Kapitel 18 – Von Amsel bis Zickenschulze

Ich stand mit der Dämmerung auf und mit den ersten Amselrufen, die in den Himmel stiegen wie die Hoffnung selbst. Mein Tee kribbelte im Magen als wäre er Sekt gewesen. Der Tag war dunstig und kühl, versprach aber mit einem verhaltenen Leuchten durch den Nebel, noch schön zu werden. Ich brauchte einen Moment allein mit dem Morgen, um in die Stille zu lauschen und zu begreifen, dass dieser Tag wirklich geworden war: der Tag, der von nun an in unsere Trauringe und unsere Geschichte eingraviert sein würde. Überall hingen weiße Girlanden, die ein befreundetes Pärchen gestern bei einem Blitzbesuch hinterlassen hatte. Es war die richtige Entscheidung gewesen, hier in unserem Paradieschen zu feiern. Das Echo dieser Stunden, die Schritte und das Lachen würden für immer in den Ecken zu Hause sein und durch die Jahre hallen, wann immer wir uns an eine schöne Erinnerung anlehnen mussten.
Im Schlafzimmer türmten sich die Sachen, die ich für die Hochzeitsreise zurechtgelegt hatte. In drei Tagen flogen wir nach Teneriffa. Das würde Jono gut tun. Er war nach dem langen Winter und dem Unfall immer noch ein wenig erschöpft und hatte eine Zeitlang Husten gehabt. Doch der Arzt hatte ihn sorgfältig abgehört. „Alles in Ordnung“, hatte er gesagt, „ein paar Wochen kanarisches Klima und Sie sind so gut wie neu.“

Ich weckte Jono und wir zogen ihm seinen Hochzeitsanzug an. So einfach war das nicht; wenn jemand beim Anziehen nicht aufstehen kann, muss jeder Handgriff sitzen. Ein neuer Stoff, ein anderer Schnitt, und schon wird es schwierig. Aber schließlich sah er umwerfend darin aus.
Kaum hatte ich mein Kleid an, stürmten auch schon Lilo und Fred herein, um den Brautstrauß und Kranz zu bringen und an uns herumzuzupfen. „Hier ist noch was Geliehenes und was Blaues“, sagte Lilo und wedelte mit einem Strumpfband und einem bestickten Taschentuch, während sich Fred bemühte, die Blume an Jonos Revers zu befestigen. „Wo sind die Ringe?“
„Hier!“ Es war ein wenig wie im Film, aber ich unterdrückte meine aufsteigende nervöse Heiterkeit. Eine beleidigte Lilo konnte ich jetzt nicht gebrauchen. Fred zwinkerte mir zu, offenbar ging es ihm genauso.

Wir waren tatsächlich pünktlich beim Standesamt. Die Männer schafften es, Jono über die Stufen zu tragen ohne dass etwas vom Rollstuhl abbrach oder er herausrutschte. Wir sagten nichts Falsches, wir ließen die Ringe nicht fallen und ich schaffte es sogar, mit meinem neuen Namen zu unterschreiben und nicht über den Standesbeamten zu lachen. Die Sonne schob vor Verwunderung die Wolken beiseite und schickte einen Strahl durch die bunten Fenster und selbst meine unsentimentale Familie war annähernd gerührt. Dann stieg Jono in den Elektrorollstuhl um, den er selbst steuern konnte, so dass er sich nicht mehr fühlen musste wie ein Paket.
Schließlich standen wir vor der Kirche. Die kirchliche Trauung bedeutete uns viel mehr als die standesamtliche. Wenn Onkel Felix uns seinen Segen gab konnte nichts schief gehen.

Auf dem Vorplatz mussten wir ein wenig warten, während das Kirchenportal eine Gruppe feierlich gekleideter Kommunionskinder entließ. Unsere Freunde und Verwandten sammelten sich nach und nach um uns. Hatten wir wirklich so viele? Die Kirchenglocke dröhnte großartig. Ich fröstelte ein wenig im Frühlingswind und weil mich der Augenblick erschütterte. Diese Glocken läuteten für uns! Mitten in all dem Frühlingsgrün und den vielen Menschen läuteten sie für uns. Ich stellte fest, dass es stimmt, was man sagt: an diesem Tag, als Braut, fühlte ich mich tatsächlich schön, vielleicht wegen dem Blumenkranz, wahrscheinlich aber, weil Jono wirklich sein Leben mit mir teilen wollte. Ich hatte Schönheit nie für wichtig gehalten. Schließlich stand ich am Tag bestimmt nicht mehr als drei Minuten vor dem Spiegel, ich hätte also nichts davon gehabt. Schönheit brauchte ich nur um mich herum, zumindest ein Stück Grün und Himmel. Aber in diesem Moment beschwingte dieses Gefühl seltsam. Jono strahlte auch, vielleicht nahm es sonst niemand wahr, aber ich sah es in seinen Augen.

