Kapitel 26 – Weiße Spuren, bunte Sterne

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Kapitel 23 – Die Regenblume

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Kapitel 13 – Feuerträume

Zurück in der Stadt war die Luft voll heißem Staub. Viel schöner als die Tage waren die Abende im Garten, wenn die kühle Dämmerung zwischen die hohen Ritterspornstauden schlich, die so blau blühten als wären sie eine von uns gepflanzte Fortsetzung des Himmels. Immer mehr Blumen färbten unseren Garten, denn bei fast jedem Spaziergang oder Einkauf hielt Jono bei der Blumenfrau. Wir suchten etwas aus, das sie eigenhändig in einer Tüte an seinen Rollstuhl hängte. Große Töpfe nahm er auf den Schoß. Die Blumenfrau schenkte ihm jedes Mal noch eine frische Schnittrose. Er war ihr Lieblingskunde. Jono hatte eine besondere Gabe, Freundschaften zu schließen. Aber er kümmerte sich auch um seine Freunde, hörte ihnen zu, vergaß nie einen Geburtstag und lud sie regelmäßig ein.
Diese Freunde wollten sich revanchieren und verabredeten sich, für uns einen Grillkamin im Garten zu bauen. Als sie kamen, war es einer der ganz wenigen Regentage in diesem Sommer. Jono ärgerte sich, weil er nicht mit hinaus konnte. Mit Regen mussten wir vorsichtig sein. Man konnte Jono nicht einfach umziehen, wenn er nass wurde. Außerdem war die Elektronik des Rollstuhls bei Nässe empfindlich und versagte gelegentlich völlig. Ein Regencape aber lehnte er ab: „Dann sehe ich so behindert aus!“ sagte er empört. Doch sobald der Regen etwas nachließ, war er mit dabei und sah, wie der zukünftige Mittelpunkt des Gartens wuchs. „Das ist schief“, sagte er, „da noch ein wenig drehen!“ Sein Augenmaß stimmte immer, wenn man später nachmaß.

Es folgten lange Lichterabende, an denen wir mit den Freunden bis Mitternacht am Feuer saßen. Das Essen war nebensächlich: schön war es, wenn wir hinterher die alten Zweige und den Stamm des Weihnachtsbaums oder andere hölzerne Gartenabfälle auf die glimmenden Kohlen warfen. Wie heraufbeschworen sprangen märchenhaft die Flammen auf und mit ihnen Erinnerungen und Geschichten, wie sie an Lagerfeuern erzählt werden seit es Menschen gibt. Vom Wind verstreute Funken fielen zu unseren Füßen ins taufeuchte Gras wo sie leuchteten wie die von mir so geliebten Glühwürmchen, die es hierzulande nicht gibt. Vertraute Stimmen mischten sich mit dem Knistern des Reisigs. Ich hielt Jonos Hand und lauschte. Da er das Holz nicht selbst auf das Feuer legen konnte, gab er Anweisungen, welche Äste wir nehmen sollten. Während die Gäste zum Leichtsinn neigten, hatte er einen Blick dafür, was gut brannte und nicht qualmte oder so hohe Flammen auslöste, dass das Dach in Gefahr geraten konnte. Diese schöne Vorsicht machte er gleich danach selbst zunichte indem er darauf bestand, dass jemand Knallfrösche in das Feuer warf.

Wir ließen Schwimmkerzen im Teich treiben, steckten Wunderkerzen in die Hecke, zündeten in den entlegenen Winkeln flackernde Gartenfackeln an und manchmal spielte jemand Gitarre. Dann war es als trieben die melancholischen Töne unsichtbar neben die Lampions in die Zweige der Bäume. Es roch nach Asche und nach reifen Erdbeeren. Wunderkostbar und zerbrechlich wie durchsichtige blaue Glaskugeln erschienen mir diese Stunden. Ich sog sie tief ein und merkte mir ihren Geschmack, ihren Duft, ihren Glanz und ihren Klang.
„Hol noch ein Feuerwerk!“ sagte Jono jedes Mal, wenn die Gäste sich zu verabschieden begannen. Er hob von Silvester stets eine Menge kleine Bodenfontänen für solche Gelegenheiten auf. Die helle Erinnerung an die Wärme des Feuers und der Gesellschaft, an Lachen und an den Sternenregen, der aus dem feuchten Gras aufsprang und übermütig geradewegs in den Himmel wies nahmen alle mit nach Hause.

