Kapitel 11 – Ein Lächeln auf Rot

„Da wollen wir rein? Ist das dein Ernst?“
Wir standen vor dem Spielcasino in Jonos Kurort. Ein wunderschönes historisches Gebäude, aber es hätte mir völlig genügt, es von außen zu betrachten. Meine Erziehung rebellierte. „Um Geld spielt man nicht, höchstens um Kekse“, hörte ich die Stimme meines Vaters. Außerdem ließ die Sonne den Rasen leuchten und die Pfützen glitzern. In den Pappeln flüsterte Frühsommerwind. Nichts zog mich in einen düsteren Raum.
„Wann haben wir sonst die Gelegenheit? Wenn du noch nie in einem Spielcasino warst, ist es höchste Zeit.“ Wenn sich Jono etwas in den Kopf gesetzt hatte, war er nicht davon abzubringen. Er verpasste keine Chancen, wenn es darum ging, Erfahrungen zu machen, denn viele blieben ihm verwehrt, seit er im Rollstuhl saß. Davor allerdings hatte er auch nichts ausgelassen.
Außerdem vertraute ausgerechnet er mit Überzeugung auf sein Glück.
Ich dachte an meine Oma, die bis zu ihrem Tod mit neunzig Jahren eine elegante, unternehmungslustige Frau geblieben war. Sie hatte oft vom Spielcasino erzählt, anscheinend war sie ganz gerne mal dort gewesen. Warum also eigentlich nicht. Aber…
„Das können wir uns doch gar nicht leisten.“ Wieso war ich eigentlich immer so vorsichtig?
„Wenn wir hundert Mark verloren haben, gehen wir“, versicherte Jono.
„Na, du bist gut. Außerdem, du trägst ja keinen Schlips!“ Triumphierend wies ich auf das Schild neben der Tür. „Ohne Krawatte kommst du hier gar nicht rein.“
„Die kann man leihen. Aber greif mal in meine Innentasche.“
Ich zog etwas Weiches heraus. Natürlich. Der Mann war immer vorbereitet. „Ich kann aber keinen Krawattenknoten binden!“ war mein letzter schwacher Protest.
„Ist schon gebunden, du brauchst ihn bloß auf- und zuschieben.“
Ein wenig schief saß die Krawatte trotzdem, egal wie sehr ich daran herumfummelte, aber das war Jono herzlich egal. Er sah übrigens gut aus mit dem Ding.

