos glücklicher.

Als die Herbstblätter müde und braun wurden, der kühle Wind dafür stärker, musste ich eine Weile ins Krankenhaus. Jono besuchte mich täglich, obwohl es eine unglaubliche Anstrengung für ihn war. Der Behindertenfahrdienst holte ihn nach einem langen Tag im Büro ab, unterwegs stand er im Stau, und wenn er zuhause vorfuhr, wartete manchmal schon der Bus, der ihn zum Krankenhaus bringen sollte. Dann hatte er keine Zeit, sich auszuruhen, keine, Abendbrot zu essen, und dennoch war er jeden Abend da und machte mir Mut. Als ich entlassen wurde, stand für uns beide fest, dass ich erst einmal bei ihm wohnen würde. Ich nahm ein Taxi. Als ich die Tür öffnete, saß Jono, der Minuten vorher von der Arbeit gekommen war, am Esszimmertisch und hatte gerade mit einem roten Filzstift ein riesiges Herz direkt auf die Holzplatte gemalt und „Herzlich Willkommen!“ hinein geschrieben.
„Bist du verrückt, das geht doch nicht mehr ab!“ lachte ich.
„Na und – soll es ja auch nicht! Außerdem kam ich gerade nicht an das Papier.“ Jono strahlte, und ich hatte mich noch nie irgendwo so willkommen und so zuhause gefühlt.
Das Herz ging tatsächlich nicht ab und entlockte mir und allen Besuchern noch lange ein Lächeln.