Anthony machte sein vages Versprechen, uns einmal zu besuchen, nie wahr. Es ging ihm nicht gut, die Hitze drückte auf sein Herz. In unseren kurzen Gesprächen hörte ich am Telefon, wie mühsam sein Atem ging. Seine selten gewordene Schrift lag müde auf den Seiten.
Den wahren Grund aber, dass er nicht kam, verriet mir Geli, eine gemeinsame Bekannte. „Er freut sich zwar für euch beide,“ sagte sie, „er nennt Jono seinen Beinahe-Zwillingsbruder und ist froh, dass du ihn gefunden hast. Aber er traut sich nicht zu, euch beide zusammen glücklich zu sehen.“ Darauf wäre ich so nie gekommen, aber es passte zu Anthony. Ich konnte es nicht ändern. Er hatte die Wahl gehabt.
Er rief nun wieder manchmal an und spielte mir ein Lied vor, immer dasselbe: „I believe in Angels“, von Cristy Lane. „Das passt überhaupt nicht zu ihm!“ dachte ich beim ersten Mal. Ich fand die Melodie kitschig. „On the Wings of a Nightingale“ hatte mir wesentlich besser gefallen. Erst, als ich abends mit den anderen am Feuer saß und in die Flammen träumte während oben am Himmel langsam der Schwan in der tiefer werdenden erhabenen Schwärze zu leuchten begann, kam mir der Text bewusst in den Sinn und ein kaltes Entsetzen durchfuhr mich.
Übersetzt lautet er sinngemäß so:

„Ich habe einen Traum
der mir hilft
mit allem fertig zu werden:
Wenn man das Wunder
eines Märchens sieht
kann man die Zukunft aushalten
selbst wenn man versagt.
Ich glaube an Engel,
an ewas Gutes in allem was ich sehe.
Ich habe eine Phantasie
die mir in der Wirklichkeit hilft
mich eine weitere Meile
durch die Dunkelheit zu kämpfen.
Ich glaube an Engel.
Wenn meine Zeit gekommen ist
überquere ich über die Straße.“

Ach, Anthony, dachte ich. Nicht jetzt, noch nicht!
Mir fiel ein Brief ein, den er mir einmal aus Finnland geschickt hatte.
„…du musst dir vorstellen, wie schön so ein Kaffee schmeckt, wenn man am Seeufer sitzt und in die helle Nacht starrt und einen Kaffe-Pott in den Händen hält und das Feuer Funken pustet und der Kessel daneben vor sich hinbrubbelt…der Trick dabei ist, immer nur ganz kleine Stöckchen zu nehmen und eine Art Meiler drumherum zu bauen – Kaffee-Kessel obendrauf, geht am besten in einer flachen Mulde. Brandstifter bin ich aber nur geistiger…“
Er hatte auch seine Gedanken am Lagerfeuer gehabt. Dieses Wissen und all die Worte die ich von ihm gesammelt hatte und in denen so viel tief gelebtes Leben wie ein Bodensatz zurückblieb machten den langsamen Abschied um ein Weniges leichter.
Doch wenn auch unsere Liebe nicht hatte sein sollen, was mir inzwischen seltsam richtig vorkam, so gehörte er doch, verdammt noch mal, zu meinem Leben. Und da sollte er bleiben!
Aber mit jedem Mal, dass er mir in den kommenden Monaten dieses Lied vorspielte, schien er sich weiter zu entfernen. Ob er sich oder mich mit den Worten überzeugen wollte, wusste ich nicht.
In der Dunkelheit war mir, als sähe ich am Baum das kleine Gespenst auf der Schaukel, das er damals in das Bild vom Garten gezeichnet hatte.

