Kapitel 7 – Jono

Ich fuhr zur Arbeit jeden Tag zwei Stunden mit der Bahn; so hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Zum Beispiel über Tinas Einwände. Ich mochte doch Anthony nicht, weil er über vierzig, sondern weil er Anthony war! Weil er einen Zauber über die Welt und ihre Dinge legte. Weil ich mit ihm hemmungslos albern sein konnte und Verrücktheiten ausspinnen, wie mit niemand anderem. Einmal gestand ich ihm, dass ich als Kind immer Angst hatte, die Beine aus dem Bett zu hängen und immer blitzschnell aufstand, weil ich davon überzeugt war, dass in dem dunklen Raum unter dem Bett ein bösartiger grüner Kuckuck hauste, der mich bei erster Gelegenheit in die Waden zwicken würde. Nachdem Anthony mit Lachen fertig war, begann er nach und nach eine ganze Gesellschaft zu erfinden, die unter unseren Betten lebte. Da war die violette Spiegelbild-Häßlichmacher-Krabbe und der gepunktete Heimlich-den-Wecker-ausschalter-Specht, ganz abgesehen von dem neonroten Konto-Haben-Schlucker-Fisch. Dass er für so etwas theoretisch zu alt war, kam ihm nicht in den Sinn. Vielleicht muss man erst über vierzig sein um so jung sein zu können. Er las auch einmal einen Artikel darüber, dass man zweiunddreißig Muskeln braucht, um ein grimmiges Gesicht zu machen. Um zu lachen benutzt man nur siebzehn. Von da an nannte er einen Lachanfall „Faulheitsanfall.“ Und davon hatten wir viele. Ich mochte auch sein süffisantes Grinsen, was er „Snirgen“ nannte; das sei eine gesteigerte Form von Grinsen, sagte er. Das Wort „Snirgen“ drücke gleichzeitig mehr Satire und mehr Zärtlichkeit gegenüber liebenswerter Unsinnigkeiten aus. Anthony mochte auch Unfug, unterteilte den aber sorgfältig in „Grobfug“, „Großfug, „Kleinfug“ und „Feinfug“ (den mochten wir am liebsten).
War es ein Wunder, dass ich mit so einem Mann befreundet war und ihn hätte lieben können, wenn er es zugelassen hätte? Und dennoch war alles bittersüß mit ihm. Im Hintergrund lauerte auch Dunkles, nicht nur seine Krankheit. Anthony war aus vielen Gründen nur auf Zeit und nur eingeschränkt lebenstauglich.

Und Jono? Was zog mich so zu ihm hin?
Um Jono zu beschreiben, erzähle ich am besten, was ich über ihn erfuhr, als ich ihn das erste Mal besuchte. Da erst konnte ich mir ein Bild von seinem Leben machen.
Es dauerte lange, ehe er die Tür öffnete. So einfache Dinge sind mühsam, wenn man im Rollstuhl sitzt, der Flur eng ist und man die Arme nicht heben kann. Aber von solchen Kleinigkeiten ließ sich Jono nie beirren.
Im Zimmer blieb mein Blick an einem glänzenden Pokal hängen, der neben dem Telefon stand.
„Der ist daran schuld, dass ich die Annonce aufgegeben habe!“ bemerkte Jono.
„Erzähl!“
Doch er zeigte mir erst das Haus, und langsam erfuhr ich wie er sich alles erkämpfen musste.
Er war verheiratet gewesen, doch seine Frau hatte ihn vor über drei Jahren verlassen während er zu einer Kur war, eine Weile nachdem er in den Rollstuhl gekommen war. Das hatte er erst mal verdauen müssen und bewies sich nun mit Nachdruck, dass er auch allein zurechtkam.
Beim Kaffee erzählte er mir, was ihn dann doch bewogen hatte, an jenem Tag die Zeitung anzurufen, und wie sein Alltag aussah.
Die Sache mit dem Pokal war in der Kurklinik geschehen, in der Jono jährlich neue Kraft sammelte. Dort gab es freundliche Menschen, die für ihn seine Arme und Beine bewegten und versuchten, seine Halsmuskeln zu stärken, damit er den Kopf besser aufrecht halten konnte. Sie untersuchten sein Blut und redeten von Kalium- und Eisenwerten, als könne man daran messen, wie viel man zum Leben taugt.

