Wie es weitergeht

Zum eigentlichen Anfang des Blogs und damit der Geschichte geht es HIER.

Wie es nach Kapitel 20 weitergeht können interessierte Leser im September 2010 erfahren, denn dann erscheint dieser Roman im Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken.
Die Geschichte begann als Blog und ich bin allen Lesern sehr dankbar für ihre hilfreichen Kommentare und Ermutigung. Ohne sie wäre das Buch vielleicht nie entstanden.
Nun hoffe ich, dass auch das Buch viele Leser findet und die Geschichte dadurch lebendig bleiben darf.
Die Kapitel 1 – 20 bleiben hier als Leseprobe online. Die anderen mußte ich entfernen und habe nur die Kommentare stehen lassen.
Neues über das Buch und Infos über die Veröffentlichung werden hier zu gegebener Zeit zu finden sein.
Geschrieben habe ich hier unter dem Nick „Finn“. Mein wirklicher Name ist Patricia Koelle, und mein Hauptblog findet sich hier. Auch dort wird vom Fortschritt des Buches gelegentlich etwas zu erfahren sein, außerdem gibt es Gedichte, Bilder, Geschichten und Gedanken.
Wer diese Geschichte gern gelesen oder hineingeschnuppert hat, dem gefällt vielleicht auch mein Buch „Die Füße der Sterne.“

Schön, dass Ihr hier seid!
Frühlingsgrüße,
Patricia Koelle
Hier gibt es noch meine Homepage

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Kapitel 15 – Verzaubernde Orte

Der Morgen selbst war noch nicht wach als wir uns in den altersgebeugten VW-Bus zwängten. Vier Rollstuhlfahrer und vier Begleitpersonen. In Deutschland gibt es Vorschriften, wie Rollstühle in Fahrzeugen befestigt werden müssen, mit Gurten an im Boden versenkten Haken. Hier hatte man von Befestigung nichts gehört, es gab weder Gurte noch Haken. Aber es hatte immerhin den Anschein, als ob im Bus kein Platz zum Verrutschen oder Umkippen war.
Der Himmel war dunstig grau, es mochte sonnig werden oder regnerisch, noch hatte sich der Tag nicht entschieden. Der Busfahrer sprach eine melodische Mischung aus Deutsch und Spanisch und manövrierte uns mit einer hastigen Eleganz um die Haarnadelkurven, an die wir uns gewöhnen mussten. Jonos Stuhl stand schräg hinter mir; ich versuchte, mich an seiner Armlehne festzuklammern um ihm ein wenig Stabilität zu geben. Beim ersten Halt atmeten wir erleichtert auf. Aber schon hier hatte sich die Fahrt gelohnt. Wir entwirrten die Rollstühle, stiegen aus und standen vor einem beeindruckenden Naturdenkmal: der Margerita del Piedra.
Es handelt sich um eine natürliche Steinformation aus Basaltsäulen, sieben Meter hoch und fünf Meter breit, die einer riesigen Margeritenblüte ähnlich sieht.
Wir fühlten uns winzig neben der gewaltigen Schönheit, die in einer Wildnis aus Kakteen und Drachenbäumen lag und eine stille Zwiesprache mit dem Himmel zu führen schien. Die Verwitterung sorgte dafür, dass gelegentlich ein Stück Stein zu Boden stürzte. Anthony hätte gesagt: „Wahrscheinlich spielt hier die Erde mit dem Mond das alte Spiel: ‚Er liebt mich – er liebt mich nicht!’, und alle hundert Jahre zupft sie ein Blütenblatt und lässt es fallen. Das erinnert uns Menschen dann daran, wie kurz unser Leben ist.“
„Faszinierend!“ sagte Jono beeindruckt. „Wahnsinn!“ Er konnte sich kaum losreißen. Es war ein Ort, der neue Gedanken ausbrütete und uns verzauberte. Die Sonne stahl sich durch die Wolken und ließ das grüne Orotava-Tal dampfen.
Doch der Fahrer scheuchte uns zurück in den Bus. Wir hatten ein Programm zu absolvieren. Einmal musste er plötzlich bremsen und es zeigte sich, dass man in dem Bus mit dem Rollstuhl doch umkippen konnte. Es erwischte nicht Jono sondern den Mann hinter ihm. Zum Glück kam er mit einer Beule am Hinterkopf davon, obwohl er keine Kartoffelchips an der Rückenlehne hängen hatte. Den Fahrer schien es nicht zu wundern; er stellte den Rolli wieder aufrecht und fuhr weiter. „Alles ok?“ fragte ich Jono. „Doch“, lachte er, „Rumpelt ganz schön, aber es ist die Sache wert!“ Das übermütige Leuchten in seinen Augen überzeugte mich mehr als seine Worte.

Mit stotterndem Motor kämpfte sich das Fahrzeug langsam höher, schraubte sich auf der schmalen Straße aus dem Tal den Hang des Teide hoch: des Vulkans, der sich seit über zweihundert Jahren nicht gerührt und auf dessen Hänge sich dennoch inzwischen nicht viel Grün gewagt hatte. Wir fuhren durch ein historisches hochgelegenes Dorf, doch gerade dort gerieten wir in die niedrigen Wolken, die oft um den Berg hingen. Es wurde kalt, der Nebel dicht. Was wir von den Gebäuden erkennen konnten wirkte verwunschen. Das Rütteln des Autos und das dämmrige Grau ließen mich eindösen, ich nahm nur die Balkons mit den kunstvollen schmiedeeisernen Gittern wahr, die mir ungemein gefielen. Ich habe eine Schwäche für Balkons. Wie mochte es sein, auf einem solchen zu sitzen? Alte Balkonszenen aus meinem Leben trieben in meiner Erinnerung hoch. Die drei Beine meines Großvaters: zwei mit peinlich genauen Bügelfalten und sein polierter Stock mit dem schweren Gummipfropfen unten, der seinem würdevollen Schritt ein geheimnisvolles Echo verlieh. Ich reichte ihm nur bis ans Knie und folgte ihm auf den Balkon, wo ich Himbeersaft und handgemachte Spätzle bekam und durch das Gitter auf den geheimnisvollen Garten mit den Johannisbeerbüschen hinabgucken durfte.
Später war es mein Vater in einer anderen Stadt, der mich aus einem Traum weckte und an einem lauen lindenduftgetränkten Sommerabend auf den Balkon holte, um mich durch das Fernrohr sehen zu lassen. Er erklärte mir die Mondmeere und zeigte mir die Ringe des Saturn; die Frage, warum der Saturn diese wohl trug, beschäftigte mich lange. – Ein Balkon, irgendwo in den Bergen, von dem ich Papierflugzeuge dem Wind in die unsichtbaren Arme warf, Flugzeuge, die alle einen Namen hatten und meine Phantasien in alle Himmelsrichtungen trugen. Dann der Südbalkon meiner Studentenwohnung, auf dem ich in einem kleinen Blumenkasten einen großen Kürbis zog, obwohl ich ihn dort ungefähr fünf mal am Tag gießen musste. Es war ein Sieg eines Traums über die Vernunft, ein Versuch der Machbarkeit. Später Anthonys Worte in einem Brief: „Es ist Abend, würzig und herbstfarben und brüchig, ich sitze auf dem Balkon, im Radio spielen sie ‚Silver Wings’ und ich zähle die Wildgänse, die über mir nach Süden ziehen. Wie gerne würde ich wie Nils Holgersson mit ihnen fliegen, ich habe ein Bild davon angefangen…“ und schließlich, wie am Ende einer Leiter, Jono und ich auf dem Dach des Mar y Sol im Sonnenuntergang zu Füßen eines Vulkans, und Rauchringe umkreisten uns und wie die Ringe des Saturn, wie Papierflugzeuge, wie Wildgänse….