Jono und ich spannen an diesen Abenden Träume und Pläne. Wir hatten tatsächlich die Reise nach Teneriffa gebucht. Dazu gehörten bei uns besonders viele Vorbereitungen. Er hatte für Flugreisen einen kleineren, eigentlich zu engen Elektrorollstuhl mit einer Trockenbatterie, da andere Batterien nicht im Flieger mitgenommen werden durften. „Letztes Mal haben sie deswegen den Rollstuhl zum Laden in Teile zerlegt und wussten auf Teneriffa nicht, wie man ihn wieder zusammenbaut“, erzählte Jono. Um das zu vermeiden, suchten wir jemanden, der uns ein Schild auf spanisch schreiben konnte: „Rollstuhl bitte nicht auseinander bauen – nicht nötig, Trockenbatterie!“ Zudem mussten wir Sondergepäck anmelden, denn wir brauchten ja auch noch einen Schieberollstuhl, Ersatzteile und diverse andere Hilfsmittel. Gewartet werden mussten die Rollis natürlich vorher auch. Dann musste organisiert werden, dass auf beiden Flughäfen Männer da waren, die Jono in das Flugzeug und wieder hinaustragen würden. Im Hotel musste ein elektrisch verstellbares Pflegebett und ein rollstuhlgerechtes Badezimmer sichergestellt sein. Mir war ein wenig unbehaglich bei dem Gedanken daran, was alles schief gehen konnte. Ich konnte mir das Fliegen mit Jono ohnehin schwer vorstellen. Wir kamen mir so erdgebunden vor, vielleicht weil ich mit ihm keine Türme, keine Berge, nicht einmal die Stufen zu den Cafés und Geschäften erklimmen konnte.
„Schaffen wir das?“ fragte ich Jono.
„Zusammen schaffen wir alles!“ Die Überzeugung in seiner Stimme war ansteckend. „Ich freue mich so darauf, die Wolken von oben zu sehen. Und das Meer! Und alles mit dir!“
Mir ging es genauso. Manchmal aber überflog mich ein Nebel aus Gewissensbissen. Dann spielten Fetzen aus dem Lied wieder und wieder in meinem Kopf als hinge die Nadel auf einem alten Plattenspieler in einem Kratzer fest:

„…selbst wenn man versagt…
mich eine weitere Meile
durch die Dunkelheit zu kämpfen.
Ich glaube an Engel.
Wenn meine Zeit gekommen ist
überquere ich die Straße…“

Anthony war so spürbar nahe an seiner Zeit. Und ich machte mir Gedanken über eine Urlaubsreise?
Doch er hatte seine Entscheidung, nicht um sein Leben zu kämpfen, selbst getroffen. Schon lange. Es hatte nichts mit mir zu tun und ich hatte nie eine Chance gehabt, etwas zu ändern. Wir hatten einander nur ein Stück des Weges begleiten können.
Doch eine bestimmte Fähigkeit und den Drang, das Leben in den Augenblicken wahrzunehmen und zu bewahren, die hatte er mich gelehrt. Das war sein Vermächtnis.
Nun würde er die Straße überqueren und ich ging hier weiter, auf dieser und an Jonos Seite.
Das unsichtbare Gespenst auf der Schaukel in den tiefen Schatten des Apfelbaums aber würde eine ganz eigene Ewigkeit lang anwesend bleiben.

Kapitel 11 – Ein Lächeln auf Rot

„Da wollen wir rein? Ist das dein Ernst?“
Wir standen vor dem Spielcasino in Jonos Kurort. Ein wunderschönes historisches Gebäude, aber es hätte mir völlig genügt, es von außen zu betrachten. Meine Erziehung rebellierte. „Um Geld spielt man nicht, höchstens um Kekse“, hörte ich die Stimme meines Vaters. Außerdem ließ die Sonne den Rasen leuchten und die Pfützen glitzern. In den Pappeln flüsterte Frühsommerwind. Nichts zog mich in einen düsteren Raum.
„Wann haben wir sonst die Gelegenheit? Wenn du noch nie in einem Spielcasino warst, ist es höchste Zeit.“ Wenn sich Jono etwas in den Kopf gesetzt hatte, war er nicht davon abzubringen. Er verpasste keine Chancen, wenn es darum ging, Erfahrungen zu machen, denn viele blieben ihm verwehrt, seit er im Rollstuhl saß. Davor allerdings hatte er auch nichts ausgelassen.
Außerdem vertraute ausgerechnet er mit Überzeugung auf sein Glück.
Ich dachte an meine Oma, die bis zu ihrem Tod mit neunzig Jahren eine elegante, unternehmungslustige Frau geblieben war. Sie hatte oft vom Spielcasino erzählt, anscheinend war sie ganz gerne mal dort gewesen. Warum also eigentlich nicht. Aber…
„Das können wir uns doch gar nicht leisten.“ Wieso war ich eigentlich immer so vorsichtig?
„Wenn wir hundert Mark verloren haben, gehen wir“, versicherte Jono.
„Na, du bist gut. Außerdem, du trägst ja keinen Schlips!“ Triumphierend wies ich auf das Schild neben der Tür. „Ohne Krawatte kommst du hier gar nicht rein.“
„Die kann man leihen. Aber greif mal in meine Innentasche.“
Ich zog etwas Weiches heraus. Natürlich. Der Mann war immer vorbereitet. „Ich kann aber keinen Krawattenknoten binden!“ war mein letzter schwacher Protest.
„Ist schon gebunden, du brauchst ihn bloß auf- und zuschieben.“
Ein wenig schief saß die Krawatte trotzdem, egal wie sehr ich daran herumfummelte, aber das war Jono herzlich egal. Er sah übrigens gut aus mit dem Ding.

