Kapitel 14 – Schräge Abenteuer

Der Herbst kam früh und mit dem kühleren Wetter ging es Anthony ein wenig besser. In seinem Garten fing er ein Spinnennetz auf einem Blatt Papier ein, ergänzte es wie früher mit ein paar Strichen und schickte es mir mit der Aufschrift: „Viktorianische Fee mit roter Haarschleife vor einem Spiegel posierend.“

Doch Feen haben kein Spiegelbild, und so fand weder sie noch ich eine Antwort im Spiegel. Ich fühlte mich ihr ähnlich: Mir war in diesen Tagen, als hinge meine Vergangenheit in zarten, silberglänzenden Fäden von meinen Schultern, als folgte sie mir als lange Schleppe wie das Gewand der Fee. Nun hatte ich soviel über Mut und Liebe nachgedacht und merkte jetzt erst, wie unsagbar viel Mut man für den letzten Abschied braucht.
Eine Fee von der Sorte, bei der man drei oder wenigstens einen Wunsch frei hat, war es nicht.

Der Kalender verschluckte die Zeit zum Nachdenken. Es wurde Oktober, kalt und nass, und ich packte Koffer und Rollstühle, Ersatzteile und Medikamente für die Teneriffa-Reise. Am letzten Tag kam noch ein Briefchen von Anthony. Der Herbst war immer seine Zeit gewesen. Der Farbenrausch ließ den Künstler in ihm sprudeln. Er hatte einen einzelnen Schmetterlingsflügel auf seinem Fenstersims gefunden und eine frivole Zeichnung daraus gemacht. „Gute Reise!“ schrieb er. „Jono ist das Beste für dich! Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich werde dir das immer wieder sagen, weil es ja auch mir hilft.“
Zum ersten und einzigen Mal unterschrieb er mit „Love, Anthony“.
„Wir haben nicht LOVE, wir haben EVOL – etwas anderes, besonderes eben,“ sagte er sonst immer.
Dass Jono das Beste und der Einzige für mich war, wusste ich längst. Und doch fühlte ich mich, als hätte ich etwas Entscheidendes verloren: einen Flügel, wie der Schmetterling.

Jono war inzwischen genauso nervös wie ich. Am Abflugmorgen standen wir fröstelnd am Schalter und betrachteten zweifelnd den allzu schmalen Rollstuhl, in den Jono umsteigen musste. Es war ein Spezial-Rollstuhl der Fluggesellschaft, der so eng war, weil er zwischen die Sitzreihen passen musste, um Jono auf den Flugzeugsitz zu transportieren. Die Stewards halfen mir, Jono irgendwie hineinzuzwängen, es ging wirklich nur, wenn er ausatmete. Wir durften als erste ins Flugzeug, damit die Stewards noch Platz hatten, Jono bis zu unserer Sitzreihe zu schieben und ihn dann in den Sitz zu heben. Jono war kein Leichtgewicht. Wie er es schaffte, die Stewards zu überreden, ihn auch noch bis auf den Fensterplatz zu hieven, blieb mir ein Rätsel. Aber wenn er etwas wollte, war sein Charme unschlagbar. Ich war heilfroh, denn er hätte sich ja aus einem anderen Sitz nicht herüberbeugen können, hätte nie etwas gesehen von den märchenhaften leuchtendweißen Wolkenlandschaften unter uns.
Mit Jono zu fliegen war so seltsam wie ich es mir vorgestellt hatte. Alles wog sonst immer direkt oder indirekt so viel – Jono, wenn man ihm morgens aus dem Bett half, der Rollstuhl, eine unüberwindbare Stufe, der verständnislose Blick eines Passanten.
Und nun schwebten wir über dem Meer, so leicht wie alle anderen!
Stunden später zog er mich aufgeregt am Ärmel. „Guck mal, Afrika!“ Erst glaubte ich es kaum, doch im selben Moment sagte der Pilot an, „Unten sehen Sie Afrika!“ Was für ein Blick.
Die Landung auf Teneriffa ging glatt. Diesmal mussten wir warten, bis alle anderen ihr Gepäck eingesammelt hatten und ausgestiegen waren. Erst dann konnten die beiden Männer von der Fluggesellschaft Jono wieder aus dem Sitz heben und in den engen Rolli zwängen. „Der will wohl gleich wieder zurückfliegen!“ spöttelte ein Passagier, der von Jonos Behinderung nichts wissen konnte und es seltsam fand, dass wir friedlich in dem leeren Flugzeug sitzen blieben.
Dem Himmel und unserem spanischen Schild sei Dank, wartete schon unser Elektrorollstuhl auf uns – unbeschädigt und nicht auseinandergebaut. Der Bus zum Hotel war auch in Ordnung und sogar das Zimmer war wie bestellt, mit Bad ohne Stufen und dem elektrischen Bett. Bald saßen wir auf dem Balkon und konnten nicht fassen, was wir geschafft hatten. Jono war erschöpft, aber glücklich und mir waren ungefähr drei Felsen vom Herzen gerollt. Mein Alptraum war gewesen: was, wenn der Rolli verlorengegangen oder kaputt gewesen wäre?