Die Kirche war voll. Neben Jono ging ich vorsichtig durch das Orgelbrausen zum Altar. Das Summen des Rollstuhlmotors passte in die Musik. Vorne stand ein Stuhl, damit ich neben Jono auf Augenhöhe sitzen konnte. Ich spürte aller Augen in meinem Rücken und war froh, dass unsere liebsten Freunde als Trauzeugen hinter uns standen wie ein Schutzschild.
Dann fing Onkel Felix an zu sprechen und ich hörte nur noch seine Stimme, sah nur die hellen Kerzen – und Jono.
Onkel Felix hatte Jonos Annonce in der Zeitung nie gelesen, aber in seiner Predigt sprach auch er von Mut und davon, dass wir ein Vorbild seien, da wir uns von Jonos Behinderung nicht beirren ließen. So hatte ich das noch nicht gesehen und war verlegen, aber hinter uns schlich ein zustimmendes Flüstern durch die Reihen, und Onkel Felix sprach noch weitere schöne Sätze von Liebe und von den guten und den schlechten Zeiten und von Zusammengehörigkeit. Warm umfingen uns seine Worte, und dann legte er unsere Hände ineinander und seine Priesterstola darüber. Unser „Ich will!“ hallte überraschend laut in der stillen Kirche.
Zur allgemeinen Erheiterung küsste mich der Pfarrer, der ja nun auch mein Onkel war, noch bevor er es Jono erlaubte. Die aufbrandende Orgelmusik spülte uns inmitten eine ergriffenen Freundesmenge aus der Kirche zurück in den hellgrünen Maitag, der nun so warm geworden war, dass ich für die Fotos mein Bolerojäckchen ausziehen und mit meinem schulterfreien Kleid angeben konnte.

Auf der Fahrt von der Kirche nach Hause schien der Frühling noch verzauberter als zuvor. Löwenzahnblüten lagen golden auf dem Land und die Obstbäume schäumten weiß. Ihr Duft wehte zusammen mit der Autokolonne unserer Gäste wie eine Schleppe hinter uns her.
„Hopp!“ sagte Jono, als er aus dem Bus gerollt war, „auf meinen Schoß, jetzt trage ich dich über die Schwelle!“
„Meinst du, das geht?“ Wir mussten ja die kleine Schräge zur Haustür hoch, und ich dachte an Teneriffa und den Kartoffelchipssturz.
„Und wie das geht!“
Ich kletterte also möglichst elegant auf seinen Schoß und er gab Gas. Die Gäste versammelten sich in einer erwartungsvollen Traube hinter uns. Wir fuhren durch das Gartentor und zuckten zusammen. Ich hatte entschieden abgelehnt, dass jemand Blumen streut, da ich es nicht mag, auf Blumen zu treten. Irgendein Witzbold hatte sich das Streuen aber nicht nehmen lassen und die Blumen kurzerhand durch Knallerbsen ersetzt. Unter Jonos Reifen und unserem doppelten Gewicht gingen die ganz wunderbar hoch, so das wir knatternd und unter dem Jubel der Anwesenden die Rampe eroberten und Jono mich triumphierend durch die schmale Haustür kutschierte.

Johanna und ihr Mann Olli hatten zu Hause die Stellung gehalten und das Essen entgegengenommen, das alle Schüssel für Schüssel vor der Fahrt in die Kirche abgegeben hatten. Sie bauten den langen Tapetentisch im Wohnzimmer vor dem Panoramafenster auf und richteten ein grandioses und wunderbar romantisch dekoriertes Buffet her. Kein Catering-Service hätte das so hinbekommen.
Reginald, der Butler, entpuppte sich als ein Geschenk. Wie er in seiner tadellosen klassischen Butleruniform mit weißen Handschuhen an der Tür stand und die Gäste begrüßte war allein schon für Lacher gut, denn er passte zu unserem schuhschachtelförmigen Sechziger-Jahre-Bungalow wie Kaviar zu Currywurst. Für noch mehr Heiterkeit sorgte meine Schwiegermutter, die ihn für einen Freund hielt, ihm um den Hals fiel und ihn küsste. Er war zwar verblüfft, umfing sie aber galant. Ansonsten schaffte er es mit unfassbarer Schnelligkeit und Umsicht, dass jeder Gast einen Platz fand, zu trinken bekam und auch sonst rundum versorgt war. Mir blieb nichts zu tun als mich um Jono zu kümmern, mit den Freunden zu plaudern und den Tag tief auszukosten.