„Nun komm schon.“ Souverän tauschte Jono am Eingang die hundert Mark in die berühmten Plastikchips um. Jetons.
Drinnen war es dämmrig und still, wie ich mir gedacht hatte. Nur über den Spieltischen hing Beleuchtung. Jono steuerte zielstrebig auf einen Roulettetisch zu. „Wie oft warst du schon hier?“ fragte ich argwöhnisch.
„Nur einmal, letztes Jahr. Hier, leg das auf die 9!“ Er schob mir mit dem Finger einen Chip zu. Da er den Arm nicht heben konnte, setzte ich die Jetons auf die grünen Samtfelder. Ich kam mir auf einmal angenehm verrucht vor. Die 9 war unsere Glückszahl. Diesmal allerdings gewann sie nicht.
Mit uns am Tisch saßen Menschen in unserem Alter und aufwärts. Mehrere wirklich alte Damen fielen mir auf, elegant und dunkel gekleidet, mit schwerem Goldschmuck an Fingern und Hals. Die Anwesenden beachteten einander nicht, sie waren alle nur auf den Tisch konzentriert und die Plastikplättchen, die ernst und wortlos hin- und hergeschoben wurden als gäbe es draußen keine Welt. Ich musste den Drang unterdrücken, albern zu kichern. Doch dann stockte mir der Atem angesichts der Beträge, die da seelenruhig gesetzt, verloren und gewonnen wurden, fünfhundert- und tausend-Mark-Chips in ganzen Stapeln. Was mich aber eisig berührte war die Unbewegtheit mit der selbst hohe Gewinne eingestrichen wurden. Keine Freude huschte über eines der Gesichter, die mit ihren ehrwürdigen Lebensspuren so geeignet dafür gewesen wären, Gefühle auszudrücken. Kein Ärger, kein Erschrecken bei hohen Verlusten. Gleichmütig wurden Geldstapel in Lederhandtaschen verstaut oder aus ihnen entnommen, doch ein Lächeln fand niemand in ihren Tiefen und auch kein Gespräch mit dem Tischnachbarn.
„Warum um Himmelswillen sind sie hier, wenn sie sich nicht amüsieren?“ flüsterte ich Jono zu.
„Keine Ahnung“, sagte er, „verstehe ich auch nicht. Setz mal auf das 18er-Carree.“
Doch auch damit gewannen wir nichts. Die hundert Mark hatten wir bald verspielt. Aber ich gab zu, dass es Spaß gemacht hatte.
Mit Anthony hatte ich nur geträumt. Mit Jono aber ging ich neue Wege.
Immerhin wusste ich jetzt, wie für mich die Hölle aussehen würde, wenn ich an sie geglaubt hätte. Die aber war in meiner Erziehung zum Glück nicht vorgekommen. Dennoch: Ab heute stellte ich sie mir voll alter Damen vor, die in einem dunklen Saal den ganzen Tag Roulette spielen mussten ohne einmal zu lächeln. „Komm, lass uns gehen!“
„Nein, mit Verlust gehe ich nicht. Wir setzen jetzt noch meinen Reserve-Hunni auf Rot.“
„Aber das ist doch gerade das Gefährliche, dass man immer denkt, man kann die Verluste wieder reinholen!“
„Wenn das schief geht, gehen wir. Versprochen“.
Also tauschten wir den Reservehunni noch einmal gegen Chips, die ich für Jono alle auf Rot setzte. Ich hätte sie auf Schwarz gesetzt. Schwarz wie Schreibtinte, schwarz wie mein geliebter Nachthimmel, durch den der Schwan flog. Aber Jono setzte auf Rot, für die Liebe, sagte er.
Und Jono gewann. Nun hatten wir den verlorenen Hunderter also wieder. Ich war beruhigt. „Komm!“
Doch Jono schaltete den Rollstuhl noch immer nicht an. „Ohne Gewinn geh ich hier nicht raus!“ sagte er. „Wir setzen noch mal hundert auf Rot!“
Mir schwante Schlimmes.
Doch Jono gewann. „So“, sagte er. „Und jetzt gehen wir!“ Wir ließen die alten Damen ohne Lächeln zurück und ignorierten die vorwurfsvollen Blicke des Croupiers, als er die Sandspuren sah, die Jonos Reifen auf dem roten Teppich hinterließen. Wir waren ihm wegen der geringen Beträge ohnehin ein Dorn im Auge gewesen. Und geredet und gelacht hatte wir auch!
„Und mit dem Gewinn machen wir etwas Besonderes“, sagte Jono zufrieden.