Doch der machte in den nächsten vierzehn Tagen treu alles erdenkliche mit. Beim ersten Erkundungsausflug überquerten wir eine stark befahrene Straße, retteten uns erst einmal auf die Mittelinsel, deren Bordsteinkante angenehm abgesenkt war – und stellten fest, dass dieselbe Bordsteinkante auf der anderen Seite ungefähr dreißig Zentimeter betrug. „Das gibt es nur in Spanien“, sagte Jono fröhlich. Wir mussten wieder vorne herunter und außen herum fahren. Aber die Autofahrer hupten nicht, sondern hielten geduldig und winkten freundlich.
Wir kauften in einem charmanten Tante-Emma-Laden ein, damit wir etwas zu Naschen auf dem Zimmer hatten. „Hier, nimm die“, sagte Jono und wies mit dem Kinn auf eine riesige Tüte Kartoffelchips.
„Die schaffen wir ja nicht mal in den ganzen 14 Tagen!“ protestierte ich.
„Wetten dass?“
Auf dem Rückweg war die Strandpromenade von einer Treppe unterbrochen. Aber an einer Seite gab es eine Rampe. Während ich noch eine Palme fotografierte, war Jono unbemerkt schon losgefahren. Als ich mich umdrehte, sah ich gerade noch, wie Jono auf der Rampe mit dem Stuhl hintenüber kippte. Ich rannte los, aber es war zu weit. Als ich bei ihm ankam, lag er schon wie eine Schildkröte auf dem Rücken. Etwas benommen, aber offenbar unverletzt sah er zu mir auf. Aus dem Fotoladen, in dessen Schaufenster Jono beim Fahren gesehen hatte, kamen zwei aufgeregt gestikulierende Männer gestürmt. „Sorry, Sorry!“ riefen sie und richteten den Rolli mitsamt Jono wieder auf, als täten sie das jeden Tag. Sie bauten sogar die Batterie, die herausgeflogen war, mit wenigen Handgriffen wieder ein. Was mir aber am meisten zu denken gab war, dass der eine einen fertige Eisbeutel in der Hand hatte und fürsorglich auf Jonos Hinterkopf drückte, wo sich eine Beule zu entwickeln begann. „Du“, sagte ich zu Jono, als sie ebenso schnell wieder verschwunden waren, „ich glaub, das passiert hier öfter!“
„Ja, fast jeden Tag,“ sagte die Kellnerin des Straßencafés hinter uns. „Aber denken Sie nicht, dass die Rampe geändert oder ein Schild aufgestellt wird. Setzen sie sich erst mal.“
Wir bestellten ein Wasser und ich begutachtete Jonos Beule. „Geht es dir wirklich gut?“ fragte ich ängstlich.
„Ja,“ sagte er, „Ich frage mich allerdings, warum. Schau dir noch mal den Rolli an, ob da alles dran ist.“
Ich untersuchte den Stuhl von hinten und fing an zu lachen.
„Was ist denn?“
Ich nahm den Einkaufsbeutel ab, der immer noch an der Rückenlehne hing, zog die Tüte Kartoffelchips heraus und öffnete sie.
Sie waren vollkommen pulverisiert. Das hatte den Stoß abgefangen und Jonos Hinterkopf gerettet.