Der Bus hielt mit einem Ruck, ich wurde hellwach. „Aussteigen, Beine strecken!“ rief der Fahrer gutgelaunt. Es klang ein wenig fehl am Platze, immerhin waren die Hälfte der Passagiere Rollstuhlfahrer. Wir nahmen die Pause dennoch dankbar an. Erst draußen bemerkte ich, dass das Grau verschwunden war und uns ein fast silbernes Licht umgab. Wir waren über den Wolken! Neben uns stand eine kleine Felsenkapelle mit einer einzigen Glocke in einem winzigen offenen Turm. Ihre Tür führte auf einen Vorsprung, wo wir uns an einen windschiefen Zaun stellten, und genau zu unseren Füßen begann der glänzende Wolkenteppich als könne man ihn aus der Kapelle direkt betreten. Über uns war der Himmel durchsichtig blau, hoch und überraschend nahe zugleich
„Dass ich so was noch mal erleben darf – mit dem Rollstuhl!“ sagte Jono andächtig. Er hatte nasse Augen. Meine eigenen hatte ich auch im Verdacht.
Die anderen standen schweigend, in kleinen Abständen, jeder in seine Gedanken gehüllt, jeder ergriffen von etwas, das für Worte zu groß war.
Ich fühlte mich leicht, als hätte ich mit dem Durchbruch durch die Wolken meine Zweifel zurückgelassen: die Bedenken, ob ich richtig war für Jono, ob ich seine Krankheit mittragen konnte. Am nötigen Mut hatte ich nie gezweifelt, aber an meiner Stärke. Mir war als hätte uns an genau dieser Stelle etwas seinen Segen gegeben: nicht Gott, sondern die Erde und der Himmel selbst.

Schließlich brachte uns der Bus das letzte Stück Richtung Gipfel des Pico el Teide, wo wir auf einem Parkplatz ausgeladen wurden und eine Stunde für uns bekamen, eine Stunde, den Vulkan zu entdecken. Auf den allerobersten Gipfel führte eine kleine Seilbahn, doch die war wegen des aufkommenden Windes geschlossen. Jonos Elektrorollstuhl hätte ohnehin nicht hineingepasst. Wir waren vollauf zufrieden mit den paar Metern weniger. Dunkel erstreckten sich die Lavahänge unter uns, weiter unten das grüne Tal, und in der Ferne schimmerte das Meer. Der Horizont schloss einen leuchtenden Ring um die Weite.
Man konnte noch erkennen, welchen Weg die Lavaströme beim letzten Ausbruch genommen hatten, konnte ahnen, welche Urgewalten hier unterwegs gewesen waren, den Boden geformt hatten, auf dem wir standen. Der Weg war holperig, schief und voller Kieselsteine, aber der Rolli arbeitete sich vorwärts. Wir betasteten kantige Felsenfiguren und warme raue Lavasteine, bewunderten rötliche Färbungen und zähe, blühende Gewächse die sich im Wind an den trockenen Boden klammerten. In mir stieg das bodenlose, zitternde Staunen auf, das mich manchmal überkommt: dass wir auf lebendiger, blühender Erde voller Lebewesen stehen, dass weit unter unseren Füßen flüssiger Felsen in ewiger Glut brodelt und über uns ein Himmel aus einer dünnen Atmosphäre den zerbrechlichen Planeten umhüllt, der in einem Tanz um eine von vielen Sonnen durch ein endloses All treibt. Und wir dürfen Zeuge sein.
„Ich kann es nicht fassen“, sagte Jono, „wir sind auf einem Vulkan – mit dem Rollstuhl!“ Ich nahm seine Hand und lehnte mich an ihn. Wenn wir noch irgendwelchen Mut gesucht hatten, so haten wir ihn hier gefunden, auf dreitausend Meter Höhe. Ein Echo der hier so gegenwärtigen Kraft der Erde mochte der Grund sein, dass wir beide das deutliche Gefühl teilten: wenn wir es hierher geschafft hatten, war uns alles möglich.

Abends saßen wir, noch immer verzaubert und sprachlos, mit Hanna und Fritz bei einem Kokoscocktail spät in der Nacht bei Fackellicht zusammen am Pool und schmeckten den unvergesslichen Eindrücken nach. An der Bar spielte eine Kapelle.
Fritz war auch Rollstuhlfahrer, er litt an derselben Muskelkrankheit wie Jono, nur hatte sie bei ihm später eingesetzt. Sie waren siebzig und strahlten eine perlende, herzliche Lebensfreude aus. „Komm, lass uns tanzen!“ sagte Hanna und nahm Fritz bei der Hand. Bereitwillig und galant folgte er ihr. Ganz allein drehten sie sich auf den Fliesen, die hell im Mondlicht schimmerten, ihre Schatten wirbelten mit. Fritz hielt Anni bei der Hand und steuerte mit der anderen seinen Rollstuhl. Es war eine Eleganz und eine Zusammengehörigkeit in ihrem Tanz, die uns tief berührte und die nur aus jahrzehntelanger Vertrautheit entstanden sein konnte. Wir trauten uns nicht, uns zu ihnen zu gesellen: das hatten wir noch nicht gemeistert, diese Würde, dieses Selbstbewusstsein, diese Einigkeit. Dazu gehörte Zeit, gehörte gemeinsames Leben. Es war Magie darin, doch wir waren noch bloße Zauberlehrlinge.
Jono und ich sahen uns an. Hanna und Fritz waren ab jetzt unser Vorbild, ohne dass wir es aussprechen mussten.
„Wie lange seid Ihr eigentlich verheiratet?“ fragte Jono sie, als sie, etwas außer Atem, unter Beifall an den Tisch zurückkehrten.
„Im Mai fünfzig Jahre!“ sagte Fritz und küsste Hanna voller Stolz, „Und keinen Tag bereut!“
„Lass uns auch im Mai heiraten!“ sagte ich zu Jono, ohne lange nachzudenken. „Ich habe nie daran geglaubt, das ich mal heiraten werde, aber wenn, dann sollte es immer im Mai sein.“
Und so war es beschlossen. Als wir in der ersten Novemberwoche abreisten, buchten wir unser Zimmer für Mitte Mai. Für die Hochzeitsreise.

Auf dem Rückflug fehlten zuerst die Träger, die Jono in das Flugzeug bringen sollten. Als wir in Berlin ausstiegen, hörten wir, wir ein anderer Passagier zu seinem Kollegen sagte: „Wir hatten eine halbe Stunde Verspätung bloß wegen so einem doofen Behinderten.“
Aber so etwas konnte uns nicht mehr schrecken. Wir waren auf einem Vulkan gewesen und dem Himmel auf Augenhöhe begegnet.

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Kapitel 8 – Nachtigallen

Der Sommer wurde wie Anthonys Lied.
Anthony hatte die Angewohnheit, mir gelegentlich mitten in der Nacht am Telefon ein Lied vorzuspielen, das ihm gerade gefiel. Er nahm sie aus dem Radio auf. Zu dieser Zeit war es „On the Wings of a Nightingale“ von den Everly Brothers. „Total kitschig“ lachte er, „aber irre schön!“ Ich musste mir das anhören, bis ich es auswendig konnte, und heute noch steht Anthony fast greifbar vor mir wenn ich die Melodie irgendwo höre. Übersetzt geht der Text etwa so:

„Wenn ich liebe fühle ich mich als ob ich durch den Himmel reise
auf den Schwingen einer Nachtigall.
Auf den Schwingen einer Nachtigall fliege ich
über Land und Meer und denke an dich und mich.
Ich könnte mir keinen schöneren Platz vorstellen.
Wenn du willst, fliegen wir in das Land der ewigen Sonne,
Ich fühle, dass mir etwas Neues geschieht
also halte meine Hand, Ich spüre, dass die Reise gerade erst angefangen hat
auf den Schwingen einer Nachtigall…“

Während das für Anthony nur noch ein Traum war, ging es mir tatsächlich so. Mit Jono erlebte ich die hellen Sommertage, als wäre mir alles neu. Nicht nur, weil ich verliebt, sondern weil ich gezwungen war, die Umgebung anders wahrzunehmen, wenn wir unterwegs waren. Für ihn war eine Bordsteinkante ein Hindernis, das uns zu Umwegen zwang, aber auf diesen Umwegen entdeckten wir Blumen und andere Dinge, die Jono nur sah, weil seine Perspektive der Erde so nahe war. Ein verbogener Gullideckel konnte zur Falle werden, weil dann ein Ruck durch den Rollstuhl ging, der weder für den Stuhl noch für Jono gut war. Also waren wir wachsam. So fanden wir gefleckte und gestreiften Schnecken und wundersam bunt gepunktete haarige Raupen, und wenn Jonos Reifen sie gefährdeten, klaubte ich sie von den heißen Pflastersteinen und brachte sie auf dem Grünstreifen in Sicherheit. Behutsam waren unsere Wege und immer ein Triumph, wenn wir sie geschafft hatten. Jono musste ja auch am Tag vorher daran denken, die Batterie aufzuladen. Aber es gab Vorteile. Gepäck oder Einkaufstüten konnten hinten an den Stuhl gehangen werden, Jono war also Kavalier: ich brauchte nie etwas tragen. Auf dem Heimweg kauften wir Spritzkuchen für Jono und Baumkuchen für mich, und dann saßen wir im Garten und dachten uns Geschichten zu den Wolken aus oder erzählten uns voneinander.