Draußen vor dem Eingang pickte ein Pfau im Sand. Seine Federn blitzten blaue Augen in das schräge Abendsonnenlicht. Als er Jonos Reifen auf dem Weg knirschen hörte, blickte er auf und schlug ein Rad. Wie die bunten Kreise, die er uns zeigte, so hatte ich mit der Erinnerung an diesen Casinobesuch einen schillernden Fleck mehr in meiner Geschichte.

So war das Leben mit Jono. Wir investierten und verloren anfangs meist: Zeit, Kraft und Mühe. Wenn wir aus dem Haus gingen, mussten wir z. B. an diverse Hilfsmittel denken, die wir mitnehmen mussten, auch an den Schlüssel für die Behindertentoiletten. Eventuell mussten wir Tage vorher den Behindertenfahrdienst buchen. Allein schon, Jono die Jacke anzuziehen war schwierig. Dazu stellte er den Rollstuhl auf einen bestimmten Winkel ein, dann musste ich ihn vorsichtig in eine vorgebeugte Stellung ziehen, aber nicht zu weit, sonst hätte er die Balance verloren und wäre vornüber gefallen. Dann den einen Arm in den Ärmel, beim zweiten war das schon schwieriger, den musste ich dafür ziemlich weit nach hinten ziehen, fast bis an Jonos Schmerzgrenze. Dann im Rücken glatt streichen damit nichts drückte wenn er sich zurücklehnte. Zurücklehnen, Rollstuhl einstellen, Jacke zumachen, den Gurt schließen. All dies dauerte länger als bei anderen Leuten und benötigte mehr Konzentration und Vorbereitung. Vieles war ein kleines Risiko. Wir setzten jedes Mal Jetons auf die grünen Felder unserer Welt.
Doch jedes Erlebnis wurde dadurch intensiver, dass es erkämpft werden musste und wir es dadurch um so mehr auskosteten. Wir waren gezwungen, mehr auf Kleinigkeiten zu achten, auf die Beschaffenheit der Wege und die Breite von Türen. Wir sahen mehr als andere, und wir freuten uns mehr als andere.
Und darum kamen wir nie ohne Gewinn nach Hause.

Kapitel 8 – Nachtigallen

Der Sommer wurde wie Anthonys Lied.
Anthony hatte die Angewohnheit, mir gelegentlich mitten in der Nacht am Telefon ein Lied vorzuspielen, das ihm gerade gefiel. Er nahm sie aus dem Radio auf. Zu dieser Zeit war es „On the Wings of a Nightingale“ von den Everly Brothers. „Total kitschig“ lachte er, „aber irre schön!“ Ich musste mir das anhören, bis ich es auswendig konnte, und heute noch steht Anthony fast greifbar vor mir wenn ich die Melodie irgendwo höre. Übersetzt geht der Text etwa so:

„Wenn ich liebe fühle ich mich als ob ich durch den Himmel reise
auf den Schwingen einer Nachtigall.
Auf den Schwingen einer Nachtigall fliege ich
über Land und Meer und denke an dich und mich.
Ich könnte mir keinen schöneren Platz vorstellen.
Wenn du willst, fliegen wir in das Land der ewigen Sonne,
Ich fühle, dass mir etwas Neues geschieht
also halte meine Hand, Ich spüre, dass die Reise gerade erst angefangen hat
auf den Schwingen einer Nachtigall…“

Während das für Anthony nur noch ein Traum war, ging es mir tatsächlich so. Mit Jono erlebte ich die hellen Sommertage, als wäre mir alles neu. Nicht nur, weil ich verliebt, sondern weil ich gezwungen war, die Umgebung anders wahrzunehmen, wenn wir unterwegs waren. Für ihn war eine Bordsteinkante ein Hindernis, das uns zu Umwegen zwang, aber auf diesen Umwegen entdeckten wir Blumen und andere Dinge, die Jono nur sah, weil seine Perspektive der Erde so nahe war. Ein verbogener Gullideckel konnte zur Falle werden, weil dann ein Ruck durch den Rollstuhl ging, der weder für den Stuhl noch für Jono gut war. Also waren wir wachsam. So fanden wir gefleckte und gestreiften Schnecken und wundersam bunt gepunktete haarige Raupen, und wenn Jonos Reifen sie gefährdeten, klaubte ich sie von den heißen Pflastersteinen und brachte sie auf dem Grünstreifen in Sicherheit. Behutsam waren unsere Wege und immer ein Triumph, wenn wir sie geschafft hatten. Jono musste ja auch am Tag vorher daran denken, die Batterie aufzuladen. Aber es gab Vorteile. Gepäck oder Einkaufstüten konnten hinten an den Stuhl gehangen werden, Jono war also Kavalier: ich brauchte nie etwas tragen. Auf dem Heimweg kauften wir Spritzkuchen für Jono und Baumkuchen für mich, und dann saßen wir im Garten und dachten uns Geschichten zu den Wolken aus oder erzählten uns voneinander.

