Kapitel 15 – Verzaubernde Orte

Der Morgen selbst war noch nicht wach als wir uns in den altersgebeugten VW-Bus zwängten. Vier Rollstuhlfahrer und vier Begleitpersonen. In Deutschland gibt es Vorschriften, wie Rollstühle in Fahrzeugen befestigt werden müssen, mit Gurten an im Boden versenkten Haken. Hier hatte man von Befestigung nichts gehört, es gab weder Gurte noch Haken. Aber es hatte immerhin den Anschein, als ob im Bus kein Platz zum Verrutschen oder Umkippen war.
Der Himmel war dunstig grau, es mochte sonnig werden oder regnerisch, noch hatte sich der Tag nicht entschieden. Der Busfahrer sprach eine melodische Mischung aus Deutsch und Spanisch und manövrierte uns mit einer hastigen Eleganz um die Haarnadelkurven, an die wir uns gewöhnen mussten. Jonos Stuhl stand schräg hinter mir; ich versuchte, mich an seiner Armlehne festzuklammern um ihm ein wenig Stabilität zu geben. Beim ersten Halt atmeten wir erleichtert auf. Aber schon hier hatte sich die Fahrt gelohnt. Wir entwirrten die Rollstühle, stiegen aus und standen vor einem beeindruckenden Naturdenkmal: der Margerita del Piedra.
Es handelt sich um eine natürliche Steinformation aus Basaltsäulen, sieben Meter hoch und fünf Meter breit, die einer riesigen Margeritenblüte ähnlich sieht.
Wir fühlten uns winzig neben der gewaltigen Schönheit, die in einer Wildnis aus Kakteen und Drachenbäumen lag und eine stille Zwiesprache mit dem Himmel zu führen schien. Die Verwitterung sorgte dafür, dass gelegentlich ein Stück Stein zu Boden stürzte. Anthony hätte gesagt: „Wahrscheinlich spielt hier die Erde mit dem Mond das alte Spiel: ‚Er liebt mich – er liebt mich nicht!’, und alle hundert Jahre zupft sie ein Blütenblatt und lässt es fallen. Das erinnert uns Menschen dann daran, wie kurz unser Leben ist.“
„Faszinierend!“ sagte Jono beeindruckt. „Wahnsinn!“ Er konnte sich kaum losreißen. Es war ein Ort, der neue Gedanken ausbrütete und uns verzauberte. Die Sonne stahl sich durch die Wolken und ließ das grüne Orotava-Tal dampfen.
Doch der Fahrer scheuchte uns zurück in den Bus. Wir hatten ein Programm zu absolvieren. Einmal musste er plötzlich bremsen und es zeigte sich, dass man in dem Bus mit dem Rollstuhl doch umkippen konnte. Es erwischte nicht Jono sondern den Mann hinter ihm. Zum Glück kam er mit einer Beule am Hinterkopf davon, obwohl er keine Kartoffelchips an der Rückenlehne hängen hatte. Den Fahrer schien es nicht zu wundern; er stellte den Rolli wieder aufrecht und fuhr weiter. „Alles ok?“ fragte ich Jono. „Doch“, lachte er, „Rumpelt ganz schön, aber es ist die Sache wert!“ Das übermütige Leuchten in seinen Augen überzeugte mich mehr als seine Worte.