Statt Geschenken hatten wir uns Geld für die Hochzeitsreise gewünscht. Von meinem Trauzeugen bekamen wir jedoch noch etwas, das mir viel bedeutete. Er überreichte uns einen wunderschönen, mit einer frischen Efeuranke umwundenen venezianischen Hochzeitsleuchter aus Zinn, den sie zu ihrer eigenen Hochzeit in Venedig gekauft hatten und der nun uns Glück bringen sollte.
Was die Torte anging, so hatte meine Schwester sich selbst übertroffen. Sie bestand aus einer Schneelandschaft in mehreren Etagen und auf ihr applaudierte eine ganze Gesellschaft aus Pinguinen, die seit jenem Tag im Zoo längst zu unserem Wappentier geworden waren, einem lächelnden Pinguinbrautpaar, das ganz oben thronte. Vorsichtig schnitt ich sie an und verteilte großzügig Stücke. Sie schmeckte natürlich ebenso himmlisch, wie sie aussah.
Danach mussten wir unter allgemeiner Anteilnahme einen Eimer Sand sieben, in dem alle möglichen glücksbringenden kleinen Schätze versteckt waren. Als krönenden Abschluss überraschte uns der Butler damit, dass er sich umzog und als echt zillemäßig berlinischer „Zickenschulze“ mehrere Balladen sang und spielte.

Mit der Dunkelheit zauberte Jono Bodenfeuerwerk hervor und wir streuten zu den ohnehin vorhandenen Sternen eine Menge weitere in den Himmel. Der Schwan war Zeuge und wunderte sich von oben, hatte aber keine Einwände.
Als die Tür spätabends hinter den letzten Gästen zufiel, die uns so einstimmig wie glaubhaft versicherten, das sei die schönste und sinnvollste Hochzeit gewesen, die sie je erlebt hätten („und das waren schon viele…!“) küsste mich Jono und sagte: „Du, der Tag hätte nicht schöner sein können, aber jetzt möchte ich nur noch ins Bett!“ Mir ging es genauso. Ich brachte ihn ins Bett, stellte ein paar Reste in den Kühlschrank und trank noch einen Tee an demselben Küchenfenster, an dem ich den Morgen begrüßt hatte. Es fühlte sich an als sei das ein halbes Leben her, so erfüllt war der Tag gewesen. Ich hatte keine bestimmten Erwartungen an ihn gehabt, weil ich mir das alles gar nicht hatte vorstellen können – aber sie waren bei weitem übertroffen worden.
Draußen flötete eine Amsel im Schlaf, ein einziger Laut wie der Nachklang einer Glocke.

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Kapitel 17 – Stilblüten

„Hast du schon ein Kleid?“ hatte mich Lilo vor ein paar Wochen gefragt. Sie war eine mütterlich veranlagte Bekannte von Jono und mir.
„Ein Kleid? Wozu?“ Ich war gerade mit der Frage beschäftigt, ob die Schnecken oder die Wühlmäuse die Tulpenzwiebeln gefressen hatten.
„Im allgemeinen heiratet man in einem Kleid.“ Ihr strenger Blick wanderte zu dem ausgefransten Loch in meiner Hose. Meine Jeans hatten alle ein Loch am rechten Knie, spätestens nachdem ich sie zwei Wochen getragen hatte. Wenn ich Jono die Hosen und Socken und Schuhe an und aus oder ihn aus dem Rollstuhl ins Bett oder auf das Sofa zog stützte ich mich immer mit dem rechten Knie am Boden oder irgendeiner Kante ab. Ich hatte es aufgegeben, Flicken draufzunähen. Erstens konnte ich nicht nähen und zweitens waren die nach weiteren zwei Wochen ebenso durch. Ich trug mein Loch am Knie eben als Zeichen meiner Liebe zu Jono und amüsierte mich über die neugierigen Blicke der Kleinkinder und die erstaunten ihrer schicken Mütter. Dabei gibt es teure Designer-Jeans, in denen schon beim Kauf ein Loch drin ist. Das kostet dann extra.