Am liebsten sauste er mit seinem Elektrorollstuhl durch den Kurpark. Da gab es einen Rosengarten, in dem Duft fast greifbar über den Wegen lag und in dem sich gelegentlich Pärchen küssten. Meist aber waren die Menschen, die hier saßen und fröstelnd Sonnenstrahlen einfingen, doppelt so alt wie Jono. In der Mitte war ein gewaltiger Springbrunnen, der bei Nacht strahlend beleuchtet war. Eines Abends musste man Jono suchen, denn er hatte dort die Zeit vergessen. Ihm war, als sähe er in den schimmernden Fontänen Träume, die zu verfolgen sich lohnen würde. Alls er schließlich zurückfahren wollte, war die Batterie seines Rollstuhls leer. Als eine Schwester ihn fand, hatte er sehr kalte Hände und Füße, und sie brachte ihm später Wärmflaschen ins Zimmer.
Einmal gab es ein Konzert im Kurpark. „Kommst du mit? Ich lade euch ein“, fragte Jono Anja, die Krankengymnastin, die so hell und gerne lachte. Es war ein lustiger Abend. Anja und ihr Freund hielten sich bei der Hand, und Jono machte Witze. Er gönnte sich mit ihnen ein Bier. Zum Trinken brauchte er einen Strohhalm, weil er das Glas nicht heben konnte. An einem Freitagnachmittag mit sanftem Wetter wurde ein Wettbewerb für Rollstuhlfahrer veranstaltet. Es gab eine Menge Rollstuhlfahrer im Kurort. Jono war der erste von vielen, der sich für den Wettbewerb anmeldete. Ein erstaunlich großes Publikum versammelte sich an der Rennstrecke, auf der Slalom gefahren werden sollte und abenteuerliche Hindernisse überwunden werden mussten. Es gab mehrere Durchgänge. Jono wurde immer aufgeregter. Er schlug sich gut. Der dritte Platz war ihm schon sicher, doch er war keiner, der sich mit einem dritten Platz zufrieden gab. Es gab einen Pokal zu gewinnen, und den wollte er. Wann würde er jemals wieder eine solche Chance bekommen? Gegen ihn fuhren noch ein langer junger Mann mit einem roten Hahnenkamm und eine strubbelige blonde Frau, die auch nicht viel älter aussah. Der junge Mann verpasste im Slalom eine Stange und schied aus. Jono und die Frau fuhren beide eine perfekte Runde, und der Schiedsrichter, der eine enorme Stoppuhr hielt, als könne er damit das Geschick der Welt bestimmen, stellte auf die Sekunde genau die gleiche Zeit fest. Er verkündete ein Stechen.
Nun kam es darauf an. Jono musterte noch einmal den Parcours. Es gab nur eine einzige Stelle, an der er noch eine Sekunde einsparen konnte. Das eine Hindernis bestand aus einer Wippe. Man musste langsam hinauffahren, bis die Wippe kippte und einen auf der anderen Seite herunterließ. Das erforderte einiges Geschick. Sehr leicht konnte man dabei aus dem Stuhl fallen, oder mit dem Stuhl stürzen, oder gar den Stuhl beschädigen, auf den Jono doch angewiesen war, als sei er ein Körperteil von ihm.
Die Frau fuhr als erste. Ihr Stuhl war kleiner und wendiger als Jonos. Sie nahm die Kurven sehr eng und verbesserte sich um anderthalb Sekunden. Das würde schwer werden. Jono legte den Hebel ganz nach vorn und sauste mit angehaltenem Atem um die Slalomstangen, über die Bretterbrücke, durch die Rinne. Es holperte mächtig und er flog im Sitz auf und ab, rutschte gefährlich weit nach vorn. Nur der Gurt hielt ihn noch einigermaßen. Er konnte solche Stöße nicht mit Muskelkraft ausgleichen wie gesunde Menschen, konnte sich nicht zurechtrücken, wenn er in Schieflage geriet.
Dann kam nur noch die Wippe. Er fuhr wild entschlossen darauf zu und drückte statt abzubremsen den Hebel so weit nach vorn wie möglich. Es klapperte gewaltig, als der schwere Stuhl über das Aluminium schoss. Mit einem gewaltigen Ruck kippte die Wippe nach vorn. Der Stuhl ächzte, Jono rutschte noch ein Stück vom Sitz, sein Kopf, den er auch sonst schon kaum oben halten konnte, flog erst nach hinten, dann nach vorn. Das Publikum schrie auf. Die Vorderkante der Wippe knallte auf den Boden und schoss Jono und seinen Stuhl über die Ziellinie.
Der Mann mit der Stoppuhr holte tief Luft und rief: „Sieg! Sieg für Jonathan Reimer! Er war eine ganz Sekunde schneller! Wir gratulieren!“ Die Lokalpresse war da, befragte und fotografierte. Der Bürgermeister selbst überreichte Jono den Pokal. Jono konnte den Arm nicht heben, um ihn entgegenzunehmen, aber der Bürgermeister war geduldig, steckte ihm die glänzende Trophäe mit dem Marmorsockel in die Hand und schloss seine Finger darum. Andere Patienten aus der Klinik gratulierten ihm, auch Anja mit ihrem Rainer.
Jono war voll Freude und Stolz, doch eines war blitzartig klar in ihm wie ein Sonnenaufgang: der Bürgermeister war ein Fremder. Die anderen Patienten, Anja, alles Fremde. Niemand von den Menschen, die sich höflich mit ihm freuten, gehörte zu ihm, Jono. Keiner küsste ihn und war stolz auf ihn, niemand war ein Teil seines Glücks. Beim nächsten Mal, wenn er hierher reiste auf der Suche nach seiner Kraft, wollte er nicht mehr allein durch den Rosengarten fahren und nicht einsam nachts an dem märchenhaft beleuchteten Springbrunnen stehen.
Das war der Tag gewesen, an dem er beschloss, dass sich etwas ändern musste.