„Nun komm schon.“ Souverän tauschte Jono am Eingang die hundert Mark in die berühmten Plastikchips um. Jetons.
Drinnen war es dämmrig und still, wie ich mir gedacht hatte. Nur über den Spieltischen hing Beleuchtung. Jono steuerte zielstrebig auf einen Roulettetisch zu. „Wie oft warst du schon hier?“ fragte ich argwöhnisch.
„Nur einmal, letztes Jahr. Hier, leg das auf die 9!“ Er schob mir mit dem Finger einen Chip zu. Da er den Arm nicht heben konnte, setzte ich die Jetons auf die grünen Samtfelder. Ich kam mir auf einmal angenehm verrucht vor. Die 9 war unsere Glückszahl. Diesmal allerdings gewann sie nicht.
Mit uns am Tisch saßen Menschen in unserem Alter und aufwärts. Mehrere wirklich alte Damen fielen mir auf, elegant und dunkel gekleidet, mit schwerem Goldschmuck an Fingern und Hals. Die Anwesenden beachteten einander nicht, sie waren alle nur auf den Tisch konzentriert und die Plastikplättchen, die ernst und wortlos hin- und hergeschoben wurden als gäbe es draußen keine Welt. Ich musste den Drang unterdrücken, albern zu kichern. Doch dann stockte mir der Atem angesichts der Beträge, die da seelenruhig gesetzt, verloren und gewonnen wurden, fünfhundert- und tausend-Mark-Chips in ganzen Stapeln. Was mich aber eisig berührte war die Unbewegtheit mit der selbst hohe Gewinne eingestrichen wurden. Keine Freude huschte über eines der Gesichter, die mit ihren ehrwürdigen Lebensspuren so geeignet dafür gewesen wären, Gefühle auszudrücken. Kein Ärger, kein Erschrecken bei hohen Verlusten. Gleichmütig wurden Geldstapel in Lederhandtaschen verstaut oder aus ihnen entnommen, doch ein Lächeln fand niemand in ihren Tiefen und auch kein Gespräch mit dem Tischnachbarn.
„Warum um Himmelswillen sind sie hier, wenn sie sich nicht amüsieren?“ flüsterte ich Jono zu.
„Keine Ahnung“, sagte er, „verstehe ich auch nicht. Setz mal auf das 18er-Carree.“
Doch auch damit gewannen wir nichts. Die hundert Mark hatten wir bald verspielt. Aber ich gab zu, dass es Spaß gemacht hatte.
Mit Anthony hatte ich nur geträumt. Mit Jono aber ging ich neue Wege.
Immerhin wusste ich jetzt, wie für mich die Hölle aussehen würde, wenn ich an sie geglaubt hätte. Die aber war in meiner Erziehung zum Glück nicht vorgekommen. Dennoch: Ab heute stellte ich sie mir voll alter Damen vor, die in einem dunklen Saal den ganzen Tag Roulette spielen mussten ohne einmal zu lächeln. „Komm, lass uns gehen!“
„Nein, mit Verlust gehe ich nicht. Wir setzen jetzt noch meinen Reserve-Hunni auf Rot.“
„Aber das ist doch gerade das Gefährliche, dass man immer denkt, man kann die Verluste wieder reinholen!“
„Wenn das schief geht, gehen wir. Versprochen“.
Also tauschten wir den Reservehunni noch einmal gegen Chips, die ich für Jono alle auf Rot setzte. Ich hätte sie auf Schwarz gesetzt. Schwarz wie Schreibtinte, schwarz wie mein geliebter Nachthimmel, durch den der Schwan flog. Aber Jono setzte auf Rot, für die Liebe, sagte er.
Und Jono gewann. Nun hatten wir den verlorenen Hunderter also wieder. Ich war beruhigt. „Komm!“
Doch Jono schaltete den Rollstuhl noch immer nicht an. „Ohne Gewinn geh ich hier nicht raus!“ sagte er. „Wir setzen noch mal hundert auf Rot!“
Mir schwante Schlimmes.
Doch Jono gewann. „So“, sagte er. „Und jetzt gehen wir!“ Wir ließen die alten Damen ohne Lächeln zurück und ignorierten die vorwurfsvollen Blicke des Croupiers, als er die Sandspuren sah, die Jonos Reifen auf dem roten Teppich hinterließen. Wir waren ihm wegen der geringen Beträge ohnehin ein Dorn im Auge gewesen. Und geredet und gelacht hatte wir auch!
„Und mit dem Gewinn machen wir etwas Besonderes“, sagte Jono zufrieden.

Draußen vor dem Eingang pickte ein Pfau im Sand. Seine Federn blitzten blaue Augen in das schräge Abendsonnenlicht. Als er Jonos Reifen auf dem Weg knirschen hörte, blickte er auf und schlug ein Rad. Wie die bunten Kreise, die er uns zeigte, so hatte ich mit der Erinnerung an diesen Casinobesuch einen schillernden Fleck mehr in meiner Geschichte.

So war das Leben mit Jono. Wir investierten und verloren anfangs meist: Zeit, Kraft und Mühe. Wenn wir aus dem Haus gingen, mussten wir z. B. an diverse Hilfsmittel denken, die wir mitnehmen mussten, auch an den Schlüssel für die Behindertentoiletten. Eventuell mussten wir Tage vorher den Behindertenfahrdienst buchen. Allein schon, Jono die Jacke anzuziehen war schwierig. Dazu stellte er den Rollstuhl auf einen bestimmten Winkel ein, dann musste ich ihn vorsichtig in eine vorgebeugte Stellung ziehen, aber nicht zu weit, sonst hätte er die Balance verloren und wäre vornüber gefallen. Dann den einen Arm in den Ärmel, beim zweiten war das schon schwieriger, den musste ich dafür ziemlich weit nach hinten ziehen, fast bis an Jonos Schmerzgrenze. Dann im Rücken glatt streichen damit nichts drückte wenn er sich zurücklehnte. Zurücklehnen, Rollstuhl einstellen, Jacke zumachen, den Gurt schließen. All dies dauerte länger als bei anderen Leuten und benötigte mehr Konzentration und Vorbereitung. Vieles war ein kleines Risiko. Wir setzten jedes Mal Jetons auf die grünen Felder unserer Welt.
Doch jedes Erlebnis wurde dadurch intensiver, dass es erkämpft werden musste und wir es dadurch um so mehr auskosteten. Wir waren gezwungen, mehr auf Kleinigkeiten zu achten, auf die Beschaffenheit der Wege und die Breite von Türen. Wir sahen mehr als andere, und wir freuten uns mehr als andere.
Und darum kamen wir nie ohne Gewinn nach Hause.