An einem der ersten Male, als ich ihn besuchte, sahen wir uns die Fotos von jenem ersten Nachmittag im Zoo an. „Ich fände es schön, wenn du meinen Arm um deine Schultern legen würdest“, sagte er vorsichtig. Ich folgte seiner Aufforderung mit einem Kloß im Hals, verkniff mir ein verblüfftes Lachen und aufsteigende Tränen gleichzeitig. Was musste es ihn kosten, um so etwas bitten zu müssen? Doch dann stellte ich fest, dass es gar keine Rolle spielte, wer von uns seinen Arm um mich legte – Hauptsache, es war Jonos Arm. Es fühlte sich gut und genau richtig an.

Ein andermal bat er mich, seine Hand zu heben, weil es ihn am Ohr juckte. Ich musste an den Märchenfilm „Die unendliche Geschichte“ denken, in dem der Titelheld seinem Glücksdrachen das Ohr kratzen soll, weil der alles kann, nur das nicht.
Irgendwie war Jono für mich auch so etwas wie ein Glücksdrache, der mir Kraft gab.
Rasch gewöhnte ich mich daran, seine Arme für ihn zu bewegen. Bald waren es Reflexe, die ich gar nicht mehr bewusst ausführte. Jono schleppte mich auf den Rummel, was ich noch nie gemocht hatte – aber mit ihm war es wunderbar ausgelassen und verrückt. Am liebsten hatte er den einarmigen Bandit; ich legte seine Hand auf den Hebel und er drückte ihn herunter. „Mit dir vergesse ich ganz, dass ich behindert bin“, sagte er und ich glaube, ich habe nie ein befriedigerendes Kompliment bekommen. Ich meinerseits vergaß mit ihm ebenfalls völlig, dass er behindert war.
Wir aßen Garnelenspieße und gewannen beim Büchsenwerfen einen albernen Radiergummi. Dann zog Jono zwei Hauptgewinne aus dem Loseimer und wir warteten in der Abenddämmerung absurderweise mit einem großen Wäschekorb und einem beleuchteten Ghettoblaster bewaffnet auf den Behindertenfahrdienst. Als der kam, waren zwei Stunden vergangen und wir waren durchgefroren, doch statt sich zu ärgern, hatte Jono die Zeit damit verbracht, einem fliegenden Händler das Bild eines Segelboots für einen Spottpreis abzuschwatzen.

Mit Jono wurde es nicht langweilig. Als nächstes scheuchte er mich über den nahen Minigolfplatz und erklärte mir, welchen Ball ich wie spielen musste. Er betrachtete die Bahnen genau, sah, wo sie nicht eben waren und berechnete, wie die Kugel rollen würde. Er war genial und wir hatten einen Riesenspaß dabei. Rund um den Platz sangen Nachtigallen in verblühten Fliederbüschen. Ich hatte nie zuvor echte Nachtigallen gehört. Nun war ich gleich mehreren so nahe, dass ich sie sogar sehen konnte. Sie zogen einen Kreis aus melancholisch-süßen Tönen um uns, die die Everly Brothers bei weitem übertrafen.
So war das. Anthony spielte mir Lieder von Phantasien über Nachtigallen – und mit Jono begegnete ich den wirklichen.

Nachts träumte ich von Anthony. Wir liefen über eine silberglänzende, schmerzlich schöne Eisfläche, so hell, dass sie mich blendete. Ich wusste, das Wunder des Moments würde ich nie vergessen, es brannte sich in meine Erinnerung als etwas unendlich Kostbares. Ich rutschte mehrfach aus, doch Anthony nahm meine Hand nicht. Die Eisfläche wurde immer dünner, knackte und wies Risse auf und am Horizont war statt dem Himmel Dunkles zu erkennen. Doch dann war es plötzlich nicht mehr Anthony neben mir sondern Jono. Jono gehend, nicht im Rollstuhl. Er hielt meine Hand. Der Boden war nun aus Fels und sonnenwarm unter meinen Füßen. In den Ritzen blühten Schlüsselblumen.
Ich wachte auf und holte mir ein Glas Wasser aus der Küche, der Traum machte mich hellwach und verflog nicht wie Träume sonst. Selten hatte ich mich so allein gefühlt in meiner kleinen Wohnung. Ich sehnte mich nach Jonos Lächeln: dem Lächeln, das nur in seinen Augen wohnte, da die Krankheit auch seine Gesichtsmuskeln befallen hatte. Er konnte die Mundwinkel nicht heben. Man nahm sein Lächeln erst auf den zweiten Blick wahr. Aber wer es sah, bei dem blieb es.