Doch nach seiner Rückkehr fand er sich erst einmal im Alltag wieder, und schon am nächsten Tag ging er zur Arbeit, wie es sich für einen Alltag gehört. Nur, dass Jono eben nicht zur Arbeit ging. Die Morgen begannen für Jono damit, dass er im Dunkeln auf das Knirschen des Schlüssels wartete, mit dem sich die Krankenschwester vom Sozialdienst in sein Haus ließ. Nur die leuchtenden Ziffern des Weckers sagten ihm, wie spät es war. Er konnte die Fensterläden nicht öffnen. Er konnte die Tür nicht öffnen. Er konnte sich nicht aufrichten.
Er konnte nur warten.
Manchmal wachte er in der Nacht auf und fror. Dann war die Decke von seinen Beinen gerutscht, als er den elektrischen Lattenrost verstellte, der es ihm erlaubte, seine Lage ein wenig zu verändern. Es gab keinen Weg, die Decke zurückzuholen. Der Wecker sagte meist, dass Jono noch sehr lange auf Hilfe würde warten müssen. Er hatte dann viel Zeit zum Träumen. Träumen ist schwer, wenn man friert. Aber Jono träumte trotzdem. Er hielt der Nacht Tagträume entgegen wie eine Fahne, erinnerte sich an das Leuchten des Springbrunnens, in dem soviel Versprechen war.
Wenn der Zeiger auf sechs Uhr kroch und eine Schwester kam, war sie manchmal nett und manchmal mürrisch. Manchmal kannte er sie schon, oft war sie ihm fremd. Manche überraschten ihn mit einem Lächeln, das den Morgen hell machte. Andere waren jung und ratlos. Sie trugen eine Frisur wie Pumuckel und fragten mit einem Kaugummi im Mund: „Was steht’n an?“
„Aufstehen, bitte.“ Aufstehen und leben, hätte er gern gesagt.
Im Flur und an anderen Stellen der Wohnung klebten Zettel. Darauf hatte Jono Gebrauchsanweisungen für sich selbst geschrieben, damit er nicht jeden Handgriff immer wieder erklären musste. Meistens musste er es doch. Er erklärte, wie man ihn auf die linke Seite drehen, seine Beine anwinkeln und ihn am rechten Arm vorsichtig hochziehen konnte, so dass er auf der Bettkante zu sitzen kam, ohne die Balance zu verlieren. Wo man seine Hand hinlegen musste, damit es ihm möglich war, sich abzustützen. Wie man ihn behutsam an der Hose in einen Schrägsitz zog und ihm dann den Rollstuhl unter den Oberschenkel schob, während er mit dem Schalter das Bett nach oben fuhr, so dass er dann vollends auf den Stuhl gezogen werden konnte. Mit dem Rest Kraft in seinen Füßen, Unterarmen und Händen half er mit, so gut es ging.
Es war mühsam und ermüdend, doch draußen riefen die Vögel den Tag aus, und den wollte Jono nicht verschwenden. Er wollte zur Arbeit, wie jeder andere auch. Nur vor der Arbeit, da war eben einiges zu tun. Die Arbeit musste er sich erst verdienen, indem er den Tag in Angriff nahm. War er im Büro, hatte er schon gewonnen.

Manchmal verspätete sich die Schwester auch oder kam gar nicht. Dann war er nicht nur gezwungen, den Notruf benutzen, sondern auch einen Urlaubstag zu nehmen.
Wenn er Pech hatte, hatte die Schwester nicht einmal seine Akte gelesen, so dass er ihr auch noch seine Krankheit erklären musste. Dass er eines Tages als junger Mann an einem Sommertag im Strandbad nicht mehr allein hatte aus dem Sand aufstehen können. Dass er sofort geahnt hatte, was der Grund war, da auch sein Vater an der Krankheit litt. Diese Krankheit stahl die Kraft aus seinen Oberarmen und Oberschenkeln und seinen Halsmuskeln. Sie stahl schließlich seine Schritte und sein Lächeln, und er konnte seine Hand auch nicht mehr zur Faust ballen.
Doch er ballte seinen Willen, und er lebte und ging arbeiten, in dasselbe Büro wie früher, wo er jemand blieb, den alle um Rat fragten und um Hilfe baten und zu dem sie gern mit ihren Sorgen kamen oder ein Schwätzchen hielten. Jono war es, der eine Fußballwette ins Leben rief und Woche für Woche in Gang hielt, und bei Jono wurden die Geburtstagsfeiern veranstaltet, denn er hatte die besten Ideen, welche Spiele das Lachen in den Arbeitsalltag riefen.
Im Büro war ihm auch ein warmes Mittagessen sicher, das ihm ein Kollege aus der Kantine mitbrachte, denn für Jono war es schwer genug, aus dem Rollstuhl auf seinen Schreibtischstuhl zu rutschen. Auf dem blieb er dann, bis Feierabend war und er sich zurück in den Rollstuhl mühte. Von da half ihm jemand ins Auto, mit dem er sich durch den Berufsverkehr fädelte. Wenn er zuhause in die Garage fuhr, konnte er nur hoffen, dass die Schwester vom Spätdienst schon da und noch nicht wieder weg war. Oft saß er lange in der Garage und wartete, bis sie auftauchte und ihm ins Haus half. Wenn niemand kam, hupte er, bis die Nachbarn ihn hörten und ihm seinen Rollstuhl brachten.
Die Schwester musste immer rasch wieder weg. Sie stellte ihm noch ein Käsebrot auf den Tisch und verabschiedete sich. Wenn der Käse verschimmelt war oder der Tisch umfiel, weil Jono versehentlich dagegen stieß, hatte er Pech. Den Rest des Abends war er auf sich allein gestellt. Er hatte eine Technik entwickelt, wie er auf das Sofa rutschen konnte und später zurück, sich dann mit winzigen Fußbewegungen ins Bad rollte, wo er hoffen musste, dass weder die Schwester noch die Reinigungskraft die Seife und die Zahnbürste dahin gelegt hatte, wo er sie nicht erreichen konnte. Wenn er richtig Glück und die Schwester die Bettdecke genau nach Anweisung gefaltet hatte, konnte er ins Bett rutschen, seine Beine mit aller verbliebenen Kraft hinterher schwingen und mit einem Ruck die Decke über sich ziehen. Einen zweiten Versuch hatte er nicht, da er sich nicht wieder aufrichten konnte.