Mit stotterndem Motor kämpfte sich das Fahrzeug langsam höher, schraubte sich auf der schmalen Straße aus dem Tal den Hang des Teide hoch: des Vulkans, der sich seit über zweihundert Jahren nicht gerührt und auf dessen Hänge sich dennoch inzwischen nicht viel Grün gewagt hatte. Wir fuhren durch ein historisches hochgelegenes Dorf, doch gerade dort gerieten wir in die niedrigen Wolken, die oft um den Berg hingen. Es wurde kalt, der Nebel dicht. Was wir von den Gebäuden erkennen konnten wirkte verwunschen. Das Rütteln des Autos und das dämmrige Grau ließen mich eindösen, ich nahm nur die Balkons mit den kunstvollen schmiedeeisernen Gittern wahr, die mir ungemein gefielen. Ich habe eine Schwäche für Balkons. Wie mochte es sein, auf einem solchen zu sitzen? Alte Balkonszenen aus meinem Leben trieben in meiner Erinnerung hoch. Die drei Beine meines Großvaters: zwei mit peinlich genauen Bügelfalten und sein polierter Stock mit dem schweren Gummipfropfen unten, der seinem würdevollen Schritt ein geheimnisvolles Echo verlieh. Ich reichte ihm nur bis ans Knie und folgte ihm auf den Balkon, wo ich Himbeersaft und handgemachte Spätzle bekam und durch das Gitter auf den geheimnisvollen Garten mit den Johannisbeerbüschen hinabgucken durfte.
Später war es mein Vater in einer anderen Stadt, der mich aus einem Traum weckte und an einem lauen lindenduftgetränkten Sommerabend auf den Balkon holte, um mich durch das Fernrohr sehen zu lassen. Er erklärte mir die Mondmeere und zeigte mir die Ringe des Saturn; die Frage, warum der Saturn diese wohl trug, beschäftigte mich lange. – Ein Balkon, irgendwo in den Bergen, von dem ich Papierflugzeuge dem Wind in die unsichtbaren Arme warf, Flugzeuge, die alle einen Namen hatten und meine Phantasien in alle Himmelsrichtungen trugen. Dann der Südbalkon meiner Studentenwohnung, auf dem ich in einem kleinen Blumenkasten einen großen Kürbis zog, obwohl ich ihn dort ungefähr fünf mal am Tag gießen musste. Es war ein Sieg eines Traums über die Vernunft, ein Versuch der Machbarkeit. Später Anthonys Worte in einem Brief: „Es ist Abend, würzig und herbstfarben und brüchig, ich sitze auf dem Balkon, im Radio spielen sie ‚Silver Wings’ und ich zähle die Wildgänse, die über mir nach Süden ziehen. Wie gerne würde ich wie Nils Holgersson mit ihnen fliegen, ich habe ein Bild davon angefangen…“ und schließlich, wie am Ende einer Leiter, Jono und ich auf dem Dach des Mar y Sol im Sonnenuntergang zu Füßen eines Vulkans, und Rauchringe umkreisten uns und wie die Ringe des Saturn, wie Papierflugzeuge, wie Wildgänse….

Der Bus hielt mit einem Ruck, ich wurde hellwach. „Aussteigen, Beine strecken!“ rief der Fahrer gutgelaunt. Es klang ein wenig fehl am Platze, immerhin waren die Hälfte der Passagiere Rollstuhlfahrer. Wir nahmen die Pause dennoch dankbar an. Erst draußen bemerkte ich, dass das Grau verschwunden war und uns ein fast silbernes Licht umgab. Wir waren über den Wolken! Neben uns stand eine kleine Felsenkapelle mit einer einzigen Glocke in einem winzigen offenen Turm. Ihre Tür führte auf einen Vorsprung, wo wir uns an einen windschiefen Zaun stellten, und genau zu unseren Füßen begann der glänzende Wolkenteppich als könne man ihn aus der Kapelle direkt betreten. Über uns war der Himmel durchsichtig blau, hoch und überraschend nahe zugleich
„Dass ich so was noch mal erleben darf – mit dem Rollstuhl!“ sagte Jono andächtig. Er hatte nasse Augen. Meine eigenen hatte ich auch im Verdacht.
Die anderen standen schweigend, in kleinen Abständen, jeder in seine Gedanken gehüllt, jeder ergriffen von etwas, das für Worte zu groß war.
Ich fühlte mich leicht, als hätte ich mit dem Durchbruch durch die Wolken meine Zweifel zurückgelassen: die Bedenken, ob ich richtig war für Jono, ob ich seine Krankheit mittragen konnte. Am nötigen Mut hatte ich nie gezweifelt, aber an meiner Stärke. Mir war als hätte uns an genau dieser Stelle etwas seinen Segen gegeben: nicht Gott, sondern die Erde und der Himmel selbst.