An einem der ersten Male, als ich ihn besuchte, sahen wir uns die Fotos von jenem ersten Nachmittag im Zoo an. „Ich fände es schön, wenn du meinen Arm um deine Schultern legen würdest“, sagte er vorsichtig. Ich folgte seiner Aufforderung mit einem Kloß im Hals, verkniff mir ein verblüfftes Lachen und aufsteigende Tränen gleichzeitig. Was musste es ihn kosten, um so etwas bitten zu müssen? Doch dann stellte ich fest, dass es gar keine Rolle spielte, wer von uns seinen Arm um mich legte – Hauptsache, es war Jonos Arm. Es fühlte sich gut und genau richtig an.

Ein andermal bat er mich, seine Hand zu heben, weil es ihn am Ohr juckte. Ich musste an den Märchenfilm „Die unendliche Geschichte“ denken, in dem der Titelheld seinem Glücksdrachen das Ohr kratzen soll, weil der alles kann, nur das nicht.
Irgendwie war Jono für mich auch so etwas wie ein Glücksdrache, der mir Kraft gab.
Rasch gewöhnte ich mich daran, seine Arme für ihn zu bewegen. Bald waren es Reflexe, die ich gar nicht mehr bewusst ausführte. Jono schleppte mich auf den Rummel, was ich noch nie gemocht hatte – aber mit ihm war es wunderbar ausgelassen und verrückt. Am liebsten hatte er den einarmigen Bandit; ich legte seine Hand auf den Hebel und er drückte ihn herunter. „Mit dir vergesse ich ganz, dass ich behindert bin“, sagte er und ich glaube, ich habe nie ein befriedigerendes Kompliment bekommen. Ich meinerseits vergaß mit ihm ebenfalls völlig, dass er behindert war.
Wir aßen Garnelenspieße und gewannen beim Büchsenwerfen einen albernen Radiergummi. Dann zog Jono zwei Hauptgewinne aus dem Loseimer und wir warteten in der Abenddämmerung absurderweise mit einem großen Wäschekorb und einem beleuchteten Ghettoblaster bewaffnet auf den Behindertenfahrdienst. Als der kam, waren zwei Stunden vergangen und wir waren durchgefroren, doch statt sich zu ärgern, hatte Jono die Zeit damit verbracht, einem fliegenden Händler das Bild eines Segelboots für einen Spottpreis abzuschwatzen.

Mit Jono wurde es nicht langweilig. Als nächstes scheuchte er mich über den nahen Minigolfplatz und erklärte mir, welchen Ball ich wie spielen musste. Er betrachtete die Bahnen genau, sah, wo sie nicht eben waren und berechnete, wie die Kugel rollen würde. Er war genial und wir hatten einen Riesenspaß dabei. Rund um den Platz sangen Nachtigallen in verblühten Fliederbüschen. Ich hatte nie zuvor echte Nachtigallen gehört. Nun war ich gleich mehreren so nahe, dass ich sie sogar sehen konnte. Sie zogen einen Kreis aus melancholisch-süßen Tönen um uns, die die Everly Brothers bei weitem übertrafen.
So war das. Anthony spielte mir Lieder von Phantasien über Nachtigallen – und mit Jono begegnete ich den wirklichen.

Nachts träumte ich von Anthony. Wir liefen über eine silberglänzende, schmerzlich schöne Eisfläche, so hell, dass sie mich blendete. Ich wusste, das Wunder des Moments würde ich nie vergessen, es brannte sich in meine Erinnerung als etwas unendlich Kostbares. Ich rutschte mehrfach aus, doch Anthony nahm meine Hand nicht. Die Eisfläche wurde immer dünner, knackte und wies Risse auf und am Horizont war statt dem Himmel Dunkles zu erkennen. Doch dann war es plötzlich nicht mehr Anthony neben mir sondern Jono. Jono gehend, nicht im Rollstuhl. Er hielt meine Hand. Der Boden war nun aus Fels und sonnenwarm unter meinen Füßen. In den Ritzen blühten Schlüsselblumen.
Ich wachte auf und holte mir ein Glas Wasser aus der Küche, der Traum machte mich hellwach und verflog nicht wie Träume sonst. Selten hatte ich mich so allein gefühlt in meiner kleinen Wohnung. Ich sehnte mich nach Jonos Lächeln: dem Lächeln, das nur in seinen Augen wohnte, da die Krankheit auch seine Gesichtsmuskeln befallen hatte. Er konnte die Mundwinkel nicht heben. Man nahm sein Lächeln erst auf den zweiten Blick wahr. Aber wer es sah, bei dem blieb es.

Kapitel 7 – Jono

Ich fuhr zur Arbeit jeden Tag zwei Stunden mit der Bahn; so hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Zum Beispiel über Tinas Einwände. Ich mochte doch Anthony nicht, weil er über vierzig, sondern weil er Anthony war! Weil er einen Zauber über die Welt und ihre Dinge legte. Weil ich mit ihm hemmungslos albern sein konnte und Verrücktheiten ausspinnen, wie mit niemand anderem. Einmal gestand ich ihm, dass ich als Kind immer Angst hatte, die Beine aus dem Bett zu hängen und immer blitzschnell aufstand, weil ich davon überzeugt war, dass in dem dunklen Raum unter dem Bett ein bösartiger grüner Kuckuck hauste, der mich bei erster Gelegenheit in die Waden zwicken würde. Nachdem Anthony mit Lachen fertig war, begann er nach und nach eine ganze Gesellschaft zu erfinden, die unter unseren Betten lebte. Da war die violette Spiegelbild-Häßlichmacher-Krabbe und der gepunktete Heimlich-den-Wecker-ausschalter-Specht, ganz abgesehen von dem neonroten Konto-Haben-Schlucker-Fisch. Dass er für so etwas theoretisch zu alt war, kam ihm nicht in den Sinn. Vielleicht muss man erst über vierzig sein um so jung sein zu können. Er las auch einmal einen Artikel darüber, dass man zweiunddreißig Muskeln braucht, um ein grimmiges Gesicht zu machen. Um zu lachen benutzt man nur siebzehn. Von da an nannte er einen Lachanfall „Faulheitsanfall.“ Und davon hatten wir viele. Ich mochte auch sein süffisantes Grinsen, was er „Snirgen“ nannte; das sei eine gesteigerte Form von Grinsen, sagte er. Das Wort „Snirgen“ drücke gleichzeitig mehr Satire und mehr Zärtlichkeit gegenüber liebenswerter Unsinnigkeiten aus. Anthony mochte auch Unfug, unterteilte den aber sorgfältig in „Grobfug“, „Großfug, „Kleinfug“ und „Feinfug“ (den mochten wir am liebsten).
War es ein Wunder, dass ich mit so einem Mann befreundet war und ihn hätte lieben können, wenn er es zugelassen hätte? Und dennoch war alles bittersüß mit ihm. Im Hintergrund lauerte auch Dunkles, nicht nur seine Krankheit. Anthony war aus vielen Gründen nur auf Zeit und nur eingeschränkt lebenstauglich.

Und Jono? Was zog mich so zu ihm hin?
Um Jono zu beschreiben, erzähle ich am besten, was ich über ihn erfuhr, als ich ihn das erste Mal besuchte. Da erst konnte ich mir ein Bild von seinem Leben machen.
Es dauerte lange, ehe er die Tür öffnete. So einfache Dinge sind mühsam, wenn man im Rollstuhl sitzt, der Flur eng ist und man die Arme nicht heben kann. Aber von solchen Kleinigkeiten ließ sich Jono nie beirren.
Im Zimmer blieb mein Blick an einem glänzenden Pokal hängen, der neben dem Telefon stand.
„Der ist daran schuld, dass ich die Annonce aufgegeben habe!“ bemerkte Jono.
„Erzähl!“
Doch er zeigte mir erst das Haus, und langsam erfuhr ich wie er sich alles erkämpfen musste.
Er war verheiratet gewesen, doch seine Frau hatte ihn vor über drei Jahren verlassen während er zu einer Kur war, eine Weile nachdem er in den Rollstuhl gekommen war. Das hatte er erst mal verdauen müssen und bewies sich nun mit Nachdruck, dass er auch allein zurechtkam.
Beim Kaffee erzählte er mir, was ihn dann doch bewogen hatte, an jenem Tag die Zeitung anzurufen, und wie sein Alltag aussah.
Die Sache mit dem Pokal war in der Kurklinik geschehen, in der Jono jährlich neue Kraft sammelte. Dort gab es freundliche Menschen, die für ihn seine Arme und Beine bewegten und versuchten, seine Halsmuskeln zu stärken, damit er den Kopf besser aufrecht halten konnte. Sie untersuchten sein Blut und redeten von Kalium- und Eisenwerten, als könne man daran messen, wie viel man zum Leben taugt.