Am Tag vor Heiligabend war Jono allein und die Stille lastete auf ihm. Er hatte sich ein großes Geschenk gemacht, eine Stereoanlage mit einer Fernbedienung. Sie war am Vortag mit der Post gekommen. Nun stand der Karton vor ihm, und Jono hatte Sehnsucht nach Musik. Doch die Schwester hatte weder Zeit noch technisches Geschick. Sie war längst gegangen. Die Nachbarn waren alt.
Jono angelte nach dem Telefon und rief am Taxistand an.
„Ich möchte einen Wagen in die Kranichstraße fünf“, sagte er. „Aber ich brauche jemanden, der eine Stereoanlage aufbauen und anschließen kann.“ Nachdem er seinen überraschenden Wunsch erklärt hatte, war der Taxifahrer gern dazu bereit. So bekam Jono seine Musik, von der er sich forttragen ließ, als sei er frei.
Den kleinen Baum im Topf, den seine Mutter schmückte und zu dem sie ein liebevolles Festtagsmenü kochte, pflanzten sie nach den Feiertagen in eine Ecke des Gartens. Die Erde war gerade noch weich genug, denn Frost und Schnee kamen erst zu Silvester. Und Jono, der niemanden gehabt hatte, der seine Hand hielt und sich an ihn kuschelte, als die Kerzen am Weihnachtsbaum brannten, fiel ein, dass er schon beim dem Gewinn des Pokals sich selbst versprochen hatte, etwas zu ändern. Er schwor sich, dass gemeinsam mit dem Baum im neuen Jahr in seinem Leben endlich etwas Neues wachsen würde. Er hatte seine Musik bekommen, wenn auch auf ungewöhnlichem Wege. Er würde auch eine Liebe finden.

Doch es wurde Frühling bevor er den ersten Schritt unternahm. An dem Tag, an dem er die Zeitung anrufen wollte, kamen ständig Kollegen mit Fragen, und es wurden Gespräche daraus, die Minute um Minute verschluckten. Fast hätte er es wieder vergessen. Dann rief ihn sein Onkel an, der sonst nie im Büro anrief. „Wolltest du nicht etwas wegen einer neuen Beziehung unternehmen?“ fragte er. So war es neun vor zwölf, neun Minuten vor Redaktionsschluss, als Jono nach dem Telefon griff und dem Fremden aus dem Stegreif eilig einen kurzen Text diktierte. Der Redakteur wollte die Anzeige eigentlich gar nicht mehr annehmen, aber Jono war auf einmal fest entschlossen, noch heute die Zukunft zu beginnen.
„Die Sache mit dem Mut fiel mir eben als erstes ein; ich habe nicht weiter darüber nachgedacht“, sagte Jono jetzt.
Hätte er die Anzeige an jenem Tag nicht im letzten Moment aufgegeben, so dass sie statt bei den anderen Kontaktanzeigen ganz unten zwischen der Werbung und den Jobangeboten gelandet war, hätte ich sie nie gelesen.
Nachdenklich drehte ich den Pokal in meiner Hand. Hätte Jono damals nicht gewonnen, wer weiß, wann er sich zu dem Versuch einer neuen Beziehung aufgerafft hätte. Aber Jono wäre nicht Jono, wenn er nicht gewonnen hätte, wenn er nicht volles Risiko bei den Hindernissen gegangen wäre.
Das war ein Teil von dem, was mich anzog. Er strahlte ein Leuchten aus und eine Stärke, an die ich mich anlehnen konnte. Das war mir völlig neu. Ich hatte noch nicht einmal gewusst, dass ich den Wunsch verspürte, mich anzulehnen.

Bevor ich ging, wollte Jono mir noch seinen kleinen, geliebten Garten zeigen. Als ich aus der Tür trat, lief mir spinnengleich ein Schauer den Rücken hoch. Ich war mir nicht sicher ob das von einem Gruseln herrührte oder einem erschrockenen Glücksgefühl. Vor mir lag ein kleiner Hof mit quadratischen grauen Steinfliesen, und von links neigte sich schützend eine alte Zeder mit rauer Rinde. Hinter einem Torbogen, an dem blaue Winden rankten, lag ein grüner Rasen, auf dem noch ein Baum stand. Rechts blühten Sonnenblumen und der Sommerflieder, dessen erste Blüte mir Jono in einem Brief geschickt hatte.
Das war der Garten, der auf der Zeichnung von Anthony zu sehen war, die über meinem Schreibtisch hing.
„Ist was?“ fragte Jono.
Ich schluckte. „Nein – ich hatte nur gerade das Gefühl, diesen Garten zu kennen.“
Unwillkürlich sah ich zu der Stelle bei den Sonnenblumen, an die Anthony im Bild meine weißen Sandalen gezeichnet hatte. Natürlich war da nichts.
„Moment“, sagte ich, zog sie aus und stellte sie genau dort hin. Dann folgte ich Jono barfuss auf den Rasen. Es fühlte sich richtig an.
Nur das kleine Gespenst, das Anthony auf einer Schaukel am Baum sitzend gezeichnet hatte, sah ich nicht – und doch war mir, als wäre es anwesend.