Kapitel 1 – Die Anzeige

Eine wintermüde Mücke mit Hunger auf Frühling war der Anfang davon, dass sich mein Leben auf einen neuen Weg machte.
„He! Mach sie wieder dran!“, rief Alina empört.
Wir spielten auf dem Schulhof im Sandkasten und ich hatte die Mücke von ihrem kleinen Arm verjagt. Ein Reflex. Aber mit ihren neun Jahren sah Alina die Mücke nicht als böses Wesen an, das ihr etwas wegnehmen wollte. Über späteres Jucken dachte sie nicht nach: nicht in diesem sonnigen Frühlingsmoment, in dem sich ein Besucher mit glänzenden Flügeln vertrauensvoll auf ihrer Haut niedergelassen hatte. Sie hatte nicht viele Freunde.
Aber die Mücke war, noch kälteträge, in den silberblauen Himmel geflogen.

Im letzten Jahr war Alina schwer krank gewesen, und nun war sie noch angeschlagen und eben ein wenig anders. Ich betreute sie als Schulhelferin und ging mit ihr in den Unterricht um ihr beizustehen wenn es ihr nicht gut ging oder sie etwas nicht verstand. Wenn die anderen Sport trieben, spielten wir unsere eigenen Spiele oder machten Hausaufgaben. Ich war zwanzig Jahre älter und hatte einen Abschluss in Pädagogik, aber manchmal fragte ich mich, wer wem mehr beibrachte. Sie hatte gelegentlich eine ungewöhnliche Art, die Dinge zu betrachten.
Mücken zumindest würde ich in Zukunft anders sehen.

Alina war mein Vormittagskind. Nachmittags gab ich Tim und Benny aus einer anderen Schule Nachhilfe. An diesem Freitag hatte ich noch eine Lehrerkonferenz, und als ich endlich auf dem Heimweg war, dämmerte es schon. Das ist meine liebste Tageszeit: wenn die Luft seltsam still und glasklar wird und die ersten Lampen aufblinzeln. Der April war voller Frühlingsversprechen. Die Amseln ließen Abendtöne aus den Baumsilhouetten rieseln und es duftete nach Veilchen. Mich erfüllte das unbestimmte Gefühl, es könnte ein bedeutsamer Sommer werden. Aber war das nicht immer so im Frühling?
Nein. Irgendetwas lag in der Luft, da war ich mir sicher. Ahnungen trieben sich mit dem aufkommenden weichen Abendnebel herum. Es war wie ein Flüstern in der Welt: der Wind, die Schritte der Vorübergehenden, mein eigener Atem, alles schien mir etwas sagen zu wollen. Aber möglicherweise wünschte ich mir auch nur, dass sich etwas änderte. Dieser Sommer würde meinen dreißigsten Geburtstag enthalten. Ein guter Zeitpunkt für neue Wege; vielleicht sogar ein überfälliger.