„Du kommst morgen mit!“ entschied Lilo. „Da ist doch dieses nette Brautmodengeschäft gegenüber vom Friedhof. Die kennen mich. Da finden wir was Anständiges.“ Lilo hatte vier verheiratete Töchter und neun Enkelinnen im heiratsfähigen Alter. Sie kannte sich aus. Ich fügte mich, obwohl ich nie gedacht hatte, dass ausgerechnet ich diesen Laden einmal betraten würde, in dessen Fenster unglaubwürdig schöne Puppen in dauerhaft strahlendem Weiß hochmütig in die schlammige Straßenflucht blickten. Ich hatte mich immer in die Kategorie graue Maus eingeordnet, was mir nie viel ausgemacht hatte. Aber für Jono wollte ich wirklich schön sein – na ja, so schön wie möglich eben. „Schöne Frauen sind Bonbons für die Augen“, hatte er einmal gesagt. Da konnte ich ihm ja zur Hochzeit mal ein wenig entgegenkommen.

Der Laden war klein und ein wenig muffig. Ich sah mich staunend um, während die Inhaberin mit ausgestreckten Händen auf Lilo zugestürmt kam. Mich übersah sie zunächst, dem Himmel sei Dank. „Ach wie schön, dass Sie uns wieder beehren! Welche Tochter ist es denn diesmal, oder sind Ihre reizenden Enkelinnen etwa schon so weit?“
„Nein“, sagte Lilo, „ich habe eine Freundin mitgebracht.“
„Ach so!“ Die Dame sah mich und mein Loch im Knie abschätzend an. Vielleicht tue ich ihr unrecht, aber ich war mir ziemlich sicher, das ihr Blick ein „das-wird-aber-schwierig-aus-der-was-zu-machen“ bedeutete. Ich teilte ihre Meinung, vor allem angesichts der Kleider, die sie anzuschleppen begann und die jeden freien Winkel besetzten. Überwältigende Kumuluswolken aus Tüll und Gaze bauten sich bedrohlich um mich herum auf als wäre ein schweres Sommergewitter im Anmarsch, garniert mit Hagelkörnern aus Strass.
Die skeptische Dame hielt mir ein unfangreiches Gebilde voll Rüschen und künstlicher Rosenknospen an. „Bezaubernd!“ flötete sie versuchsweise.
„Ich bin keine achtzehn mehr. Und wenn Jono mich darin sieht, läuft er schreiend davon!“ erklärte ich mit Überzeugung.
„Nun, das kann er ja wohl nicht“, meinte Lilo. „Der Verlobte sitzt im Rollstuhl“ sagte sie erklärend zu der Dame, deren Augenbrauen noch eine Etage höher rutschten. Fast hätte sie gefragt, warum ich dann heiraten wollte, ich sah es ihr deutlich an. Aber noch war ich potentielle Kundin. Sie schluckte es herunter.
„Genau“, sagte ich, „Rollstuhl. Deshalb werde ich nicht in einer Schleppe neben ihm laufen, die sich in den Speichen verfängt und nicht in einem langen weiten Rüschenrock, der sich am Hebel festhakt und im entscheidenden Moment die Bremse anzieht. Auch nicht in einem Schleier, der Jono jedes Mal die Sicht nimmt, wenn ich ihm zu nahe komme.“
Wir verließen den Laden ohne Erfolg.

Irgendwie wurde ich Lilo los, machte mir zuhause einen Tee, kramte den dicken Stapel unbenutzter Versandhauskataloge aus der Ecke hervor unter dem ich bunte Herbstblätter gepresst hatte, und blätterte. Und blätterte. Ich brauchte ein kurzes Kleid, das nicht mit Jonos Rädern ins Gehege kommen konnte. Die laute Stimme der skeptischen Dame klang mir noch in den Ohren. „Diese Saison ist Violett angesagt, oder wenigstens Weinrot… Smaragdgrün ist auch ganz neu in der Kollektion…!“ Ich schüttelte den Kopf. Weiß, ja, weiß sollte es schon sein. Ich begann mir gerade auszumalen wie sich Anthony über die ganze Kleiderkomödie amüsiert hätte, da fiel mir ein, was er sagen würde: „Stell dir einfach vor, wie ich dich gezeichnet hätte!“ Keine fünf Minuten später wurde ich fündig. Ein schlichtes knapp knielanges Cocktailkleid aus einem etwas schwereren mattweißen Stoff mit einer dezenten Struktur. Es war schulterfrei und der Rock ein klein wenig ausgestellt mit einer einzigen Falte. Dazu gehörte ein kurzes Bolerojäckchen mit einem pfiffigen Stehkragen. „Das ist es!“ Ich griff nach dem Telefon und bestellte kurzerhand und hochzufrieden, ohne noch irgendjemanden um Rat zu fragen.
Selbst Lilo war überzeugt, als ich ihr das Kleid vorführte. „Hast recht, das passt zu dir. Eine gute Wahl,“ sagte sie widerstrebend. „Nur, hier, in der Taille, das würde noch viel besser sitzen wenn es etwas enger wäre.“
Ich drehte mich prüfend vor dem Spiegel. „Kannst du da nicht einen Abnäher machen?“ fragte ich hoffnungsvoll.
Energisch schüttelte sie den Kopf. „Das muss richtig gemacht werden. Die im Brautmodengeschäft machen auch Änderungen.“
„Du meinst, ich kann da mit diesem Kleid hingehen, das ich nicht bei ihr gekauft habe…?“ Ich versuchte mir das Gesicht der skeptischen Dame vorzustellen. Es war verlockend.
„Du brauchst sowieso noch was für den Kopf“, erklärte Lilo. „Das können wir bei der Gelegenheit gleich mitnehmen.“