Kapitel 3 – Fragen und Antworten

Mit dem Montag änderte sich das Wetter. Der Frühling brach als grüne Welle über uns herein. Die Kinder explodierten ebenso wie die Bäume und Beete förmlich vor Lebendigkeit . Es wurde eine turbulente Woche. Die Aufbruchsstimmung der Natur fuhr ihnen in die Füße und ins Lachen; sie waren ständig am Kichern und konnten nicht stillsitzen. Alina ging es so viel besser, dass sie ihre Krankheit nun auch gelegentlich vorschob. Sie täuschte Kopfschmerzen vor um hinauszudürfen. Es fiel mir schwer, streng zu bleiben, denn mich lockte die weiche Luft draußen ebenso sehr. Tim und Benny, meine ohnehin hyperaktiven Nachmittagskinder, konnten sich überhaupt nicht mehr konzentrieren. Schließlich gingen wir nach draußen und schrieben die Vokabeln in den Sand und mit Kreide auf den Hof.

Die Mittel für Alinas Förderung wurden gekürzt da es ihr besser ging und ich musste um einen neuen Vertrag kämpfen, wenigstens bis zu den Sommerferien. Ganz allein konnte sie die Schultage und den Stoff noch längst nicht bewältigen.
Zuhause fegte ich den Winterschmutz vom Balkon und bepflanzte die Kästen mit Stiefmütterchen und Kürbissamen. Anthony rief weiterhin jeden Abend an. Der Frühling schien auch ihm gut zu tun, er malte wieder Bilder und schickte mir alberne Zeichnungen und lehrreiche Zeitungsausschnitte.
Einmal schenkte er mir eine bunte, für seine Verhältnisse ungewöhnlich heitere Zeichnung. „Fias Garten“ stand auf einem Wegweiser, der auf einen geschwungenen Torbogen deutete, an dem blaue Trichterblüten rankten. Obendrauf saß ein bunter Phantasievogel und sah mir direkt ins Auge. Links stand ein alter Baum mit gefurchter Rinde und einem dicken Stamm, der sich schützend über einen kleinen Hof mit steinernen Fliesen neigte. Vor dem Tor standen meine weißen Sandalen. Hinter dem Tor erstreckte sich ein grüner Rasen mit Blumenbeeten und einem weiteren Baum. Rechts vom Tor wuchsen Sonnenblumen und ein blühender Strauch.
Ich hatte Anthony einmal erzählt, dass ich mir einen kleinen Garten wünschte. Aber nicht, wie ich ihn mir vorstellte.
Dieser passte genau. Ich rahmte das Bild und hängte es neben meinen Schreibtisch.

Am Samstag lag zwischen den Rechnungen, einer Postkarte von Tante Anna und einem dicken Anthony-Brief ein Kuvert mit einer fremden Handschrift. „Jonathan Reimer“ lautete der Absender. Wer das wohl war?
Den Rollstuhlmann hatte ich vollkommen vergessen. Und nun hatte er mir geantwortet! Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Für mich war die Sache eigentlich erledigt. Als ich die Seite auseinander faltete, fiel mir ein Foto in die Hand. Ein Schnappschuss von einem ernst aber sympathisch blickenden Mann in einem Rollstuhl, der im jungen Gras neben einer kleinen Tanne stand. Er hatte den Kopf in die Hand gestützt und sah mit sehr blauen Augen nachdenklich in die Kamera.
Eigentlich mag ich dunkelbraune Augen, aber diese blauen sah ich mir eine Weile an, bevor ich den kurzen Brief las, der in einer ordentlichen, aber durchaus lebendigen Handschrift abgefasst war. Allzu gestochene Handschriften die aussehen wie gedruckt, ein Buchstabe wie der andere, kann ich nicht leiden. Eine Schrift muss fließen, muss leben, muss tanzen. Diese tat es.
Auf die Sache mit dem Mut ging er nicht ein, aber er beantwortete meine Frage was der Grund für den Rollstuhl sei. Eine Muskelkrankheit, von seinem Vater geerbt. Aber auch er hatte Fragen. Wie groß ich sei? Und ob ich Kinder wolle?
In mir stieg Abwehr hoch; das war mir zu direkt. Und wieso Kinder? Hier unterhielten sich zwei Fremde, ich hatte eigentlich auch vor, dass wir uns fremd bleiben würden – und er fragte, ob ich Kinder wollte?
Aber das Gefühl verflog schnell. Ich hatte auf seine Kontaktanzeige geantwortet, warum auch immer. Wenn er da die falschen Schlüsse zog, konnte man es ihm kaum übel nehmen. Und seine Fragen machten Sinn. Ich konnte mir vorstellen, dass man als Rollstuhlfahrer nicht unbedingt mit einer Zweimeterfrau unterwegs sein möchte. Da hätte er ja ein Megaphon gebraucht, um sich zu unterhalten. Und Kinder? Er hatte eine Erbkrankheit, da war es verständlich, dass er eine Frau mit Kinderwunsch nicht brauchen konnte. Eigentlich war es sehr anständig und praktisch von ihm, eine so grundlegende Angelegenheit zuallererst zu klären. Das imponierte mir schon wieder.
Außerdem schrieb ich gerne Briefe. Das lag natürlich an Anthony. Also schrieb ich dem Rollstuhlmann eben noch mal. Dass ich nur einsfünfundsechzig bin. Und dass ich keine Kinder bekommen kann. Seltsam, wie einfach es war, das einem Fremden zu sagen. Mir machte das nichts aus, ich hatte immer schon so viel mit Kindern zu tun gehabt, dass ich nichts vermisste. Aber ich hatte eigentlich noch nie mit jemandem darüber gesprochen. Um ein Foto bat er auch. Da ich gerade neue Passfotos hatte machen lassen müssen, brauchte ich das nur aus der Schublade zu fischen.