Am liebsten sauste er mit seinem Elektrorollstuhl durch den Kurpark. Da gab es einen Rosengarten, in dem Duft fast greifbar über den Wegen lag und in dem sich gelegentlich Pärchen küssten. Meist aber waren die Menschen, die hier saßen und fröstelnd Sonnenstrahlen einfingen, doppelt so alt wie Jono. In der Mitte war ein gewaltiger Springbrunnen, der bei Nacht strahlend beleuchtet war. Eines Abends musste man Jono suchen, denn er hatte dort die Zeit vergessen. Ihm war, als sähe er in den schimmernden Fontänen Träume, die zu verfolgen sich lohnen würde. Alls er schließlich zurückfahren wollte, war die Batterie seines Rollstuhls leer. Als eine Schwester ihn fand, hatte er sehr kalte Hände und Füße, und sie brachte ihm später Wärmflaschen ins Zimmer.
Einmal gab es ein Konzert im Kurpark. „Kommst du mit? Ich lade euch ein“, fragte Jono Anja, die Krankengymnastin, die so hell und gerne lachte. Es war ein lustiger Abend. Anja und ihr Freund hielten sich bei der Hand, und Jono machte Witze. Er gönnte sich mit ihnen ein Bier. Zum Trinken brauchte er einen Strohhalm, weil er das Glas nicht heben konnte. An einem Freitagnachmittag mit sanftem Wetter wurde ein Wettbewerb für Rollstuhlfahrer veranstaltet. Es gab eine Menge Rollstuhlfahrer im Kurort. Jono war der erste von vielen, der sich für den Wettbewerb anmeldete. Ein erstaunlich großes Publikum versammelte sich an der Rennstrecke, auf der Slalom gefahren werden sollte und abenteuerliche Hindernisse überwunden werden mussten. Es gab mehrere Durchgänge. Jono wurde immer aufgeregter. Er schlug sich gut. Der dritte Platz war ihm schon sicher, doch er war keiner, der sich mit einem dritten Platz zufrieden gab. Es gab einen Pokal zu gewinnen, und den wollte er. Wann würde er jemals wieder eine solche Chance bekommen? Gegen ihn fuhren noch ein langer junger Mann mit einem roten Hahnenkamm und eine strubbelige blonde Frau, die auch nicht viel älter aussah. Der junge Mann verpasste im Slalom eine Stange und schied aus. Jono und die Frau fuhren beide eine perfekte Runde, und der Schiedsrichter, der eine enorme Stoppuhr hielt, als könne er damit das Geschick der Welt bestimmen, stellte auf die Sekunde genau die gleiche Zeit fest. Er verkündete ein Stechen.
Nun kam es darauf an. Jono musterte noch einmal den Parcours. Es gab nur eine einzige Stelle, an der er noch eine Sekunde einsparen konnte. Das eine Hindernis bestand aus einer Wippe. Man musste langsam hinauffahren, bis die Wippe kippte und einen auf der anderen Seite herunterließ. Das erforderte einiges Geschick. Sehr leicht konnte man dabei aus dem Stuhl fallen, oder mit dem Stuhl stürzen, oder gar den Stuhl beschädigen, auf den Jono doch angewiesen war, als sei er ein Körperteil von ihm.
Die Frau fuhr als erste. Ihr Stuhl war kleiner und wendiger als Jonos. Sie nahm die Kurven sehr eng und verbesserte sich um anderthalb Sekunden. Das würde schwer werden. Jono legte den Hebel ganz nach vorn und sauste mit angehaltenem Atem um die Slalomstangen, über die Bretterbrücke, durch die Rinne. Es holperte mächtig und er flog im Sitz auf und ab, rutschte gefährlich weit nach vorn. Nur der Gurt hielt ihn noch einigermaßen. Er konnte solche Stöße nicht mit Muskelkraft ausgleichen wie gesunde Menschen, konnte sich nicht zurechtrücken, wenn er in Schieflage geriet.
Dann kam nur noch die Wippe. Er fuhr wild entschlossen darauf zu und drückte statt abzubremsen den Hebel so weit nach vorn wie möglich. Es klapperte gewaltig, als der schwere Stuhl über das Aluminium schoss. Mit einem gewaltigen Ruck kippte die Wippe nach vorn. Der Stuhl ächzte, Jono rutschte noch ein Stück vom Sitz, sein Kopf, den er auch sonst schon kaum oben halten konnte, flog erst nach hinten, dann nach vorn. Das Publikum schrie auf. Die Vorderkante der Wippe knallte auf den Boden und schoss Jono und seinen Stuhl über die Ziellinie.
Der Mann mit der Stoppuhr holte tief Luft und rief: „Sieg! Sieg für Jonathan Reimer! Er war eine ganz Sekunde schneller! Wir gratulieren!“ Die Lokalpresse war da, befragte und fotografierte. Der Bürgermeister selbst überreichte Jono den Pokal. Jono konnte den Arm nicht heben, um ihn entgegenzunehmen, aber der Bürgermeister war geduldig, steckte ihm die glänzende Trophäe mit dem Marmorsockel in die Hand und schloss seine Finger darum. Andere Patienten aus der Klinik gratulierten ihm, auch Anja mit ihrem Rainer.
Jono war voll Freude und Stolz, doch eines war blitzartig klar in ihm wie ein Sonnenaufgang: der Bürgermeister war ein Fremder. Die anderen Patienten, Anja, alles Fremde. Niemand von den Menschen, die sich höflich mit ihm freuten, gehörte zu ihm, Jono. Keiner küsste ihn und war stolz auf ihn, niemand war ein Teil seines Glücks. Beim nächsten Mal, wenn er hierher reiste auf der Suche nach seiner Kraft, wollte er nicht mehr allein durch den Rosengarten fahren und nicht einsam nachts an dem märchenhaft beleuchteten Springbrunnen stehen.
Das war der Tag gewesen, an dem er beschloss, dass sich etwas ändern musste.

Doch nach seiner Rückkehr fand er sich erst einmal im Alltag wieder, und schon am nächsten Tag ging er zur Arbeit, wie es sich für einen Alltag gehört. Nur, dass Jono eben nicht zur Arbeit ging. Die Morgen begannen für Jono damit, dass er im Dunkeln auf das Knirschen des Schlüssels wartete, mit dem sich die Krankenschwester vom Sozialdienst in sein Haus ließ. Nur die leuchtenden Ziffern des Weckers sagten ihm, wie spät es war. Er konnte die Fensterläden nicht öffnen. Er konnte die Tür nicht öffnen. Er konnte sich nicht aufrichten.
Er konnte nur warten.
Manchmal wachte er in der Nacht auf und fror. Dann war die Decke von seinen Beinen gerutscht, als er den elektrischen Lattenrost verstellte, der es ihm erlaubte, seine Lage ein wenig zu verändern. Es gab keinen Weg, die Decke zurückzuholen. Der Wecker sagte meist, dass Jono noch sehr lange auf Hilfe würde warten müssen. Er hatte dann viel Zeit zum Träumen. Träumen ist schwer, wenn man friert. Aber Jono träumte trotzdem. Er hielt der Nacht Tagträume entgegen wie eine Fahne, erinnerte sich an das Leuchten des Springbrunnens, in dem soviel Versprechen war.
Wenn der Zeiger auf sechs Uhr kroch und eine Schwester kam, war sie manchmal nett und manchmal mürrisch. Manchmal kannte er sie schon, oft war sie ihm fremd. Manche überraschten ihn mit einem Lächeln, das den Morgen hell machte. Andere waren jung und ratlos. Sie trugen eine Frisur wie Pumuckel und fragten mit einem Kaugummi im Mund: „Was steht’n an?“
„Aufstehen, bitte.“ Aufstehen und leben, hätte er gern gesagt.
Im Flur und an anderen Stellen der Wohnung klebten Zettel. Darauf hatte Jono Gebrauchsanweisungen für sich selbst geschrieben, damit er nicht jeden Handgriff immer wieder erklären musste. Meistens musste er es doch. Er erklärte, wie man ihn auf die linke Seite drehen, seine Beine anwinkeln und ihn am rechten Arm vorsichtig hochziehen konnte, so dass er auf der Bettkante zu sitzen kam, ohne die Balance zu verlieren. Wo man seine Hand hinlegen musste, damit es ihm möglich war, sich abzustützen. Wie man ihn behutsam an der Hose in einen Schrägsitz zog und ihm dann den Rollstuhl unter den Oberschenkel schob, während er mit dem Schalter das Bett nach oben fuhr, so dass er dann vollends auf den Stuhl gezogen werden konnte. Mit dem Rest Kraft in seinen Füßen, Unterarmen und Händen half er mit, so gut es ging.
Es war mühsam und ermüdend, doch draußen riefen die Vögel den Tag aus, und den wollte Jono nicht verschwenden. Er wollte zur Arbeit, wie jeder andere auch. Nur vor der Arbeit, da war eben einiges zu tun. Die Arbeit musste er sich erst verdienen, indem er den Tag in Angriff nahm. War er im Büro, hatte er schon gewonnen.