Jono schloss auch hier sofort Freundschaften. Bald gab es vier Pärchen, mit denen wir unterwegs waren. Hans und Eli halfen, wenn Jono in den Pool wollte. Das war herrlich für ihn. Keine Klinik, keine Regeln, einfach nur ein simpler Lift am Pool den man jederzeit benutzen konnte. Kein Umziehen; Jono hatte sowieso meist nur Badehose und T-Shirt an, es trocknete ja alles sofort wieder. Er drehte mit Hans Runden im Pool wann immer er wollte und fühlte sich leicht. Wir küssten uns im Stehen und fühlten uns jung und am Ziel unserer Träume. Bis auf die Vulkanbesteigung. Für diese Tour waren wir aber schon angemeldet.

Inzwischen plante die Gruppe einen Ausflug zum Hafen, eventuell eine Bootsfahrt. Mit dem Elektrorolli kam man aber nicht auf das Boot, deswegen nahmen wir den Schieberollstuhl, den Jono gar nicht leiden konnte, weil er da nicht selbst steuern konnte. „Ich fühle mich dann wie ein Paket!“ sagte er. Ausnahmsweise ließ er sich überzeugen. Es war Tims Idee, und darum schob Tim Jono auch den ganzen Weg zum Hafen. Dass Tim nicht ganz nüchtern war, merkten wir erst später.
Zum Hafen herunter gab es am Ende des Weges nur eine sehr lange, schmale und beindruckend steile Holzrampe.
„Glaubt ihr, die hält?“ Zweifelnd betrachtete ich die Konstruktion. „Klar doch!“ verkündete Tim großspurig.
Sie hielt. Nur Tim, der fröhlich drauflosschob, stieß sich den nackten Zeh an einem Splitter und ließ vor Schreck die Griffe des Rollstuhls los. Ich stand noch oben auf der Kaimauer und sah das Ganze wie in einem dieser Alpträume, wenn sich alles wie in Zeitlupe abzuspielen scheint, man aber wie angewurzelt steht und sich nicht bewegen kann. Tim rieb sich den Fuß, während der Rollstuhl mit Jono darin Fahrt aufnahm und Richtung Meer sauste. Jono sang fröhlich vor sich hin, er kam gar nicht darauf, dass ihn niemand mehr hielt.
Irgendein Schutzengel muss dafür gesorgt haben, dass er still saß und sein Gewicht nicht nach einer Seite verlagerte. Wie durch ein Wunder bleiben die Räder gerade und der Stuhl fuhr die Rampe herunter bis zum Ende ohne seitlich abzustürzen.
Unten am Hafen rollte er aus und blieb zwei Meter vor der Betonkante stehen, hinter der – ohne Reling – das tiefe Meer begann.
Mit dem Boot fuhren wir nicht mehr, denn der Kapitän erhielt eine Sturmwarnung. Aber ich hatte auch genug Abenteuer für diesen Tag. Jono fand die Sache eher lustig. Er hatte das ja auch nicht von hinten mit angesehen.
In dieser Nacht träumte ich, wie Jono, an den Rollstuhl geschnallt, in kalten und lautlosen blauen Tiefen versank. Ich versuchte, ihn zu halten, doch es gelang mir nicht, er war mir immer ein Stück voraus. Ganz kurz, ehe er im Dunkel verschwand, waren es Anthonys Augen, die mich ansahen.
Als ich zitternd aufwachte, war Jono schon wach. Er machte die kleine Bewegung mit der Hand, die bedeutete, dass ich seinen Arm um mich legen sollte. Wenn er mich festhielt, kam uns nie ein Alptraum nahe.