An Anthony schrieb ich natürlich auch, wie fast jeden Tag. Bei ihm wurden es wesentlich mehr Seiten. Aber bei aller Fröhlichkeit in unserem Briefwechsel lag doch auch eine Traurigkeit zwischen den Zeilen und eine versteckte Schwere in den Sätzen. Mir fiel auf, dass das Schreiben an den unbekannten Jonathan Reimer eine erholsame Leichtigkeit gehabt hatte.
Die beiden Briefe waren ein schöner Grund, noch einmal in den Frühlingsabend hinauszugehen. Am Himmel flog schweigend und gewaltig der gute alte Schwan. Ich fragte mich, was er wohl zu meinen merkwürdigen Briefbeziehungen sagen würde. Irgendwie beruhigend, dass das alles für ihn völlig unbedeutend war.

Das Foto von Jonathan Reimer blieb auf dem Schreibtisch liegen und rutschte in den Poststapel. Tage später fand es Benny, der auf der Suche nach Ablenkung während der Nachhilfestunden ständig in meinen Sachen herumwühlte. Kritisch betrachtete er es und lief dann zum Kühlschrank, an dessen Tür ein kleines Bild von Anthony geklebt war. „Wieso sitzt derselbe Mann mal im Rollstuhl und mal nicht?“ fragte er.
„Wieso derselbe Mann? Das ist ein anderer,“ sagte ich irritiert.
„Nee. Der sieht doch genauso aus!“
Ich nahm ihm das Foto aus der Hand und hielt es neben das Kühlschrankfoto. Erstaunt kniff ich die Augen zusammen. Tatsächlich, da war eine Ähnlichkeit! Beide Männer hatten denselben Bart, einen fast gleichen Haarschnitt – nun gut, bei Männern gibt es da nicht so viele Varianten, aber – auch die Statur war ähnlich und die Nasen und noch etwas Ungreifbares. Nur die Augen: beide hatten blaue, aber in Jonathan Reimers war der Frühlingshimmel unterwegs während sich in Anthonys schon seit ich ihn kannte rauchgraue Schatten herumtrieben.
Doch die beiden hätten auf jeden Fall Brüder sein können. Zwillinge vielleicht nicht, aber Brüder.
Seltsam. Beinahe unheimlich.

Kapitel 2 – Anthony

Mein Freund Anthony rief in jeder Nacht an. Ich glaube, er kämpfte gegen die Eile der wenigen Zeit, die ihm noch blieb, und gegen die Dunkelheit. Diesmal machte er es ungewöhnlich kurz.
„Hallo Fia, wie wäre es morgen mit einer Dampferfahrt?“ fragte er. „Die weiße Flotte fährt zum ersten Mal in der Saison.“
Für morgen war Regen angesagt, bei gerade mal vier Grad. Aber wenn Anthony einen solchen Vorschlag machte, stellte ich keine Fragen. Dann wusste ich, er brauchte mich – und es lohnte sich immer. Mit Anthony leuchtete jeder Regen bunt. Außerdem hatte wir uns in den sieben Jahren unserer tiefen Freundschaft nur wenige Male gesehen. Wir kannten uns schon drei Jahre, bevor wir uns das erste Mal trafen. Und nun würde es nicht mehr oft geschehen.

Kennen gelernt hatte ich ihn, weil er jemanden suchte der das Manuskript eines Kinderbuchs für ihn tippte. Von irgendwem hatte er erfahren, dass ich solche Nebenjobs machte. Er schickte also seine Geschichten, ich tippte, und da ich von den Texten begeistert war, legte ich dem fertigen Skript einen Brief bei. Er antwortete prompt, und es dauerte nicht lange, bis wir uns täglich schrieben. Es war, als hätten wir uns immer schon gekannt. In uns war ein Gleichklang, ein Staunen über dieselben kleinen Dinge. Wir konnten uns stundenlang über ein trockenes Herbstblatt unterhalten, fanden heraus, zu welchem seltenen Baum es gehörte und spannen Geschichten über seine eigenartige Form. Wir philosophierten über Sternbilder, über die Sagen dazu und gleichzeitig über die neuesten astronomischen Erkenntnisse. Unsere Gedanken griffen ineinander wie Zahnräder; wir trieben uns gegenseitig an und alles war Wasser auf unsere Mühlen. Anthony schickte mir ständig irgendwelche interessanten Zeitungsartikel oder kleine Zeichnungen, die die Ränder seiner Briefe zierten. Er war Kunstlehrer gewesen.