Schließlich brachte uns der Bus das letzte Stück Richtung Gipfel des Pico el Teide, wo wir auf einem Parkplatz ausgeladen wurden und eine Stunde für uns bekamen, eine Stunde, den Vulkan zu entdecken. Auf den allerobersten Gipfel führte eine kleine Seilbahn, doch die war wegen des aufkommenden Windes geschlossen. Jonos Elektrorollstuhl hätte ohnehin nicht hineingepasst. Wir waren vollauf zufrieden mit den paar Metern weniger. Dunkel erstreckten sich die Lavahänge unter uns, weiter unten das grüne Tal, und in der Ferne schimmerte das Meer. Der Horizont schloss einen leuchtenden Ring um die Weite.
Man konnte noch erkennen, welchen Weg die Lavaströme beim letzten Ausbruch genommen hatten, konnte ahnen, welche Urgewalten hier unterwegs gewesen waren, den Boden geformt hatten, auf dem wir standen. Der Weg war holperig, schief und voller Kieselsteine, aber der Rolli arbeitete sich vorwärts. Wir betasteten kantige Felsenfiguren und warme raue Lavasteine, bewunderten rötliche Färbungen und zähe, blühende Gewächse die sich im Wind an den trockenen Boden klammerten. In mir stieg das bodenlose, zitternde Staunen auf, das mich manchmal überkommt: dass wir auf lebendiger, blühender Erde voller Lebewesen stehen, dass weit unter unseren Füßen flüssiger Felsen in ewiger Glut brodelt und über uns ein Himmel aus einer dünnen Atmosphäre den zerbrechlichen Planeten umhüllt, der in einem Tanz um eine von vielen Sonnen durch ein endloses All treibt. Und wir dürfen Zeuge sein.
„Ich kann es nicht fassen“, sagte Jono, „wir sind auf einem Vulkan – mit dem Rollstuhl!“ Ich nahm seine Hand und lehnte mich an ihn. Wenn wir noch irgendwelchen Mut gesucht hatten, so haten wir ihn hier gefunden, auf dreitausend Meter Höhe. Ein Echo der hier so gegenwärtigen Kraft der Erde mochte der Grund sein, dass wir beide das deutliche Gefühl teilten: wenn wir es hierher geschafft hatten, war uns alles möglich.

Abends saßen wir, noch immer verzaubert und sprachlos, mit Hanna und Fritz bei einem Kokoscocktail spät in der Nacht bei Fackellicht zusammen am Pool und schmeckten den unvergesslichen Eindrücken nach. An der Bar spielte eine Kapelle.
Fritz war auch Rollstuhlfahrer, er litt an derselben Muskelkrankheit wie Jono, nur hatte sie bei ihm später eingesetzt. Sie waren siebzig und strahlten eine perlende, herzliche Lebensfreude aus. „Komm, lass uns tanzen!“ sagte Hanna und nahm Fritz bei der Hand. Bereitwillig und galant folgte er ihr. Ganz allein drehten sie sich auf den Fliesen, die hell im Mondlicht schimmerten, ihre Schatten wirbelten mit. Fritz hielt Anni bei der Hand und steuerte mit der anderen seinen Rollstuhl. Es war eine Eleganz und eine Zusammengehörigkeit in ihrem Tanz, die uns tief berührte und die nur aus jahrzehntelanger Vertrautheit entstanden sein konnte. Wir trauten uns nicht, uns zu ihnen zu gesellen: das hatten wir noch nicht gemeistert, diese Würde, dieses Selbstbewusstsein, diese Einigkeit. Dazu gehörte Zeit, gehörte gemeinsames Leben. Es war Magie darin, doch wir waren noch bloße Zauberlehrlinge.
Jono und ich sahen uns an. Hanna und Fritz waren ab jetzt unser Vorbild, ohne dass wir es aussprechen mussten.
„Wie lange seid Ihr eigentlich verheiratet?“ fragte Jono sie, als sie, etwas außer Atem, unter Beifall an den Tisch zurückkehrten.
„Im Mai fünfzig Jahre!“ sagte Fritz und küsste Hanna voller Stolz, „Und keinen Tag bereut!“
„Lass uns auch im Mai heiraten!“ sagte ich zu Jono, ohne lange nachzudenken. „Ich habe nie daran geglaubt, das ich mal heiraten werde, aber wenn, dann sollte es immer im Mai sein.“
Und so war es beschlossen. Als wir in der ersten Novemberwoche abreisten, buchten wir unser Zimmer für Mitte Mai. Für die Hochzeitsreise.