Manchmal verspätete sich die Schwester auch oder kam gar nicht. Dann war er nicht nur gezwungen, den Notruf benutzen, sondern auch einen Urlaubstag zu nehmen.
Wenn er Pech hatte, hatte die Schwester nicht einmal seine Akte gelesen, so dass er ihr auch noch seine Krankheit erklären musste. Dass er eines Tages als junger Mann an einem Sommertag im Strandbad nicht mehr allein hatte aus dem Sand aufstehen können. Dass er sofort geahnt hatte, was der Grund war, da auch sein Vater an der Krankheit litt. Diese Krankheit stahl die Kraft aus seinen Oberarmen und Oberschenkeln und seinen Halsmuskeln. Sie stahl schließlich seine Schritte und sein Lächeln, und er konnte seine Hand auch nicht mehr zur Faust ballen.
Doch er ballte seinen Willen, und er lebte und ging arbeiten, in dasselbe Büro wie früher, wo er jemand blieb, den alle um Rat fragten und um Hilfe baten und zu dem sie gern mit ihren Sorgen kamen oder ein Schwätzchen hielten. Jono war es, der eine Fußballwette ins Leben rief und Woche für Woche in Gang hielt, und bei Jono wurden die Geburtstagsfeiern veranstaltet, denn er hatte die besten Ideen, welche Spiele das Lachen in den Arbeitsalltag riefen.
Im Büro war ihm auch ein warmes Mittagessen sicher, das ihm ein Kollege aus der Kantine mitbrachte, denn für Jono war es schwer genug, aus dem Rollstuhl auf seinen Schreibtischstuhl zu rutschen. Auf dem blieb er dann, bis Feierabend war und er sich zurück in den Rollstuhl mühte. Von da half ihm jemand ins Auto, mit dem er sich durch den Berufsverkehr fädelte. Wenn er zuhause in die Garage fuhr, konnte er nur hoffen, dass die Schwester vom Spätdienst schon da und noch nicht wieder weg war. Oft saß er lange in der Garage und wartete, bis sie auftauchte und ihm ins Haus half. Wenn niemand kam, hupte er, bis die Nachbarn ihn hörten und ihm seinen Rollstuhl brachten.
Die Schwester musste immer rasch wieder weg. Sie stellte ihm noch ein Käsebrot auf den Tisch und verabschiedete sich. Wenn der Käse verschimmelt war oder der Tisch umfiel, weil Jono versehentlich dagegen stieß, hatte er Pech. Den Rest des Abends war er auf sich allein gestellt. Er hatte eine Technik entwickelt, wie er auf das Sofa rutschen konnte und später zurück, sich dann mit winzigen Fußbewegungen ins Bad rollte, wo er hoffen musste, dass weder die Schwester noch die Reinigungskraft die Seife und die Zahnbürste dahin gelegt hatte, wo er sie nicht erreichen konnte. Wenn er richtig Glück und die Schwester die Bettdecke genau nach Anweisung gefaltet hatte, konnte er ins Bett rutschen, seine Beine mit aller verbliebenen Kraft hinterher schwingen und mit einem Ruck die Decke über sich ziehen. Einen zweiten Versuch hatte er nicht, da er sich nicht wieder aufrichten konnte.

Am Tag vor Heiligabend war Jono allein und die Stille lastete auf ihm. Er hatte sich ein großes Geschenk gemacht, eine Stereoanlage mit einer Fernbedienung. Sie war am Vortag mit der Post gekommen. Nun stand der Karton vor ihm, und Jono hatte Sehnsucht nach Musik. Doch die Schwester hatte weder Zeit noch technisches Geschick. Sie war längst gegangen. Die Nachbarn waren alt.
Jono angelte nach dem Telefon und rief am Taxistand an.
„Ich möchte einen Wagen in die Kranichstraße fünf“, sagte er. „Aber ich brauche jemanden, der eine Stereoanlage aufbauen und anschließen kann.“ Nachdem er seinen überraschenden Wunsch erklärt hatte, war der Taxifahrer gern dazu bereit. So bekam Jono seine Musik, von der er sich forttragen ließ, als sei er frei.
Den kleinen Baum im Topf, den seine Mutter schmückte und zu dem sie ein liebevolles Festtagsmenü kochte, pflanzten sie nach den Feiertagen in eine Ecke des Gartens. Die Erde war gerade noch weich genug, denn Frost und Schnee kamen erst zu Silvester. Und Jono, der niemanden gehabt hatte, der seine Hand hielt und sich an ihn kuschelte, als die Kerzen am Weihnachtsbaum brannten, fiel ein, dass er schon beim dem Gewinn des Pokals sich selbst versprochen hatte, etwas zu ändern. Er schwor sich, dass gemeinsam mit dem Baum im neuen Jahr in seinem Leben endlich etwas Neues wachsen würde. Er hatte seine Musik bekommen, wenn auch auf ungewöhnlichem Wege. Er würde auch eine Liebe finden.

Doch es wurde Frühling bevor er den ersten Schritt unternahm. An dem Tag, an dem er die Zeitung anrufen wollte, kamen ständig Kollegen mit Fragen, und es wurden Gespräche daraus, die Minute um Minute verschluckten. Fast hätte er es wieder vergessen. Dann rief ihn sein Onkel an, der sonst nie im Büro anrief. „Wolltest du nicht etwas wegen einer neuen Beziehung unternehmen?“ fragte er. So war es neun vor zwölf, neun Minuten vor Redaktionsschluss, als Jono nach dem Telefon griff und dem Fremden aus dem Stegreif eilig einen kurzen Text diktierte. Der Redakteur wollte die Anzeige eigentlich gar nicht mehr annehmen, aber Jono war auf einmal fest entschlossen, noch heute die Zukunft zu beginnen.
„Die Sache mit dem Mut fiel mir eben als erstes ein; ich habe nicht weiter darüber nachgedacht“, sagte Jono jetzt.
Hätte er die Anzeige an jenem Tag nicht im letzten Moment aufgegeben, so dass sie statt bei den anderen Kontaktanzeigen ganz unten zwischen der Werbung und den Jobangeboten gelandet war, hätte ich sie nie gelesen.
Nachdenklich drehte ich den Pokal in meiner Hand. Hätte Jono damals nicht gewonnen, wer weiß, wann er sich zu dem Versuch einer neuen Beziehung aufgerafft hätte. Aber Jono wäre nicht Jono, wenn er nicht gewonnen hätte, wenn er nicht volles Risiko bei den Hindernissen gegangen wäre.
Das war ein Teil von dem, was mich anzog. Er strahlte ein Leuchten aus und eine Stärke, an die ich mich anlehnen konnte. Das war mir völlig neu. Ich hatte noch nicht einmal gewusst, dass ich den Wunsch verspürte, mich anzulehnen.