Nach und nach erfuhr ich mehr über ihn: er war dreiundvierzig, aber Frühpensionär, denn er war schwer herzkrank. Dass er nicht mehr Lehrer sein konnte, hatte ihn, glaube ich, schwerer getroffen als die Krankheit.
Nun brachte er eben mir die Dinge bei, die er wusste und die ihn faszinierten, und das war nicht nur Kunst. Physik, Biologie, Mechanik, alles und jedes konnte seine Begeisterung wecken, und die musste er mit jemandem teilen. Wenn ich von der Arbeit kam, freute ich mich schon auf seine Briefe, die meist zehn bis zwanzig Seiten lang waren. Manchmal wenn er keinen Schlaf fand fuhr er nachts durch die Stadt nur um mir einen solchen Brief vor die Tür zu legen, seltsam in Dosen oder als Flaschenpost verpackt oder um einen ungewöhnlichen Stein gewickelt. Es gab nichts Schöneres für mich als phantasievolle und ebenso lange Antworten zu verfassen. Damals lernte ich, Geschichten zu schreiben, ohne es zu merken. Schon immer hatte ich mir gerne welche ausgedacht. Bei Anthony konnte ich ungeniert drauflos fabulieren. Er pflanzte Bilder in meine Sprache. Wir weckten gegenseitig das Beste in uns, und das Übermütige.

Bald reichten die Briefe nicht mehr, und er gewöhnte sich an, mich abends anzurufen, irgendwann spät, und wir redeten bis nach Mitternacht. Eigentlich hätte ich ständig unausgeschlafen sein müssen, aber Anthony schickte soviel Lebendigkeit durch die Telefonleitung, dass er mich damit ansteckte. Es war, als wollte er das bunte, neugierige Leben, das in ihm brodelte, für das aber seine Zeit nicht mehr reichen würde, zu mir herüberretten.
Jemand unterstellte uns einmal eine heiße Affäre, woraufhin wir beide in schallendes Gelächter ausbrachen. Obwohl das so falsch nicht war: es war eine geistige Affäre, eine großartige, ausgelassene und tiefe Gemeinsamkeit im Denken, voll glücklicher Höhenflüge. Mit keinem anderen Menschen habe ich je soviel lachen können. Es war ein Lachen gegen die Angst, ein Lachen trotz allem und um des Lebens willen: ein schwereloses Lachen das die Nacht eroberte und nahe daran war, selbst den Sternenschwan zu erschüttern, der im All schweigend seine Bahn zog.

Eine unterschwellige Zärtlichkeit schlich sich wohl am Ende mit den Jahren in unsere Freundschaft, aber Anthony machte klar, dass er dennoch keine enge Beziehung wollte. Er verhielt sich wie das Licht auf der Oberfläche eines tiefen Sees. Das Funkeln schenkte er mir, aber an dem Dunkel der Abgründe, an seiner Furcht und seiner Melancholie ließ er mich nicht teilhaben, damit ich nicht darin unterging. Aus diesem Grunde erlaubte er nur sehr selten, dass wir uns sahen. Ob er es sich und mir damit leichter machen wollte oder einfach nicht mehr die Kraft zu haben glaubte – ich weiß es nicht. Vielleicht fehlte ihm auch nur der Mut? Auf dieses Wort war ich im Zusammenhang mit ihm noch nie gekommen, aber als ich ihn heute am verabredeten Treffpunkt auf dem Bahnhof stehen sah, dachte ich an die Anzeige von gestern.
War meine seltsame Wut daher gekommen, weil es eigentlich Anthonys mangelnder Mut zu einer Beziehung war, der mich ärgerte?

Anthony war groß; er fiel unter den anderen Fahrgästen sofort auf. Aber wenn wir uns umarmten, war es immer, als wage er nicht, ganz anwesend zu sein. Im Zug ging er an mehreren freien Bänken vorbei bis ihm eine zusagte. „Ich fahre nicht mehr gerne vorwärts“, sagte er erklärend. Nachdenklich blickte er in die Landschaft, die wir hinter uns ließen.
Bei seinen Worten spürte ich eine kalte Angst. Wie war das mit dem Mut? Wenn er schon nicht mehr wagte, vorwärts zu blicken, wie viel Zeit hatte er noch, hatten wir noch? Ich selbst hasste es, rückwärts zu fahren; ich setzte mich ihm gegenüber. In das Schweigen hinein erzählte ich ihm von der Anzeige und meiner Antwort darauf. Von der Stimme, die in meinem Kopf gewesen war, sagte ich nichts, wohl aber, dass ich überhaupt nicht wusste warum ich einem Fremden geschrieben hatte.
Über Anthonys Gesicht flog ein Schatten, kurz nur. Eifersucht? Ich gebe zu, ich hatte insgeheim darauf gehofft. Dann erzählte er mir etwas über die Gebäude, an denen der Zug vorüberflog. Erst kurz bevor wir am Hafen ausstiegen, sagte er plötzlich: „Das hast du gut gemacht, das mit dem Rollstuhlmann!“