Auf dem Rückflug fehlten zuerst die Träger, die Jono in das Flugzeug bringen sollten. Als wir in Berlin ausstiegen, hörten wir, wir ein anderer Passagier zu seinem Kollegen sagte: „Wir hatten eine halbe Stunde Verspätung bloß wegen so einem doofen Behinderten.“
Aber so etwas konnte uns nicht mehr schrecken. Wir waren auf einem Vulkan gewesen und dem Himmel auf Augenhöhe begegnet.

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Kapitel 14 – Schräge Abenteuer

Der Herbst kam früh und mit dem kühleren Wetter ging es Anthony ein wenig besser. In seinem Garten fing er ein Spinnennetz auf einem Blatt Papier ein, ergänzte es wie früher mit ein paar Strichen und schickte es mir mit der Aufschrift: „Viktorianische Fee mit roter Haarschleife vor einem Spiegel posierend.“

Doch Feen haben kein Spiegelbild, und so fand weder sie noch ich eine Antwort im Spiegel. Ich fühlte mich ihr ähnlich: Mir war in diesen Tagen, als hinge meine Vergangenheit in zarten, silberglänzenden Fäden von meinen Schultern, als folgte sie mir als lange Schleppe wie das Gewand der Fee. Nun hatte ich soviel über Mut und Liebe nachgedacht und merkte jetzt erst, wie unsagbar viel Mut man für den letzten Abschied braucht.
Eine Fee von der Sorte, bei der man drei oder wenigstens einen Wunsch frei hat, war es nicht.

Der Kalender verschluckte die Zeit zum Nachdenken. Es wurde Oktober, kalt und nass, und ich packte Koffer und Rollstühle, Ersatzteile und Medikamente für die Teneriffa-Reise. Am letzten Tag kam noch ein Briefchen von Anthony. Der Herbst war immer seine Zeit gewesen. Der Farbenrausch ließ den Künstler in ihm sprudeln. Er hatte einen einzelnen Schmetterlingsflügel auf seinem Fenstersims gefunden und eine frivole Zeichnung daraus gemacht. „Gute Reise!“ schrieb er. „Jono ist das Beste für dich! Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich werde dir das immer wieder sagen, weil es ja auch mir hilft.“
Zum ersten und einzigen Mal unterschrieb er mit „Love, Anthony“.
„Wir haben nicht LOVE, wir haben EVOL – etwas anderes, besonderes eben,“ sagte er sonst immer.
Dass Jono das Beste und der Einzige für mich war, wusste ich längst. Und doch fühlte ich mich, als hätte ich etwas Entscheidendes verloren: einen Flügel, wie der Schmetterling.