An den Abenden fuhren wir auf das Dach. Es war flach und mit Bänken bestückt. Von hier aus konnte man hinter Häusern und Schornsteinen das Meer sehen, und auf der Landseite die seltsam nackte Erde, hier und da mit trockenen Sträuchern und Kakteen bestückt. In der Ferne erhob sich majestätisch der Teide. Die rötlichen Felsen glühten im Sonnenuntergang. Ganz oben krönte ihn Schnee. „Er sieht so friedlich aus“, sagte ich. „Kaum zu glauben, dass er mal Feuer gespuckt hat.“
„Dafür spucke ich jetzt Feuer,“ meinte Jono und fummelte aus seiner Tasche ein Päckchen Cigarillos. „Die hab ich am Flughafen im Duty Free Shop geholt, und jetzt gönnen wir uns eins.“
Wir rauchten beide sonst nicht, aber in dem Sommer, in dem wir uns kennen lernten, hatte Jono auch ein Päckchen Cigarillos in der Tasche und an romantischen Sommerabenden suchten wir uns auf Spaziergängen manchmal eine Bank, bliesen Ringe und fanden, der Rauch schmecke so geheimnisvoll und dunkelwürzig wie das Leben. Unsere beiden Väter waren Zigarrenraucher gewesen. Als ich fünfzehn war, war ich ein einziges Mal allein mit meinem Vater verreist. Da er nicht wusste, was er mit einem Teenager anfangen sollte, nahm er mich abends mit in die Kneipe und brachte mir bei, wie man Rauchringe bläst. Das war das einzige Mal, in dem wir uns wirklich nahe waren.

Sie waren groß, diese Sonnenuntergänge mit Jono auf dem Dach am Fuße des Vulkans, während der Rest der Welt klein und fern schien. Der sanfte Passatwind duftete nach Ingwerblüten. Unser Rauch trieb zum Himmel und wurde eins mit dem Rauchblau des zeitlosen Horizonts. Die Nacht fiel rasch wie mit einem einzigen Atemzug und trug unfaßbar viele Sterne wie ich sie noch nie gesehen hatte. In ihrer Mitte leuchtete die Milchstraße. Etwas an diesen Momenten war ewig.

Kapitel 13 – Feuerträume

Zurück in der Stadt war die Luft voll heißem Staub. Viel schöner als die Tage waren die Abende im Garten, wenn die kühle Dämmerung zwischen die hohen Ritterspornstauden schlich, die so blau blühten als wären sie eine von uns gepflanzte Fortsetzung des Himmels. Immer mehr Blumen färbten unseren Garten, denn bei fast jedem Spaziergang oder Einkauf hielt Jono bei der Blumenfrau. Wir suchten etwas aus, das sie eigenhändig in einer Tüte an seinen Rollstuhl hängte. Große Töpfe nahm er auf den Schoß. Die Blumenfrau schenkte ihm jedes Mal noch eine frische Schnittrose. Er war ihr Lieblingskunde. Jono hatte eine besondere Gabe, Freundschaften zu schließen. Aber er kümmerte sich auch um seine Freunde, hörte ihnen zu, vergaß nie einen Geburtstag und lud sie regelmäßig ein.
Diese Freunde wollten sich revanchieren und verabredeten sich, für uns einen Grillkamin im Garten zu bauen. Als sie kamen, war es einer der ganz wenigen Regentage in diesem Sommer. Jono ärgerte sich, weil er nicht mit hinaus konnte. Mit Regen mussten wir vorsichtig sein. Man konnte Jono nicht einfach umziehen, wenn er nass wurde. Außerdem war die Elektronik des Rollstuhls bei Nässe empfindlich und versagte gelegentlich völlig. Ein Regencape aber lehnte er ab: „Dann sehe ich so behindert aus!“ sagte er empört. Doch sobald der Regen etwas nachließ, war er mit dabei und sah, wie der zukünftige Mittelpunkt des Gartens wuchs. „Das ist schief“, sagte er, „da noch ein wenig drehen!“ Sein Augenmaß stimmte immer, wenn man später nachmaß.

Es folgten lange Lichterabende, an denen wir mit den Freunden bis Mitternacht am Feuer saßen. Das Essen war nebensächlich: schön war es, wenn wir hinterher die alten Zweige und den Stamm des Weihnachtsbaums oder andere hölzerne Gartenabfälle auf die glimmenden Kohlen warfen. Wie heraufbeschworen sprangen märchenhaft die Flammen auf und mit ihnen Erinnerungen und Geschichten, wie sie an Lagerfeuern erzählt werden seit es Menschen gibt. Vom Wind verstreute Funken fielen zu unseren Füßen ins taufeuchte Gras wo sie leuchteten wie die von mir so geliebten Glühwürmchen, die es hierzulande nicht gibt. Vertraute Stimmen mischten sich mit dem Knistern des Reisigs. Ich hielt Jonos Hand und lauschte. Da er das Holz nicht selbst auf das Feuer legen konnte, gab er Anweisungen, welche Äste wir nehmen sollten. Während die Gäste zum Leichtsinn neigten, hatte er einen Blick dafür, was gut brannte und nicht qualmte oder so hohe Flammen auslöste, dass das Dach in Gefahr geraten konnte. Diese schöne Vorsicht machte er gleich danach selbst zunichte indem er darauf bestand, dass jemand Knallfrösche in das Feuer warf.