Nebeneinander lehnten wir an der Reling, ohne uns zu berühren. Ich konnte Anthonys feuchten Parka riechen und seinen Tabak und seinen ganz eigenen Duft nach Tinte und alten Büchern und Erde. Es nieselte sanft aus einem gleichmäßig grauen Himmel. Die Bäume am Ufer waren von einem zarten optimistischen Hellgrün; das Land wirkte weich wie eine Pastellzeichnung. Der Frühling träumte sich wach; es war, als hielte alles voller Erwartung den Atem an.
An einer winzigen Insel unterbrach der fast leere Dampfer die Fahrt, hier konnte man einkehren. Wir verzichteten auf Kaffee und machten einen Rundgang. Hier und da trafen wir Pärchen, wie man sie im Frühling trifft, händchenhaltend und strahlend, in ihrer ganz eigenen Welt. Ich sah ihnen nach; ich gönnte ihnen ihr Glück, aber in mir kroch eine Traurigkeit hoch wie einer der Regenwürmer die auf dem nassen Pfad einen trockenen Platz suchten. Anthonys Hände steckten tief in seinen Taschen. Er sah nicht den Pärchen nach sondern beobachtete einen Großvater, der ein glückliches zahnloses Lächeln trug und mit seiner Enkelin unerlaubterweise die Schwäne fütterte. „Ich wäre gern einmal ein fröhlicher alter Mann geworden“, sagte Anthony, mehr zu sich selbst als zu mir.
Das junge Gras war schon kräftig und darauf breitete sich eine blauviolette zarte Blume aus, so dicht, dass es fast aussah als hätte das Wasser vom See die Wiese geflutet. Die Namen der meisten Wildblumen kenne ich, diese hier war mir neu. „Weißt du, wie die heißt?“ fragte ich Anthony. Er schüttelte den Kopf. „Dann nenne ich sie Anthonyblume“, sagte ich ein wenig zu fröhlich. Er schnaubte belustigt und wechselte das Thema.
„Ich will etwas, das mich an dich erinnert!“ dachte ich trotzig. Und tatsächlich, diese unbekannte Blume hat sich seitdem sogar in der Stadt ausgebreitet, Jahr für Jahr mehr, auf Grünstreifen, in Gärten, am Wegrand. In jedem April und Mai begegnet mir die Anthonyblume und dann ist jener Tag plötzlich wieder da und Anthony steht vor mir, mit seinen müden und trotzdem leuchtenden Augen und seinem spöttischen halben Lächeln.

Er schenkte mir einmal ein Gedicht, in dem ich diese Zeilen fand:

…ich lausche
dem Wispern welker Blätter
meine Blicke
folgen ihrem wirbelnden Flug,
wenn der Wind sie davon reißt.
Wäre ich solch ein Blatt,
versuchtest du,
mich zu fangen?

Das hatte er geschrieben, lange er wir uns kannten und bevor er wusste, wie krank er war. Als wir uns begegneten, war es längst zu spät. Darum versuchte ich nie, ihn zu fangen, noch hätte er es zugelassen. Aber ein warmer, sanfter, fröhlicher Herbstwind wirbelte uns eine lange Wegstrecke nebeneinander her, und dieser Weg wies mir meine Richtung.

Der Dampfer machte auf der Rückfahrt einen langen Umweg und wir kosteten jede Minute aus, zählten die Graureiher und die Haubentaucher und erfanden Geschichten zu den Häusern am Ufer. Der Regen wurde stärker, kümmerte uns aber nicht. Ich sah, wie die Tropfen sich in Anthonys Haaren und Brauen verfingen. Silbern spiegelte sich die Dämmerung in ihnen.

Auch auf dem Dampfer blickte er nicht vorwärts; wir standen die ganze Zeit am Heck. Als wir schließlich ausstiegen, war es schon dunkel. Die feste Erde fühlte sich fremd an unter meinen Füßen. Als wir uns zum Abschied umarmten, blickte ich zu ihm hoch und da sah ich den kalten Schatten in seinen Augen.
Ich wusste, ich würde ihn nie wieder sehen. Er würde nicht heute gehen, auch nicht morgen, wir würden noch oft telefonieren, noch viele Briefe schreiben – aber gesehen hatte ich ihn heute zum letzten Mal, und wir wussten es beide.
Da dachte ich an Mut, und ich küsste ihn, zum ersten und zum letzten Mal. Ich schmeckte Salz und die Currywurst von vorhin, schmeckte Rauch und Sehnsucht, Gewissheit und Bedauern und den Tod auf seinen Lippen, aber in diesem Moment lebten wir, und alles war richtig.

Abends ging mir der Zauber jenes Frühlingsabends nicht aus dem Sinn und ich versuchte, die Aquarellfarben meiner Erinnerung auf Papier zu bannen. Ich war nicht zufrieden mit dem vagen Ergebnis und schickte es Anthony, der mit wenigen geübten Strichen unsere Landschaft dieses Moments daraus zauberte, so dass man nicht sah, wo ich aufgehört und er angefangen hatte.
Noch war Zeit, uns zusammen an der Welt zu beglücken.

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