Jono war inzwischen genauso nervös wie ich. Am Abflugmorgen standen wir fröstelnd am Schalter und betrachteten zweifelnd den allzu schmalen Rollstuhl, in den Jono umsteigen musste. Es war ein Spezial-Rollstuhl der Fluggesellschaft, der so eng war, weil er zwischen die Sitzreihen passen musste, um Jono auf den Flugzeugsitz zu transportieren. Die Stewards halfen mir, Jono irgendwie hineinzuzwängen, es ging wirklich nur, wenn er ausatmete. Wir durften als erste ins Flugzeug, damit die Stewards noch Platz hatten, Jono bis zu unserer Sitzreihe zu schieben und ihn dann in den Sitz zu heben. Jono war kein Leichtgewicht. Wie er es schaffte, die Stewards zu überreden, ihn auch noch bis auf den Fensterplatz zu hieven, blieb mir ein Rätsel. Aber wenn er etwas wollte, war sein Charme unschlagbar. Ich war heilfroh, denn er hätte sich ja aus einem anderen Sitz nicht herüberbeugen können, hätte nie etwas gesehen von den märchenhaften leuchtendweißen Wolkenlandschaften unter uns.
Mit Jono zu fliegen war so seltsam wie ich es mir vorgestellt hatte. Alles wog sonst immer direkt oder indirekt so viel – Jono, wenn man ihm morgens aus dem Bett half, der Rollstuhl, eine unüberwindbare Stufe, der verständnislose Blick eines Passanten.
Und nun schwebten wir über dem Meer, so leicht wie alle anderen!
Stunden später zog er mich aufgeregt am Ärmel. „Guck mal, Afrika!“ Erst glaubte ich es kaum, doch im selben Moment sagte der Pilot an, „Unten sehen Sie Afrika!“ Was für ein Blick.
Die Landung auf Teneriffa ging glatt. Diesmal mussten wir warten, bis alle anderen ihr Gepäck eingesammelt hatten und ausgestiegen waren. Erst dann konnten die beiden Männer von der Fluggesellschaft Jono wieder aus dem Sitz heben und in den engen Rolli zwängen. „Der will wohl gleich wieder zurückfliegen!“ spöttelte ein Passagier, der von Jonos Behinderung nichts wissen konnte und es seltsam fand, dass wir friedlich in dem leeren Flugzeug sitzen blieben.
Dem Himmel und unserem spanischen Schild sei Dank, wartete schon unser Elektrorollstuhl auf uns – unbeschädigt und nicht auseinandergebaut. Der Bus zum Hotel war auch in Ordnung und sogar das Zimmer war wie bestellt, mit Bad ohne Stufen und dem elektrischen Bett. Bald saßen wir auf dem Balkon und konnten nicht fassen, was wir geschafft hatten. Jono war erschöpft, aber glücklich und mir waren ungefähr drei Felsen vom Herzen gerollt. Mein Alptraum war gewesen: was, wenn der Rolli verlorengegangen oder kaputt gewesen wäre?