Wir ließen Schwimmkerzen im Teich treiben, steckten Wunderkerzen in die Hecke, zündeten in den entlegenen Winkeln flackernde Gartenfackeln an und manchmal spielte jemand Gitarre. Dann war es als trieben die melancholischen Töne unsichtbar neben die Lampions in die Zweige der Bäume. Es roch nach Asche und nach reifen Erdbeeren. Wunderkostbar und zerbrechlich wie durchsichtige blaue Glaskugeln erschienen mir diese Stunden. Ich sog sie tief ein und merkte mir ihren Geschmack, ihren Duft, ihren Glanz und ihren Klang.
„Hol noch ein Feuerwerk!“ sagte Jono jedes Mal, wenn die Gäste sich zu verabschieden begannen. Er hob von Silvester stets eine Menge kleine Bodenfontänen für solche Gelegenheiten auf. Die helle Erinnerung an die Wärme des Feuers und der Gesellschaft, an Lachen und an den Sternenregen, der aus dem feuchten Gras aufsprang und übermütig geradewegs in den Himmel wies nahmen alle mit nach Hause.

Anthony machte sein vages Versprechen, uns einmal zu besuchen, nie wahr. Es ging ihm nicht gut, die Hitze drückte auf sein Herz. In unseren kurzen Gesprächen hörte ich am Telefon, wie mühsam sein Atem ging. Seine selten gewordene Schrift lag müde auf den Seiten.
Den wahren Grund aber, dass er nicht kam, verriet mir Geli, eine gemeinsame Bekannte. „Er freut sich zwar für euch beide,“ sagte sie, „er nennt Jono seinen Beinahe-Zwillingsbruder und ist froh, dass du ihn gefunden hast. Aber er traut sich nicht zu, euch beide zusammen glücklich zu sehen.“ Darauf wäre ich so nie gekommen, aber es passte zu Anthony. Ich konnte es nicht ändern. Er hatte die Wahl gehabt.
Er rief nun wieder manchmal an und spielte mir ein Lied vor, immer dasselbe: „I believe in Angels“, von Cristy Lane. „Das passt überhaupt nicht zu ihm!“ dachte ich beim ersten Mal. Ich fand die Melodie kitschig. „On the Wings of a Nightingale“ hatte mir wesentlich besser gefallen. Erst, als ich abends mit den anderen am Feuer saß und in die Flammen träumte während oben am Himmel langsam der Schwan in der tiefer werdenden erhabenen Schwärze zu leuchten begann, kam mir der Text bewusst in den Sinn und ein kaltes Entsetzen durchfuhr mich.
Übersetzt lautet er sinngemäß so:

„Ich habe einen Traum
der mir hilft
mit allem fertig zu werden:
Wenn man das Wunder
eines Märchens sieht
kann man die Zukunft aushalten
selbst wenn man versagt.
Ich glaube an Engel,
an ewas Gutes in allem was ich sehe.
Ich habe eine Phantasie
die mir in der Wirklichkeit hilft
mich eine weitere Meile
durch die Dunkelheit zu kämpfen.
Ich glaube an Engel.
Wenn meine Zeit gekommen ist
überquere ich über die Straße.“