Bevor ich ging, wollte Jono mir noch seinen kleinen, geliebten Garten zeigen. Als ich aus der Tür trat, lief mir spinnengleich ein Schauer den Rücken hoch. Ich war mir nicht sicher ob das von einem Gruseln herrührte oder einem erschrockenen Glücksgefühl. Vor mir lag ein kleiner Hof mit quadratischen grauen Steinfliesen, und von links neigte sich schützend eine alte Zeder mit rauer Rinde. Hinter einem Torbogen, an dem blaue Winden rankten, lag ein grüner Rasen, auf dem noch ein Baum stand. Rechts blühten Sonnenblumen und der Sommerflieder, dessen erste Blüte mir Jono in einem Brief geschickt hatte.
Das war der Garten, der auf der Zeichnung von Anthony zu sehen war, die über meinem Schreibtisch hing.
„Ist was?“ fragte Jono.
Ich schluckte. „Nein – ich hatte nur gerade das Gefühl, diesen Garten zu kennen.“
Unwillkürlich sah ich zu der Stelle bei den Sonnenblumen, an die Anthony im Bild meine weißen Sandalen gezeichnet hatte. Natürlich war da nichts.
„Moment“, sagte ich, zog sie aus und stellte sie genau dort hin. Dann folgte ich Jono barfuss auf den Rasen. Es fühlte sich richtig an.
Nur das kleine Gespenst, das Anthony auf einer Schaukel am Baum sitzend gezeichnet hatte, sah ich nicht – und doch war mir, als wäre es anwesend.

Kapitel 6 – Altersfragen

Am nächsten Morgen war aus dem Himmel das Licht verschwunden und ich fröstelte in meinem Sommerkleid. Wie immer traf ich Tina auf dem Bahnhof. Das erste Stück unseres Arbeitsweges war dasselbe. Sie beugte sich sofort vor und spähte mir ins Gesicht. „Du bist verliebt!“ diagnostizierte sie vorwurfsvoll. „Dabei habe ich gerade so einen netten Typen kennen gelernt, den ich dir vorstellen wollte. Der passt total zu dir. Sag mal, ist dir eigentlich klar, was du mit einem Rollstuhlfahrer alles nicht machen kannst?“
Was ich nicht mit Jono würde machen können? Nun, tanzen wahrscheinlich. Ich hasste Tanzen. Der Abschlussball meiner Tanzstunde bereitete mir nach fünfzehn Jahren immer noch Alpträume. Ich war meinem Vater dreimal auf den Fuß getreten und mein völlig fremder Tischnachbar interessierte sich für alle außer für mich. Hand in Hand am Strand spazieren gehen? Schwimmen? Ja, sehr schade, aber es gab andere Dinge, zum Beispiel Lose ziehen oder Eisbären mit Seifenblasen necken. In den Bergen wandern? Hatte ich immer gerne gemacht, aber muss ein Weg zu einem Gipfelkreuz auf zweitausend Meter führen um im siebten Himmel zu enden?

Ich war – im Gegensatz zu Tina, für die das immer noch galt – nie die Sorte Mädchen gewesen, die rosa Kleider liebt und davon träumt, von einem Ritter auf einem weißen Pferd entführt zu werden. Aber nun war Jono ganz unvorhergesehen auf einem summenden pflaumenfarbenen Rollstuhl in mein Leben gestürmt. Wieso nicht?
Damals hatten die Ritter nur Pferde. Heute war das eben anders.
Das einzige, was mir etwas Sorgen machte, war: was, wenn das Pferd lahmt, sprich: wenn der Rollstuhl einen Platten hatte, die Elektronik ausfiel oder etwas in der Art? Ich war technisch so gar nicht begabt! Aber Jono hatte bis auf ein paar kleinere Handreichungen überhaupt keinen hilfsbedürftigen Eindruck gemacht. Wahrscheinlich wusste er immer, was zu tun war.

„Wieso stehst du eigentlich immer auf ältere Männer?“ bohrte Tina weiter. „Himmel, es gibt doch genug in deinem Alter. Denk an Nick.“
Nick war mein Nachbar. Tina fand ihn toll. Ich auch. Als Freund. Ich konnte um Mitternacht mit ihm Bananeneis machen oder den Vollmond fotografieren. Mehr nicht.
„Oder Jakob!“
Mit Jakob war ich schon in der Schule befreundet. Wir züchteten eine Weile zusammen Aquarienfische im Keller und verkauften sie gewinnbringend an die Zoohandlung. Tina – überflüssig zu erwähnen – fand ihn süß.
Aber „süß“ war für mich nicht das Maß aller Dinge. „Ich habe mir mit fünf geschworen, mal einen Mann mit weißem Bart zu heiraten“, erinnerte ich mich. Damals war ich ebenso wie alle Mädchen der Nachbarschaft unsterblich in Onkel Horst Amtage verliebt, einen Freund meiner Eltern. Jonos Bart war zwar nicht weiß, doch das konnte ja noch kommen. Aber Tina ließ sich nicht mit albernen Geschichten ablenken.
„Männer mit Bart müssen nicht alt sein.“
„Ältere Männer haben Geschichten in den Augen“, sagte ich.
Das Verrückte war, dass ich mich seit Jahren nicht so jung gefühlt hatte wie an diesem Tag mit Jono. Darüber wollte ich jetzt nicht nachdenken, ich wollte es genießen. Wahrscheinlich würde es ohnehin eine einmalige Erinnerung bleiben. Vielleicht fand er mich ja zu jung?
„Dein Zug kommt!“, sagte ich zu Tina.
„Denk lieber noch mal nach!“ riet sie, während sie ihren Mantel mit dem Leopardenprint zusammenraffte und mit hochhackigen Stiefeln wackelig die Stufen zum Waggon erklomm. Ich konnte den Schuhtick vieler Frauen nie begreifen. Ich besitze genau zwei Paar Schuhe: Sandalen für den Sommer und halbe Stiefel für den Winter. Sie müssen bequem sein und von A nach B durchhalten. Hohe Hacken gehen gar nicht, ich brauche die Bodenhaftung.
Aber vielleicht legte Jono Wert auf schicke Schuhe bei Frauen?
Ich sah Tinas Zug nach. Wenn ich ehrlich war, war ich meist ganz froh gewesen, dass zwischen Anthony und mir eine letzte Distanz geblieben war. Da waren wir also wieder beim Mut. Rollstuhl hin oder her, hatte ich denn überhaupt den Mut zu einer Beziehung?

„Entschuldigung, haben Sie vielleicht ein Taschentuch, bitte?“ sprach mich eine atemlose Mutter mit einem schokoverschmierten Kleinkind an. Ich wühlte in meinem Rucksack und zog etwas Weiches heraus. Es war der Koalabär, den Jono gewonnen hatte. Fragend sah er mich an.
Vermutlich würde ich es bald herausfinden, das mit dem Mut.

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Kapitel 5 – Entdeckung am Pinguinpool

Feuchte Hitze drückte mit über dreißig Grad schwer auf die Stadt. Ich zog ein weißes Trägerkleid an; alles andere schien unerträglich auf der Haut.
Jono kam mit dem Behindertenfahrdienst, einem weißen VW-Bus. Die Fahrer schnallten den Rollstuhl aus der Verankerung, Jono rollte die Rampe herab, das Auto brauste los zum nächsten Termin – und da standen wir allein in der Mittagsglut und sahen uns an, beide unsicher und beide bemüht, es dem anderen nicht zu zeigen. Jono konnte den Kopf nur aufrecht halten, wenn er seinen Arm auf die Lehne und das Kinn in die Handfläche stützte. Das sah recht lässig aus.
„Du hast unheimlich souverän gewirkt“, sagte ich später zu ihm. „Du auch“, sagte er und wir lachten beide, weil wir inzwischen wussten, dass das Gegenteil der Fall gewesen war.
Er konnte die Arme nicht heben. Ich zögerte, wie sollte ich ihn begrüßen? Er öffnete die Hand, die auf seinem Oberschenkel lag. „Du kannst mir ganz normal die Hand geben“, sagte er. In der Hand hatte er eine Menge Kraft, der Druck war fest und angenehm.
Der Verkehrslärm verschluckte alle Worte, wir gingen erst einmal auf das Zooportal zu, dankbar für das kleine Schweigen, in dem wir uns aneinander gewöhnen konnten.