Doch der machte in den nächsten vierzehn Tagen treu alles erdenkliche mit. Beim ersten Erkundungsausflug überquerten wir eine stark befahrene Straße, retteten uns erst einmal auf die Mittelinsel, deren Bordsteinkante angenehm abgesenkt war – und stellten fest, dass dieselbe Bordsteinkante auf der anderen Seite ungefähr dreißig Zentimeter betrug. „Das gibt es nur in Spanien“, sagte Jono fröhlich. Wir mussten wieder vorne herunter und außen herum fahren. Aber die Autofahrer hupten nicht, sondern hielten geduldig und winkten freundlich.
Wir kauften in einem charmanten Tante-Emma-Laden ein, damit wir etwas zu Naschen auf dem Zimmer hatten. „Hier, nimm die“, sagte Jono und wies mit dem Kinn auf eine riesige Tüte Kartoffelchips.
„Die schaffen wir ja nicht mal in den ganzen 14 Tagen!“ protestierte ich.
„Wetten dass?“
Auf dem Rückweg war die Strandpromenade von einer Treppe unterbrochen. Aber an einer Seite gab es eine Rampe. Während ich noch eine Palme fotografierte, war Jono unbemerkt schon losgefahren. Als ich mich umdrehte, sah ich gerade noch, wie Jono auf der Rampe mit dem Stuhl hintenüber kippte. Ich rannte los, aber es war zu weit. Als ich bei ihm ankam, lag er schon wie eine Schildkröte auf dem Rücken. Etwas benommen, aber offenbar unverletzt sah er zu mir auf. Aus dem Fotoladen, in dessen Schaufenster Jono beim Fahren gesehen hatte, kamen zwei aufgeregt gestikulierende Männer gestürmt. „Sorry, Sorry!“ riefen sie und richteten den Rolli mitsamt Jono wieder auf, als täten sie das jeden Tag. Sie bauten sogar die Batterie, die herausgeflogen war, mit wenigen Handgriffen wieder ein. Was mir aber am meisten zu denken gab war, dass der eine einen fertige Eisbeutel in der Hand hatte und fürsorglich auf Jonos Hinterkopf drückte, wo sich eine Beule zu entwickeln begann. „Du“, sagte ich zu Jono, als sie ebenso schnell wieder verschwunden waren, „ich glaub, das passiert hier öfter!“
„Ja, fast jeden Tag,“ sagte die Kellnerin des Straßencafés hinter uns. „Aber denken Sie nicht, dass die Rampe geändert oder ein Schild aufgestellt wird. Setzen sie sich erst mal.“
Wir bestellten ein Wasser und ich begutachtete Jonos Beule. „Geht es dir wirklich gut?“ fragte ich ängstlich.
„Ja,“ sagte er, „Ich frage mich allerdings, warum. Schau dir noch mal den Rolli an, ob da alles dran ist.“
Ich untersuchte den Stuhl von hinten und fing an zu lachen.
„Was ist denn?“
Ich nahm den Einkaufsbeutel ab, der immer noch an der Rückenlehne hing, zog die Tüte Kartoffelchips heraus und öffnete sie.
Sie waren vollkommen pulverisiert. Das hatte den Stoß abgefangen und Jonos Hinterkopf gerettet.

Jono schloss auch hier sofort Freundschaften. Bald gab es vier Pärchen, mit denen wir unterwegs waren. Hans und Eli halfen, wenn Jono in den Pool wollte. Das war herrlich für ihn. Keine Klinik, keine Regeln, einfach nur ein simpler Lift am Pool den man jederzeit benutzen konnte. Kein Umziehen; Jono hatte sowieso meist nur Badehose und T-Shirt an, es trocknete ja alles sofort wieder. Er drehte mit Hans Runden im Pool wann immer er wollte und fühlte sich leicht. Wir küssten uns im Stehen und fühlten uns jung und am Ziel unserer Träume. Bis auf die Vulkanbesteigung. Für diese Tour waren wir aber schon angemeldet.