Ach, Anthony, dachte ich. Nicht jetzt, noch nicht!
Mir fiel ein Brief ein, den er mir einmal aus Finnland geschickt hatte.
„…du musst dir vorstellen, wie schön so ein Kaffee schmeckt, wenn man am Seeufer sitzt und in die helle Nacht starrt und einen Kaffe-Pott in den Händen hält und das Feuer Funken pustet und der Kessel daneben vor sich hinbrubbelt…der Trick dabei ist, immer nur ganz kleine Stöckchen zu nehmen und eine Art Meiler drumherum zu bauen – Kaffee-Kessel obendrauf, geht am besten in einer flachen Mulde. Brandstifter bin ich aber nur geistiger…“
Er hatte auch seine Gedanken am Lagerfeuer gehabt. Dieses Wissen und all die Worte die ich von ihm gesammelt hatte und in denen so viel tief gelebtes Leben wie ein Bodensatz zurückblieb machten den langsamen Abschied um ein Weniges leichter.
Doch wenn auch unsere Liebe nicht hatte sein sollen, was mir inzwischen seltsam richtig vorkam, so gehörte er doch, verdammt noch mal, zu meinem Leben. Und da sollte er bleiben!
Aber mit jedem Mal, dass er mir in den kommenden Monaten dieses Lied vorspielte, schien er sich weiter zu entfernen. Ob er sich oder mich mit den Worten überzeugen wollte, wusste ich nicht.
In der Dunkelheit war mir, als sähe ich am Baum das kleine Gespenst auf der Schaukel, das er damals in das Bild vom Garten gezeichnet hatte.

Jono und ich spannen an diesen Abenden Träume und Pläne. Wir hatten tatsächlich die Reise nach Teneriffa gebucht. Dazu gehörten bei uns besonders viele Vorbereitungen. Er hatte für Flugreisen einen kleineren, eigentlich zu engen Elektrorollstuhl mit einer Trockenbatterie, da andere Batterien nicht im Flieger mitgenommen werden durften. „Letztes Mal haben sie deswegen den Rollstuhl zum Laden in Teile zerlegt und wussten auf Teneriffa nicht, wie man ihn wieder zusammenbaut“, erzählte Jono. Um das zu vermeiden, suchten wir jemanden, der uns ein Schild auf spanisch schreiben konnte: „Rollstuhl bitte nicht auseinander bauen – nicht nötig, Trockenbatterie!“ Zudem mussten wir Sondergepäck anmelden, denn wir brauchten ja auch noch einen Schieberollstuhl, Ersatzteile und diverse andere Hilfsmittel. Gewartet werden mussten die Rollis natürlich vorher auch. Dann musste organisiert werden, dass auf beiden Flughäfen Männer da waren, die Jono in das Flugzeug und wieder hinaustragen würden. Im Hotel musste ein elektrisch verstellbares Pflegebett und ein rollstuhlgerechtes Badezimmer sichergestellt sein. Mir war ein wenig unbehaglich bei dem Gedanken daran, was alles schief gehen konnte. Ich konnte mir das Fliegen mit Jono ohnehin schwer vorstellen. Wir kamen mir so erdgebunden vor, vielleicht weil ich mit ihm keine Türme, keine Berge, nicht einmal die Stufen zu den Cafés und Geschäften erklimmen konnte.
„Schaffen wir das?“ fragte ich Jono.
„Zusammen schaffen wir alles!“ Die Überzeugung in seiner Stimme war ansteckend. „Ich freue mich so darauf, die Wolken von oben zu sehen. Und das Meer! Und alles mit dir!“
Mir ging es genauso. Manchmal aber überflog mich ein Nebel aus Gewissensbissen. Dann spielten Fetzen aus dem Lied wieder und wieder in meinem Kopf als hinge die Nadel auf einem alten Plattenspieler in einem Kratzer fest:

„…selbst wenn man versagt…
mich eine weitere Meile
durch die Dunkelheit zu kämpfen.
Ich glaube an Engel.
Wenn meine Zeit gekommen ist
überquere ich die Straße…“

Anthony war so spürbar nahe an seiner Zeit. Und ich machte mir Gedanken über eine Urlaubsreise?
Doch er hatte seine Entscheidung, nicht um sein Leben zu kämpfen, selbst getroffen. Schon lange. Es hatte nichts mit mir zu tun und ich hatte nie eine Chance gehabt, etwas zu ändern. Wir hatten einander nur ein Stück des Weges begleiten können.
Doch eine bestimmte Fähigkeit und den Drang, das Leben in den Augenblicken wahrzunehmen und zu bewahren, die hatte er mich gelehrt. Das war sein Vermächtnis.
Nun würde er die Straße überqueren und ich ging hier weiter, auf dieser und an Jonos Seite.
Das unsichtbare Gespenst auf der Schaukel in den tiefen Schatten des Apfelbaums aber würde eine ganz eigene Ewigkeit lang anwesend bleiben.