Ich hatte keine große Beziehung zum Zoo. Tiere mochte ich lieber in freier Wildbahn. Als Kind hatten mir eigentlich nur die Eisbären, die Seehunde und vor allem die Pinguine gefallen. Eine Ewigkeit war ich nicht mehr hier gewesen. Wir gingen planlos geradeaus die Allee entlang. Der Elektrorollstuhl brummte leise neben mir. Plötzlich stand uns ein Losverkäufer im Weg und schüttelte einen Eimer mit gelben Zetteln vor unseren Nasen. „Alles für den Tierschutzbund“, sagte er, „vielleicht ziehen Sie ja den Hauptgewinn!“
Indirekt behielt er recht.
Ich wollte abwinken; ich war so erzogen, dass man kein Geld und keine Zeit auf Dinge wie Lose verschwendet. Aber Jono war da anders. „Ja, wir nehmen sechs“, sagte er hocherfreut und fischte ein Fünfmarkstück aus seiner Tasche. Wir öffneten jeder drei der kleinen Röllchen. Jono hatte etwas Mühe dabei, schüttelte aber den Kopf, als ich ihm helfen wollte. „Lass mir einfach Zeit“, sagte er. Meine Lose waren alle Nieten, aber sein drittes entlockte Jono einen Freudenschrei. „Ein Drei-Punkte-Gewinn!“ Der Verkäufer hielt uns einen Korb unter die Nase und Jono sah prüfend hinein. „Da, der kleine Koala-Bär!“ sagte er entschieden. „Für dich!“
Ich steckte den Bären mit den kuscheligen Ohren in meinen Rucksack und fühlte mich plötzlich sorglos und leicht, als wäre ich wieder sechs Jahre alt. „Wohin wollen wir gehen?“ fragte ich unternehmungslustig.
„Wie wäre es mit den Pinguinen“, sagte Jono, „die mag ich am liebsten!“
Ich war so verblüfft, dass ich stehen blieb. „Ich auch!“ Ein wenig erschrocken sahen wir uns an.
„Na dann. Schau mal da auf die Karte, welcher Weg es ist.“ Für ihn war das Schild zu hoch, aber ich entzifferte schließlich die Route.
„An den Seehunden und den Eisbären vorbei“, stellte ich zufrieden fest. Manche Dinge änderten sich wohl nie.

Wir machten uns auf und unterhielten uns bestens. Offenbar hatten wir so viel telefoniert, dass wir uns bereits seltsam vertraut waren.
„Warte“, sagte Jono auf einmal, „ich möchte ein Foto machen. Stell dich bitte dort vor den Brunnen!“
Es war ein strahlend weißer Brunnen, in dessen Mitte ein marmornes Eisbärenpaar mit der glitzernden Fontäne spielte. Gehorsam stellte ich mich davor und blinzelte gegen die Sonne, während Jono sich bemühte, mit beiden Händen die Kamera in Position zu bringen. Umgeben von dem gleißenden Marmor, dem Hochsommerlicht und dem Plätschern im Hintergrund kam mir die Szene seltsam unwirklich vor, wie der Beginn eines Traumes oder einer langen Reise.
Bei den echten Eisbären schlug Jono eine Pause vor. Es gab eine Bank mit Überblick über das Gehege, in dem die Bären auf den Steinen am Wasserbecken schliefen wie hingegossen. Für sie war es eindeutig zu heiß. Mir fiel etwas ein. Ich fischte eine kleine Dose aus meinem Rucksack.
„Seifenblasen?“ staunte Juno erheitert.
Ich hatte eine Schwäche für Seifenblasen und kürzlich festgestellt, wie verschieden sie bei unterschiedlichem Wetter und in diversen Landschaften wirken. Wenn sie auf Wasser landen, halten sie eine kleine Ewigkeit. Nun wollte ich die Eisbären aufheitern. Es ging kaum Wind, aber er genügte, um die zarten Kugeln mitsamt ihrer flüchtig bunten Leichtigkeit über die Mauer und hinab zu den Felsen zu tragen. Tatsächlich erhoben sich zwei der Eisbären und folgten der Erscheinung mit dem Blick. Einer haschte sogar danach. Die Kinder an der Mauer fingen an zu lachen.

Ich war glücklich. Der Tag hatte einen besonderen Schimmer, so schwerelos und regenbogenfarbig wie die kindischen Seifenblasen. Alle Sorge um Anthony, Alina und Alltagsdinge waren vergessen; ich konnte mich nicht erinnern, wann ich mich das letzte mal dermaßen ungeniert lebendig gefühlt hatte.
„Entschuldigen Sie“, sprach Jono eine ältere Dame an, „könnten Sie bitte ein Foto von uns machen?“ Er stieß mich mit dem Ellbogen an und ich nahm ihm die Kamera ab und drückte sie der Dame in die Hand. Ich sollte noch erfahren, dass Jono das oft so machte. Für ihn waren solche Momente etwas ungemein Einzigartiges, Kostbares, das unbedingt festgehalten werden musste.
Wie recht er damit behalten sollte, ahnte ich damals noch nicht.

Nachdem wir uns an einem Eis abgekühlt und den Seehunden zugesehen hatten erreichten wir irgendwann die Pinguine. Da stand die Sonne schon schräg und schenkte den bis dahin allzu blendend hellen Mauern und Wegen und uns ein warmes, weicheres Licht. Ich hockte mich neben Jono. Lange sahen wir den Kaiserpinguinen hinter der Scheibe zu, wie sie geruhsam in ihrer Eiswelt herumwatschelten, gelegentlich elegant ins Wasser tauchten und sich danach gegenseitig zärtlich das Gefieder richteten. Ab und zu rieselte eine Schneeflocke auf sie herunter. Es war angenehm, mit Jono zu schweigen, vor sich hin zu träumen. Ich sah ihn von der Seite an. Unsere Blicke trafen sich und genau in diesem Moment schlug das Leben zweier Menschen eine neue Richtung ein. Die Eiswelt der Pinguine und die Sommerwelt des Stadtzoos verschwammen, fielen aus der Zeit. Da war nur noch das Blau in Jonos Augen und das, was dahinter lag. Das klingt vielleicht albern, aber es fühlte sich an wie der Moment, wenn man an einem kalten Tag vergeblich die beiden Hälften des Reißverschlusses an seiner Jacke zusammenzubekommen versucht, und dann auf einmal rutschen sie ineinander und es passt und macht Sinn.
Irrerweise schossen mir die Worte des Losverkäufers durch den Kopf: „Vielleicht ziehen Sie den Hauptgewinn…“

Kapitel 4 – Männer im Schuhkarton

Die Obstbäume blühten von einem Tag auf den anderen wie ein Aufatmen. Ich brachte Alina bei, in den Schulhofkirschbaum zu klettern, in dessen weißer, duftender Wolke sie sich leicht fühlte. Später versuchten wir, die Pusteblumen auf der Wiese zu zählen. Vogelküken schlüpften, schrieen nach Futter und wurden flügge. Dann rundeten sich die Erdbeeren dick und duftend und Tim und Benny halfen mir beim Erdbeereismachen. An fast jedem dieser Frühlings- und Frühsommertage bekam ich inzwischen einen Brief von Jonathan, den ich längst wie seine Freunde Jono nannte. Fehlte der Umschlag mit seiner nun schon vertrauten Handschrift, so lag es daran, dass kein Passant vorbeigekommen war, erklärte er mir. Denn Jono schaffte es zwar, mit dem Rolli aus dem Haus und um die Ecke zu kommen, aber er konnte die Arme nicht zum Briefschlitz heben, und so wartete er stets geduldig, bis jemand vorbei kam, der ihm den Brief einwarf.
Jonos Zeilen waren so anders als Anthonys, klar und bodenständig und doch voller Lebensfreude und Wärme. Schnell wurden sie mir zur lieben Gewohnheit, ohne dass ich es so recht bemerkt hatte. Ihm zu schreiben war erholsam, bei Anthony kostete es bei aller Freude auch Kraft.