Inzwischen plante die Gruppe einen Ausflug zum Hafen, eventuell eine Bootsfahrt. Mit dem Elektrorolli kam man aber nicht auf das Boot, deswegen nahmen wir den Schieberollstuhl, den Jono gar nicht leiden konnte, weil er da nicht selbst steuern konnte. „Ich fühle mich dann wie ein Paket!“ sagte er. Ausnahmsweise ließ er sich überzeugen. Es war Tims Idee, und darum schob Tim Jono auch den ganzen Weg zum Hafen. Dass Tim nicht ganz nüchtern war, merkten wir erst später.
Zum Hafen herunter gab es am Ende des Weges nur eine sehr lange, schmale und beindruckend steile Holzrampe.
„Glaubt ihr, die hält?“ Zweifelnd betrachtete ich die Konstruktion. „Klar doch!“ verkündete Tim großspurig.
Sie hielt. Nur Tim, der fröhlich drauflosschob, stieß sich den nackten Zeh an einem Splitter und ließ vor Schreck die Griffe des Rollstuhls los. Ich stand noch oben auf der Kaimauer und sah das Ganze wie in einem dieser Alpträume, wenn sich alles wie in Zeitlupe abzuspielen scheint, man aber wie angewurzelt steht und sich nicht bewegen kann. Tim rieb sich den Fuß, während der Rollstuhl mit Jono darin Fahrt aufnahm und Richtung Meer sauste. Jono sang fröhlich vor sich hin, er kam gar nicht darauf, dass ihn niemand mehr hielt.
Irgendein Schutzengel muss dafür gesorgt haben, dass er still saß und sein Gewicht nicht nach einer Seite verlagerte. Wie durch ein Wunder bleiben die Räder gerade und der Stuhl fuhr die Rampe herunter bis zum Ende ohne seitlich abzustürzen.
Unten am Hafen rollte er aus und blieb zwei Meter vor der Betonkante stehen, hinter der – ohne Reling – das tiefe Meer begann.
Mit dem Boot fuhren wir nicht mehr, denn der Kapitän erhielt eine Sturmwarnung. Aber ich hatte auch genug Abenteuer für diesen Tag. Jono fand die Sache eher lustig. Er hatte das ja auch nicht von hinten mit angesehen.
In dieser Nacht träumte ich, wie Jono, an den Rollstuhl geschnallt, in kalten und lautlosen blauen Tiefen versank. Ich versuchte, ihn zu halten, doch es gelang mir nicht, er war mir immer ein Stück voraus. Ganz kurz, ehe er im Dunkel verschwand, waren es Anthonys Augen, die mich ansahen.
Als ich zitternd aufwachte, war Jono schon wach. Er machte die kleine Bewegung mit der Hand, die bedeutete, dass ich seinen Arm um mich legen sollte. Wenn er mich festhielt, kam uns nie ein Alptraum nahe.

An den Abenden fuhren wir auf das Dach. Es war flach und mit Bänken bestückt. Von hier aus konnte man hinter Häusern und Schornsteinen das Meer sehen, und auf der Landseite die seltsam nackte Erde, hier und da mit trockenen Sträuchern und Kakteen bestückt. In der Ferne erhob sich majestätisch der Teide. Die rötlichen Felsen glühten im Sonnenuntergang. Ganz oben krönte ihn Schnee. „Er sieht so friedlich aus“, sagte ich. „Kaum zu glauben, dass er mal Feuer gespuckt hat.“
„Dafür spucke ich jetzt Feuer,“ meinte Jono und fummelte aus seiner Tasche ein Päckchen Cigarillos. „Die hab ich am Flughafen im Duty Free Shop geholt, und jetzt gönnen wir uns eins.“
Wir rauchten beide sonst nicht, aber in dem Sommer, in dem wir uns kennen lernten, hatte Jono auch ein Päckchen Cigarillos in der Tasche und an romantischen Sommerabenden suchten wir uns auf Spaziergängen manchmal eine Bank, bliesen Ringe und fanden, der Rauch schmecke so geheimnisvoll und dunkelwürzig wie das Leben. Unsere beiden Väter waren Zigarrenraucher gewesen. Als ich fünfzehn war, war ich ein einziges Mal allein mit meinem Vater verreist. Da er nicht wusste, was er mit einem Teenager anfangen sollte, nahm er mich abends mit in die Kneipe und brachte mir bei, wie man Rauchringe bläst. Das war das einzige Mal, in dem wir uns wirklich nahe waren.

Sie waren groß, diese Sonnenuntergänge mit Jono auf dem Dach am Fuße des Vulkans, während der Rest der Welt klein und fern schien. Der sanfte Passatwind duftete nach Ingwerblüten. Unser Rauch trieb zum Himmel und wurde eins mit dem Rauchblau des zeitlosen Horizonts. Die Nacht fiel rasch wie mit einem einzigen Atemzug und trug unfaßbar viele Sterne wie ich sie noch nie gesehen hatte. In ihrer Mitte leuchtete die Milchstraße. Etwas an diesen Momenten war ewig.