Kapitel 8 – Nachtigallen

Der Sommer wurde wie Anthonys Lied.
Anthony hatte die Angewohnheit, mir gelegentlich mitten in der Nacht am Telefon ein Lied vorzuspielen, das ihm gerade gefiel. Er nahm sie aus dem Radio auf. Zu dieser Zeit war es „On the Wings of a Nightingale“ von den Everly Brothers. „Total kitschig“ lachte er, „aber irre schön!“ Ich musste mir das anhören, bis ich es auswendig konnte, und heute noch steht Anthony fast greifbar vor mir wenn ich die Melodie irgendwo höre. Übersetzt geht der Text etwa so:

„Wenn ich liebe fühle ich mich als ob ich durch den Himmel reise
auf den Schwingen einer Nachtigall.
Auf den Schwingen einer Nachtigall fliege ich
über Land und Meer und denke an dich und mich.
Ich könnte mir keinen schöneren Platz vorstellen.
Wenn du willst, fliegen wir in das Land der ewigen Sonne,
Ich fühle, dass mir etwas Neues geschieht
also halte meine Hand, Ich spüre, dass die Reise gerade erst angefangen hat
auf den Schwingen einer Nachtigall…“

Während das für Anthony nur noch ein Traum war, ging es mir tatsächlich so. Mit Jono erlebte ich die hellen Sommertage, als wäre mir alles neu. Nicht nur, weil ich verliebt, sondern weil ich gezwungen war, die Umgebung anders wahrzunehmen, wenn wir unterwegs waren. Für ihn war eine Bordsteinkante ein Hindernis, das uns zu Umwegen zwang, aber auf diesen Umwegen entdeckten wir Blumen und andere Dinge, die Jono nur sah, weil seine Perspektive der Erde so nahe war. Ein verbogener Gullideckel konnte zur Falle werden, weil dann ein Ruck durch den Rollstuhl ging, der weder für den Stuhl noch für Jono gut war. Also waren wir wachsam. So fanden wir gefleckte und gestreiften Schnecken und wundersam bunt gepunktete haarige Raupen, und wenn Jonos Reifen sie gefährdeten, klaubte ich sie von den heißen Pflastersteinen und brachte sie auf dem Grünstreifen in Sicherheit. Behutsam waren unsere Wege und immer ein Triumph, wenn wir sie geschafft hatten. Jono musste ja auch am Tag vorher daran denken, die Batterie aufzuladen. Aber es gab Vorteile. Gepäck oder Einkaufstüten konnten hinten an den Stuhl gehangen werden, Jono war also Kavalier: ich brauchte nie etwas tragen. Auf dem Heimweg kauften wir Spritzkuchen für Jono und Baumkuchen für mich, und dann saßen wir im Garten und dachten uns Geschichten zu den Wolken aus oder erzählten uns voneinander.

An einem der ersten Male, als ich ihn besuchte, sahen wir uns die Fotos von jenem ersten Nachmittag im Zoo an. „Ich fände es schön, wenn du meinen Arm um deine Schultern legen würdest“, sagte er vorsichtig. Ich folgte seiner Aufforderung mit einem Kloß im Hals, verkniff mir ein verblüfftes Lachen und aufsteigende Tränen gleichzeitig. Was musste es ihn kosten, um so etwas bitten zu müssen? Doch dann stellte ich fest, dass es gar keine Rolle spielte, wer von uns seinen Arm um mich legte – Hauptsache, es war Jonos Arm. Es fühlte sich gut und genau richtig an.

Ein andermal bat er mich, seine Hand zu heben, weil es ihn am Ohr juckte. Ich musste an den Märchenfilm „Die unendliche Geschichte“ denken, in dem der Titelheld seinem Glücksdrachen das Ohr kratzen soll, weil der alles kann, nur das nicht.
Irgendwie war Jono für mich auch so etwas wie ein Glücksdrache, der mir Kraft gab.
Rasch gewöhnte ich mich daran, seine Arme für ihn zu bewegen. Bald waren es Reflexe, die ich gar nicht mehr bewusst ausführte. Jono schleppte mich auf den Rummel, was ich noch nie gemocht hatte – aber mit ihm war es wunderbar ausgelassen und verrückt. Am liebsten hatte er den einarmigen Bandit; ich legte seine Hand auf den Hebel und er drückte ihn herunter. „Mit dir vergesse ich ganz, dass ich behindert bin“, sagte er und ich glaube, ich habe nie ein befriedigerendes Kompliment bekommen. Ich meinerseits vergaß mit ihm ebenfalls völlig, dass er behindert war.
Wir aßen Garnelenspieße und gewannen beim Büchsenwerfen einen albernen Radiergummi. Dann zog Jono zwei Hauptgewinne aus dem Loseimer und wir warteten in der Abenddämmerung absurderweise mit einem großen Wäschekorb und einem beleuchteten Ghettoblaster bewaffnet auf den Behindertenfahrdienst. Als der kam, waren zwei Stunden vergangen und wir waren durchgefroren, doch statt sich zu ärgern, hatte Jono die Zeit damit verbracht, einem fliegenden Händler das Bild eines Segelboots für einen Spottpreis abzuschwatzen.

Mit Jono wurde es nicht langweilig. Als nächstes scheuchte er mich über den nahen Minigolfplatz und erklärte mir, welchen Ball ich wie spielen musste. Er betrachtete die Bahnen genau, sah, wo sie nicht eben waren und berechnete, wie die Kugel rollen würde. Er war genial und wir hatten einen Riesenspaß dabei. Rund um den Platz sangen Nachtigallen in verblühten Fliederbüschen. Ich hatte nie zuvor echte Nachtigallen gehört. Nun war ich gleich mehreren so nahe, dass ich sie sogar sehen konnte. Sie zogen einen Kreis aus melancholisch-süßen Tönen um uns, die die Everly Brothers bei weitem übertrafen.
So war das. Anthony spielte mir Lieder von Phantasien über Nachtigallen – und mit Jono begegnete ich den wirklichen.

Nachts träumte ich von Anthony. Wir liefen über eine silberglänzende, schmerzlich schöne Eisfläche, so hell, dass sie mich blendete. Ich wusste, das Wunder des Moments würde ich nie vergessen, es brannte sich in meine Erinnerung als etwas unendlich Kostbares. Ich rutschte mehrfach aus, doch Anthony nahm meine Hand nicht. Die Eisfläche wurde immer dünner, knackte und wies Risse auf und am Horizont war statt dem Himmel Dunkles zu erkennen. Doch dann war es plötzlich nicht mehr Anthony neben mir sondern Jono. Jono gehend, nicht im Rollstuhl. Er hielt meine Hand. Der Boden war nun aus Fels und sonnenwarm unter meinen Füßen. In den Ritzen blühten Schlüsselblumen.
Ich wachte auf und holte mir ein Glas Wasser aus der Küche, der Traum machte mich hellwach und verflog nicht wie Träume sonst. Selten hatte ich mich so allein gefühlt in meiner kleinen Wohnung. Ich sehnte mich nach Jonos Lächeln: dem Lächeln, das nur in seinen Augen wohnte, da die Krankheit auch seine Gesichtsmuskeln befallen hatte. Er konnte die Mundwinkel nicht heben. Man nahm sein Lächeln erst auf den zweiten Blick wahr. Aber wer es sah, bei dem blieb es.