Also klemmten wir uns das Kleid unter den Arm und wagten uns in die Höhle des Löwen. Die skeptische Dame begutachtete das Kleid mit spitzen Fingern. „Das ist Ware von der Stange!“ sagte sie als wäre ein Skorpion aus der Tüte gekrochen. „In so etwas kann man nicht heiraten!“
„Können Sie es ändern oder nicht?“ erkundigte sich Lilo betont freundlich. Der Dame fielen Lilos Enkelinnen ein. Sie bügelte ihre Stirn, vergaß aber ihre vornehme Ausdrucksweise. „Na, denn ziehn se’s mal an.“
Ich stand brav still, während sie mit Stecknadeln hantierte. Inzwischen apportierte Lilo diverse Strassspangen und Haarreifen mit Seidenblüten und probierte sie an mir aus. Der angewiderte Gesichtsausdruck der Hausherrin lichtete sich etwas. Warum, verstand ich als ich aus dem Augenwinkel einen Blick auf das Preisschild eines Gazehütchens erhaschte, das Lilo hinreißend fand. Auf meinem Kopf sah es aus wie ein verlorenes Taschentuch.
„So“, sagte die Dame, „Jetzt ziehen Sie es vorsichtig aus. Und was ist nun mit der Kopfbedeckung?“
Ich zog die Stecknadeln aus mir heraus und dabei kam mir der rettende Einfall. „Das wird nicht nötig sein. Ich habe mich für einen Kranz aus frischen Blumen entschieden.“
Das gab ihr den Rest. „Echte Blumen?“ Ihre Stimme überschlug sich.
„Wann können wir das Kleid abholen?“ fragte Lilo hastig.
„Übermorgen!“ Und kommen Sie bitte nie wieder, dachte die arme Frau. Man sah es ihr an. Wir hatten sie geschafft.

Drei Tage vor der Hochzeit bestellten wir im Blumengeschäft den Brautstrauß und ein Anstecksträußchen für Jonos todschicken Anzug. Den hatten wir aus dem Rollimoden-Katalog. Eine normal lange Jacke hätte nie gesessen, aber es gibt extra Hosen- und Jackenschnitte für Rollstuhlfahrer. Der Blumenkranz allerdings stellte die freundliche Floristin vor Probleme. „Das hab ich noch nie gemacht.“ Ratlos zog sie an ihrem Ohrläppchen. „Wir machen nur Kränze für Beerdigungen!“
Ich dachte an Anthony und schluckte. Seine Asche war inzwischen anonymer Teil einer Wiese in Potsdam. Aber wie hätte er jetzt gelacht!
„Aber dann können Sie doch Kränze. Vielleicht können Sie das etwas…abwandeln,“ bat ich.
„Hmm…“ Sie dachte angestrengt nach und ging sich mit ihrem Chef beraten.
Auf den Blumenkranz war ich gekommen weil ich mich daran erinnerte, wie meine stolzen Großtanten mir zur Feier meines vierten Geburtstags einen solchen aufgesetzt hatten. Er juckte und stach – aber ich fühlte mich wunderbar und schön, gekrönt von meinen Freunden, den Blumen, unangreifbare Prinzessin in meinem geliebten geheimnisvollen duftenden Gartenkönigreich. Später in der Schulzeit hatte ich mir dieses Gefühl manches Mal zurückgewünscht und es auf den Blumenkranz geschoben.
Warum also nicht die Gelegenheit nutzen und noch einmal in meinem Leben einen Blumenkranz tragen?
Die Verkäuferin kam zurück. „Doch, das kriegen wir hin,“ sagte sie, „Mit Schleierkraut, das hält lange genug, auch ohne Wasser.“
Ich war zufrieden. Jetzt passte alles.
Denn mit Jono fühlte ich mich wie damals als Blumenprinzessin: sicher, frei und glücklich in einer grünleuchtenden, verheißungsvollen Welt.

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