Die alte Frau Zepke aus der Nachbarwohnung hatte wieder einmal ihren Papierkorb vor der Tür vergessen. Oben drin steckte die Tageszeitung. Ich nahm sie mit, wegen dem Anzeigenteil. Ich brauchte dringend mehr Nachhilfeschüler!
Bei einem Tee blätterte ich die Zeitung durch. Nachhilfe wurde nur in Mathematik gesucht. Die hätte ich selbst nötig gehabt. Ich wollte die Seiten schon zusammenfalten, da fiel mir, zwischen eine Werbung für eine Fahrschule und eine für ein Beerdigungsinstitut gequetscht, eine kleine, unscheinbare Kontaktanzeige ins Auge:
„Ich bin Rollstuhlfahrer. Wenn du Mut hast, melde dich!“ Ein fünfundvierzigjähriger Mann, der nicht länger allein sein wollte; es standen noch ein paar andere, nicht weiter außergewöhnliche Worte dabei, aber dieser Satz war es, der mir ungewollt im Gedächtnis blieb. Ich warf die Zeitung weg, kehrte die Krümel vom Tisch, die Apfelsinenschalen vom Küchenbrett und kippte beides obendrauf, saugte Staub, räumte meinen Schreibtisch auf und sah die Post durch. Die ganze Zeit flatterte der Satz in meinem Kopf herum wie ein unruhiger Käfigvogel, was mich irritierte. Schließlich las ich normalerweise keine Kontaktanzeigen. Anthony genügte mir momentan voll und ganz, auch wenn das keine Zukunft hatte. Für uns galt eine ganz besondere Gegenwart, die zählte.
Doch selbst beim Abendbrot war mir, als kaute ich auf diesem Satz herum. Mut! Zum Lieben ist Mut immer eine Voraussetzung. Aber wieso sollte man mehr Mut brauchen, um einen Rollstuhlfahrer zu lieben? Ich war nicht nur irritiert, ich ärgerte mich, ohne zu wissen warum. Selbst nach einer heißen Dusche und den Fernsehnachrichten fand ich keine Ruhe. Mein Ärger hatte sich mittlerweile in meinem Bauch zu einer festen kleinen Wut geballt. Ja, das ging soweit, dass ich mir einbildete, eine deutliche Stimme zu hören: „Schreib ihm das!“ Ich hatte noch nie Stimmen gehört, und Fieber hatte ich auch nicht. Irgendwas musste ich unternehmen. Kopfschüttelnd grub ich die Zeitung aus dem Papierkorb. Sie war matschig und roch nach Apfelsinen und Kaffeesatz. Fast hätte ich die kleine Anzeige nicht wiedergefunden, doch schließlich entzifferte ich die Chiffre, notierte sie auf einen Briefumschlag und setzte mich leise schimpfend wieder an den Schreibtisch. Normalerweise wäre mir nicht im Traum eingefallen, auf eine Kontaktanzeige zu antworten. Ich genierte mich vor mir selbst und war schon fast wieder auf dem Weg zum Papierkorb, als mir Alina und die Mücke einfielen. Vielleicht musste auch ich einfach mal umdenken: nicht mit einem Reflex alles verscheuchen, was mich irritierte, sondern erst näher betrachten, was mich da angeflogen hatte.

Also schrieb ich ein paar deutliche Zeilen auf einen schmucklosen Notizzettel: dass ich es als eine Unterstellung betrachtete, dass man mehr Mut für eine Beziehung mit einem Rollstuhlfahrer bräuchte als für eine mit einem Mann mit zwei gebrauchsfähigen Beinen. Damit es nicht ganz so schroff klang, fügte ich noch ein, zwei Sätze über mich an. Beim Suchen nach einer Briefmarke fiel mir ein Locher in die Hand, den ich zu Weihnachten bekommen hatte. Mit ihm konnte man schmetterlingsförmige Löcher stanzen. Ich hatte ihn noch nie ausprobiert, aber nun stanzte ich, einem Impuls folgend, ein solches Loch in den Briefumschlag. Als ich meinen Zettel hineinsteckte, lugte das Wort „Mut“ hindurch. Ich hoffte, die deutsche Post würde das durchgehen lassen.
Erst legte ich den Brief in den Flur. Morgen auf dem Weg zur Arbeit kam ich sowieso am Briefkasten vorbei. Aber dann überlegte ich es mir anders. Ich brauchte dringend noch einmal frische Luft, und es waren ja nur ein paar hundert Meter. In dem Moment, als ich das Kuvert in den Kasten plumpsen hörte, ging es mir besser. In meinem Bauch stiftete kein Ärger mehr Unruhe sondern Appetit auf ein Brötchen mit Quittengelee. Und in meinem Kopf war die Stimme verstummt. Ich hörte sie übrigens nie wieder.

Auf dem Rückweg entdeckte ich das Sternbild Schwan zum ersten Mal in diesem Jahr, gerade über dem Horizont. Der Schwan ist ein Sommersternbild. Als kleines Mädchen war er das erste, das ich mir merken konnte. Der Schwan wurde zu meinem Glücksbringer, meinem himmlischen Freund; es beruhigte mich, wenn ich ihn mit seinen ausgebreiteten Flügeln da oben schweigend in dem erschreckend weiten, schwarzen Himmel fliegen sah. Zwanzig Jahre später mochte ich ihn immer noch. Schön, dass er wieder da war. Das musste ich unbedingt Anthony erzählen.
Denn ich wusste nicht, wie lange ich Anthony überhaupt noch etwas würde erzählen können.