Anthony fragte oft nach Jono, wollte erst alles über ihn wissen, freute sich sogar über die (rein äußerliche) Ähnlichkeit; dann wurden seine eigenen Briefe und Anrufe seltener.
Nach einiger Zeit ergriff Jono die Initiative und rief mich an. Von da an immer öfter und schließlich jeden Abend.
Wenn ich nachts Anthony am Hörer gehabt hatte, lag ich meist lange wach und grübelte. Seine Gedanken ballten sich zu wirren Knäueln in meinen eigenen und forderten Fortsetzung. Nach einer Unterhaltung mit Jono hingegen schlief ich traumlos und seltsam geborgen, wie vor einer Ewigkeit nach dem Sandmännchen im Fernsehen. Wenn Jono mir eine gute Nacht wünschte, dann wurde sie auch gut.
Ich nahm das alles zunächst hin ohne viel darüber nachzudenken, denn ich hatte beruflich viel zu tun. Jono schlich sich währenddessen auf seine hartnäckige Weise unmerklich in meine Welt und Anthony stahl sich ebenso kaum spürbar nicht nur aus meinem sondern aus allem Leben. Als mir das endlich auffiel, fühlte es sich an wie eine stille Übergabe, so, als denke er, er könne nun gehen, da er mich in guten Händen wisse. Ich verdrängte den Gedanken. Doch Anthony beschleunigte seinen Abschied selbst. Er hüllte seine Selbstzweifel in dichte Rauchschwaden unzähliger Zigaretten und löste seine Angst und sein Bedauern in einem gnädig schimmernden Meer aus Whisky. Hätte er den Mut zu einer Beziehung gehabt, wäre ich möglicherweise am Ende mit ihm untergegangen. Oder hatte er genau das befürchtet und deswegen von vornherein eine Grenze gezogen? Manche hielten ihn für einen Egoisten und Egozentriker, und das war er auch oft. Aber in dieser Sache bin ich mir bis heute nicht sicher.
Ich hatte Anthonys Briefe von Anfang an aufgehoben und gebunden. In meinem Bücherregal wohnen mehrere Bände mit seiner fließenden Handschrift und Zeichnungen. Er seinerseits verbrannte stets nach dem Lesen alle Schriftstücke die er von irgendwem bekam. Es war immer, als verwische er ständig alle Spuren, als wollte er nicht, dass sich in seinem Dasein etwas ansammelte.

An dem Tag, an dem Jono in einen Brief die erste Blüte des Schmetterlingsstrauches aus seinem Garten legte, wusste ich, dass wir zueinander passten und er etwas Besonderes war. „Es war das Schmetterlingsloch in deinem Brief – daher habe ich dir geantwortet und nicht den anderen“, gestand er mir bei der Gelegenheit. Seltsam, was für kleine Dinge das Schicksal ändern können. Was, wenn ich diesen Locher nicht geschenkt bekommen hätte? Wenn damals jemand anderer meinen Namen beim Julklapp aus der Lostrommel gezogen hätte, jemand der Kerzen oder Kekse verschenkt?
Irgendwann wünschte sich Jono ein Treffen. Ich hatte über die Möglichkeit einer Beziehung immer noch nicht wirklich nachgedacht. War ich Anthony zu ähnlich? Fehlte mir etwa auch der Mut? Wenn, dann war der Rollstuhl nicht der Grund. Schließlich versprach ich Jono, ihn zu besuchen, nach Abschluss meiner bevorstehenden zehntägigen Fortbildung. Vorher hatte ich beim besten Willen keine Zeit.
Meine Freundin Tina schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Bist du verrückt geworden? Wie kann man nur so naiv sein? Du kannst doch nicht zu einem wildfremden Mann in die Wohnung spazieren!“
Mit Tina hatte ich außer dem Beruf wenig gemeinsam. Ich trug gern alte Jeans und Sweatshirt, sie am liebsten Ballkleider. Wiesen und Bäume waren ihr kaum ein Begriff, eher Kunst und Antiquitäten. Aber mit Männern kannte sie sich aus, auch wenn oder weil sie in dieser Hinsicht von einer Katastrophe in die nächste schlitterte.
„Aber dieser Mann sitzt im Rollstuhl und kann die Arme nicht mal zum Briefschlitz heben“, protestierte ich. „Er kann mir wohl kaum gefährlich werden!“
„Der kann dir viel erzählen“, meinte Tina düster, „woher willst du wissen, ob das alles stimmt?“
Ich zweifelte an nichts, was Jono mir erzählt hatte. Aber schließlich bat ich ihn darum, ob wir uns woanders treffen könnten.
„Kein Problem“, stimmte er sofort zu. „Wie wäre es mit dem Zoo? Da war ich schon ewig nicht mehr.“
Ich auch nicht, und so verabredeten wir uns für den neunten Juli am Zooeingang, einen Tag nach Ende meiner Fortbildung.

Während des Kurses war ich vollauf beschäftigt und fand keine Zeit mir über Anthony, Jono oder nötigen Mut den Kopf zu zerbrechen. Am letzten Tag machte der Kursleiter mit uns zum Abschluss einen Ausflug in den Park, mit Picknick. Zum Ausklang hatte er noch eine Überraschung. Er häufte einen Berg Schuhkartons und Scheren in unsere Mitte und mehrere Körbe mit Bastelmaterial. Da fanden sich Samt- und Glitzerstoffe, Perlen und Steine, Filz und Lederreste, Watte und Stöcke.
„So“, sagte er, „Nun schneidet Ihr Löcher in die Kartons, vorne lasst ihr eins offen und die anderen überklebt ihr mit Transparentpapier eurer Wahl. Dann füllt ihr den Karton mit Dingen, deren Farbe, Form oder Beschaffenheit euch anspricht und ordnet sie an, wie es euch gefällt. Zum Schluss klebt ihr den Deckel obendrauf, und dann hebt ihr sie gegen die Sonne und schaut hinein.“
„Wozu soll das ganze gut sein?“ erkundigte sich einer der ewigen Zweifler. „Was sollen wir da sehen?“
„Wie es in euch aussieht, zum Beispiel. Man erlebt so manche Überraschung. Und außerdem macht es Spaß.“
Wir lagerten also gemütlich auf dem Sommergras und wühlten in unordentlichen Haufen und Assoziationen. Es machte tatsächlich Spaß. „Ich kann mich nicht entscheiden“ sagte eine der stets unentschlossenen, „kann ich auch zwei Kartons machen?“
Ich habe eine große Schwäche für kuriose Dinge. Am Ende füllte auch ich zwei Kartons. Als ich den einen in das schräg abendgoldene Licht hielt, sah ich eine ganz eigene Welt darin, wie aus einem dieser Träume, den man morgens noch verschwommen im Gedächtnis hat und dann prompt vergisst bis auf das vage Gefühl, etwas verloren zu haben. Blau und kühl war es darin, wie unter Wasser. Dunkler Samt mit ein paar glitzernden Sternen lag in einer Ecke, ein grünes Netz und krumme Äste wie Treibholz, ein paar ausgeblichene Zeitungsschnipsel, glatte graue Kieselsteine, ein Schneckenhaus und ein kreisrunder Radiergummi mit einer abgenutzten Ecke; eine Sanduhr. Außerdem ein Bleistiftstummel und ein halbleerer Farbnapf aus einem Tuschkasten.
Anthony, dachte ich. So ist es mit Anthony.

Im anderen Kasten entdeckte ich etwas ganz anderes. Hell war es darin, und warm, denn das Transparentpapier warf gelbes, grünliches und orangenes Licht hinein wie eben an einem warmen Abend kurz vor Sonnenuntergang. Klar war alles darin, und wirklich. Sand und weiße Muscheln, ein gelbes Stück Seide, ein Keks, duftende Grasbüschel, Gänseblümchen, ein Schmetterlingsflügel, ein CD-Cover mit Noten darauf im Hintergrund. Ein paar Fäden Lametta warfen ein Glitzern in den kleinen Raum.
Jono, dachte ich. So ist Jono.
„Und? Welcher gefällt dir besser?“ fragte der Kursleiter und hockte sich neben mich.
Darum geht es nicht, dachte ich. Darum nicht.
Einige begannen, sich zu verabschieden und aufzubrechen. Während ein paar andere noch eine Flasche Wein öffneten, spähte ich noch immer in die Kästen. Es war faszinierend, wie sich mit der sinkendem Sonne und dann der beginnenden Dämmerung das Licht darin änderte und die Bilder. Die Schatten auch. Und ich hatte das unheimliche Gefühl, dass ich im Begriff war, mich mit ihnen zu ändern.
„Suchst du was Bestimmtes?“ fragte mich Sonja, mit der ich mich ein wenig angefreundet hatte.
„Ja“, sagte ich. „Den Mut, morgen in den Zoo zu gehen.“

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